Asien und der Westen, Demokratie und Menschenrechte

Betrachtet am südostasiatischen Beispiel Indonesien


Seminararbeit, 2000

21 Seiten

Anja Meisner (Autor)


Leseprobe

INHALT

1 EINLEITUNG

2 ASIEN
2.1 ASIATISCHE WERTE
MACHT UND AUTORITÄT
INDIVIDUALISMUS
VERHALTEN/KONSEQUENZEN
2.2 DAS LÄNDERBEISPIEL: INDONESIEN
NÄHERE BESTIMMUNG
DAS POLITISCHE SYSTEM

3 MENSCHENRECHTE
3.1 EINBLICK UND DEFINITION
3.2 AMNESTY INTERNATIONAL: MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IN INDONESIEN
3.3 MENSCHENRECHTE - EIN WESTLICHES KONZEPT?

4 DEMOKRATIE
4.1 DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE
4.2 DEMOKRATIE, EIN WESTLICHES KONZEPT?
EXTERNE FAKTOREN BEI DER ENTWICKLUNG VON DEMOKRATIE

5 ABSCHLIEßENDE DISKUSSION

LITERATUR

1 EINLEITUNG

Bis zur Asienkrise 1997 glaubte man, die wirtschaftlichen Erfolge der südostasiatischen Staa- ten und Japans würden das „Pazifische Jahrhundert“ einleiten und Asien nun Europa den Rang ablaufen (vgl. Rinsche 1996, Binderhofer et al. 1996 u.a.). Doch die wirtschaftliche Krise stoppte nicht nur die Entwicklung der Länder, sondern warf sie zum Teil auch in die Armut zurück, die vor dem Aufschwung geherrscht hatte. Damit wurde den Staaten mit autoritärem und zum Teil autokratischem Charakter ihre wichtigste Legitimationsquelle entzogen (vgl. Houben 1999, Rüland 1998) und die Frage nach Demokratisierung neu gestellt.

Die Frage, mit der ich mich auseinandersetzen möchte, ist, wie Demokratie und Menschen- rechte sich in Asien darstellen und entwickelt sind, und in welchem Verhältnis asiatische und westliche1 Staaten diesbezüglich zueinander stehen. Denkt man an die gravierenden kultu- rellen Unterschiede und den Universalismusanspruch von Menschenrechten und Demokratie, wird sofort deutlich, daß besonders in diesen beiden Punkten das Spannungsverhältnis zwi- schen Asien und dem Westen gewaltig sein muß. Genauso stellt sich auch die Diskussion um dieses Thema dar. Es gibt eine Vielzahl qualifizierter Beiträge, die, so zahlreich sie sind, so weit auseinander gehen und kontrovers sind. Ich will versuchen, einerseits einen Überblick über die Positionen zu geben und andererseits eine eigene Position zu bilden und zu begrün- den.

Diese Arbeit kann aufgrund der Komplexität des Themas nur einen Ansatz bieten, die einzel- nen Punkte (wie Wertefragen) können nur angerissen werden. Um nicht zu allgemein zu bleiben war es deshalb notwendig, ein Länderbeispiel herauszugreifen. Sicher hätte ein Ver- gleich mehrerer Staaten die Problematik umfassender dargestellt, doch der Umfang forderte die Betrachtung nur eines Falls. Ich habe mich für Indonesien als Beispiel entschieden. Dieses Land erschien mir besonders interessant, da es sich in einem steten Wandel befindet, gerade erst (mit dem Machtwechsel von 1998) einen Schritt in Richtung Demokratisierung gegangen ist und in seiner multiethnischen Vielfalt die Problematik Asiens hervorhebt, ja sogar beson- ders deutlich macht.

