Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Cyborg-Konzept nach Donna Haraway und untersucht, wie diese hybride Figur sowohl theoretisch als auch künstlerisch genutzt werden kann, um Machtstrukturen, Identitätsmodelle und gesellschaftliche Ordnungen kritisch zu analysieren. Das Cyborg-Konzept fungiert dabei als analytisches Werkzeug, das bestehende Dualismen, wie Natur/Kultur, Subjekt/Objekt oder männlich/weiblich, destabilisiert und die relationalen Zusammenhänge von Wissen, Macht und Subjektivität sichtbar macht. Angesichts einer zunehmend vernetzten, digitalisierten Welt, in der populistische Strömungen erstarken und der Ruf nach einfachen Kategorien wächst, ist die Arbeit mit hybriden Subjekten wie dem Cyborg heute besonders relevant. In dieser theoretischen Arbeit wird das Konzept des Cyborgs im Kontext von Donna Haraways Manifest für Cyborgs reflektiert und auf zeitgenössische feministische Kunst bezogen. Die zentrale Intention besteht darin, das Konzept des Cyborgs als interdisziplinäres, analytisches Werkzeug zu nutzen, um bestehende gesellschaftliche Ordnungen zu subvertieren. Dabei verfolgt die Arbeit das Ziel, den Menschen als hybrides Wesen zwischen Mensch und Technologie zu begreifen, um hegemoniale Kategorien wie Gender, Klasse und Identität zu dekonstruieren. Haraways posthumanistische Theorie, historische Analysen der Militärtechnologie und künstlerische Strategien dienen dazu, aktuelle Machtstrukturen und soziale Unsicherheiten aufzuzeigen und die Bedeutung technologischer Artefakte in gesellschaftlichen Brüchen und Veränderungen zu verstehen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DAS MANIFEST FÜR CYBORGS
3. CYBORG
4. DIE VÄTER DER CYBORGS
4.1 POTENTE KRIEGSPROTHESEN
4.2 EISENBRAUT
5. ABKÖMMLINGE
5.1 DIE KUNST DER CYBORGS
6. VISUALISIERUNGSTECHNOLOGIE
7. FAZIT
LITERATURVERZEICHNIS
Einäugigkeit führt zu schlimmeren Täuschungen als Doppelsichtigkeit oder mudusenhäuptige Monstren.
-Donna Haraway
1. EINLEITUNG
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Cyborg-Konzept nach Donna Haraway und untersucht, wie diese hybride Figur sowohl theoretisch als auch künstlerisch genutzt werden kann, um Machtstrukturen, Identität und gesellschaftliche Ordnungen kritisch zu analysieren. Das Cyborg-Konzept fungiert dabei als analytisches Werkzeug, das bestehende Dualismen, wie Natur/Kultur, Subjekt/Objekt oder männlich/weiblich, destabilisiert und die relationalen Zusammenhänge von Wissen, Macht und Subjektivität sichtbar macht. Angesichts einer zunehmend vernetzten, digitalisierten Welt, in der populistische Strömungen erstarken und der Ruf nach einfachen Kategorien wächst, ist die Arbeit mit hybriden Subjekten wie dem Cyborg heute besonders relevant. In dieser theoretischen Arbeit wird das Konzept des Cyborgs im Kontext von Donna Haraways Manifest für Cyborgs reflektiert und auf zeitgenössische feministische Kunst bezogen. Die zentrale Intention besteht darin, das Konzept des Cyborgs als interdisziplinäres, analytisches Werkzeug zu nutzen, um bestehende gesellschaftliche Ordnungen zu subvertieren. Dabei verfolgt die Arbeit das Ziel, den Menschen als hybrides Wesen zwischen Mensch und Maschine zu begreifen, um hegemoniale Kategorien wie Gender, Klasse und Identität zu dekonstruieren. Haraways posthumanistische Theorie, historische Analysen der Militärtechnologie und künstlerische Strategien dienen dazu, aktuelle Machtstrukturen und soziale Unsicherheiten aufzuzeigen und die Bedeutung technologischer Artefakte in gesellschaftlichen Brüchen und Veränderungen zu verstehen. In einer Welt, in der Technologie und soziale Strukturen untrennbar miteinander verwoben sind und zunehmend jeden Bereich unseres Lebens durchdringen, fordert die Arbeit dazu auf, künstlerische sowie gesellschaftliche Strategien zu entwickeln, um technologische Entwicklungen kritisch zu reflektieren. Das Cyborg-Konzept von Donna Haraway soll dazu dienen, feministische, posthumanistische und dekoloniale Perspektiven zu beleuchten. Im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen die ambivalenten Rollen von Technologie in Bezug auf Gender, Körperbild und Macht. Dabei soll sie Impulse für eine widerständige kulturelle Praxis liefern.
Auf dieser Grundlage werden zunächst Haraways Manifest und die theoretischen Grundlagen des Cyborgs vorgestellt, wobei insbesondere die Auflösung traditioneller Dualismen und die subversiven Potenziale hybrider Subjekte beleuchtet werden. Anschließend werden die historischen Vorläufer des Cyborgs, die sogenannten „Väter“, untersucht, um anhand der Körpersymbolik die Verschmelzung von Mensch und Maschine aufzuzeigen und darzustellen, inwiefern diese Technologien durch patriarchale und kapitalistische Ordnungssysteme hervorgebracht wurden und bis in die Gegenwart hinein wirksam sind. Darauf aufbauend richtet sich der Blick auf die „Abkömmlinge“ des Cyborgs in der Gegenwart sowie auf Haraways C[3]I-Logik, die dazu dient, bestehende Strukturen zu stören und Kommunikationsprozesse kritisch zu analysieren. Im Anschluss werden, exemplarisch an den Arbeiten von Anna Uddenberg und Arvida Byström, künstlerische Interventionen betrachtet, die Machtstrukturen sichtbar machen, Codes verschieben und hybride Körper performativ inszenieren. Abschließend wird die Rolle von Visualisierungstechnologien diskutiert, da digitale Medien entscheidend beeinflussen, wie Körper wahrgenommen, bewertet und normiert werden. Die Arbeit soll verdeutlichen, wie der Cyborg als dynamisches Instrument der Analyse, Reflexion und künstlerischen Intervention genutzt werden kann.
