Zur paradigmatischen Erzählweise des Nibelungenliedes und deren Begründung am Beispiel der 6. Aventüre


Seminararbeit, 2007

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.1 Das Nibelungenlied. Versuch einer Einordnung
1.2. Zur Besonderheit der Erzählform

2.1. Kontroversen der Forschung
2.2 Analyse

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1.1 Das Nibelungenlied. Versuch einer Einordnung

Über die Ursprünge des Nibelungenlieds ist wenig bekannt, nur ist man sicher, dass es im Zeitraum um 1200 niedergeschrieben wurde. Vorher ist die Geschichte über Siegfried und den Untergang der Burgunden über Jahrhunderte mündlich überliefert und weitererzählt worden.1 Eine Originalhandschrift gibt es jedoch nicht, auch wenn die Forschung lange versucht hat, eine solchen zu rekonstruieren und glaubte, sie in der so genannten Älteren Not gefunden zu haben.

Lediglich drei Handschriften (A mit 2316 Strophen, B mit 2376 Strophen und C mit 2439 Strophen) sind aus dem 13. Jahrhundert vorhanden2. Man spricht in der Forschung wegen des letzten Satzes des Epos entweder von der liet-Fassung (Handschrift C: daz ist der Nibelunge liet) oder von der Nôt-Fassung (A/B: daz ist der Nibelunge nôt). Ich beziehe mich in meiner Hausarbeit auf „Das Nibelungenlied nach der St. Galler Handschrift“, welches der Handschrift B folgt. Der Handschrift B fehlen sowohl die berühmte Einleitungsstrophe, als auch die Überschriften der einzelnen Aventüren.

Auch ist nicht klar, welche Leistung der Autor - die Forschung geht im Allgemeinen von einer Person aus3 - vollbracht hat.

Das Nibelungenlied lässt sich einer eigenen Gattung, der Heldenepik, zuordnen. Alleine das Nibelungenlied repräsentiert diese Gattung, welche durch die anonyme Überlieferung, die Strophenform und die Übertragung aus mündlicher Erzähltradition mit historischem Kern gekennzeichnet ist4. Der historische Kern ist „traditionelles Erzählgut, das letztlich auf historische Ereignisse des 5. und des 6. Jahrhunderts zurückgeht“5.

Das Nibelungenlied erzählt vom Aufstieg und Fall der Nibelungen, von Liebe und daraus resultierender Rache. Das Großepos ist in zwei Teile gegliedert, von denen der erste (1-19 Aventüre) die Liebesgeschichte Siegfrieds und Kriemhilts behandelt, der zweite Teil (20-39 Aventüre) den Untergang der Burgunden thematisiert.

Die beiden Großteile des Nibelungenliedes sind jedoch untrennbar miteinander verbunden. Die Liebe zwischen Kriemhilt und Siegfried und der damit einerseits verbundene Betrug Gunthers und Siegfrieds an Prünhilt und andererseits der Mord an Siegfried sind ausschlag- gebend für die alles zerstörende Schlacht am Ende, auf die von Anfang an hingewiesen wird.

Zentrale Themenkomplexe sind demnach Liebe und Rache, Macht, Kampf und Treue, bei denen sich alles Gute zum Schluss ins Schlechte kehrt.

Gegenstand dieser Arbeit ist die besondere Erzählstruktur des Nibelungenliedes, welche die Forschung unter dem Stichwort paradigmatisches Erzählen (Müller/Schulze) beziehungsweise Poetologie der verweigerten Alternative (Strohschneider) zu fassen sucht. In meiner Untersuchung stelle ich die Diskussion dieser Begriffe der Analyse der 6. Aventüre voraus, an deren Beispiel die Tragfähigkeit des theoretischen Konzepts diskutiert werden soll.

1.2. Zur Besonderheit der Erzählform

Ein besonderes Charakteristikum des Nibelungenliedes sind die dort auftretenden Inkohärenzen. Häufig entsteht beim Lesen Verwunderung über einen unlogischen Verlauf, es kommt zu Brüchen, die auffallen, sich jedoch schwer erklären lassen. Das Epos ist durchsetzt von Paradigmen (= Schemata), die an die Stelle einer linearen Erzählung treten. Es entstehen häufig Dopplungen von Motiven6, Personen oder Gegenstände tauchen ohne, oder - zumindest für den neuzeitlichen Leser - ohne hinreichende Einleitung auf, oder verschwinden ohne Erklärung aus dem Fokus, in dem sie standen. Der Handlungsablauf ist nicht chronologisch plausibel aufgebaut. Im Nibelungenlied kommt es häufig zu solchen Sprüngen, die ohne syntagmatische Verknüpfung stehen.

