1 Einleitung
Sebastian Brants Das Narrenschiff galt bis zu Goethes Werther als das erfolgreichste Buch in deutscher Sprache. 1494 von Johann Bergmann von Olpe in Basel gedruckt und drei Jahre später von Brants Schüler Jakob Locher ins Deutsche („Stultifera Navis“) übersetzt, wurde es bis 1507 bereits in fünf weiteren Auflagen nachgedruckt. Insbesondere das unterhaltsame Aufzeigen der gesamtgesellschaftlichen Laster durch den Narrenspiegel machte seine Moralsatire zum großen Erfolg. Brant wurde aber nicht nur nachgedruckt, sondern auch produktiv rezeptiert. So finden sich in der spätmittelalterlichen Literatur viele Werke, die sich inhaltlich, sprachlich und formal auf das Narrenschiff beziehen. Brant galt hernach als begnadeter Satiriker und Dichter. Weniger bekannt ist, dass Brant auch als Geschichtsschreiber tätig war. Erst in den letzten Jahren wurde das Interesse der Forschung auf dieses Thema gelenkt. Hier interessierten besonders seine Publikationen, die sich mit der nahen Türkenbedrohung auseinander setzten. Wie bewertete Brant die europäische Instabilität und welche Auswege bot er aus der Krise an? Aus der Beschäftigung mit den alten und neuen Glaubenskriegen entstand bei Brant letztlich ein antitürkisches Meinungsbild, dass es f.f. gilt, untersucht zu werden. Das Narrenschiff bietet dabei entsprechende Beispiele. Besonders in den Kapiteln 98 und 99 finden wir Hilfreiches. Bei der folgenden Untersuchung soll uns insbesondere interessieren, wie der literarische Zeitgeist sich entwickelt, wie sehr Brant sich diesem angeschlossen hat und welche Gründe er dessen ungeachtet für sein Meinungsbild selbstständig herangezogen hat. Dabei versuchen wir äquivalent die spätmittelalterliche Literatur, Brants Weltverständnis und seine Auffassung der Geschichte gleich zu beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Literarischer Zeitgeist
2.1 Steigendes Interesse der Öffentlichkeit an den „Türcken“ und literarischer Verbreitung
2.2 Die Rolle der Kirche bei der Türkendarstellung
3 Antitürkische Tendenzen Brants am Beispiel des Narrenschiffs
3.1 Die Kapitel 98 und 99
3.2 Gründe für Brants Türkenhass
3.2.1 „vom abgang des glouben“
3.2.2 Kaiser Maximilian I.
4 Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die antiturkischen Tendenzen in Sebastian Brants "Narrenschiff" vor dem Hintergrund des literarischen Zeitgeistes und der religiös-politischen Bedrohungsszenarien des 14. und 15. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie Brant das zeitgenössische Türkenbild in seine Moralsatire integriert und religiös legitimiert.
- Literarische Verarbeitung der osmanischen Expansion im 14. und 15. Jahrhundert
- Die Rolle der Kirche bei der Konstruktion eines antiturkischen Feindbildes
- Analyse der Kapitel 98 und 99 des Narrenschiffs
- Sebastian Brants persönliche Motivation und sein Weltverständnis als Historiker und Satiriker
- Die Instrumentalisierung des Türken als „Gottesfeind“ und „Antichrist“
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Narrenschiff – Die Kapitel 98 und 99
Betrachten wir Brants Narrenschiff im Ganzen erkennen wir ein synergetisches Gesamtkonzept. Die über kurzen Narrenschilderungen folgen im wesentlichen dem gleichen Aufbau. Jede „Narrenrevue“ erhält einen vorangestellten Holzschnitt, der den Narren in seiner Umgebung zeigt, samt einer kurzen Bildunterschrift in drei oder vier Versen. Im Anschluss wird der Narr genauer vorgestellt. Dabei ist Brants grundlegendes Anliegen, jedem Menschen seine eigene, individuelle Narrheit vorzuzeigen. Er hält jedem einen Spiegel vor, um ihn als Narren bloßzustellen und infolgedessen zu bekehren. Sein didaktisches Prinzip verläuft über die Satire zur Läuterung des LesersIn. In den Kapiteln 98 und 99 finden wir diesbezüglich zunächst Ähnlichkeiten. Beide Kapitel thematisieren die Gefahr aus Kleinasien. Sie sind zudem Brants frühesten Äußerungen zum Türkendiskurs. Besonders das Kapitel 99 „vom abgang des glouben“ setzt sich intensiv mit den Türken auseinander.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Narrenschiffs ein und skizziert das Forschungsinteresse an den darin enthaltenen antiturkischen Tendenzen.
2 Literarischer Zeitgeist: Dieser Abschnitt beschreibt das wachsende öffentliche Interesse an den Türken durch Nachrichtenhandel und die prägende Rolle kirchlicher Propaganda bei der Feindbildkonstruktion.
3 Antitürkische Tendenzen Brants am Beispiel des Narrenschiffs: Dieses Kapitel untersucht konkret die Kapitel 98 und 99 des Werkes und beleuchtet die ideologischen Beweggründe Brants für seine negative Darstellung des Osmanischen Reiches.
4 Schlussfolgerung: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, wie Brant den literarischen Zeitgeist bedient und durch seine Diffamierungen im Narrenschiff ein nachhaltiges Feindbild des Türken als „Gottesfeind“ festigte.
Schlüsselwörter
Sebastian Brant, Narrenschiff, Osmanisches Reich, Türkendiskurs, Feindbild, 15. Jahrhundert, Literaturgeschichte, Satire, Kirche, Kreuzzugsideologie, Mittelalter, Kaiser Maximilian I., Weltverständnis, Religionskonflikt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit befasst sich mit der Darstellung des Osmanischen Reiches und den damit verbundenen antiturkischen Tendenzen in Sebastian Brants "Narrenschiff" im späten Mittelalter.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind der literarische Zeitgeist, die Rolle der Kirche bei der Etablierung von Feindbildern und die spezifische moralisch-religiöse Bewertung der „Türkengefahr“ durch Sebastian Brant.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Sebastian Brant zeitgenössische Ängste vor dem Osmanischen Reich in sein Werk integriert und theologisch-politisch legitimiert hat.
Welche methodische Vorgehensweise wird gewählt?
Die Arbeit analysiert historische und literarische Quellen sowie Brants Textpassagen (insbesondere Kapitel 98 und 99) im Kontext der damaligen Zeitgeschichte.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Analyse der Kapitele 98 und 99, die Gründe für Brants Türkenhass sowie die religiöse Einordnung der Türken als „Gottesfeinde“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Narrheit, Türkenbild, Glaube, Antichrist, osmanische Expansion und mittelalterliche Satire geprägt.
Warum spielt das Kapitel 99 im Narrenschiff eine besondere Rolle für Brants Türkenkritik?
Es dient als intensive Auseinandersetzung mit der Bedrohung durch das Osmanische Reich und stellt für den Autor eine Zäsur in der allgemeinen Narrenkritik dar, indem er die Schuld kollektiviert.
Welche Rolle spielt Kaiser Maximilian I. in Brants Weltbild?
Brant sah den Kaiser als legitimierten Anführer und Erretter, dessen Autorität und göttliche Institution durch die Bedrohung der „Gottesfeinde“ verteidigt werden musste.
- Citar trabajo
- Hans Erdmann (Autor), 2010, Antitürkische Tendenzen in der Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts am Beispiel Sebastian Brants "Narrenschiff", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174482