2. DAS MANIFEST FÜR CYBORGS
Donna Haraways Manifest für Cyborgs ist ein zentraler Text der feministischen Theorie und der Science-and-Technology-Studies, der sich mit den politischen, sozialen und epistemologischen Folgen technologischer Entwicklungen im Spätkapitalismus auseinandersetzt. Haraway nutzt die Figur des Cyborgs als theoretische Metapher, um traditionelle Dualismen zwischen Mensch und Maschine, Natur und Kultur, Körper und Technik, Subjekt und Objekt zu hinterfragen. Dabei nutzt sie den Marxismus und den Feminismus als Ausgangspunkte und dekonstruiert sie kritisch, um sie in einen neuen, hybriden, relationalen Kontext zu übertragen. Ziel des Manifests ist es, neue politische und feministische Strategien jenseits essentialistischer Identitätsmodelle zu entwickeln. Im Zentrum des Textes steht die These, dass moderne Gesellschaften zunehmend durch Informations- und Kommunikationstechnologien strukturiert sind, die Haraway als „informatics of domination“ bezeichnet. Diese Technologien verändern nicht nur Produktionsverhältnisse, sondern auch Formen von Subjektivität, Arbeit und Macht. Haraway beschreibt diese Konstellation als eine neue Ordnung der Herrschaft, in der Kontrolle weniger über direkte Repression als über Netzwerke, Codes und Informationsflüsse ausgeübt wird. Haraway schlägt jedoch keinen Ausstieg aus dem System vor, sondern plädiert dafür, mit den Mitteln des Systems zu arbeiten, um dessen innere Widersprüche offenzulegen — mithilfe von Ironie. Ironie ist für Haraway nicht bloß ein rhetorisches Mittel, sondern eine politische Strategie. Sie „handelt von Widersprüchen, die sich nicht — nicht einmal dialektisch — in ein größeres Ganzes auflösen lassen, und von der Spannung, unvereinbare Dinge beieinander zu halten, weil beide oder alle notwendig und wahr sind.“1 Ironie vereint Humor mit ernsthaftem Spiel und erlaubt es, komplexe, widersprüchliche Zusammenhänge sichtbar zu machen.2 Dieses Verständnis von Ironie bildet eine Grundlage für den Umgang mit der Cyborg- Figur. Sie ist selbst eine Verkörperung der Unschärfe zwischen Gegensätzen. Als hybrides Wesen entzieht sich der Cyborg klaren Zuordnungen und widerspricht der Vorstellung eines autonomen, in sich geschlossenen Subjekts. Damit unterläuft er bereits bestehende Kategorien, ohne sich außerhalb des Systems zu positionieren. Der Cyborg ist in der Theorie Haraway’s keine utopische Figur im Sinne eines idealen Zukunftsentwurfs, sondern eine Konstruktion, die bestehende Denkweisen destabilisieren soll.
Er ist dabei kein reines Gedankenexperiment, sondern reflektiert die hybriden Verbindungen von Mensch, Technik und Umwelt und zeigt, wie Identität, Wissen und Macht relational und kontingent sind. Während Cyborgs in der Science-Fiction traditionell als Wesen der Zukunft erscheinen, beschreibt Haraway den Cyborg als eine gegenwärtige Existenzform: „Cyborgs sind kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion.“3 Menschen sind in ihrer Definition bereits Cyborgs, insofern sie durch technologische Erweiterungen, etwa digitale Geräte oder medizinische Prothesen, in komplexe Netzwerke eingebunden sind. Haraway wendet sich damit gegen humanistische Annahmen, die von einer universellen menschlichen Natur oder einer natürlichen Identität ausgehen. Während kritische Theoretiker wie Herbert Marcuse sowie feministische Strömungen der 1970er Jahre emanzipatorisches Potenzial in einer Rückkehr zu einer verdrängten, vermeintlich ursprünglichen Natur verorteten, verweigert Haraway jede Vorstellung eines solchen vorgängigen Seins. Der Cyborg kennt keinen Ursprung, keine Unschuld und keine natürliche Identität, aus der sich Befreiung konstruieren ließe. Stattdessen begreift sie Subjekte als relational und historisch situiert, hervorgebracht durch spezifische soziale, technische und diskursive Bedingungen. Ein wesentlicher Bestandteil des Manifests ist die Kritik an bestimmten Strömungen des Feminismus, die dazu aufrufen, die Macht des Patriarchats zu zerschlagen. Haraway problematisiert insbesondere Ansätze, die Frauen als homogene politische Subjekte begreifen. Solche Modelle würden Unterschiede innerhalb feministischer Kämpfe verdecken und Machtverhältnisse reproduzieren, anstatt sie zu überwinden. Sie wirft diesen Ansätzen vor, deren Definition von Frau als grundsätzliches Opfer männlicher Objektivierung würde selbst totalisierende und reduktionistische Kategorien reproduzieren. Eine solche Fixierung auf Opferidentitäten könne bestehende Machtverhältnisse eher stabilisieren als aufbrechen. Für Haraway gibt es nicht den einen Feminismus. Haraway plädiert für eine feministische Politik der Koalitionen, die auf situierte Allianzen statt auf gemeinsame Identität setzt. Damit bleibt der Feminismus fluide und erkennt an, dass Wissen immer zeitlich, räumlich und politisch bestimmt ist - eine Momentaufnahme, die nicht universell oder für alle gleichermaßen gültig ist. Die Synthese von Science-Fiction, Theorie und politischer Analyse lässt sich als Versuch begreifen, feste Kategorien zu unterlaufen und Räume für alternative Formen des Denkens und Handelns zu öffnen.
Paradoxerweise entspringt der Cyborg gerade jener Welt, die er zu überwinden versucht. Sein Ursprung liegt im militärisch-technologischen Komplex des patriarchal geprägten Kapitalismus. In diesem Punkt greift Haraway eine marxistische Dialektik auf, wonach der Kapitalismus selbst die Bedingungen hervorbringt, die seine eigene Auflösung ermöglichen. Zusammenfassend lässt sich das Manifest für Cyborgs als Anlauf verstehen, feministische Theorie an die Bedingungen einer technologisch geprägten Welt anzupassen. Haraway entwickelt mit dem Cyborg eine Denkfigur, die es ermöglicht, das Geflecht zwischen Macht, Körper, Technik und Identität neu zu begreifen und politische Strategien jenseits von Dualismen und festen Zuschreibungen zu entwerfen. Das Manifest versteht sich hierbei weniger als geschlossenes Theoriegebäude denn als offener theoretischer Impuls, der zur kritischen Auseinandersetzung mit gegenwärtigen gesellschaftlichen (Un)ordnungen anregt.
