In dieser Arbeit wird die in „Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes“ von den französischen Zirkusakrobaten gelebte Moralität analysiert und mit den sexuellen Moralvorstellungen des französischen Staates, seit der Trennung von Kirche und Staat im Zuge der Französischen Revolution von 1789, als auch mit denen Spaniens zurzeit der Franco Diktatur in historischen Bezug gesetzt und interpretiert.
Abschließend wird eine These zur persönlichen Wertung des Autors hinsichtlich dieses Themas formuliert.
In dem Roman „Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes”, aus dem Jahre 1944 bedient sich Camilo José Cela, der Begründer des schockierenden Realismus, dem tremendismo, der Gattung des 1554 anonym in Spanien veröffentlichten Schelmenromans „Lazarillo de Tormes“ und belebt ihn hinsichtlich der Thematik - Spanien im 20. Jahrhundert - wieder. In seinen Werken setzt Cela sich kritisch mit dem Bürgerkrieg und der Nachkriegszeit in Spanien auseinander und gerät mehrfach in Schwierigkeiten mit der Zensur.
In „Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes“ begegnet der Protagonist, ein Pícaro namens Lázarro, unterschiedlichen Herren auf seinen Reisen, wie zum Beispiel dem Büßer, Don Felipe oder dem Apotheker, Don Roque. Er lebt für eine gewisse Zeit mit ihnen zusammen und dient ihnen bis er weiterzieht. Im sechsten Kapitel des Romans (mit welchem sich diese Arbeit vornehmlich befasst) trifft Lázarro auf eine Gruppe französischer Zirkusakrobaten. Lázarro verspürt in diesem Kapitel zum ersten Mal in seinem Leben eine körperliche Anziehung zu einer Frau, Violette, obgleich er diese für ihre unmenschliche Art töten möchte. Gleichzeitig aber empfindet er tiefe platonische Liebe für die Französin, Marie, die trotz der schlechten Behandlung durch ihre Landsleute sich nicht beklagt und ihr Leid im Stillen erträgt.
Die von Cela dargestellte Leichtlebigkeit und die unmoralische Lebensweise der französischen Akrobaten drücken die damalige Auffassung des meinungsbildenden Teils Spaniens, der katholischen Kirche und der Falange, über Frankreich aus. La derecha tradicional und die Falange in Spanien charakterisierten Frankreichs moralische Haltung als sittenlos und abscheulich. Das konservative und von der katholischen Kirche in seinen moralischen Werten bestimmte Spanien war bemüht jeglichen ’sündhaften’ Einfluss seines Nachbarlandes zu unterbinden, um das Wertesystem des eigenen Staates nicht zu gefährden.
Inhaltsverzeichnis
1.0 Einleitung
2.0 Historische Merkmale der französischen Sexualmoral
2.1 Haltung von Staat und Kirche
2.2 Sexualmoral in der französischen Gesellschaft
3.0 Sexualrepression im Spanien der Franco-Diktatur
4.0 Die Sexualmoral im Tratado Sexto in „Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes“
4.1 Die Sexualmoral am Beispiel der französischen Zirkusakrobaten
4.2 Körperliche Anziehung am Beispiel von Lázarro und Violette
4.3 Platonische Liebe am Beispiel von Lázarro und Marie
5.0 These zu Celas Gesellschaftskritik
6.0 Zusammenfassung
7.0 Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung der Sexualmoral in Camilo José Celas Roman "Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes" vor dem Hintergrund des konservativen Spaniens der Franco-Diktatur und des liberaleren Frankreichs. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie der Autor durch die subtile Kontrastierung dieser gegensätzlichen Moralvorstellungen Kritik am restriktiven spanischen Regime sowie dessen Frauenbild übt.
- Historische Entwicklung der französischen Sexualmoral nach der Revolution
- Sexualrepression und gesellschaftliche Kontrolle im Spanien der Franco-Ära
- Analyse der Sexualmoral am Beispiel der französischen Zirkusakrobaten im Roman
- Kontrastierung der Frauenbilder von Violette und Marie
- Untersuchung der gesellschaftskritischen Intentionen des Autors Camilo José Cela
Auszug aus dem Buch
4.2 Körperliche Anziehung am Beispiel von Lázarro und Violette
Im sechsten Kapitel verspürt Lázarro erstmalig in seinem Leben eine sexuelle Anziehung zu einer Frau. Es handelt sich hierbei um die Französin Violette, von deren wunderschönen Augen er mehrfach eingenommen ist, obwohl er sie aufgrund ihrer unmenschlichen Art zu töten wünscht. Violette ist jung, attraktiv und verführerisch und ihre offene, unkeusche und provozierende Weise zu lachen beschämt den Pícaro. Ihre erotische Ausstrahlung und ihre unwiderstehliche Art rufen im jungfräulichen Lázarro eine Erschütterung hervor.
Die gleichzeitige Darstellung der schlechten und unmoralischen Charaktereigenschaften Violettes, wie der brutale Umgang mit Marie und ihre herrische Art, zeigen das ergänzende Gegenstück zur Verführerin, um das Bild einer femme fatale zu vervollständigen. Die Figur Violette ist offensichtlich ein Abbild der literarischen Figur la femme fatale, entstanden in der Literatur des fin de siècle. Sie stellt die schöne, verführerische und gleichzeitig verhängnisvolle Frau dar, die Lázarro in sein Unglück triebe, gäbe er sich ihrer hin.
In diesem Kapitel wird die Moral des Pícaros auf die Probe gestellt. Er muss seine Männlichkeit und Standhaftigkeit unter Beweis stellen. Nur wenn er sein sexuelles Verlangen zurückstellen kann, bleibt er seinen moralischen Ansprüchen treu.