Das Problem, das sich aus dieser Erzählform ergibt, ist ein Problem des Umgangs mit dem Text. Die Forschung versucht sich auf unterschiedliche Weise diese Brüche zu erklären und mit ihnen umzugehen.

Schon die Frage, ob der Text überhaupt interpretierbar ist, ist in der Forschung nicht durchgängig bejaht worden. Deshalb muss vor der eigentlichen Analyse der Textpassage eine Beschäftigung mit der gegenwärtigen Forschung stehen.

Letztendlich kann die Entscheidung über die Erklärungsversuche jedoch nur anhand der Textanalyse stattfinden.

Die zentrale Fragestellung lautet folglich:

Inwieweit hält ein theoretisches Konzept der Analyse des Textes Stand?

Im Folgenden werde ich die, meiner Meinung nach wichtigsten, theoretischen Konzepte erläutern und sie nach meiner eigenen Textanalyse auf ihren praktischen Gehalt prüfen.

2.1 Kontroversen der Forschung

Joachim Heinzle deutet diese Brüche als Ergebnis der verschiedenen Erzählvarianten der mündlichen Überlieferung. Er geht davon aus, dass - während dies in der mündlichen Tradition kein Problem darstellte- der Dichter „irgendwie mit dem Problem der Widersprüchlichkeit fertig werden“7 musste. Somit sind die Inkohärenzen das Produkt aus einem Zwiespalt des Dichters. Einerseits griff er auf verschiedene Versionen einer Sage zurück, die zum Allgemeingut gehörte und „verbindliche Geschichtsüberlieferung“ war, andererseits war er, so Heinzle, bemüht, eine „buchgemäße Motivationsstruktur aufzubauen“. Aus dieser Verbindlichkeit der unterschiedlichen Erzählvarianten des Nibelungenliedes erklärt sich Heinzle die Inkohärenzen, Brüche und Widersprüche des Textes. Heinzle spricht dem Nibelungenlied deshalb widerholt jede Interpretationsmöglichkeit ab.8

Ursula Schulze fasst die Erzählform des Nibelungenliedes9 unter das Stichwort des paradigmatischen Erzählens. Den handlungsunlogischen Ablauf und die Dopplung von Motiven führt sie jedoch nicht, wie Heinzle, auf unterschiedliche Erzählvarianten zurück, sondern begründet die Inkohärenz mit der früheren Art des Vortrags. Das Nibelungenleid wurde von einem Sänger vor Publikum vorgetragen. Es versteht sich von selbst, dass hierbei nur einzelne Episoden gelesen wurden und die Sage als Gesamtwerk in den Hintergrund trat. Folglich kam es nur auf die gerade vorgetragene Szene an, lineare Verknüpfungen zwischen den Motiven und Szenen waren unnötig. „Bei der Verschriftlichung und der weiteren Tradierung in dem neuen Medium wurde die lineare Kohärenz stärker ausgebildet, wie u. a. die Tendenz der Handschrift C zeigt.“10 Dass heißt, die Brüche entstanden aufgrund von Problemen bei der Niederschrift.

Allerdings spricht dies, so Schulze, nicht gegen die grundsätzliche Interpretierbarkeit des Textes. Die Aufgabe des Interpreten besteht darin, Paradigmen und Motive zu erkennen und den Versuch zu machen, diese zu deuten. Die Veränderung dieser Schemata im Übergang von einzel-episodischer Erzähltradition zum „großepischen Rahmen“ steht somit bei der Interpretation im Vordergrund.11

[...]


1 Vgl.: Heinlze, 2003. Seite 195

2 Vgl. Das Nibelungenlied : nach der St. Galler Handschrift 2005. Seite 3

3 jedoch spricht beispielsweise Michael Curschmann von einer „Wortschmiede, in der das Nibelungenlied entstand“

4 Vgl. Schulze 2003. Seite 20

5 Heinzle, 2005. Seite 108

6 Vgl. Schulze 2003. Seite 132.

7 Heinlze, 2005. Seite 111, ebenso wie die beiden im Text folgenden Zitate

8 Vgl.: Schulze , 2005. Seite 83

9 genau wie Müller, auf den ich im nächsten Abschnitt eingehen werde

10 Schulze, 2003. Seite 136

11 Vgl.: Schulze, 2005. Seite 98

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Zur paradigmatischen Erzählweise des Nibelungenliedes und deren Begründung am Beispiel der 6. Aventüre
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V172891
ISBN (eBook)
9783640929382
ISBN (Buch)
9783640929177
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
paradigmatisch, syntagmatisch, Nibelungenlied, Erzähltheorie
Arbeit zitieren
B.A. Cornelia Johnen (Autor), 2007, Zur paradigmatischen Erzählweise des Nibelungenliedes und deren Begründung am Beispiel der 6. Aventüre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172891

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