3. CYBORG
Cyborgs sind, so Haraway, „kybernetische Organismen — Hybride aus Maschine und Organismus — ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion.“4 Gesellschaftliche Wirklichkeit, d.h. gelebte soziale Beziehung, ist nach Haraway nicht naturgegeben, sondern unser wichtigstes politisches Konstrukt, eine „weltverändernde Fiktion“.5 Sie entsteht durch Praxis, durch die menschliche Tätigkeit und das, was Menschen glauben, erzählen, organisieren und technisch ermöglichen. Mit dem Begriff der Fiktion meint Haraway dabei eine gemeinsame Vorstellung, die Realität nicht nur beschreibt, sondern hervorbringt. Diese Perspektive eröffnet die Möglichkeit, gesellschaftliche Strukturen nicht als unveränderlich, sondern als konstruiert und formbar zu verstehen. Neue Erzählungen ermöglichen neue soziale Beziehungen und schaffen damit neue politische Realitäten. Der Cyborg ist für Haraway ein subversives Subjekt, eine „überzeugte Anhängerin von Partialität, Ironie, Intimität und Perversität, oppositionell, utopisch und ohne jede Unschuld“.6 Cyborgs existieren nicht innerhalb der starren Polaritäten von öffentlich und privat, sondern definieren eine technologische Polis, die sich insbesondere aus einer Revolution im Oikos, dem Haushalt, speist.7 Technologie durchdringt alle Sphären des Lebens und setzt sie miteinander in Verbindung. Diese Verschiebung der Ordnung erlaubt es, gesellschaftliche, geschlechtliche und technologische Dimensionen gleichzeitig zu reflektieren, ohne sie auf einfache Dualismen zu reduzieren. Das bedeutet, dass sowohl die apokalyptische Sicht auf das CyborgUniversum als Ort der Überwachung, Militarisierung und technologischen Übermacht, als auch die gelebte soziale, körperliche Wirklichkeit der Cyborgs zugleich gedacht werden. Beide Blickwinkel machen unterschiedliche Aspekte von Macht, Kontrolle und Möglichkeiten sichtbar und können nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Die Arbeit der Cyborgs, so Haraway, ist ein Spiel zwischen Realität und Imagination, zwischen politischer Praxis und Fiktion.8 Die modernen Technologien sind von Menschen gemacht und spiegeln diese wieder, gleichzeitig folgen sie ihrer eigenen Logik und sind damit vertraut und beängstigend zugleich: „Unsere Maschinen erscheinen auf verwirrende Weise quicklebendig — wir selbst dagegen beängstigend träge“.9 Haraways Perspektive erlaubt es, Technologie nicht neutral oder autonom zu denken, sondern als relational, materiell eingeschrieben und in hybride, prozessuale Subjektkonfigurationen verwoben. Indem die Trennung zwischen Mensch und Maschine aufgehoben wird, wird das Subjekt zur Verantwortung gezogen und zugleich handlungsfähig gemacht. Haraway stellt die reale Verbundenheit in den Vordergrund: „Sowohl Schimpansen als auch Artefakte machen Politik, warum sollten gerade wir darauf verzichten?“10 Nach Donna Haraway lässt sich Politik also nicht als exklusiv menschliche Praxis verstehen, sondern als ein Geflecht aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren. Sie ruft dazu auf, aktiv an der Bedeutungsproduktion teilzunehmen und festgelegte Ordnungen zu destabilisieren. Ein zentraler Gedanke Haraways betrifft außerdem die Materialität und Wahrnehmung von Körpern: „Menschen sind nirgendwo auch nur annähernd so ungewiß (fluid), sondern materiell und opak. Cyborgs sind Äther — Quintessenz.“11 Haraway argumentiert, dass die physische Realität des menschlichen Körpers, seine Materialität und Undurchsichtigkeit (Opazität), eine grundlegende Begrenzung darstellt. Der Mensch ist tief an seine biologischen und physischen Gegebenheiten gebunden. Im Gegensatz dazu positioniert sie den Cyborg, eine hybride Einheit aus Organismus und Maschine , als ein Wesen, das diese Grenzen überschreitet. Als „Äther“ oder „Quintessenz“ im Sinne eines reinen, immateriellen Wesens symbolisiert der Cyborg die Möglichkeit, Identitäten und Körper jenseits der traditionellen physischen Begrenzungen zu formen und neu zu definieren. Der Cyborg repräsentiert damit eine post-humane Existenz, die fließender und weniger festgelegt ist als die menschliche. Er unterläuft und destabilisiert die Kategorien ethnischer Zugehörigkeit, Gender und Klasse, wodurch neue Perspektiven auf soziale Ordnung entstehen.
4. DIE VÄTER DER CYBORGS
Was sind die Vorläufer der Cyborgs? Haraway beschreibt Cyborgs als „Abkömmlinge des Militarismus und patriarchalen Kapitalismus, vom Staatssozialismus ganz zu schweigen“12, deren Herkunft sie jedoch nicht bindet: „Aber illegitime Abkömmlinge sind ihrer Herkunft gegenüber häufig nicht allzu loyal. Ihre Väter sind letzten Endes unwesentlich.“13 Einerseits verortet sie die Figur des Cyborgs historisch in einem Umfeld, das durch Militarismus und patriarchalen Kapitalismus geprägt ist. Ein Haraway betont, dass Cyborgs nicht automatisch loyal gegenüber ihrer Herkunft sind, ordnet sie als disobediente Körper ein, die die ideologischen oder sozialen Zwänge ihrer Entstehung ignorieren. Die Technologien, aus denen der Cyborg hervorgeht - Kybernetik, Computertechnik, Überwachungssysteme, Medizintechnik, Netzwerke -, wurden maßgeblich im militärischen Kontext, im Kalten Krieg, in Rüstungsforschung, Raumfahrt, Verwaltung und industrieller Effizienzsteigerung entwickelt. Diese Technologien dienten der Kontrolle, Optimierung, Disziplinierung und Machtausübung über Körper; Arbeit und Information und waren in bestehende patriarchale und kapitalistische Machtverhältnisse eingebettet.
