Herman Kahn entwickelte in den 1960er Jahren eine Eskalationstheorie um die Intensität der Spannungen in einem bi- oder multilateralen Konflikt darstellen bzw. messen zu können. Gleichzeitig befasst sich Kahns Theorie mit den Mechanismen, welche einen Konflikt weiter eskalieren lassen und bietet damit auch einen Kompass an, wohin eine immer weitergehende Eskalation führen kann. Anhand des Irakisch-iranischen Krieges der 1980er Jahre sollen die Funktionen der Eskalationstheorie praktisch angewandt und die Zweckmässigkeit des theoretischen Instruments überprüft werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theorie
3 Fallbetrachtung (empirischer Teil)
3.1 Vorbedingungen des irakisch-iranischen Kriegs
3.2 Konfliktentwicklung unterhalb der Kriegsschwelle
3.3 Überschreiten der Kriegsschwelle
4 Schlussfolgerungen
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Eskalationsdynamik des irakisch-iranischen Krieges (1980–1988) auf Basis der Eskalationstheorie von Herman Kahn. Ziel ist es, die Faktoren zu identifizieren, die zur schrittweisen Ausweitung der bilateralen Spannungen bis hin zum offenen bewaffneten Konflikt führten, sowie die Rolle weiterer politischer und territorialer Interessen der beiden Staaten zu beleuchten.
- Anwendung der Eskalationstheorie auf einen konventionellen Konflikt
- Analyse der historischen und politischen Vorbedingungen (z.B. Grenzstreitigkeiten am Schatt al-Arab)
- Untersuchung der Eskalationsstufen von 1975 bis 1981
- Bewertung der Risikobereitschaft der politischen Führung in Irak und Iran
- Kritische Reflexion der Anwendbarkeit des theoretischen Modells auf den Fallbeispiel-Konflikt
Auszug aus dem Buch
3.2 Konfliktentwicklung unterhalb der Kriegsschwelle
Die Unterzeichnung des Abkommens von Algier durch die irakische Regierung erfolgte keineswegs freiwillig. Diese sah sich gezwungen, kurdische Aufstände im Nordirak, welche von iranischer Seite eingeleitet und unterstützt wurden, durch das Entgegenkommen in der Frage des Schatt al-Arab zu unterbinden. Die territoriale Integrität und der Erhalt der ölreichen Kurdenregion als wichtiger Bestandteil des Iraks waren gefährdet. Der Vertrag hatte demnach demütigenden Charakter für die irakische Seite (Swearingen 1988: 414). Zu diesem Zeitpunkt (und bereits zuvor) befanden sich die beiden Länder unterhalb der ersten Sprosse der Eskalationsleiter Kahns (disagreement – cold war). Der irakisch-iranische Antagonismus verharrte in diesem Zustand solange der Schah in Teheran an der Macht war. Noch 1978 war eine Steigerung des Konflikts undenkbar (Cordesman/Wagner 1990: 22). Mit der Islamischen Revolution, dem damit einhergehenden Sturz des Schahs und der Machtübernahme durch Khomeini änderte sich die seit mehr als dreissig Jahren etablierte Machtbalance am Golf (Ehteshami/Nonneman 1991:107). Vizepräsident Hussein begrüsste den Sturz des Schahs, nachdem dieser in den 1970er Jahren im Nordirak die Kurden gegen die Zentralregierung mobilisierte und von der irakischen Elite als Unruhestifter wahrgenommen wurde. Gleich zu Beginn der Islamischen Revolution im Winter 1979, war die irakische Risikobereitschaft daher nicht hoch und Hussein, der im selben Jahr irakischer Präsident wurde, nutzte die inneren Wirren im Iran vorerst nicht für eigene Zwecke aus (Mearsheimer/Walt 2003: 53; Stoessinger 1993: 182f.). Danach wurden die Sprossen der Eskalationsleiter aber schnell erklommen und führten in weniger als zwei Jahren zur Schwelle des Kriegs (Cordesman/Wagner 1990: 25).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert den zeitlichen Rahmen des Konflikts und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Eskalationsfaktoren zwischen Irak und Iran.
