Antitürkische Tendenzen in der Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts am Beispiel Sebastian Brants "Narrenschiff"


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Literarischer Zeitgeist
2.1 Steigendes Interesse der Öffentlichkeit an den „Türcken"1 und literarisch Verbreitung
2.2 Die Rolle der Kirche bei der Türkendarstellung

3 Antitürkische Tendenzen Brants am Beispiel des Narrenschiffs
3.1 Die Kapitel 98 und 99
3.2 Gründe für Brants Türkenhass
3.2.1 „vom abgang des glouben“
3.2.2 Kaiser Maximilian 1

4 Schlussfolgerung

5 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Sebastian Brants Das Narrenschiff galt bis zu Goethes Werther als das erfolgreichste Buch in deutscher Sprache. 1494 von Johann Bergmann von Olpe in Basel gedruckt und drei Jahre später von Brants Schüler Jakob Locher ins Deutsche („Stultifera Navis“) übersetzt, wurde es bis 1507 bereits in fünf weiteren Auflagen nachgedruckt. Insbesondere das unterhaltsame Aufzeigen der gesamtgesellschaftlichen Laster durch den Narrenspiegel machte seine Moralsatire zum großen Erfolg.2 Brant wurde aber nicht nur nachgedruckt, sondern auch produktiv rezeptiert. So finden sich in der spätmittelalterlichen Literatur viele Werke, die sich inhaltlich, sprachlich und formal auf das Narrenschiff beziehen.3 Brant galt hernach als begnadeter Satiriker und Dichter. Weniger bekannt ist, dass Brant auch als Geschichtsschreiber tätig war. Erst in den letzten Jahren wurde das Interesse der Forschung auf dieses Thema gelenkt. Hier interessierten besonders seine Publikationen, die sich mit der nahen Türkenbedrohung auseinander setzten. Wie bewertete Brant die europäische Instabilität und welche Auswege bot er aus der Krise an? Aus der Beschäftigung mit den alten und neuen Glaubenskriegen entstand bei Brant letztlich ein antitürkisches Meinungsbild, dass es f.f. gilt, untersucht zu werden. Das Narrenschiff bietet dabei entsprechende Beispiele. Besonders in den Kapiteln 98 und 99 finden wir Hilfreiches. Bei der folgenden Untersuchung soll uns insbesondere interessieren, wie der literarische Zeitgeist sich entwickelt, wie sehr Brant sich diesem angeschlossen hat und welche Gründe er dessen ungeachtet für sein Meinungsbild selbstständig herangezogen hat. Dabei versuchen wir äquivalent die spätmittelalterliche Literatur, Brants Weltverständnis und seine Auffassung der Geschichte gleich zu beleuchten.

2 Literarischer Zeitgeist

Wenn wir uns mit den Werken Brants auseinandersetzen, ist es hilfreich, den allgemeinen, damaligen literarischen Zeitgeist zu beleuchten. Welche Ereignisse und Erfahrungen, welche Interessen und Intentionen bestimmten am Ende des 14. Jahrhunderts sein Schreiben? Dabei wollen wir uns besonders auf die Sujet betreffenden Inhalte konzentrieren. Sowohl historisch-literarische als auch politische Texte sind dabei heranzuziehen. Es ist zu vermuten, dass Brants Gedichte, Flugblätter und Briefe und die in ihnen auftretenden antitürkischen Tendenzen gewiss keine partikulären Phänomene, sondern vielmehr literarische Konsensprodukte sind.

