Kompetenzerwerb bei Jugendlichen durch deutschsprachige Rapmusik?

Ein synoptischer Vergleich


Examensarbeit, 2011
94 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1. Kompetenz - Eine Einführung
1.1 Der Kompetenzbegriff
1.1.1 EtymologischerUrsprung
1.1.2 Historische Verwendung des Kompetenzbegriffes
1.1.3 Kompetenzbegriff in der Geomorphologie und der Biologie
1.1.4 Kompetenzbegriff in der Psychologie
1.1.5 Kompetenzbegriff in derLinguistik
1.1.6 Zwischenfazit
1.2 Kompetenzbegriff in der Pädagogik
1.2.1 Der Rothsche Kompetenzbegriff
1.2.2 Kompetenzbegriff nach E. Kliemeet al
1.3 Qualifikation und Kompetenz-Eine Abgrenzung
1.3.1 Qualifikation
1.3.2 Kompetenz
1.4 Arbeitsdefinition - Kompetenzen als Selbstorganisationsdispositionen
1.5 Kompetenzerwerb
1.6 Zusammenfassung

2. Der Jugendbegriff
2.1 Historische Entwicklung
2.2 Aktuelle Betrachtungsweise
2.3 Zusammenfassung

3. HipHop - Mehr als Musik
3.1 Sozioökonomische Entstehungsbedingungen des HipHop
3.2 HipHop - Integration, Kommunikation und kreativer Ausdruck..
3.3 Die vier Elemente des HipHop
3.3.1 Djing
3.3.2 Graffiti
3.3.3 Breaking
3.3.4 Rap - Die Sprache des HipHop
3.3.4.1 Entstehung des Rap
3.3.4.2 Rap als Kontroverse
3.3.4.3 Deutschsprachige Rapmusik
3.4 Das Battle - Der Wettstreit des HipHop
3.5 Zusammenfassung

4. Synoptischer Vergleich
4.1 Verknüpfungen von Kompetenz und HipHop
4.1.1 Subjektivität
4.1.2 Performanz
4.1.3 InformellerErwerb
4.2 Rapsong „So sind wir“
4.2.1 Einordnung in den zeitlichen Kontext
4.2.2 Liedtext
4.2.3 Inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Text
4.2.4 Zusammenfassung der inhaltlichen Themenkomplexe
4.3 Rapsong „Traum“
4.3.1 Einordnung in den zeitlichen Kontext
4.3.2 Liedtext
4.3.3 Inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Text
4.3.4 Zusammenfassung der inhaltlichen Themenkomplexe
4.4 Gemeinsamkeiten beider Rapsongs
4.5 Unterschiede beider Rapsongs
4.6 Kompetenzerwerb am Beispiel der Songs „So sind wir“ und „Traum“
4.7 Fazit

Literaturangaben

Einleitung

Wir leben in einer aufregenden Zeit. Schnelllebig und atemlos werden wir vorangetrieben, ohne die Möglichkeit für einen Moment lang inne zu halten. Wir müssen besser, leistungsfähiger, schneller, produktiver und kompetenter sein als unsere Mitmenschen. Wir müssen dem dynamischen Druck des Wandels standhalten und adäquat auf Veränderungen reagieren können. Für Fehler, Nachlässigkeiten und Misserfolge ist dabei auf unserem gesellschaftlichen Hoch­ geschwindigkeitsparcours kaum Platz. Der Druck, welcher auf das Individuum wirkt, wird verstärkt durch Technisierungsprozesse, kürzer werdende Informationszyklen und das enorme Tempo, mit dem der Bestand von Wissen in unserer Gesellschaft anwächst. Aufgaben und Problemstellungen zeichnen sich heute durch einen hohen Grad an Komplexität aus. Problemlösungswege sind dabei vielfältig und fordern dem Individuum ein breites Spektrum an Fähig- und Fertigkeiten ab. Informationen und Wissen sind zu selektieren, zu ordnen, miteinander zu verknüpfen und effektiv zu Nutzen. Um auf gesellschaftliche Transformationsprozesse und sich wandelnde Herausforderungen auch in Zukunft reagieren zu können sowie Fortschritt und Entwicklung zu gewährleisten, rückt besonders Bildung in den Vordergrund.

Bildung und Ausbildung stellen in der heutigen Zeit die zentralen Themenfelder unserer Gesellschaft dar. Im Zuge des sich vollziehenden demographischen Wandels in der Bundesrepublik Deutschland, dem damit verbundenen Rückgang der Geburtenrate und dem Altern der Gesellschaft ist der Fokus besonders auf Kinder und Jugendliche gerichtet. So wird durch junge Generationen nicht nur das Fortbestehen von Gesellschaft gewährleistet. Vielmehr werden Schlüsselpositionen in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft künftig durch sie besetzt werden müssen. Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die Bildung, Ausbildung und Qualifikation junger Menschen eine außerordentliche Bedeutung. Doch nicht nur fachliches Wissen als Bildungsinhalte und erworbene Bildungszertifikate spielen heute eine Rolle. Vor allem Kompetenzen und so genannte „Soft Skills“ sind von Belang, um sich Herausforderungen des gesellschaftlichen und technologischen Wandels stellen zu können. Daraus lässt sich die Frage extrahieren, wie und wodurch Jugendliche Kompetenzen erwerben können.

So liegt es nahe, sich wissenschaftlich mit dem Thema Kompetenz­erwerb bei Jugendlichen auseinanderzusetzen. In dieser Ausarbeitung liegt allerdings der Untersuchungsschwerpunkt auf einem Phänomen, welches in Verbindung mit der Frage nach dem Erwerb von Kompetenzen bislang noch nicht untersucht worden ist. Insofern stellt die Fragestellung dieser Ausarbeitung: „Kompetenzerwerb bei Jugendlichen durch deutschsprachige Rapmusik? - Ein synoptischer Vergleich“ wissenschaftliches Neuland dar, da Kompetenzerwerb bei Jugendlichen aus wissenschaftlicher Forschungsperspektive noch nicht mit deutschsprachiger Rapmusik in Verbindung gebracht wurde. Dennoch schließt diese Ausarbeitung an die in vielen Bereichen geführte Debatte um Kompetenzerwerb und die eingangs verdeutlichten Herausforderungen unserer Gesellschaft an.