Die „Väter“ der Cyborgs lassen sich gut mit Urte Everts Analyse historischer Darstellungen militärischer Waffen portraitieren. Evert zeigt die Verschmelzung von Soldat und Waffe, wie sie in Dokumenten aus dem 18. Jahrhundert bis ins frühe 20. Jahrhundert beobachtbar ist. Die Union diente der psychologischen Entlastung. Der Soldat ist Teil der Maschine. Die Teilnahme an Gewalt konnte so als eine „ehrenhafte Teilhabe an der Technikfortentwicklung“ erscheinen.14 Während in der Frühen Neuzeit Waffen immer mit vollständig dargestellten Soldaten abgebildet wurden, reduzierten mechanisierte Darstellungen des 19. Jahrhunderts den Menschen auf funktionale Elemente wie Zielauge oder Bedienhand. (Abb. 1) Subjekt und Objekt verschmelzen hier auf symbolischer Ebene. Es handelte sich laut Evert um eine legitimierte Entkörperlichung, die vor der Auseinandersetzung mit dem individuellen Tod schützte. Evert zeigt, dass die militärische Moderne nicht nur neue Waffentechnologien hervorbrachte, sondern zugleich sprachliche und bildliche Strategien entwickelte, um deren tödliche Funktion affektiv handhabbar zu machen. Begriffe wie „Töten“ wurden durch technische Euphemismen wie „Wirkung“ ersetzt und feindliche Soldaten zu „freistehenden Zielen“ abstrahiert. In dieser Verschiebung wurde der Soldat selbst zunehmend als Teil der Waffe gedacht; als funktionale Einheit innerhalb eines technischen Gesamtsystems.15 Wie tief diese Symbolisierung verinnerlicht war, zeigt ein archiviertes, offenbar privat kursierendes satirisches Dokument vom 24. Dezember 1916, das den „Batterieführer 17 n/A“ im Stil eines waffentechnischen Bauplans beschreibt:
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Abb. 1
„Der Batterieführer 17 n/A besteht aus drei Teilen: den Beinen mit Gamaschen und Sporen, dem Bauch mit Doppelfernrohr 95 n/A, der Schnauze.
Die Beine werden vermittels eines Zwischenstücks (den Arsch) an den Bauch geschraubt. In dem Zwischenstück ist hinten ein Loch angebracht, welches zum Hineinkriechen der Untergebenen dient.“16
Diese bewusst groteske Beschreibung, die Evert exemplarisch nutzt, macht die vollständige Verschmelzung von menschlichem Körper und Waffensystem sichtbar, die durch die offizielle Kriegsrethorik verdeckt wurde. Der Soldat erscheint nicht mehr als Subjekt mit individueller Verletzbarkeit, sondern als modular zusammengesetztes Gerät, dessen Teile funktional beschrieben, montiert und gewartet werden. Gerade im satirischen Tonfall zeigt sich die Selbstverständlichkeit dieser Verschmelzung. Sie war präsent genug, um sowohl unbewusst in militärische Berichte einzusickern als auch bewusst karikiert zu werden. Die symbolische Einheit von Soldat und Waffe, die einst dazu diente, Angst, Tod und Schuld zu neutralisieren, wird ironisiert sichtbar gemacht und zugleich entwaffnet.17
4.1 POTENTE KRIEGSPROTHESEN
Körper sind nicht nur im Alltag, sondern auch im Krieg in besonderer Weise von Gewalt und sexualisierter Zuschreibung betroffen. Der Körper ist verletzlich, exponiert und politisch. Gewalt wirkt dabei nicht zufällig, sondern strukturell. Die der militärischen Waffe innewohnende Machtsteigerung birgt das Potenzial, technische Kraft als integrativen Anteil des eigenen Körpers zu interpretieren; ein Phänomen, das historisch stark männlich codiert war. Die Waffe wurde häufig, insbesondere in Kriegskarikaturen, als exklusiv männliches Körperteil imaginiert, häufig sprachlich mit dem Penis gleichgesetzt, während der Penis wiederum als Waffe bezeichnet wurde. Diese Analogie zwischen langen technischen Gegenständen und männlichen Geschlechtsteilen findet sich bereits in Karikaturen des Ersten Weltkriegs, etwa beim 42-cm-Geschütz „Dicke Berta“. Trotz weiblicher Namensgebung wurde es häufig in männlich-sexualisierter Form dargestellt.
(Abb. 2) Die gesellschaftliche Positivbewertung militärischer Waffen übertrug sich dabei auch auf den Waffenträger als potenten Mann. Evert merkt an, dass die Parallele zwischen Tötungsinstrument und Fortpflanzungsorgan in der zeitgenössischen Kultur humoristisch, mit Attributen wie „rauh, aber herzlich“, verarbeitet wurden, während die eigentliche Gewalt weitgehend unsichtbar blieb.18 Die militärische Waffe des Ersten und Zweiten Weltkriegs ist nicht allein als Instrument der Gewalt zu verstehen, sondern als zentrales Symbol einer Körperordnung. In militärischen Bildwelten und Diskursen verschmilzt der männliche Körper mit dem Objekt der Waffe; das Gewehr fungiert als Verlängerung des Körpers und ist zugleich phallisch codiert. Handlungsmacht, Souveränität und Männlichkeit materialisieren sich in dieser Verschaltung von Körper und Technik. Diese Figur des bewaffneten Körpers bildet, wie Donna Haraway formuliert, die genealogische Voraussetzung dessen, was später als Cyborg bezeichnet wird. Die „Väter“ der Cyborgs sind demnach nicht futuristische Maschinen, sondern die militärisch technologischen Körperpraktiken.
