Seit dem 3. Oktober 1990 ist die Bundesrepublik Deutschland nicht nur wiedervereinigt, sondern auch zum ersten Mal seit 1945 wieder eine uneingeschränkt souveräne Nation. Doch hat das vereinigte Deutschland das „Potenzial einer europäischen Großmacht“, wie der Erlanger Historiker Gregor Schöllgen meint? Dies ist in Wissenschaft und Politik genauso umstritten wie die Frage, ob Deutschland eine „selbstbewusste Nation“ ist, die gemäß den selbst definierten nationalen Interessen ihren „deutschen Weg“ gehen darf. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder bejahte diese Frage jedenfalls ganz ausdrücklich, als er im August 2002 das eigenständige Handeln Deutschlands in der Irak-Frage begründete. Diese Position ist jedoch bis in die Gegenwart hinein keineswegs Konsens in der Bundesrepublik Deutschland.
Mit der Frage, nach welchen Grundsätzen und Prinzipien die deutsche Außenpolitik gestaltet werden soll, beschäftigen sich zahlreiche Historiker und Politikwissenschaftler. Dabei haben sich zwei sehr heterogene Denkschulen herausgebildet. Die einen vertreten die Position, Deutschland solle sich außenpolitisch an zivilen Zielen wie der Einhaltung von Menschenrechten und der Prävention von Kriegen orientieren. Die andere Richtung erwartet, dass Deutschland die Rechte eines souveränen Staates auch dazu nutzt, um – wie jeder andere Staat auch – die eigenen nationalen Interessen zu definieren und dass es diese dann auch selbstbewusst gegenüber anderen Staaten und internationalen Organisationen vertritt.
Anschließend sollen verschiedene herausragende Stationen deutscher Außenpolitik von 1991 bis 2011 vorgestellt werden. Im Zentrum sollen dabei Positionen und Äußerungen der jeweiligen Bundeskanzler und Außenminister Deutschlands stehen und ihre Auswirkungen auf andere Staaten und internationale Organisationen. Die Meinungen der deutschen Opposition werden dabei im Falle von besonderer Relevanz auch berücksichtigt. Daneben sollen jedoch auch die unterschiedlichen Meinungen deutscher Historiker und Politologen einander gegenüber gestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil
Zivilmacht
Machtstaat
Golfkrieg 1991
Kosovo-Krieg 1999
Irak-Krieg 2003: Politik
Irak-Krieg 2003: Wissenschaft
Libyen-Krieg 2011
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die theoretischen Grundlagen und die praktische Umsetzung der deutschen Außenpolitik im Zeitraum von 1991 bis 2011, wobei sie untersucht, inwieweit nationale oder zivile Motive bei kriegerischen Konflikten handlungsleitend waren.
- Gegenüberstellung der Zivilmachttheorie und Machtstaatstheorie
- Analyse der deutschen Außenpolitik anhand von vier prägenden Konflikten (Golfkrieg, Kosovo, Irak, Libyen)
- Untersuchung des Wandels der deutschen Rolle von der Wiedervereinigung bis zur "Normalität"
- Rolle politischer Führungspersonen bei der Gestaltung außenpolitischer Leitlinien
Auszug aus dem Buch
Zivilmacht
Die Vertreter des Zivilmachtkonzeptes rechnen sich selbst dem Kontruktivismus oder Liberalismus zu und vermeiden daher den negativ konnotierten Begriff Idealismus. Die Unterscheidung zwischen Kontruktivismus und Liberalismus ist sehr unübersichtlich, was „eine Folge des Wachstums der Disziplin der internationalen Beziehungen ist. Für Liebhaber von verschachtelten Übersichten und Fließdiagrammen bleibt die Darstellung der jüngeren Theorie-Debatte eine stete Herausforderung.“
Hanns Maull ist neben Dieter Senghaas der bekannteste Verfechter des Zivilmachtkonzeptes. Die Ziele einer Zivilmacht sind für Maull erstens die Entprivatisierung von Gewalt, zweitens die Kontrolle des Gewaltmonopols und der Rechtsstaatlichkeit, drittens die Schaffung von Interdependenzen und Affektkontrolle, viertens Formen demokratischer Beteiligung, fünftens soziale Gerechtigkeit und sechstens eine konstruktive politische Konfliktkultur.