Die Darstellung der Frau als schöne, unabhängige und verhängnisvolle Verführerin widerspricht dem Frauenbild im Spanien der Franco-Diktatur. So ist es nicht verwunderlich, dass Violettes Weiblichkeit als degeneriert dargestellt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des Schelmenromans von Camilo José Cela ein und erläutert den Fokus auf das sechste Kapitel sowie die Relevanz der dargestellten Sexualmoral.
2.0 Historische Merkmale der französischen Sexualmoral: Das Kapitel behandelt die Entwicklung hin zu einer liberaleren Rechtssprechung nach der Französischen Revolution und die entstehenden neuen Frauenbilder in der Literatur.
2.1 Haltung von Staat und Kirche: Hier wird die Trennung von Kirche und Staat in Frankreich sowie die daraus resultierende Verschiebung der Sexualgesetze in einen rationalen, laizistischen Kontext analysiert.
2.2 Sexualmoral in der französischen Gesellschaft: Dieses Kapitel erörtert die Zunahme der gesellschaftlichen Toleranz gegenüber abweichenden Sexualpraktiken und die Rolle der Frau, insbesondere in der Arbeiterklasse und Literatur.
3.0 Sexualrepression im Spanien der Franco-Diktatur: Diese Sektion beschreibt die Etablierung des Nationalkatholizismus unter Franco und die systematische Unterdrückung sexueller Freiheit sowie die spezifische Unterordnung der Frau.
4.0 Die Sexualmoral im Tratado Sexto in „Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes“: Einleitend wird hier die Darstellung der französischen Akrobaten im Roman als Zielscheibe konservativer spanischer Kritik eingeführt.
4.1 Die Sexualmoral am Beispiel der französischen Zirkusakrobaten: Hier werden spezifische, als unmoralisch empfundene Verhaltensweisen wie Inzest und Homosexualität im Kontext der französischen Gesetzgebung aufgezeigt.
4.2 Körperliche Anziehung am Beispiel von Lázarro und Violette: Dieses Kapitel fokussiert auf die Darstellung der femme fatale und die psychologische sowie moralische Prüfung des Protagonisten Lázarro.
4.3 Platonische Liebe am Beispiel von Lázarro und Marie: Hier wird die Figur der Marie als rein-geistiges Gegenstück zu Violette analysiert und ihr Vergleich mit der Jungfrau Maria sowie Maria Magdalena untersucht.
5.0 These zu Celas Gesellschaftskritik: Dieser Teil reflektiert Celas subtile Strategie, durch das vordergründige Kritisieren französischer "Sittenwidrigkeit" die konservative Moral des spanischen Regimes zu demaskieren.
6.0 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung bündelt die zentralen Ergebnisse zur Kontrastierung der Moralvorstellungen und Celas Plädoyer für eine gesellschaftliche Öffnung.
7.0 Bibliographie: Dieses Verzeichnis listet sämtliche verwendete Primär- und Sekundärquellen der wissenschaftlichen Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Camilo José Cela, Las Nuevas Andanzas y Desventuras de Lazarillo de Tormes, Sexualmoral, Franco-Diktatur, Sexualrepression, Frankreich, Schelmenroman, Pícaro, Gesellschaftskritik, Femme fatale, Katholische Kirche, Emanzipation, Literatur des 20. Jahrhunderts, Geschlechterrollen, Nationalkatholizismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung und Bedeutung der Sexualmoral im Roman von Camilo José Cela im Kontext des Vergleichs zwischen der liberalen französischen Gesellschaft und dem restriktiven, katholisch geprägten Spanien zur Zeit Francos.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung der Sexualmoral in Frankreich, den repressiven gesellschaftlichen Strukturen im Spanien der Diktatur, der Analyse von Frauenbildern in der Literatur sowie Celas versteckter Gesellschaftskritik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Cela durch die subtile Kontrastierung konträrer moralischer Wertesysteme die konservative Ideologie des Franco-Regimes und dessen Unterdrückung der Frau kritisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen und historischen Analyse, die das Werk in einen zeithistorischen Bezug setzt und durch Sekundärliteratur zur Sexualmoral und zum Schelmenroman stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den historischen Grundlagen, der Sexualrepression im Spanien jener Zeit, einer detaillierten Analyse der Zirkusakrobaten-Episode im Roman sowie der Untersuchung der zentralen Frauencharaktere Violette und Marie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Sexualmoral, Franco-Diktatur, Gesellschaftskritik, Schelmenroman, Femme fatale, Katholizismus, Geschlechterrollen und Emanzipation.
Inwiefern beeinflusste die spanische Zensur das Werk Celas?
Die Zensur zwang Cela dazu, seine Kritik indirekt und subtil zu formulieren. Er nutzte die scheinbar "sittenlosen" französischen Zirkusakrobaten als Instrument, um die Widersprüche des spanischen Moralideals aufzuzeigen, ohne direkt verboten zu werden.
Warum stellt Cela die Figuren Marie und Violette einander gegenüber?
Die Gegenüberstellung dient dazu, die Unvereinbarkeit des geforderten, idealisierten Frauenbildes (rein, passiv) mit der sozialen Realität zu verdeutlichen. Violette verkörpert die "verhängnisvolle" Frau, Marie das "reine" Ideal, wobei Cela aufzeigt, dass beide Extreme für eine Frau in der Realität nicht lebbar sind.
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- Anonym (Autor), 2008, Die französische Sexualmoral in "Las Nuevas Andanzas" und "Desventuras de Lazarillo de Tormes" von Camilo José Cela, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174990