Asien, als Kontinent mit seinen Eigenarten, findet nur selten Beachtung in der Politikwissen- schaft in Potsdam. Aus diesem Grund werde ich ein wenig weiter ausholen, um auf die Pro- blematik einzustimmen und um ein Verständnis zu erleichtern. Kapitel 2, in dem ich einige Worte zu asiatischen Werten sage und das Beispiel Indonesien vorstelle, soll also Wegberei- ter für die folgende Auseinandersetzung mit Menschenrechten (Kapitel 3) und Demokratie (Kapitel 4) jeweils in genanntem Spannungsverhältnis „Asien und der Westen“ sein.

Südostasien befindet sich auch traditionell in einem steten Wandel, wie unter anderem die zahlreichen Verfassungsänderungen und Regierungswechsel zeigen (vgl. Rüland 1998). Wir haben es hier auf keinen Fall mit einem abgeschlossenen Thema zu tun. Das macht es gerade spannend, denn durch die Wandlungsfähigkeit ergeben sich eine Vielzahl von Möglichkeiten, seitens der regionalen wie internationalen Politik positiv in das Geschehen einzugreifen. Das abschließende Kapitel wird das noch einmal aufgreifen, und versuchen es in den Kontext zu setzen sowie Zukunftsperspektiven zu zeigen.

2 ASIEN

2.1 ASIATISCHE WERTE

Gleich zu Beginn muß festgestellt werden, daß die „asiatischen Werte“ schlechthin nicht gibt (vgl. Weggel 1994). Schon ein Blick auf die Karte verdeutlicht uns diese Tatsache. Asien, als Kontinent, erstreckt sich von Rußland über die Mongolei bis Japan und vom sogenannten Nahen Osten über Indien und Myanmar (Birma), Kambodscha bis nach Indonesien. Aber gerade für die Region Südostasien gibt es Gemeinsamkeiten, die der westlichen bzw. europäischen Kultur fern genug liegen, um sie als asiatische (oder zumindest südostasiatische) Werte und Eigenarten zu identifizieren und zu benennen.

MACHT UND AUTORITÄT

Es ist deutlich bemerkbar, daß die Menschen in Südostasien eine viel positivere Einstellung zu Macht, Autorität und Hierarchien haben als der moderne Westeuropäer. In Begrüßungs- und Höflichkeitszeremonien, in den Ritualen der Ehrerbietung, in der Gestik und in komple- xen Sprachregeln, die zum Beispiel genau bestimmen, wer mit wem wann sprechen darf, äu- ßern sich die große Bedeutung von Anciennität, Seniorität, Führungsqualitäten, Prestige und Status (vgl. Rüland 1998).

Ganzheitlichkeit und Harmonie

Alles soziale Streben ist orientiert an Harmonie, „sanfte Konfliktbewältigung“ steht dabei im Vordergrund (vgl. Weggel 1994). Ausgangspunkt dessen ist der Glaube an eine Ganzheitlichkeit, eine Verkettung aller Dinge, in der nichts zufällig ist:

„In einer so ‚verketteten‘ Welt unterliegt alles den gleichen Gesetzen und hat alles im Himmel, in der Natur und unter den Menschen seine analoge Ordnung; nichts ist zufällig, nichts darf aber auch dem Zufall überlassen bleiben; daher das reiche Regelwerk von Verhaltensweisen für die private und die öffentlich Sphäre“ (ebd.: 41).

Im Gegensatz zum Westen, wo Konflikte auch durchaus als positiv und konstruktiv wirkend verstanden werden, gelten in Asien Konflikte als störend, die die Ordnung aus dem Gleichge- wicht bringen.

INDIVIDUALISMUS

Das Verhältnis der Südostasiaten zu Macht, Autorität und das Streben nach der Gemeinschaft und Harmonie führen dazu, daß im Falle einer persönlichen Entscheidung das Individuelle zurückgestuft wird und Gemeinschaftsinteressen von Vorrang sind (vgl. Rüland 1998, Weggel 1994). Diese kollektiven Loyalitäten stehen im Widerspruch zum westlichen Individualismus, was „den Asiaten“ auch immer noch am Fremdesten am Westen erscheint (Weggel 1994) und Distanz schafft. An erster Stelle steht immer das „wir“ (die Familie oder Sippe) und nicht „ich“. Der „einzelne ist selten ‚er selbst‘, sondern vielmehr ältester Sohn, ‚dritter Onkel‘, Angehöriger der Y-Kaste oder der X-Danwei2“ (ebd.: 24).

