Die Examensarbeit untersucht linguistisch die private Chat-Kommunikation befreundeter Jugendlicher (14–16 Jahre) im Facebook-Chat, gestützt auf einen selbst erstellten Korpus aus 17 Chat-Mitschnitten.
Theorie: Nach Koch/Oesterreichers Nähe-Distanz-Modell ist der Chat medial schriftlich, konzeptionell aber mündlich – eine „Kreuzklassifikation“. Verglichen mit Face-to-Face-Gesprächen fehlt dem Chat der nonverbale Kanal, die Kommunikation ist nur „quasi-synchron“, dafür werden Beiträge dauerhaft archiviert. Zentrale Triebkraft ist die Ökonomisierung der Textproduktion (Tempo statt Norm).
Sprachliche Ebene: Großschreibung und Buchstaben-Iteration kompensieren fehlende Prosodie; Assimilationen, Tilgungen und Reduktionen ("haste", "is", "gesehn") bilden gesprochene Sprache ab; der Wortschatz ist umgangssprachlich, dialektal und anglizismenreich. Auffälligster Befund: Inflektive ("knuddel") und Akronyme ("g") fehlen im Korpus komplett – sie wurden offenbar durch Emoticons ersetzt, die überwiegend am Turnende stehen und expressive, evaluative sowie rituelle Funktionen erfüllen. Syntaktisch dominieren Ellipsen, Einwortsätze und Anakoluthe.
Dialogebene (nach Fritz): Sequenzmuster, Festlegungssystem, Wissensaufbau und Themenorganisation gleichen dem mündlichen Dialog. Unterschiede zeigen sich beim Sprecherwechsel, der technisch nach dem „Mühlen-Prinzip“ (Server-Eingangsreihenfolge statt geregeltem Turn-Taking) organisiert wird und zu thematischen „Verschränkungen“ führen kann, sowie bei den Gesprächsphasen: Begrüßungen entfallen häufig zugunsten direkter Anwesenheitsabfragen, Verabschiedungen fehlen oft ganz oder enden mit iterierten Kuss-Emoticons.
Fazit: Der Chat wird als eigenständige Hybridform zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit charakterisiert. Ältere sprachliche Phänomene (Inflektive, Akronyme) verschwinden zugunsten von Emoticons – ein Beleg für Sprachwandel. Die dialogische Grundstruktur bleibt medienunabhängig weitgehend erhalten, während Sprecherwechsel und Gesprächsphasen deutlich medienspezifisch geprägt sind.
Ausblick: Die Arbeit plädiert dafür, Chat-Kommunikation im Deutschunterricht (gemäß hessischem Lehrplan, Bereich „Reflexion über Sprache“) zu thematisieren, um Schülern bewusst zu machen, dass es sich um eine funktionale, situationsangemessene Sprachvariante und keinen „Sprachverfall“ handelt.
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- Lisa Lautenschläger (Auteur), 2012, Funktion und Struktur von dialogischen Kommunikationsformen in 'social networks', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1746629