Um die Fragestellung adäquat beantworten zu können, wird im ersten Schritt der Kompetenzbegriff aufgenommen, systematisch erarbeitet, von anderen Begriffen abgegrenzt und zusammenfassend dargestellt. Was sind Kompetenzen? Was ist Kompetenzerwerb? Welche charakteristischen Merkmale lassen sich feststellen? Dies ist für die Fragestellung von Bedeutung, da ein notwendiges Verständnis von Kompetenz generiert wird, welches das Fundament dieser Ausarbeitung darstellt. Im darauf folgenden zweiten Abschnitt wird der Begriff der Jugend inhaltlich aufgearbeitet, der Wandel seiner historischen Bedeutung dargestellt und um das heutige Begriffsverständnis erweitert, um den Rahmen der relevanten Personengruppe abstecken zu können. Daran anschließend wird im dritten Teil dieser Ausarbeitung die Entwicklung und Entstehungs­geschichte der amerikanischen Jugendkultur HipHop1 aufgearbeitet, aus der deutschsprachige Rapmusik als Importgut hervorging. Bedeutsam ist dieser Abschnitt vor allem, da sich Rapmusik als Teil der HipHop-Kultur, wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird, besonders eignet, um verschiedene Kompetenzen zu erwerben. Zudem soll dargestellt werden, das Kompetenz und deutschsprachige Rapmusik mehrere charakteristisch bedingte Überschneidungspunkte aufweisen, die bei einer ersten Verbindung beider Themengebiete im Verborgenen bleiben. Abschließend wird in Teil vier dieser Ausarbeitung ein synoptischer Vergleich anhand zweier Rapsongs vorgenommen.2 Dazu werden diese jeweils zunächst in ihren zeitlichen Entstehungsrahmen eingeordnet und die inhaltlich thematisierten Schwerpunkte erschlossen. Anschließend werden inhaltliche Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede anhand der Raptexte beider Lieder herausgearbeitet und dargestellt. Darauf aufbauend wird in einem weiteren Bearbeitungs­punkt geprüft, ob Jugendliche anhand des Verfassens von deutschsprachiger Rapmusik Kompetenzen erwerben können?

Es wird aus Gründen einer vorteilhafteren Lesbarkeit auf eine Ausformulierung der weiblichen Form verzichtet. So sind in den relevanten Abschnitten durchgehend beide Geschlechtsbezeichnungen gemeint. Dabei schließt die männliche Form stets die weibliche mit ein.

1. Kompetenz - Eine Einführung

Kaum ein Begriff hat in den vergangenen Jahren größeren Einfluss gewonnen als Kompetenz. Der Ausdruck befeuert einen schier in Unübersichtlichkeit ausufernden wissenschaftlichen Diskurs. Sein Ein­gang in eine Vielzahl von unterschiedlichen Handlungsfeldern und Lebensbereichen trägt einerseits der Kontroversität und andererseits seiner ihm beigemessenen Bedeutung Rechnung. Kompetenz suggeriert glaubhaft essentielle Qualitäten. Ob in der Industrie, der Werbung oder auf persönlicher Ebene wird mit dem Begriff auf handlungsfähige Personen, ausgewogene Entscheidungen, kreative Lösungswege, Innovationsfähigkeit und Erfolg versprechende Unternehmen hingedeutet. In Betrieben, Haushalten und staatlichen Institutionen wie Schulen gewinnen Kompetenzen immer mehr an Rang. Die gesellschaftliche Akzeptanz des Kompetenzbegriffs äußert sich zudem durch seine Aufnahme in den umgangssprachlichen Gebrauch. Herausforderungen zu meistern, Anforderungen gerecht zu werden und Problemstellungen adäquat zu bearbeiten gelingt heute scheinbar lediglich durch erworbene, personenbezogene Kompetenzen. In einer sich stetig verändernden Arbeits- und Lebenswelt mit wachsenden Wissensbeständen, kürzeren Informationszyklen und immer komplexer werdenden Prozessen muss das Individuum stets Schritt halten und sich anpassen] können. Kompetenzen werden, in diesem Zusammenhang, als ein adäquater Lösungsweg dieser rasanten Entwicklung angesehen. 8 040 000 Einträge zum Begriff Kompetenz werden im World Wide Web innerhalb von 0,06 Sekunden von der Suchmaschine Google gefunden.3 Bei dieser Fülle an Informationen grenzt der Versuch einer Auslese von relevanten Angaben, ebenso wie eine Strukturierung der Thematik, nahezu an Unmöglichkeit. Auch die Vielfalt der wissenschaftlichen Publikationen, die innerhalb unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen zu dem Themenkomplex existieren, erschwert dem Rezipienten einen über­sichtlichen und strukturierten Einstieg. Hinzu kommt, dass ein inflationärer Gebrauch des Begriffes Kompetenz, in Verbindung mit dem Fehlen einer einheitlichen wissenschaftlichen Begriffsbestimmung, eine adäquate Aufarbeitung zusätzlich erschweren. Es wäre allerdings naiv, „auf ein einheitliches Verständnis zu hoffen, auf allgemein verbindliche Charakterisierungen und Messverfahren zu warten.‘4 Die Phänomene, ,,[...] aufdie der Begriff verweist, [sind] zu komplex und die Gebiete, in denen er Bedeutung gewinnt zu vielfältig“ 5. Im folgenden Abschnitt wird der Kompetenzbegriff von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet. Um eine, für den weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung, bedeutsame Begriffsbestimmung zu generieren, werden sowohl der etymologische Ursprung als auch die Verwendung des Kompetenzbegriffes in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen untersucht. Schrittweise wird dabei die Intention verfolgt, die Komplexität des Begriffes zu reduzieren und verallgemeinerbare charakteristische Merkmale herauszuarbeiten. Schließlich wird das dieser Ausarbeitung zugrunde gelegte Verständnis von Kompetenz extrahiert, um dieses im weiteren Verlauf erneut aufgreifen zu können.