Diese historisch verankerte Lesart der Waffe als phallische Prothese lässt sich auch in gegenwärtigen cineastischen Darstellungen von Cyborgs wiederfinden. Gezeigt werden hybride Wesen, die sich der patriarchalen Logik entziehen; sie gar bekämpfen. Die Erotisierung technischer Prothesen, die affektive Aufladung von Waffen und die Inszenierung von Gewalt verweisen jedoch darauf, dass auch gegenwärtige cineastische Cyborgs weiterhin in tradierte visuelle, symbolische Ordnungen eingebunden sind. Die Darstellung weiblicher Killerinnen und Kriegerinnen bleibt dabei an eine Logik des Mangels gebunden. Aufgrund ihrer filmhistorischen Vorprägung kann eine Frau nicht selbstverständlich als gewaltfähiges Subjekt auftreten, sondern bedarf einer narrativen und visuellen Legitimation. Dieser Mangel wird nicht nur durch die Waffe als phallische Prothese kompensiert, sondern zusätzlich durch eine voyeuristische Inszenierung des Körpers. Im Unterschied zu Action-Blockbustern, die Gewalt vor allem über Totale und Stunts vermitteln, sind in Cyborg-Filmen häufig Detail-, Nah- und Halbnahaufnahmen des weiblichen Körpers zu sehen. Die Kamera folgt den Bewegungen der Waffen-Prothese in einer Weise, die an die ästhetischen Codes von Erotik- und Horrorfilmen erinnert. Kampfszenen werden so choreografiert, dass Beine, Bauch oder Brüste isoliert in Szene gesetzt werden. Der Blick unter den Rock oder der enge Body evozieren dabei nicht nur Erotik, sondern reinszenieren zugleich den symbolischen Mangel des weiblichen Körpers. Die Waffe fungiert folglich nicht als Auflösung, sondern als Sichtbarmachung dieses Mangels und reproduziert damit bestehende Geschlechterstereotype, anstatt sie tatsächlich zu unterlaufen. An diesem Punkt setzt Donna Haraways Cyborg-Konzeption anders an. Während die hier analysierten filmischen Bilder vielfach noch die Geschlechterstereotype reproduzieren, versteht Haraway den Cyborg explizit als Figur, die solche anthropozentrischen und geschlechtlich codierten Zuschreibungen unterläuft.19
4.2 EISENBRAUT
Im historischen Militärkontext lassen sich wiederholt Personifikationen von Waffen beobachten, insbesondere bei großen Geschützen, die häufig weibliche Namen erhielten. Solche Benennungen dienten teils als Wortspiel, teils als symbolische Verkörperung bestimmter Eigenschaften. Im 15. Jahrhundert wurden große, schwer zu bewegende Geschütze etwa als „faule Grete“ oder „faule Magd“ bezeichnet, während im 17. Jahrhundert römische Göttinnen wie Venus, Minerva oder Luna als Namensvorbilder dienten. Im 18. Jahrhundert kamen ironisch weibliche Zuschreibungen hinzu, wie das französische Geschütz „La Caressante“ („die Zärtliche“)20 Auch später, im Ersten Weltkrieg, setzte sich diese Tradition fort, etwa mit der „dicken Berta“, der die „schwere Dora“ des Zweiten Weltkriegs folgte. Besonders zur „dicken Berta“ entstanden zahlreiche zeitgenössische Texte, die die Personifikation der Waffe aufgriffen. So dichtete der Kölner Lehrer Wilhelm Räderscheidt mehrere Strophen, in denen die Kanone mit den Soldaten „spricht, pustet, lacht, schnauft und ,Bonbönchen‘ lutscht oder spuckt“.21 Eine zentrale Metapher war außerdem die „Braut vom Soldaten“, die seit Theodor Körners Gedicht „Die Eisenbraut“ populär wurde. Körner beschreibt darin eine liebevolle Beziehung zwischen Soldat und Waffe, in der das Schwert Freude empfindet, sich nach der Zuneigung und Liebe seines Träger sehnt und zugleich stürmisch und gewaltbereit ist. Der Soldat erwidert diese Zuneigung und empfiehlt die Waffe seinen Kameraden weiter.22
Spätere Dichtungen wie das Volkslied „Schlacht bei Königgrätz“ (1866) greifen die Metapher der „Eisenbraut“ auf, wobei die Waffe als Gewinnerin gefeiert wird. Auch in Dunckers „Liedern aus Frankreich“ erscheint die „deutsche Eisenbraut“ weiterhin als symbolische, nationenbezogene Figur.23 Ursprünglich bezeichnete „Eisenbraut“ vor allem individuelle Waffen, wie Seitengewehre oder Handfeuerwaffen, die nur einem Soldaten zugeordnet waren. Anders als bei großkalibrigen Kanonen wie der „dicken Berta“ lag hier der Fokus auf der intimen, persönlichen Beziehung zwischen Soldat und Waffe. Die Feminisierung diente dabei nicht primär einer sexualisierten Zuschreibung, sondern markierte ein arbeitsteiliges Paar, das eng zusammenwirkte.
Militärische Berichte oder Aussagen von Offizieren verdeutlichen diese Funktion, etwa wenn die Artillerie als „starke Gehilfin mit dem langen Arm“ beschrieben oder als „Mädchen für Alles“ bezeichnet wird. Die Zuschreibung weiblicher Eigenschaften zu tödlichen Instrumenten ist dabei kein direkter Widerspruch. Vielmehr spiegelte sie die sonst so verpönte, während der Weltkriege akzeptierte weiblicher Arbeit in männerdominierten Feldern wider und ordnete die Waffen in hierarchischen Strukturen ein24. Sie waren loyal und dienstbar gegenüber dem männlichen Soldaten, aber zugleich mächtig und effizient. Eigenschaften wie Treue und Verlässlichkeit wurden so in die Waffen hineinprojiziert, um Vertrauen und Sicherheit beim Träger zu erzeugen.25
Die Praxis, Waffen historisch weibliche Eigenschaften zuzuweisen, lässt sich in Verbindung zu den bereits diskutierten Körpersymboliken der militärischen Waffe als Phallus-Erweiterung und Haraways Cyborg-Denken setzen. Während in der klassischen militärischen Symbolik das Gewehr oder die Kanone als Verlängerung des männlichen Körpers fungiert, zeigen die Benennungen wie „Eisenbraut“ oder „starke Gehilfin“, dass Waffen zugleich weiblich codiert werden können. Solche doppelten Zuschreibungen, in denen die Waffe als männliche Kraft und zugleich als weiblich personifiziert erscheint, öffnen einen Raum für Mehrdeutigkeit, Ambivalenz und symbolische Überschneidungen, denn schließlich besitzt der Cyborg kein festes Geschlecht, ist hybrid, relational und vieldeutig. Wie beim Cyborg verschwimmen im Militär die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt, männlich und weiblich, privat und öffentlich. Die militärische Waffe, als Teil des erweiterten Körpers, wird zum Instrument, das sowohl Macht verkörpert als auch Beziehung erzeugt.