2.1 Steigendes Interesse der Öffentlichkeit an den „Türcken" und literarische Verbreitung

In Deutschland interessierte man sich4 lange Zeit nicht für die Geschehnisse in Südosteuropa. Politische Kleinkriege, Hungersnöte in der Bevölkerung und hygienische Probleme ließen den Blick nicht über die eigenen Landesgrenzen schweifen. Schauen wir in die historischen Texte am Ende des 14. Jahrhunderts, finden sich nur vereinzelt Hinweise auf das Osmanische Reich. Erstaunlich, da das türkische Heer zu dieser Zeit bereits bis auf den Balkan vorgedrungen war und so kurz vor dem ungarischen Staatsgebiet stand.5 Auch als der luxemburgische König Sigmund durch die Heirat mit Maria von Ungarn die ungarische Krone erwarb und infolgedessen gezwungen war, die vordringenden Türken zurückzuschlagen, nahmen die Nachrichten über das Osmanische Reich in Deutschland nur bedingt zu.6 Erst als Siegmund 1394 die abendländischen Könige versammelte und sie um ihre militärische Mithilfe im Kampf gegen die Türken bat, nahm das Interesse an den „Barbaren aus dem Osten“ spürbar zu.7 Wie bei Urban II. zweihundert Jahre zuvor wurden in ganz Europa Heere mobilisiert, die dem Aufruf zum Kreuzzug folgten. Englische, französische und auch deutsche Bürger schlossen sich dem Unternehmen an, sodass sich die Nachrichten über die Türken rasch unüberschaubar mehrten. Die Türkenliteratur war zu dieser Zeit so umfangreich, als dass man an dieser Stelle den Anspruch auf Vollständigkeit erheben könnte. Türkenpredigten, antitürkische Flugschriften, Türkenlieder und -schauspiele wurden fast täglich in großer Stückzahl produziert verbal verbreitet. Besonders groß ist das Textmaterial, dass sich mit der Konfrontation der christlichen Könige mit den Türken und den Reaktionen auf deren Vorrücken beschäftigt.8 Neues Textmaterial erhielten die europäischen Schreiber in den großen Handelsstädten. Neben den täglichen Waren wurden fortan auch Nachrichten gehandelt. Besonders Kaufleute, die nach langer Fahrt aus Konstantinopel zurückkehrten, konnten Neues und Interessantes berichten. Aber auch adlige Kriegsteilnehmer und Knechte erstatten Bericht über ihre Kriegserlebnisse. Allerdings waren diese in den meisten Fällen Übertreibungen.9 Deutlich seriöser waren die Berichte derer, die sich im Osmanischen Reich auf diplomatischen Missionen befanden. Insbesondere die Meldungen der Gesandten geben uns einen relativ objektiven Überblick über das Geschehen in Südosteuropa. Allerdings war die Öffentlichkeit in Deutschland weniger an sachlichen und objektiven als vielmehr phantastischen und ausgeschmückten Geschichten interessiert. Selten kontrollierten „zeyttungen“ ihre Quellen auf den eigentlichen Wahrheitsbestand. So wurde schnell allerlei Hanebüchenes gedruckt und vorgetragen.10 Allen voran stand die stigmatisierende Darstellung des Türken als für das christliche Abendland omnipräsente Bedrohung. Eine Erklärung hierfür finden wir in der Niederlage bei der Schlacht von Nikopolis im Jahr 1396. Die Nachricht vom Sieg des Osmanischen Heeres über das europäischen Kreuzzugheer erreichte die deutsche Öffentlichkeit wenige Tage später und versetzte die Bürger und Bürgerinnen schnell in Angst und Schrecken. Gerade die Bevölkerung in den Städten verlangte ab diesem Zeitpunkt Informationen zum Geschehen im Osten. Die meisten Drucke entstanden dementsprechend in den großen Handelsstädten wie Nürnberg, Madrid, Prag, Wien und Venedig. Um der Nachfrage in der Bevölkerung gerecht zu werden, wurden viele der „newen zeyttungen“ und „avvisi“, Gedichte und Flugblätter vom Lateinischen in die jeweilige Volkssprache übersetzt bzw. gleich in dieser verfasst. Über Büchermessen wie der Frankfurter Buchmesse erreichten die literarischen Erzeugnisse auch Leser und Leserinnen abseits ihres Produktionsstandortes. Der Türke galt fortan als Risiko für das christliche Europa, als verabscheuungswürdiger Barbar an den Grenzen des Reiches. Zur unmittelbaren Bedrohung, zur realen Gefahr avancierte er allerdings erst ab dem Jahr 1453, dem Jahr der Einnahme Konstantinopels durch das osmanische Heer. Wurde das Interesse der deutschen Öffentlichkeit mit dem Sieg des osmanischen Heeres über die europäischen Kreuzritter bei Nikopolis 1394 erstmalig geweckte, lenkte sie die Nachricht von der Niederlage am Bosporus schlagartig auf die Türken.11

Wie sehr man sich zu dieser Zeit mit der Gefahr aus dem Osten beschäftigte, zeigen die häufigen Vermerke in den deutschsprachigen Chroniken ab der Mitte des 15. Jahrhunderts. In erster Linie trat dabei der Name Mehmeds II. in den literarischen Vordergrund. Der Meinung vieler Schreiber sei er es gewesen, der die arabische Bevölkerung für den Kampf gegen das christliche Abendland mobilisiert hätte. Er war der nach neuen Hoheitsgebieten gierende „Eroberer“, darüber hinaus sogar Repräsentant aller Türken („der Großtürke“).12 Neben den deutschsprachigen Chroniken trug ein weiteres Medium zum Bild der Türken in der Öffentlichkeit bei: die sogenannten Türkenlieder. Sie propagierten auf Basis der unmittelbaren Türkenbedrohung das Bild eines gemeinsamen Schicksals aller christlichen Staaten. Mit der Furcht und Angst der Bevölkerung spielend riefen sie zum notwendigen Kampf gegen die Glaubensfeinde auf. Auch Brant bedient sich dieses Stilmittels.13 So heißt es in Kapitel 99 auf die Gefahr durch den Türken hinweisend: „Der wolff ist worlich jnn dem stall | Vnd roubt der heiligen kyrchen schoff. | [...] | Die porten Europe offen syndt | zu allen sitten ist der vyndt | der nit schloffen noch rowen dut | In dürst allein nach Christen blut.“14 Nur um im f.f. den gemeinsamen Kampf der europäischen Herrscher gegen das Osmanische Reich zu legitimieren: „Sindt doch noch so vil kristen landt | Frum künig, fürsten, adel, gmeyn | Das sie die gantze weltt alleyn | Gewynnen vnd vmbbringen baldt | Wann man alleyn sich zamen haldt.“15 Anders als die oben genannten literarischen Produktionen entstanden Türkenlieder nicht in den gelehrten sondern in den unteren gesellschaftlichen Kreisen, so zum Beispiel „daheim am warmen Herd.“16 Verbreitet wurden sie auf Märkten und Messen. Besonders Sänger und Vorleser bedienten sich ihrer - je nach Intensität der kriegerischen Ereignissen - stark. Sie fanden in der zumeist noch nicht alphabetisierten Bevölkerung eine interessierte Zuhörerschaft dessen Meinungsbild sie auf diesem Wege nachhaltig beeinflussten.17 Erst später wurden die Türkenlieder ins Liederbuchern abgedrukt.