1.1 Der Kompetenzbegriff

Um sich dem Kompetenzbegriff adäquat nähern zu können, wird zunächst dem Ursprung des Wortes nachgegangen. Zudem werden verschiedene Bereiche seiner Verwendung innerhalb wissenschaftlicher Disziplinen beleuchtet. Dies ist insofern von Bedeutung als das dadurch der Undurchsichtigkeit und Vielfalt des Begriffes begegnet werden soll. „Durch die Vielseitige Verwendung des Terminus im alltäglichen Sprachgebrauch [verfügt] ein jeder über ein eigenes, meist unreflektiertes Verständnis des Begriffes [...].‘6 In diesem Zusammen­hang soll durch die Aufarbeitung des Kompetenzbegriffs zusätzlich seine vielschichtige Verwendung verdeutlicht werden. In Zuge dessen werden verschiedene wissenschaftliche Disziplinen, in denen der Kompetenzbegriff verwendet wird, aufgegriffen. Ein ganzheitlicher und umfassender Abriss der diversen wissenschaftlichen Verwendungen des Begriffes kann jedoch aus Gründen des Umfangs dieser Ausarbeitung nicht geleistet werden. Von besonderer Bedeutung für den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist allerdings eine definitorische Grundlage des Kompetenzbegriffs.

1.1.1 Etymologischer Ursprung

Das deutsche Wort kompetent lässt sich vom lateinischen competere (competens, -tis) ableiten und beinhaltet sowohl die Bedeutungen des Verbums competere (Zusammentreffen, zukommen, zustehen, zuständig fordern, vor allem im Sinne des Zusammentreffens bestimmter Eigenschaften oder Dispositionen) als auch des Grundverbs petere (begehren, streben, zu erlangen/erreichen suchen).7 Dies impliziert bereits zwei, voneinander zu unterscheidende und dennoch zusammenwirkende, Ebenen. Einerseits eine objektive Ebene im Zusammenwirken „zwischen [...] den Erfordernissen äußerer Lebenssituationen [...]‘8, andererseits eine subjektive Ebene, mit „den inneren (individuellen) Befähigungen eines Individuums [,..]“9.10 „Das Zusammenwirken [der objektiven und subjektiven Ebene] verläuft erfolgreich, wenn sich das Subjekt in der Lage sieht, die erlebte Situation in einen gewünschten Zustand zu überführen [,]‘11 Der Kompetenzbegriff ist allerdings in erster Linie subjektorientiert und kann damit vor allem auf die Fähig- und Fertigkeiten eines Individuums bezogen werden.

1.1.2 Historische Verwendung des Kompetenzbegriffes

Im Duden wird unter Kompetent die veraltete Form des Ausdrucks für Mitbewerber aufgeführt.12 Dies verdeutlicht „das bis heute im Kompetenzbegriff mitschwingende kompetitive13 Moment [...]‘14 des Kompetenzbegriffs. Damit wird eine Konkurrenzsituation von mehreren Personen in den Fokus gerückt, die sich in einem „Wettstreit um den Nachweis höherer Kompetenz befinden“15, um bestimmte Positionen oder prestigeträchtige Ämter zu erlangen. Das kompetitive Moment der Kompetenz wird im Folgenden, allerdings an anderer Stelle, erneut eine Rolle spielen. Im deutschen Sprachgebrauch finden die Begriffe Kompetenz und kompetent im 19. Jahrhundert Eingang. Dabei wurde der Begriff Competenz im öffentlichen Recht als Synonym für die Zuständigkeit von staatlichen Institutionen verwendet, der diesen bestimmte Befugnisse und damit Handlungsfähigkeiten zuschrieb. Dadurch konnten Zuständigkeiten zwischen verschiedenen Körperschaften und Staatsorganen angemessen voneinander abgrenzt werden.16 Ausgehend von der Verwendung im juristischen Kontext wurde der Begriff Kompetenz von diversen Bereichen und Handlungsfeldern übernommen und mit Bedeutung gefüllt. So fand Kompetenz auch Verwendung durch das Militär. In der Militärsprache wurden dabei sämtliche Ausrüstungsgegenstände sowie Verpflegung, Unterkunft und Besoldung der Angehörigen des Heeres oder der Marine umschrieben.17 Ob allerdings der Begriff Kompetenz im 21. Jahrhundert noch immer Verwendung durch das Militär findet, konnte im Rahmen der Bearbeitungsphase dieser Ausarbeitung nicht zweifelsfrei geklärt werden.

1.1.3 Kompetenzbegriff in der Geomorphologie und der Biologie

Auch in der Geomorphologie, der Lehre von der Form und Gestalt der Erde, findet der Begriff Kompetenz Verwendung. In Abgrenzung zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen wird Kompetenz dabei allerdings im Zusammenhang mit fluvialen, also durch fließendes Wasser bedingte, Formungsprozessen erwähnt.18

„Es ist üblich geworden, unter Kompetenz eines Flusses an einer bestimmten Stelle und zu einem bestimmten Zeitpunkt die Größe der größten Gerölle zu verstehen, die er dort gerade noch in Bewegung setzen kann.“19