2 Theorie: Dieses Kapitel führt die Eskalationstheorie von Herman Kahn als analytisches Instrument ein und definiert zentrale Begriffe der Konflikteskalation.
3 Fallbetrachtung (empirischer Teil): Dieser Abschnitt wendet die Theorie auf die historische Entwicklung des Konflikts an, unterteilt in die Vorbedingungen sowie die Eskalationsphasen.
3.1 Vorbedingungen des irakisch-iranischen Kriegs: Untersuchung der historischen Rivalitäten, religiösen Spannungen und Grenzstreitigkeiten vor der Islamischen Revolution.
3.2 Konfliktentwicklung unterhalb der Kriegsschwelle: Analyse der politischen und militärischen Spannungen zwischen 1979 und 1980 unter Anwendung der Eskalationsleiter.
3.3 Überschreiten der Kriegsschwelle: Darstellung des direkten Übergangs in den großflächigen konventionellen Krieg im September 1980.
4 Schlussfolgerungen: Fazit über die Validität der Eskalationstheorie für den untersuchten Fall und Zusammenfassung der Erkenntnisse zur Risikobereitschaft der Akteure.
Schlüsselwörter
Irak, Iran, Eskalationstheorie, Herman Kahn, Schatt al-Arab, Islamische Revolution, Saddam Hussein, Ayatollah Khomeini, Internationale Beziehungen, Konflikteskalation, Kriegsschwelle, Grenzkonflikt, Geopolitik, Stellvertreterkrieg, Abschreckungstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Ursachen und die schrittweise Eskalation des irakisch-iranischen Krieges in den Jahren 1980 bis 1988.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die historischen und religiösen Spannungen, Grenzstreitigkeiten, die Machtverschiebung durch die Islamische Revolution im Iran sowie die Eskalationsdynamik zwischen den beiden Staaten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den spezifischen Faktoren, die dazu führten, dass sich die bilateralen Differenzen – insbesondere um den Schatt al-Arab – zu einem umfassenden internationalen Krieg ausweiteten.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Der Autor nutzt die Eskalationstheorie von Herman Kahn, um die Ereignisse in ein Stufenmodell der Konflikteskalation einzuordnen und zu erklären.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Vorbedingungen, die Eskalation unterhalb der Kriegsschwelle (1979–1980) und das schließliche Überschreiten dieser Schwelle im September 1980.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben der Eskalationstheorie der Schatt al-Arab-Konflikt, die Rolle von Saddam Hussein und Ayatollah Khomeini sowie der Begriff des "internationalen bewaffneten Konflikts".
Welche Rolle spielten die Staatsführer in der Eskalation?
Laut der Arbeit agierten Hussein und Khomeini aus stark egozentrischen Perspektiven, unterschätzten den Gegner und instrumentalisierten Religion und Geschichte zur Rechtfertigung ihrer Handlungen.
Warum war das "Abkommen von Algier" für den Irak bedeutsam?
Der Irak unterzeichnete das Abkommen 1975 unter Zwang, um iranische Unterstützung für kurdische Aufstände zu unterbinden; der daraus resultierende Verlust der exklusiven Kontrolle über den Schatt al-Arab wurde später von Hussein als Vorwand für den Krieg genutzt.
Eignet sich Kahns Theorie uneingeschränkt für diesen Konflikt?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Theorie zwar hilfreich zur Einordnung der Intensität ist, aber die Abfolge der Stufen zu deterministisch betrachtet und zu stark auf atomare Bedrohungsszenarien fokussiert ist.
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- M.A. Manuel Irman (Autor), 2008, Irakisch-iranischer Krieg 1980 - 1988, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175033