[...]


1 Brant, Sebastian : Das Narrenschiff, S. 257.

2 Ohne Zweifel trugen Albrecht Dürers Illustrationen auch zur Beliebtheit des Buches bei. Sie machten das Buch und seine Inhalte für den Leser anschaulicher. Weiteres dazu in: Winkler, Friedrich : Dürer und die Illustrationen zum Narrenschiff - die Baseler und Straßburger Arbeiten des Künstlers und der altdeutscheHolzschnitt, 1951.

3 Zur breiten Rezeption Brants in: Bremer, Kai: Literatur der Frühen Neuzeit - Reformation, Späthumanismus, Barock, Paderborn, 2008.

4 Brant, Sebastian : Das Narrenschiff, S. 257.

5 Abramowicz, Zygmunt (Hrsg.): Die Türkenkriege in der historischen Forschung, 1983.

6 Pfeiler, Hasso : Das Türkenbild in den deutschen Chroniken des 15. Jahrhunderts, 1956.

7 Die Schlacht von Nikopolis sollte später als der letzte Kreuzzug des Mittelalters in die Geschichte eingehen. Näheres dazu in: Kling, Gustav : Die Schlacht bei Nikopolis im Jahre 1396, 1906.

8 Dazu Cardini, Franco : Europa und der Islam - Geschichte eines Mißverständnisses, 2000; Erkens, Franz-Reiner : Europa und die osmanische Expansion im ausgehenden Mittelalter, Berlin, 1997; Höfert, Almut: Den Feind beschreiben - "Türkengefahr" und europäisches Wissen über das Osmanische Reich 1450-1600, Frankfurt, 2004.

9 Oft wurden die Geschichten zur dramatischen Steigerung inhaltlich ausgeschmückt. Hierzu bediente man sich nicht selten den Gräueltaten des Gegners.

10 Vgl. Göllner, Carl: Turcica : Die europäischen Türkendrucke des 16. Jahrhunderts, 1961-1978, S. 11­17.

11 Abramowicz, Zygmunt (Hrsg.): Die Türkenkriege in der historischen Forschung, 1983.

12 Vgl. Babinger, Franz : Mehmed der Eroberer und seine Zeit - Weltenstürmer einer Zeitenwende, 1953.

13 Sebastian Brants Narrenschiff zählt nicht zu den sogenannten Türkenlieder, soll an dieser Stelle jedoch als stilistischer Vergleich herangezogen werden.

14 Brant, Sebastian : DasNarrenschiff, S.257-258.

15 S. Ebd. S. 260.

16 Göllner, Carl: Turcica : Die europäischen Türkendrucke des 16. Jahrhunderts, 1961-1978, S. 17.

17 Vgl. Özyurt, §enol: Die Türkenlieder und das Türkenbild in der deutschen Volksüberlieferung vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, 1972, S. 30-34. Die Geschichten orientierten sich am allgemeinen „Türkenkonsens“. Sie bedienten in erster Linie die bekannten Stereotypen und schmückten diese noch mit zusätzlichen Informationen - beispielsweise dem Aussehen - aus. Dazu Göllner, Carl: Turcica : Die europäischen Türkendrucke des 16. Jahrhunderts, 1961-1978, S. 17-21.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Antitürkische Tendenzen in der Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts am Beispiel Sebastian Brants "Narrenschiff"
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Germanistik)
Veranstaltung
Der Narr in der Literatur. Symbol des Lasterhaften und Spiegel seiner Zeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V174482
ISBN (eBook)
9783640951727
ISBN (Buch)
9783640951864
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sebastian Brant, Narrenschiff, türkenfeindlich, Politik im Mittelalter
Arbeit zitieren
Hans Erdmann (Autor), 2010, Antitürkische Tendenzen in der Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts am Beispiel Sebastian Brants "Narrenschiff", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174482

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