Auffällig bei dieser Definition von Kompetenz ist die Bedeutungsüberschneidung mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Wenngleich der Kompetenzbegriff in seiner, durch verschiedene wissenschaftliche Disziplinen, zugewiesenen Bedeutung variiert, ist dennoch zu beachten, dass bestimmte Fähigkeiten verdeutlicht werden sollen. Ebenso wie das Teilgebiet der physischen Geographie, die Geomorphologie, bedient sich die Biologie des Kompetenzbegriffes. Hierbei wird der Begriff auf Zustände von Entwicklungsreaktionen tierischer oder pflanzlicher Organismen angewendet. Dabei ist eine immunologisch kompetente Zelle dazu fähig, spezifische Antikörper zu bilden, „auch ohne den Abwehrprozess [...] tatsächlich durch den Kontakt mit fremden Stoffen durchgeführt zu haben“ 20. Das bedeutet, dass es der Zelle möglich ist, ohne den Einfluss von äußeren Stoffen, selbstständig Antikörper zu generieren. Auch hier wird insbesondere eine Fähigkeit einer Körperzelle im Zusammenhang mit Kompetenz verdeutlicht. Im weiteren Verlauf wird darauf allerdings nicht noch einmal Bezug genommen.21

1.1.4 Kompetenzbegriff in der Psychologie

Durch den amerikanischen Entwicklungs- und Motivationspsychologen R.W. White fand der Begriff competence im Jahr 1959 Einzug in die Wissenschaft der Psychologie, wobei R.W. White damit „das Ergebnis von Fähigkeiten, wirkungsvoll mit seiner Umwelt interagieren zu können“22 meint. In diesem Zusammenhang wird Kompetenz nicht als grundlegende Fähigkeit verstanden, sondern als „ein Bündel bestimmter Verhaltensweisen““23. Diese sind dem Menschen weder angeboren noch durch Prozesse der Reifung entstanden, denn Kompetenzen werden nach R.W. White von den Individuen selbst initiiert.24 Dies unterstreicht, dass Kompetenz in besonderem Maße durch das Wollen und Handeln der Individuen bestimmt ist. Dennoch ist auch der Kompetenzbegriff in der Psychologie aus heutiger Sicht nicht unumstritten. Eine einheitliche und generalisierte Definition existiert in diesem Zusammenhang nicht.

„Der Kompetenzbegriff wird innerhalb der Psychologie unter verschiedenen Aspekten und in unterschiedlichen Zusammenhängen diskutiert, was dazu führt, dass auch in der Psychologie verschiedene Definitionen von Kompetenz vorzufinden sind“25

Die verschiedenen Ansätze zur Definition von Kompetenz innerhalb der Psychologie umfassen dabei aus heutiger Perspektive sowohl motivationstheoretische als auch kognitions-psychologische Strömungen. Darüber hinaus existiert eine Vielzahl von wissenschaftlichen Forschungsbeiträgen zum Thema Kompetenz aus diversen Teildisziplinen der Psychologie.26 Für den weiteren Verlauf sind diesejedoch nicht von Bedeutung.

1.1.5 Kompetenzbegriff in der Linguistik

In der Sprachwissenschaft wurde der Begriff Kompetenz im Jahr I960 durch den Linguist N. Chomsky eingeführt. „Explizit oder implizit beziehen sich zahlreiche moderne - insbesondere deutschsprachige - Beschreibungen von Kompetenz auf sein Konzept bzw. verfolgen ähnliche Ansätze.“27 N. Chomsky untersuchte, als Reaktion auf das 1957 erschienene Buch ,,Verbal Behaviour des Psychologen B. F. Skinner, das Vorkommen grammatikalisch richtiger und falscher Sätze. Dazu nahm er eine Unterscheidung zwischen Sprachkompetenz und Sprachverwendung, der Performanz, vor.28 Mit Kompetenz ist in diesem Zusammenhang die Fähigkeit gemeint,„aus einer begrenzten Zahl von Grundelementen und Kombinationsregeln unendlich viele Satzvaria­tionen bilden und diese verstehen zu können [...]‘29. Damit ist Kompetenz ,,die wirkliche Kenntnis [der] Sprache, über die reale Sprecher/Hörer intuitiv verfügen, über die sie aber nur in seltenen Fällen explizit Rechenschaft ablegen können“30. Die tatsächliche Umsetzung dieser Kenntnis im Sprachgebrauch äußert sich nach N. Chomsky hingegen lediglich in der Performanz. Das Sprechen an sich ist nach N. Chomsky demnach das Resultat von Kompetenz.31 Somit lässt sich Kompetenz, bedingt durch den faktischen Gebrauch, empirisch nachweisen. In Anlehnung an N. Chomsky ist der Kompetenzbegriff„unter dem Aspekt der „kommunikativen Kompetenz“ [insbesondere in den Sozialwissenschaften und den Erziehungs­wissenschaften] weiterentwickelt worden“32. Hervorzuheben sind dabei die Arbeiten von J. Habermas (Theorie der kommunikativen Kompetenz. 1990), D. Braake (Kommunikation und Kompetenz. 1980) und P. Bourdieu (Zur Soziologie der symbolischen Formen. 1994)33 Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Ausarbeitung können diese Werke jedoch nicht vertiefend behandelt und diskutiert werden.

1.1.6 Zwischenfazit

Gerade die vielseitige Verwendung des Kompetenzbegriffes innerhalb der geschichtlichen Entwicklung sowie sein Einzug in unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen unterstreicht die Schwierigkeit einer einheitlichen Begriffsdefinition. „Die Differenzierung [...] von >Kompetenz< verdankt sich einer sukzessiven Ausweitung seiner Verwendung in immer mehr Handlungsfeldern.34 Der ursprüngliche Gebrauch im Zusammenhang mit rechtlichen Fragen und die veraltete Verwendung des Begriffs für einen Mitbewerber um bestimmte Positionen, ist dabei einem differenzierten Verständnis in ver­schiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Biologie, Sprachwissenschaft und der Psychologie gewichen.35 [14] Die dargestellte Spannweite des Kompetenzbegriffes trägt entschieden zur Undurchsichtigkeit des Themenkomplexes Kompetenz bei. Dennoch lässt sich als gemeinsames Merkmal, welches in annähernd allen dargestellten Disziplinen wiederzufinden ist, feststellen, dass unter Kompetenz die Fähigkeit verstanden wird, bestimmte Handlungen zu vollziehen. Dabei sind sowohl Subjekte als auch Objekte mit inbegriffen.