Die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg ist für Maull kein Bruch mit der von ihm Deutschland zugeschriebenen Zivilmachtrolle, sondern einfach lediglich eine Anpassung des „Rollenkonzeptes im Lichte neuer Gegebenheiten“, da Deutschland den Partnern seine „Verlässlichkeit und Berechenbarkeit“ demonstriert habe.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der theoretischen Debatte über die Rolle Deutschlands als europäische Großmacht und Definition des Untersuchungsrahmens der Außenpolitik zwischen 1991 und 2011.
Hauptteil: Detaillierte theoretische Einordnung in Zivilmacht- und Machtstaatkonzepte sowie empirische Untersuchung der Haltung Deutschlands in vier spezifischen Konflikten.
Zivilmacht: Erläuterung des Zivilmachtbegriffs nach Hanns Maull und dessen Anwendung auf die deutsche Außenpolitik im Kontext der internationalen Beziehungen.
Machtstaat: Darstellung der realistischen und neorealistischen Sichtweise auf nationale Interessen, Sicherheit und die Struktur des internationalen Systems.
Golfkrieg 1991: Analyse der deutschen Zurückhaltung und des Vorwurfs der "Scheckbuchdiplomatie" im Zuge der Befreiung Kuwaits.
Kosovo-Krieg 1999: Untersuchung der deutschen Beteiligung und der moralischen Begründungen durch die Politik unter dem Leitmotiv "Nie wieder Auschwitz".
Irak-Krieg 2003: Politik: Darstellung der deutschen Ablehnung des Krieges und der Stärkung des nationalen Selbstbewusstseins unter Gerhard Schröder.
Irak-Krieg 2003: Wissenschaft: Wissenschaftliche Bewertung der deutschen Positionierung und die Reaktionen der verschiedenen außenpolitischen Denkschulen.
Libyen-Krieg 2011: Analyse der deutschen Enthaltung im UN-Sicherheitsrat und der kontroversen innen- und außenpolitischen Debatte über die Konsequenzen dieser Entscheidung.
Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse, die den Wandel deutscher Außenpolitik hin zu einem selbstbewussten nationalen Interesse unterstreicht.
Schlüsselwörter
deutsche Außenpolitik, Zivilmacht, Machtstaat, internationale Ordnung, nationale Interessen, Wiedervereinigung, Golfkrieg 1991, Kosovo-Krieg, Irak-Krieg 2003, Libyen-Krieg, Gerhard Schröder, Souveränität, Machtausübung, Realismus, Konstruktivismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und den theoretischen Mustern der deutschen Außenpolitik im Zeitraum von 1991 bis 2011.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen Zivilmacht- und Machtstaattheorie sowie die praktische Umsetzung dieser Konzepte in vier bedeutenden internationalen Krisen.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, einen theoretisch fundierten roten Faden in der deutschen Außenpolitik der letzten 20 Jahre aufzuzeigen und die Rolle politischer Entscheidungsträger kritisch zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt einen komparativen Ansatz, indem sie theoretische Erklärungsmuster mit historischen Fallbeispielen verknüpft und diese durch Literatur- und Quellenanalyse interpretiert.
Was genau wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zu Zivilmacht und Machtstaat sowie eine chronologische Fallstudienanalyse von Kriegen, in denen sich Deutschland positionieren musste.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören deutsche Außenpolitik, Souveränität, Zivilmacht, Machtstaat, nationales Interesse und die Analyse spezifischer Konflikte zwischen 1991 und 2011.
Warum wird der Golfkrieg 1991 als ein Wendepunkt oder Beispiel betrachtet?
Der Golfkrieg dient als Beispiel für eine frühe Phase der wiedervereinigten deutschen Außenpolitik, in der das Land durch mangelnde Interessendefinition in eine "Scheckbuchdiplomatie" geriet.
Wie bewertet der Autor die Haltung der deutschen Regierung im Libyen-Konflikt 2011?
Der Autor bewertet die deutsche Enthaltung im UN-Sicherheitsrat als Zeichen für eine eigenständige und selbstbewusste Außenpolitik, die sich vom interventionsbegeisterten Zeitgeist distanziert.
- Quote paper
- Matthias Thöne (Author), 2011, Theorien der deutschen Außenpolitik und ihre Umsetzung an Praxisbeispielen von 1991 bis 2011, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173027