5. ABKÖMMLINGE
Ein zentrales Element in Haraways Analyse technologischer Machtstrukturen ist die Metapher C[3]I - Command, Control, Communication, Intelligence aus dem militärischen Sprachgebrauch. Sie beschreibt ein hierarchisches System, in dem Befehle gegeben, Abläufe kontrolliert, Informationen übermittelt und ausgewertet werden, um Handlungen effizient zu steuern. Haraway überträgt die C3|-Logik auf Wissenssysteme. Wie im Militär werden Informationen gesammelt, ausgewertet und gesteuert - nur dass es hier um Wissen, Identität und Macht geht, nicht um Schlachtfelder. Für die Funktionsfähigkeit solcher Machtarchitekturen ist die verlässliche Übertragung und Interpretation von Signalen entscheidend. Nur wenn die Kommunikation ungestört fließt, können Handeln, Kontrolle und strategische Entscheidungen stabil umgesetzt werden. Anders als im Militär nutzt Haraway diese Logik, um bestehende Ordnungen zu hinterfragen und die Durchlässigkeit von Kategorien wie Mensch/Maschine oder Natur/Kultur sichtbar zu machen. Sie betont, dass die größte Bedrohung dieser Macht in der Störung der Kommunikation besteht. Sobald Signale fragmentiert, falsch interpretiert oder neu codiert werden, geraten die Steuerungsmechanismen ins Wanken, und die zuvor hierarchisch geordnete Macht wird instabil und angreifbar. Der Cyborg erscheint als operatives Subjekt innerhalb der technischen Kommunikationssysteme. Er lebt in hybriden Netzwerken von Körper, Technik, Affekt und Information und kann Signale stören, neu verschalten oder umcodieren. Die politische Wirksamkeit von Cyborgs liegt genau darin, dass sie die C3I-
Logik nicht zerstören, sondern subversiv unterlaufen, indem sie Affekte, Wahrnehmung und Intimität auf unerwartete Weise modulieren.26 Ähnlich wie der Cyborg die C[3]I-Logik subversiv unterläuft, vollzieht sich in der Kunst eine Neucodierung ganz automatisch. Als solche erhebt sie keinen Wahrheitsanspruch, ist prozessual, fragmentiert Zeichen und Bedeutungen und trägt somit das Potential, bestehende Ordnungen zu irritieren. Auf diese Weise verschiebt sich auch die Rolle des Subjekts. Es erscheint nicht mehr als alleiniger Ursprung von Bedeutung, sondern als Teil eines offenen, vielstimmigen Prozesses.
5.1 DIE KUNST DER CYBORGS
Zwei Künstlerinnen, Anna Uddenberg und Arvida Byström, inszenieren die irritierende und bisweilen verstörende Verbindung von Mensch und Technik in aufsehenserregender Weise.
Anna Uddenberg (*1982 in Stockholm), entwickelt in ihrer künstlerischen Praxis eine intensive Auseinandersetzung mit Körperlichkeit, Geschlecht und Warenästhetik im Zeitalter technologisch vermittelter Subjektivität. Ihre Skulpturen und Performances operieren im Spannungsfeld von Konsum und Selbstinszenierung und verhandeln den Körper als ein hybrides Gefüge aus Begehren, Technik und ökonomischer Rationalität. Uddenbergs Körperlichkeit lässt sich grundsätzlich als situiert, produziert und reguliert begreifen. Es gibt in ihrem Werk kein Zurück zu einer „natürlichen“ oder unberührten Körpererfahrung. Der Körper erscheint als Interface, geformt durch Design, digitale Bildökonomien, medizinische Apparaturen und neoliberale Optimierungslogiken. Bekannt wurde Uddenberg in den 2010er-Jahren durch ihre hypersexualisierten Figuren, die auf Trolleys durch den Ausstellungsraum gleiten und Selfie-Sticks auf ihre eigenen Körper richten. Diese Arbeiten inszenieren den Körper als Ware und als Bild zugleich; als Objekt eines Begehrens, das durch Plattformlogiken, Konsumversprechen und Selbstvermarktung strukturiert ist. Die provokante Sexualisierung macht die Bedingungen sichtbar, unter denen weibliche Körper im spätkapitalistischen Bildregime zirkulieren. In ihren jüngeren Arbeiten verschiebt sich der Fokus zunehmend vom einzelnen Körper hin zu räumlichen und infrastrukturellen Dispositiven. Uddenberg wendet sich dem Immobilienmarkt, heterotopischen Räumen und funktionalen Architekturen zu. Designobjekte aus der Medizin, der Automobilindustrie oder der Luftfahrt werden zu skulpturalen Prothesen, die den Körper nicht unterstützen, sondern ihn normieren und disziplinieren. Ihre mit 3D-Druckverfahren hergestellten Apparate suggerieren Funktionalität und Fürsorge, entpuppen sich jedoch als ambivalente Maschinen der Macht. In Uddenbergs Performances werden diese Mechanismen sichtbar und wirksam. Körper werden eingespannt, gezwängt und in extreme Positionen gebracht. Werke wie SUB-D (INFLATION) (2022) verdeutlichen diese Dynamik exemplarisch. Die pastellfarbene
Oberfläche evoziert Assoziationen von Sanftheit und Sicherheit, während die innere Mechanik eine aggressive Logik offenbart, die den Körper deformiert und überfordert. Die Skulptur fungiert als Metapher für kapitalistische Systeme, die unter dem Versprechen von Komfort und Selbstoptimierung jene Technologien hervorbringen, die den Körper zugleich ausbeuten, fragmentieren und verletzen. Uddenbergs Arbeiten stellen damit nicht nur Fragen nach Gender und Sexualität, sondern formulieren eine grundsätzliche Kritik an der biopolitischen Verwaltung des Körpers im Spätkapitalismus. In posthumanistischer Perspektive erscheint der Mensch nicht länger als souveränes Subjekt, sondern als Knotenpunkt in einem Netzwerk aus Dingen, Infrastrukturen und
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
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ANNA UDDENBERG, SUB-D (INFLATION), 2022 / AUSSTELLUNG FAKE ESTATE © COURTESY DER KÜNSTLERIN UND DES SHINKEL PAVILLON (BERLIN) FOTO: ANNE DE VRIES
Machtverhältnissen. Der Körper wird zur umkämpften Zone zwischen Begehren und Disziplinierung, zwischen Lust und Kontrolle, zwischen technologischem Versprechen und körperlicher Überforderung.27