1.2 Kompetenzbegriff in der Pädagogik

Auch die Pädagogik verwendet den Kompetenzbegriff, wenngleich Kompetenz im ursprünglichen Sinne keine pädagogische Bezeichnung ist. „Pädagoginnen und Pädagogen beschäftigen sich mit Kompetenz unter dem Gesichtspunkt des Lehrens uns Lernens.“36 Das Verständnis von Kompetenz beinhaltet dabei zwei verschiedene Gesichtspunkte. Einerseits wird Kompetenz im Kontext von Erziehung und allgemeiner Bildung betrachtet und andererseits im Kontext von Erwachsenen- und Berufsbildung bearbeitet. Bezüglich dieser Ausarbeitung steht die Betrachtung und Untersuchung der Kompetenz im Zusammenhang mit Erziehung und allgemeiner Bildung im Vordergrund, so dass Kompetenz im Kontext von Erwachsenen- und Berufsbildung vernachlässigt wird. Der Diskurs zu Kompetenz wird allerdings vorwiegend „aus einer personalwirtschaftlichen und arbeits­psychologischen Perspektive“37 geführt. Dabei wird der Begriff „vordergründig in Anknüpfung an berufliche Arbeit verwendet [...], so dass Kompetenz in einen Verwertungszusammenhang und einer dabei angestrebten Wertschöpfungssteigerung gestellt“38 wird. „Die eigene Produktivitätssteigerung steht damit eindeutig im Fokus des [...] diskutierten Kompetenzkonzeptes.“39 Die sich daraus ergebende Problemstellung kann an dieser Stelle allerdings nicht vertiefend diskutiert werden. Kritisch zu betrachten ist dieses Verständnis von Kompetenz dennoch, da „Konzepte der Kompetenzorientierung für wirtschaftliche Zwecke eingesetzt werden‘40, in deren Zusammenhang nicht das Subjektes, sondern das Objekt im Fokus der Betrachtung steht. Im Folgenden wird Bezug auf das Verständnis von Kompetenz im Kontext von Erziehung und allgemeiner Bildung genommen. Stellvertretend werden dabei der Rothsche Kompetenzbegriff und der Kompetenzbegriff von E. Klieme et al. behandelt. Daran anknüpfend wird der Kompetenzbegriff nach J. Erpenbeck und V. Heyse dargestellt. Dieser wurde zwar im Kontext der Erwachsenen- und Berufsbildung erarbeitet, beinhaltet allerdings eine hervorzuhebende Bedeutung für diese Ausarbeitung.

1.2.1 Der Rothsche Kompetenzbegriff

Zu Beginn der 1970er Jahre wurde der Begriff der Kompetenz durch den Erziehungswissenschaftler H. Roth in der Pädagogik eingeführt. H. Roth schrieb dem Kompetenzbegriff dabei eine besondere Bedeutung bezüglich seiner emanzipatorischen Erziehung zu.41 Der Kompetenz­begriff nach H. Roth ist im Kontext von Erziehung und allgemeiner Bildung zu verstehen. Nach der Frage über die Bildsamkeit und Bestimmung des Menschen im ersten Band seiner „Pädagogischen Anthropologie“, in der Erziehung als „Eingriff in das Verhalten des jungen Menschen, um es in Richtung auf ein wertvolleres Verhalten zu ändern‘42 verstanden wird, greift H. Roth in Entwicklung und Erziehung, Grundlagen einer Entwicklungspädagogik im zweiten Band, die Prozesse auf, in deren Fokus die Entwicklung des Menschen hin zur mündigen Selbstbestimmung und verantwortlichen Handlungsfähigkeit steht.

„Mündigkeit [...] ist als Kompetenz zu interpretieren, und zwar in einem dreifachen Sinne: a) als Selbstkompetenz (self competence), d. h. als Fähigkeit, für sich selbst verantwortlich handeln zu können, b) als Sachkompetenz, d. h. als Fähigkeit, für Sachbereiche urteils- und handlungsfähig und damit zuständig sein zu können, und c) als Sozialkompetenz, d. h. als Fähigkeit für sozial, gesellschaftlich und politisch relevante Sach- oder Sozialbereiche urteils- und handlungsfähig und also ebenfalls zuständig sein zu können.“43

H. Roth differenziert Kompetenz in drei unterschiedliche Bereiche, die jedoch als ganzheitliches Konstrukt zu verstehen sind und sich somit gegenseitig bedingen und voneinander abhängen. Die Entwicklung der Trias aus Selbst-, Sach- und Sozialkompetenz stellt die Grundvoraus­setzung dar, das Ziel erzieherischer Maßnahmen, also Handlungs­fähigkeit, erreichen zu können. „Entwicklungsfördernde erzieherische Maßnahmen müssten [...] von dem Ziel gelenkt sein, so weitgehend wie möglich eine Förderung zur Selbstbestimmung zu betreiben.‘44 Damit vertritt H. Roth einen, im Kantschen Sinne, aufgeklärten Bildungsbegriff, wobei die Förderung von Handlungskompetenz zum Erziehungsziel erhoben wurde, mit dem „in der pädagogischen Diskussion der beginnenden 1970er Jahre [...] ein geändertes Lern- und Lernzielverständnis verbunden‘45 wurde. Der Kompetenz wird in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle zugeschrieben, da diese dem Menschen mannigfaltige Optionen eröffnet, sich entwickeln zu können.46 Besonders hervorzuheben ist die Weite des Rothschen Kompetenzbegriffes. Über kognitive Leistungsdispositionen hinaus­gehend wird die umfassende Handlungsfähigkeit des Menschen eingeschlossen.47 Dies beinhaltet sowohl verantwortliches, kritisches, kreatives als auch produktives Handeln.48

1.2.2 Kompetenzbegriff nach E. Klieme et al.

Bedingt durch die im Jahr 2001 veröffentlichte erste Pisa-Studie und dem damit verbundenen unterdurchschnittlichen Abschneiden deutscher Schüler im internationalen Vergleich wurde im Auftrag des Bundesbildungsministeriums und der Kultusministerkonferenz (KMK) die Expertise Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards verfasst. Diese wurde von verschiedenen Erziehungswissenschaftlern unter der Leitung von E. Klieme als Reaktion auf das Leistungsniveau der Schüler erarbeitet.49 Das Hauptaugenmerk der Expertise lag auf der Klärung des Konzeptes der Bildungsstandards, deren Abwägung sowie der Erarbeitung einer möglichen Umsetzung für das deutsche Schulsystem.50

„Mit der Expertise werden wesentliche Begrifflichkeiten, Inhalte und Verfahrensweisen eines pädagogischen Reformprogramms definiert, die seitdem die fachdidaktischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurse in den Phasen der Lehrerbildung und des Lehrerdaseins dominierte und über die Kultusadministratoren Einzug in die Schulen gehalten hat.“51

In Zusammenhang mit der Klieme-Expertise wurde, von der ständigen Konferenz der Kultusminister in der Bundesrepublik Deutschland, die Einführung bundesweiter Bildungsstandards in den Fächern Mathematik, Deutsch sowie der ersten Fremdsprache veranlasst.52 Bildungsstandards sollen in diesem Zusammenhang konkrete Anforderungen an Lehren und Lernen in der Schule stellen und darüber hinaus allgemeine Bildungsziele aufgreifen.53 Durch die Klieme- Expertise wurde dem Kompetenzbegriff hinsichtlich der Bildung Jugendlicher eine besondere Rolle zugeschrieben. In Abgrenzung zum Kompetenzkonzept der Berufspädagogik mit einer Unterteilung in Sozial-, Methoden-, Sach- und Personalkompetenz54 wird unter Kompetenz, in Anlehnung an die Definition F. E. Weinerts, „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und psychomotorischen Fertigkeiten‘55 verstanden, „um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten‘56 dafür bereit zu stellen. Dies ist insofern von Belang, als das dadurch „Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll [.]‘57 nutzbar gemacht werden können.

„Mit dem Begriff „Kompetenzen“ ist ausgedrückt, dass die Bildungsstandards - anders als Lehrpläne und Rahmenrichtlinien - nicht auf Listen von Lehrstoffen und Lerninhalten zurückgreifen, um Bildungsziele zu konkretisieren. Es geht vielmehr darum, Grunddimensionen der Lernentwicklung in einem Gegenstandsbereich (einer „Domäne“, wie Wissenspsychologen sagen, einem Lernbereich oder einem Fach) zu identifizieren. Kompetenzen spiegeln die grundlegenden Handlungsanforderungen, denen [...] Schüler in der Domäne ausgesetzt sind.“58

Damit wird deutlich, dass Kompetenzen, im Gegensatz zu fachlichem Wissen, einen subjektorientierten Charakter aufweisen. Vordergründig ist demnach die Entwicklung des Individuums. Insofern orientiert sich der von E. Klieme et al. inhaltlich an der Rothschen Handlungsfähigkeit, wenngleich diese jedoch auf bestimmte Domänen bezogen werden und damit nicht deckungsgleich mit der Rothschen Kompetenztrias sind. Von Kompetenzen kann danach immer dann gesprochen werden, wenn:

1. Die Fähigkeiten der Lernenden genutzt und weiter entwickelt werden.
2. Auf Wissen zurückgegriffen und dieses selbst organisiert und erweitert werden kann.
3. Handlungsentscheidungen getroffen werden.
4. In die Umsetzung der Handlung verfügbare Fertigkeiten einbezogen werden und Motivation zum Handeln gegeben ist.59

Auch bei dieser Definition von Kompetenz zeigt sich die besondere Bedeutung subjektbezogener Fähigkeiten und Fertigkeiten in Abgrenzung zu trägem, fachlichem und auf Reproduktion angelegtem Wissen. Die Anforderungen, die an Schüler gestellt werden, umfassen vielmehr das Erkennen von Zusammenhängen und den Transfer von bereits erlernten und angeeigneten Fähigkeiten auf unterschiedliche Domänen, um Probleme selbstständig, reflektiert und nach Abwägung der Handlungsalternativen verantwortungsvoll lösen zu können.

1.3 Qualifikation und Kompetenz - eine Abgrenzung

Die herausgearbeitete begriffliche Vielfalt verdeutlicht die Schwierigkeit einer einheitlichen Definition von Kompetenz. Um den dieser Aus­arbeitung zugrunde gelegten Kompetenzbegriff zu generieren, soll im Folgenden eine Abgrenzung zwischen Qualifikation und Kompetenz herausgearbeitet werden. Dies ist für das weitere Vorgehen von Bedeutung, da hierdurch die mannigfache Bedeutung des Kompetenz­begriffes reduziert werden soll. Darüber hinaus werden durch die Abgrenzung zum Begriff Qualifikation die besonderen Kennzeichen hervorgehoben.

1.3.1 Qualifikation

Der Begriff Qualifikation findet vor allem in der Berufs- und Arbeitswelt Verwendung. Er wird aber auch im Zusammenhang mit Schulbildung verwendet und bedeutet, dem Sinn des aus dem lateinisch stammenden Wortes qualificatio nach, Befähigung, Eignung oder Befähigungsnachweis.60 Unter dem Begriff Qualifikation können Fertigkeiten verstanden werden, die zur Lösung greifbarer Anforderungssituationen beitragen. Qualifikationen sind somit verwendungsorientiert und auf bestimmte Resultate ausgelegt.61 In diesem Sinne bestimmen sie Positionen, die anhand „von Leistungsparametern prüfbar und durch gezielte Maßnahmen verbesserbar sind‘62. Qualifikationen stellen „die zentrale Zielgrößen klassischer Weiterbildung [...] [dar, die] jederzeit neu auf den Prüfstand [...]‘63 gestellt werden können. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Kontext der Ertrag von Bildung. Qualifikationen sind „diejenigen Fähigkeiten, über die jemand verfügt und deren Vorhandensein durch ein Zeugnis oder Zertifikat bescheinigt wird“64. In der schulischen Bildung werden Qualifikationen, im Gegensatz zur Berufsbildung, als Lernziele verstanden, die als Vorbereitung zur Bewältigung von Lebenssituationen von Interesse sind. Da Schule als Institution neben der betrieblichen Ausbildung die wichtigste Qualifikationsinstanz darstellt, werden, abschließend mit einem Bildungszertifikat, Qualifikationen als Grundlage des Unterrichts angestrebt. Sie dienen dadurch bedingt der Vergleichbarkeit von Befähigungen nach bestimmten Kriterien. In der Berufsbildung werden Qualifikationen als Voraussetzungen zur Bewältigung bestimmter Arbeitsprozesse verstanden. Diese werden aus der Perspektive der Nachfrage, also der Arbeitgeber, generiert und schließen damit die Perspektive des Subjektes aus. Qualifikationen sind also notwendiges Wissen und Können, welches sich erlernen, lehren und objektiv beschreiben lässt und dem Subjekt als Handlungspotential bei der Bewältigung von Arbeitsschritten zur Verfügung steht. „Qualifikation [...] zielt nicht auf das Subjekt an sich, auf die Persönlichkeit, sondern auf Fertigkeiten und Wissen [...].‘65 Dabei beinhaltet qualifiziert zu sein, die nötigen Fertigkeiten für bestimmte Handlungen zu besitzen. Diese Bestimmung lässt den Aspekt der Persönlichkeitsmerkmale gänzlich außer Acht.66

,,Qualifikationen [...] sind Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kenntnisse, die sich vermitteln und prüfen lassen. Sie lassen sich als einfache Lernziele formulieren und beziehen sich auf den Inhalt bzw. das Objekt des Lernprozesses. Somit sind Qualifikationen eingrenzbar und übersichtlich. Qualifikationen sind zur Bewältigung überschaubarer Aufgaben geeignet und verfügen über einen geringen Abstraktionsgrad.“67

1.3.2 Kompetenz

Kompetenz konzentriert die Vielfalt des Könnens eines Individuums. Dabei sind Qualifikationen wie Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sich prüfen und vermitteln lassen, ebenso impliziert, wie Persönlichkeitsmerkmale und ethische Aspekte verantwortlichen Handelns. „Das Kompetenzkonzept erweitert das Qualifikationskonzept [...] um individuelle Persönlichkeitsaspekte, die gleichwohl auf den [...] Nutzen ausgerichtet werden.“68 Bedingt durch grundlegende Fähigkeiten und Kenntnisse wird eine Entwicklung ermöglicht, bei der sich Interessenlagen und Motivation zur Festigung von Wissens­beständen herausbilden können. Demnach beinhalten Kompetenzen bereits den Grundbaustein Qualifikation.69 Verknüpft wird jener Grundbaustein mit verantwortungsvollem Einsatz der persönlichen Fähigkeiten in unterschiedlichen Situationen. Das Handeln zeichnet sich demnach durch reflektierte Ausgewogenheit und eine soziale Komponente aus, die sich dadurch äußert, dass nicht nur das eigene Wohl des Individuums im Vordergrund steht, sondern vielmehr Überlegungen zugunsten des Gemeinwohls mit einfließen. Kompetenz impliziert somit einen ethischen Aspekt und ,bezieht sich auf das sittliche und moralische Verhalten des Menschen, welches auf das Gute gerichtet ist und die gesellschaftlichen Normen und Werte des jeweiligen Kulturkreises berücksichtigt.“70 Hinzu kommt, dass Kompetenz die Selbstorganisation von Lernprozessen beinhaltet und - im Gegensatz zur Qualifikation, die sich durch Fremdorganisation von Lernprozessen auszeichnet - durch die Initiative des Lernenden bestimmt wird.

,,Kompetenz ist keine Fähigkeit, die durch Lehr- und Lernmethoden direkt hergestellt oder vermittelt werden kann. Sie entwickelt sich fortwährend durch erlernte Qualifikationen [...], deren Einsatz reflexiv, der Handlungssituation angemessen und mit der handelnden Person kongruent ist.“71

Die Aktivität des Lernenden liegt in der Berücksichtigung, Initiierung und Selbstorganisation verschiedener Lernmöglichkeiten sowie in der Aus­einandersetzung mit diversen Handlungsalternativen. Der Lernprozess wird begleitet und gesteuert durch persönliche Vorstellungen von Werten und Normen.72 Zudem resultiert aus der Hinwendung zu Lernzielen mit hohem Abstraktionsgrad eine Handlungsfähigkeit in variablen Situationen. Fachwissen in einem bestimmten Bereich ermöglicht lediglich ein Handeln, welches in diesem spezifischen Feld von Bedeutung ist. Dies entbehrt allerdings der Übertragbarkeit auf sich ändernde Lebensbedingungen und sich unterscheidende Bereiche. Kompetenzen zielen dagegen darauf ab, sich immer wieder von neuem, veränderten Rahmenbedingungen in Gesellschaft und Beruf stellen zu können. Eine kompetente Person verfügt über die Fähigkeit, besonders in unbekannten Situationen mit neuen Problemstellungen handlungsfähig zu sein.73 Um diese Handlungsfähigkeit realisieren zu können, bedarf es allerdings entsprechender Lernvoraussetzungen. „Die Möglichkeit, sich zu jedem Zeitpunkt seines Lebens weiter­entwickeln zu können, muss durch Institutionen unterstützt [...] werden.“74 Damit wird auch die Bereitstellung von Lernmöglichkeiten außerhalb der etablierten Institutionen angesprochen. Wenn sich Kompetenzen erst aus einem zeitlich umfangreichen Lernprozess heraus generieren lassen und dieser Prozess fortlaufend ist, müssen die Lernenden mit variablen und realitätsnahen Situationen und Problemen konfrontiert werden, die sowohl die Motivation fördern als auch kreative Lösungswege zulassen. Kompetenz setzt demnach veränderte Lernbedingungen voraus, die es ermöglichen, das Individuum in seiner Vielseitigkeit anzusprechen.

„Alles in allem wird daraus deutlich, dass mit [dem] Kompetenzbegriff letztlich der Mensch als solches mit seiner Vielfältigkeit gemeint ist, mit seinem Wissen, seinen Fertigkeiten, seinem Willen, kurz: seiner Persönlichkeit. “75

[...]


1 In der einschlägigen Literatur existieren unterschiedliche Schreibweisen: „HipHop“, „Hip­ Hop“, „Hip Hop“ und „HIPHOP“. Im Rahmen dieser Ausarbeitung wird die erste Schreibvariante verwendet, wobei bezüglich einer korrekten Zitierweise, bei wörtlich übernommenen Textzitaten, auch die Schreibweisen „Hip-Hop“ und „Hip Hop“ übernommen werden.

2 Dieser Ausarbeitung ist eine CD mit den untersuchten Rapsongs zum besseren Verständnis der Raptexte beigefügt. Dabei wurden die Songs mit freundlicher Unterstützung der jeweiligen Künstler zur Verfügung gestellt.

3 Stand 05.03.2011 um 09.45 Uhr

4 Erpenbeck, J./von Rosenstiel, L. (2003) S. 17

5 Ebd. S. 17

6 Heil, F. (2007) S. 50

7 Vgl. Straub, J. (2007) S. 36, Kluge, (1989) S.394

8 Jung, E. (2010) S. 11

9 Ebd. S. 11

10 Vgl. Ebd. S. 10-12

11 Ebd. S. 11

12 Duden (2005), Band 5: Fremdwörterbuch, 8., neu bearbeitete und erweiterte Auflage.

13 Im Original kursiv untersetzt

14 Straub, J. (2007) S.36

15 Ebd. S. 36, im Original kursiv untersetzt

16 Vgl. Heil, F. (2007) S. 50-51

17 Vgl. Ebd. S. 50-51|

18 Straub, J. (2007) S. 37

19 Vgl.: Heil, F. (2007) S. 55

20 Clement, U. (2008) S. 15

21 Kaufhold, M. (2007) S. 47

22 Ebd. S. 48

23 Vgl. Zepp, H. (2003) S. 112-117, sowie S. 137-144

24 Louis, H./Fischer, K. (1979) S. 220

25 Heil, F. (2007) S. 50

26 Eine ausführliche Aufarbeitung des Begriffes Kompetenz aus biologischer, psychologischer und linguistischer Perspektive kann an dieser Stelle nicht geleistet werden.

27 Ebd. S. 48

28 Heil, F. (2007) S. 74

29 Vgl. Jung, E. (2010) S. 53

30 Roth, H. (1966) S. 77

31 Langfeld, H.-P./Northdurft, W. (2007) S. 265

32 Ebd. S. 265

33 Vgl. Heil, F. (2007) S. 52

34 Kaufhold, M. (2007) S. 64

35 Vgl. Ebd. S. 64

36 Roth, H. (1971) S. 180

37 Ebd. S. 180

38 Jung, E. (2010) S. 54

39 Vgl. Heil, F. (2007) S. 56-57

40 Vgl. Klieme, E./Hartig, J. (2007) S.20

41 Vonken,M. (2005) S. 19

42 Ebd. S. 20

43 Heil, F. (2007) S. 52

44 Behse (1976) S. 923

45 Vgl. Vonken, M. (2005) S. 20

46 Ebd. S. 21-22

47 Vgl. Ebd. S. 22-25

48 Vgl. Jung, E. (2010) S. 54

49 Vgl. Ebd. S. 87-88

50 Vgl. Heil, F. (2007) S. 60

51 Jung, E. (2010) S. 87

52 Vonken, M. (2005) S. 51

53 Vgl. Ebd. S. 51-52

54 Heil, F. (2007) S. 70

55 Vonken, M. (2005) S. 38

56 Vgl. Heil, F. (2007) S. 70-71

57 Heil, F. (2007) S.71

58 Ebd. S. 72

59 Vgl. Heil, F. (2007) S. 72

60 Vgl. Ebd. S. 88

61 Vgl. Klieme, E et al. (2003) S. 9

62 Vgl. Heil, F. (2007) S. 60

63 Klieme, E. et al. (2003) S. 21, zitiert nach Weinert, F. E. (2001) S. 27f.

64 Klieme, E. et al. (2003) S. 21, zitiert nach Weinert, F. E. (2001) S. 27f.

65 Klieme, E. et al. (2003) S. 21, zitiert nach Weinert, F. E. (2001) S. 27f.

66 Klieme E. et al. (2003) S. 21-22

67 Vgl. Klieme E. et al. (2003) S. 74-75

68 Duden (2005), Band 5: Fremdwörterbuch, 8., neu bearbeitete und erweiterte Auflage

69 Vgl. Arnold, R. (2001) S. 172

70 Erpenbeck, J./Heyse, V. (1999) S. 23

71 Ebd. S. 23

72 Weinberg, J. (1996) S. 213, zitiert nach Kaufhold, M. (2007) S. 50

73 Vgl. Heil, F. (2007) S. 73

74 Ebd. S. 74

75 Vonken, M. (2005) S. 39

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Kompetenzerwerb bei Jugendlichen durch deutschsprachige Rapmusik?
Untertitel
Ein synoptischer Vergleich
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
94
Katalognummer
V173931
ISBN (eBook)
9783640942930
ISBN (Buch)
9783640942992
Dateigröße
929 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kompetenz, Kompetenzerwerb, Hip-Hop, Rap, Jugendkultur
Arbeit zitieren
Jan-Hendrik Otten (Autor), 2011, Kompetenzerwerb bei Jugendlichen durch deutschsprachige Rapmusik? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173931

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