VERHALTEN /KONSEQUENZEN

Das Streben nach sozialer Harmonie, die strengen Hierarchien und Verhaltensregeln und na- türlich das Verhältnis der Südostasiaten zum Individualismus erschweren die Herausbildung kompetitiver politischer Prozesse (vgl. Pye in Rüland 1998). So schreibt Pye, daß in diesen Wertvorstellungen kein Raum für Opposition, Kritik und Partikularinteressen bleibt (ebd.: 14/15). Desweiteren führt die Fixierung auf die Familie oder Sippe zu Korruption und Vet- ternwirtschaft (vgl. Rüland 1998), was die Gemeinschaftsinteressen nachhaltig beeinträchti- gen kann.

Eine Ausdrucksform der asiatischen Werte und Charakteristikum Südostasiens sind Patronage-Klientel-Verhältnisse, die heute besonders im ländlichen Raum auftreten (Weggel 1994). Der Patron überläßt „seinen Leuten“ Land, Kredite oder unterstützt sie zum Beispiel bei politischen Karrieren. Durch das Ungleichgewicht von Besitz oder Macht entsteht eine Abhängigkeit, ein asymmetrisches Verhältnis.

„Der Dorfpatron übernimmt zwei wichtige gesellschaftliche Integrationsfunktionen, indem er einerseits ein kleines, lokales Beziehungsnetzwerk schafft, das er auf der anderen Seite mit dem großen, überlokalen und nationalen Netzwerk verknüpft“ (ebd.: 74).

2.2 DAS LÄNDERBEISPIEL: INDONESIEN

NÄHERE BESTIMMUNG

Indonesien ist der „Staat mit der bei weitem größten islamischen Bevölkerung der Welt“

(Binderhofer et al. 1996: 17). Der Staat ist dennoch geprägt von enormer ethnischer3, religiö- ser4 und sprachlicher Vielfalt, die sich einerseits durch die Zergliederung Indonesiens in ca. 13000 Inseln5 ergibt, andererseits aber auch durch für Südostasien typische Wanderungsbewegungen (ebd.) und Indonesiens Lage am alten Seehandelsweg zwischen Arabien, Indien und China entstand.

Der Archipel ist stark von der Landwirtschaft geprägt, der Anteil der dort tätigen Erwerbspersonen betrug 1991 47,6 % (Länderbericht 1993). Jedoch war der Anteil der Landwirtschaft am Bruttosozialprodukt 1991 nur 19 % (Länderbericht 1993), was auf einen hohen Grad von Armut unter der ländlichen Bevölkerung weist. Diese sichert auch den Bestand von Patronage-Klientel-Verhältnissen (vgl. Kapitel 2.1 dieser Arbeit).

Vom 16. Jahrhundert bis 1949 war Indonesien Kolonie Hollands, bis auf eine kurze Unterbrechung durch die Briten 1811 bis 1816 und die Japaner im Zweiten Weltkrieg (Heinzlmeir 1989). Die Holländer hatten aus Inseln den Einheitsstaat Indonesien geschaffen (Durán 2000). Bis 1967 herrschte dann Sukarno als Staatspräsident in einer Parlamentarischen Demokratie, die er selbst als „Gelenkte Demokratie“ bezeichnete, und führte Indonesien durch seine konsequente antiwestliche Politik in die Isolation6. General Suharto entmachtete schrittweise Sukarno und übernahm 1967 nach einem angeblichen Putschversuch der Kommunisten die Macht (Heinzlmeir 1989). 32 Jahre ist seine „Neue Ordnung“ (Orde Baru) bestimmend, die sich zwar auf Liberalismus in der Wirtschaft stützt, aber gleichzeitig jegliche Opposition massiv unterdrückt (Lexas Information Network).