Selbst im posthumanistischen Rahmen bleibt der Körper ein unverzichtbarer Bezugspunkt für die Analyse sozialer, kultureller und politischer Prozesse. Haraway argumentiert, dass Cyborgs nicht mehr der foucaultschen Biopolitik unterworfen sind. Foucaults Konzept der Biopolitik beruht auf der Verwaltung organischen Lebens, auf der Regulierung von Körpern, Populationen, Reproduktion und Gesundheit. Diese Machtform setzt einen klar identifizierbaren, biologischen Körper voraus. Der Cyborg hingegen ist kein organisches Subjekt im klassischen Sinne, sondern eine hybride Verschaltung aus Körper, Technik und Information. Er entzieht sich damit der biopolitischen Lesbarkeit, ohne außerhalb von Macht zu stehen. Statt reguliert zu werden, so Haraway, simulieren Cyborgs Politik. Macht verschiebt sich hier von der Kontrolle des Lebens zu einem operativen Feld der Zeichen, Affekte und technischen Prozesse. Diese Form der politischen Simulation ist wirkungsmächtiger, weil sie schneller, adaptiver und weniger an stabile Kategorien gebunden ist.28 In der künstlerischen Auseinandersetzung von Uddenberg können die Betrachtenden die Verwaltungsmechanismen des Körpers erkennen und unterwandern. Haraway verknüpft ihre Anschauung mit einer grundsätzlichen Kritik an feministischen Analysen, die weiterhin so verfahren, als seien die organischen, hierarchischen Dualismen des westlichen Denkens, also Natur und Kultur, Subjekt und Objekt, männlich und weiblich, noch uneingeschränkt wirksam. Diese Dualismen, die den westlichen Diskurs seit Aristoteles strukturieren, seien jedoch nicht mehr intakt. Sie sind, wie Haraway mit Bezug auf Zoe Sofia formuliert, längst „technologisch verdaut“.29 Das bedeutet nicht, dass die Machtordnungen überwunden sind, sondern dass der Mensch und seine Denksysteme in technologische Systeme inkorporiert werden. Die Dualismen verschwinden also nicht, sondern werden zerlegt, umgedeutet und in neue Funktionen überführt. Technologie wirkt dabei wie ein Verdauungsapparat, der symbolische und körperliche Ordnungen in mediale, affektive und infrastrukturelle Prozesse übersetzt.
Arvida Byström (*1991 in Stockholm) ist eine international tätige Fotografin und visuelle Künstlerin, die an der Universität Göteborg (HDK-Valand) Bildende Kunst studierte. Sie entwickelte früh eine multidisziplinäre Praxis, die Performance und digitale Medien miteinander verbindet. Inspiriert von Tumblr und der frühen Selfie-Kultur begann Byström schon als Jugendliche, digitale Werkzeuge zu nutzen, um hyper-feminine Ästhetiken zu hinterfragen und gängige visuelle Codes von Geschlecht, Intimität und Begehren zu unterwandern. Durch digitale und elektronische Technologien erforscht sie, wie digitale Kultur unser Verständnis von
Identität, Intimität und Selbstinszenierung prägt. Ihre Arbeiten bewegen sich in einem ästhetischen Universum disobedienter Körper, von Früchten in Unterwäsche bis hin zu AISexpuppen.
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
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ARVIDA BYSTRÖM, IN THE CLOUDS, (2024), DAZEDDIGITAL.COM
In ihrem Projekt In The Clouds erzeugte sie künstliche Nacktbilder von sich selbst mit dem KI-Tool „Undress.app“ und kombinierte sie mit einem interaktiven digitalen Stück, in dem Nutzer:innen mit einem Bot interagieren konnten, der auf Byströms Interviews trainiert war. Sie kollaborierte hierbei mit Iris.AI, um den Chatbot Arvida.AI zu erstellen. Zwischen dem 13. Dezember 2023 und dem 1. April 2024 wurden die Nacktbilder auf einer Only-Fans ähnlichen Plattform Sunroom als real inszeniert und verkauft. Die User konnten mit Arvida Byström chatten und ihre Bilder für „Sunbeams“ erwerben. In The Clouds (veröffentlicht bei Nuda) ist ein Buch, das über 200 Bilder aus Arvida Byströms gleichnamigem Projekt sowie Essays von Slavoj Zizek, C/M Edenborg und Olivia Kan- Sperling versammelt. Einige der abgebildeten Nacktbilder stellen Byströms Körper den pornografischen Idealen und dem männlichen Blick entsprechend dar, während andere bewusst grotesk wirken und traditionelle Vorstellungen von Attraktivität herausfordern. Byström selbst fühlt sich den seltsamen Versionen am nächsten: „The strange ones I relate to as myself more.“30 Mit KI verschwimmt die Grenze zwischen real und künstlich zunehmend und verändert, wie wir uns selbst und andere wahrnehmen. Byström weist darauf hin, dass die Digitalisierung den Blick auf Schönheitsideale nachhaltig verändert. Entweder werden bestehende Normen verstärkt, etwa durch KI-Influencerinnen, oder es entstehen künstliche Begehrensformen, die (bisher) nur auf Bildschirmen existieren können. Die künstlichen Nacktbilder, AI-Bots und digitalen Interaktionen erzeugen hybride Subjekte, die weder vollständig menschlich noch rein digital sind, sondern vielmehr zwischen Begehren, Technologie und performativer Identität eine Schnittstelle bilden. Indem Byström den Cyborg im digitalen Raum verhandelt, hinterfragt sie zugleich die Macht digitaler Blickregime, die Kontrolle über den weiblichen Körper und Selbstinszenierung im Kontext von Gender, Sexualität und digitaler Kultur.31
6. VISUALISIERUNGSTECHNOLOGIE
Donna Haraway beschreibt Visualisierungstechnologien nicht als neutrale Werkzeuge der Darstellung, sondern als machtvolle kulturelle Praktiken, die tief in historische Formen der Kontrolle und Gewalt eingeschrieben sind. Mit dem Begriff des „Jagens mit der Kamera“ verweist sie auf eine visuelle Logik, in der Sehen mit Zielen, Erfassen und Erlegen gleichgesetzt wird.32 Der fotografische Blick ist in diesem Verständnis kein passiver Akt, sondern ein aktiver, räuberischer Zugriff auf Körper und Räume. Diese Form des Sehens ist laut Haraway insbesondere im Hinblick auf Sexualität, Gender und Reproduktion wirksam. Sie betont, dass Gender und Sexualität „zentrale Akteure in den Mythensystemen der Hochtechnologie“ sind, da sie maßgeblich bestimmen, wie Körper wahrgenommen, bewertet und normiert werden.33 Visualisierungstechnologien tragen dazu bei, Körper zu fragmentieren, zu ästhetisieren und verfügbar zu machen, wodurch sie in ökonomische und symbolische Zirkulationen eingebunden werden. Das „Jagen mit der Kamera“ produziert somit nicht nur Bilder, sondern auch Subjekte, deren Begehren, Sichtbarkeit und soziale Position technologisch mitgeformt werden.
Visualisierungstechnologien sind dabei nicht bloß Mittel der Darstellung, sondern konstituieren den Cyborg selbst, indem sie die Grenzen zwischen realem und künstlichem Körper, zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, zwischen Subjekt und Objekt zunehmend auflösen. In der künstlerischen Auseinandersetzung von Arvida Byström wird Sehen, Begehren und Kontrolle so miteinander verschränkt, dass neue Formen von Körperlichkeit und Identität entstehen.
7. FAZIT
Diese Arbeit hat gezeigt, dass das Cyborg-Konzept nach Donna Haraway weit über eine theoretische Figur hinausgeht und gerade in der Gegenwart eine besondere analytische und politische Relevanz entfaltet. In einer Zeit tiefgreifender Unsicherheiten, globaler Vernetzung und digitaler Durchdringung aller Lebensbereiche wird gesellschaftliche Wirklichkeit zunehmend über Codes und
Datenströme hergestellt. Gleichzeitig besteht zunehmend das Verlangen nach essentialistischen Identitäten und klaren Kategorien. In diesem Spannungsfeld erstarken populistische und autoritäre Bewegungen, die auf binäre Ordnungen zurückgreifen. Gerade hier erweist sich der Cyborg als Denkstruktur als ein zentrales kritisches Werkzeug. Er macht sichtbar, dass Identität nicht naturgegeben, sondern technologisch, medial und sozial produziert sind. Haraways Analyse der Macht als netzwerkförmiges, informationsbasiertes System zeigt, dass Kontrolle heute weniger durch Hierarchien und Repression als durch Steuerung von Kommunikation ausgeübt wird. Besonders der weibliche Körper steht dabei im digitalen Blickregime unter permanentem Zugriff. Er wird bewertet, optimiert und normiert, zugleich aber auch zur Projektionsfläche von Begehren, Kontrolle und Gewalt. Die künstlerischen Arbeiten von Anna Uddenberg und Arvida Byström zeigen exemplarisch, wie diese Strukturen in Form von Simulation nicht nur reproduziert, sondern irritiert und unterwandert werden können. Durch performative, überzeichnete und hybride Körperinszenierungen legen sie die Logiken digitaler Sichtbarkeit offen und verschieben oder stören deren Codes. Der Körper wird dabei nicht als Opfer technischer Macht begriffen, sondern als disobedientes, operatives Feld, das Normen stört, Bedeutungen verschiebt und alternative Lesarten ermöglicht. Der Cyborg fungiert in diesem Zusammenhang als Figur der bewussten Verstrickung. Er steht nicht für die Ablehnung von Technologie, sondern für ein kritisches Mitdenken ihrer Effekte. Indem Dualismen aufgelöst und Widersprüche sichtbar gemacht werden, eröffnet er Räume für politische und feministische Strategien jenseits vereinfachender Identitätsmodelle. Gerade angesichts aktueller gesellschaftlicher Bewegungen ist der Cyborg ein notwendiges Denk- und Handlungsinstrument. Er erlaubt es, Macht durch Umcodierung, Störung und künstlerische Intervention beweglich zu machen und damit neue Formen von Widerstand, Subjektivität und Verantwortung im digitalen Zeitalter zu entwerfen.
LITERATURVERZEICHNIS
Haraway, Donna (1995): Die Neuerfindung der Natur — Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt/New York: Campus Verlag.
Evert, Urte (2015): Die Eisenbraut — Symbolgeschichte der militärischen Waffe von 1700 bis 1945, Münster: Waxmann Verlag.
Gradinari, Irina (2012): Techno-somatische Prozesse. Weibliche Körper als Waffe In: Navigationen - Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften, Jg. 12, Nr 1,b S.
59-80. DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/1008 .
Weblinks:
https://www.dazeddigital.com/art-photography/article/62303/1/arvida-bystrom-ai- nudes-the-clouds-chatbot-generated-photo-book-self-portraits
https://www.poly.fr/de/kunsthalle-mannheim-anna-uddenberg-stellt-premium- economy-aus/
Abbildungen
Evert, Urte (2015): Die Eisenbraut — Symbolgeschichte der militärischen Waffe von 1700 bis 1945, Münster: Waxmann Verlag.
https://www.dazeddigital.com/art-photography/article/62303/1/arvida-bystrom-ai- nudes-the-clouds-chatbot-generated-photo-book-self-portraits
https://www.poly.fr/de/kunsthalle-mannheim-anna-uddenberg-stellt-premium- economy-aus/
[...]
1 Haraway, D. (1995), S. 33.
2 Vgl. Ebd. 2
3 Haraway, D. (1995), S. 33.
4 Haraway, D. (1995), S. 33. 4
5 Ebd.
6 Ebd., S. 35.
7 Ebd.
8 Vgl.Haraway, D.(1995), S. 40.
9 Ebd., S. 37.
10 Ebd., S. 38.
11 Ebd., S. 39.
12 Ebd. 36.
13 Haraway, D.(1995), S. 36.
14 Evert, U. (2015), S. 265.
15 Ebd.
16 Artl. Weihnachtstagesbefehl vom 24. Dezember 1916. In: BArch-Ma, PH 12-I/13, 1916-1917. In: Evert, U. (2015), S. 273.
17 Vgl. Evert, U. (2015), S. 273.
18 Vgl. Evert, U., (2015), S. 283fff.
19 Vgl. Gradinari, I (2012), S. 70f.
20 Vgl. Evert, U. (2015), S. 297
21 Ebd.
22 Ebd.
23 Ebd. S. 297f.
24 Vgl. Evert, U. (2015), S. 299.
25 Ebd., S. 299f
26 Haraway, D. (1995), S. 51f.
27 Vgl. Poly_Kunsthalle Mannheim_Anna Uddenberg
28 Vgl. Haraway, D. (1995), S. 51.
29 Ebd.
30 Byström, A. In einem Dazeddigital Interview mit Günseli Yalcinkaya.
31 Vgl. DAZEDDIGITAL
32 Haraway, D. (1995), S. 58
33 Ebd.
- Citar trabajo
- Hannah Reith (Autor), 2026, Cyborgs. Disobediente Körper. Über Väter und ihre Abkömmlinge, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1737466