Suhartos Herrschaft, schon geschwächt und angegriffen, wird mit der Asienkrise endgültig ein Ende gesetzt. Der Mangel an kompetenten Fachkräften in der Politik - Suharto hatte kriti- sche, aber kompetente Gefolgsleute durch jene ausgetauscht, die ihm Unfehlbarkeit bestätig- ten (Machetzki 1998) - führte zur Verstärkung der Effekte der Krise für Indonesien (Hrusch- ka 1998). Die unzufriedene Stimmung der Bevölkerung entlud sich im Mai 1998 in einer „so- zialen Explosion“, die mehr an einen Amoklauf erinnerte (Hruschka 1998) und in „Racheak- ten“ an verhaßten ethnischen Gruppen endete7 (Machetzki 1998). Daraufhin übergab Suhar- to die Amtsgeschäfte seinem damaligen Vizepräsidenten Bacharuddin Jusuf Habibie. Er ent- schied sich für die Beibehaltung des Präsidialsystems, sprach den Regionen aber mehr Auto- nomie zu (Hruschka 1998). 1999 wurde dann der erste Präsident demokratisch gewählt: Ab- dur Rahman Wahid (Durán 2000).

DAS POLITISCHE S YSTEM

Staatsoberhaupt und Chef der Regierung ist der Präsident. Dieser und der Vizepräsident sind die Organe der Exekutive. Die Legislative besteht aus dem DPR (Unicameral House of Repre-sentatives, Dewan Perwakilan Rakyat) und dem MPR (People’s Consultative Assembly, Majelis Permusyawaratan Rakyat).

[...]


1 In Bezug auf die Benutzung des Wortes „Westen“ möchte ich mich Greven (1998) anschlie- ßen: der Begriff „Westen“ bezieht sich nicht nur auf die geographische Bestimmung „Europa“, sondern ist nicht eindeutig abgrenzbar (besonders nach Süden und Osten Europas). Als Verständnis und Maßstab von einer bestimmten sozio-ökonomischen, moralischen und geistigen Entwicklung, konnte Amerika spätestens seit der Unabhängigkeitserklärung zum „Westen“ zählen.

2 „Danwei“ meint eine „Grundeinheit“, der sich vor allem Chinesen und Vietnamesen anschlie- ßen, und die eine städtische Nachbarschaft, eine Fakultät an der Universität oder die Fabrik sein kann, in der der Betreffende arbeitet (Weggel 1994: 58).

3Ethnische Gruppen: Javanesen 45 %, Sundanesen 14 %, Maduresen 7,5 %, Malayen 7,5 %,

4 Religionen (Stand 1998): Muslime 88 %, Protestanten 5 %, Katholiken 3 %, Hindus 2 %, Buddhisten 1 %, andere 1%, aus: CIA - The World Factbook 2000 - Indonesia: http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/id.html. Verschiedene Autoren (vgl. u.a Heinzlm- eir 1989) sprechen davon, daß der Islam zwar oberflächlich angenommen wurde, Naturreligionen aber weiterhin eine große Rolle spielen und mit dem Islam vermischt wurden.

5Stand von 1993, aus: Länderbericht Indonesien 1993, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 1994.

6 Quelle: Lexas Information Network: http://www.sealinks.de/countries/indonesien/id- geschichte.htm.

7 Diese „Racheakte“ betrafen vor allem die wirtschaftlich starken Chinesen, die einen Großteil des Handels im Land betreiben.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Asien und der Westen, Demokratie und Menschenrechte
Untertitel
Betrachtet am südostasiatischen Beispiel Indonesien
Hochschule
Universität Potsdam  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Demokratie und Staatstätigkeit
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V174027
ISBN (eBook)
9783640943845
ISBN (Buch)
9783640943500
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Asien, Südostasien, Indonesien, Demokratie, Staat, Menschenrechte
Arbeit zitieren
Anja Meisner (Autor), 2000, Asien und der Westen, Demokratie und Menschenrechte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174027

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Asien und der Westen, Demokratie und Menschenrechte



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden