Der Diskurs und die Diagonale

Wenn sich das Denken in Falten legt


Essay, 2003
11 Seiten

Leseprobe

Übersicht

Um epistemologische Möglichkeitsbedingungen mannigfacher Verkürzung im und des Denkens durch das Denken wird es im folgenden gehen sowie des­sen Raum der diagonalen Verknappung als topologischer Eigenschaft des dis­kursiven Denkens überhaupt – das Denken in Propositionen[1] und Sätzen. To­pologisch stabilisiert werden die etablierten diskursiven Räume des abendlän­dischen Denkens durch je irgendetwas aussagende Assoziationen des den­kenden Subjekts. In dieser Ortschaft der Faltungen bewegt sich das Denken von Foucault und Deleuze. Neben den Grundaussagen über Historie, Dia­chronie und Genealogie, sind vor allem Foucaults methodische Axiome seiner Diskurstheorie von Bedeutung als Spielregeln und Prinzipien der Seinsweise des Diskurses. Foucault holte das historische Subjekt als Autor wieder in das Denken über das Denken an sich. Entscheidend hierin ist das Prinzip der Umkehr. Topologisch meint sie keine Rückwendung in die metaphysische Epoche, sondern eine genealogische Querstellung. Zu bedenken ist für Fou­cault das synchrone Ereignis des Denkens, nicht die Suche nach dessen his­torischen, d.h. eschatologisch gerichteten oder originären Schöpfungen:

Wo uns die Tradition die Quelle der Diskurse […] sehen läßt, nämlich in den anscheinend so positiven Figuren des Autors, der [wissenschaftlichen] Disziplin [und] des Willens zur Wahrheit, muß man eher das negative Spiel einer Beschneidung und Verknappung des Diskurses sehen. […] Vier Be­griffe müssen demnach der Analyse als regulative Prinzipien dienen: das Ereignis, die Serie, die Regelhaftigkeit und ihre Möglichkeitsbedingung. Die vier entgegengesetzten Begriffe Bedeutung, Ursprünglichkeit, Einheit und Schöpfung haben die traditionelle Geschichte der Ideen weitgehend be­herrscht, in der man […] die Einheit […] eines Gedankens, das Siegel ei­ner individuellen Originalität und den unendlichen Schatz verborgener Bedeu­tungen suchte.[2]

Ein solcher Begriff der Verknappung ist topologisch analysierbar. In Von der Subversion des Wissens benennt Foucault die Aussagenformationen der Post­moderne innerhalb diskursiver Räume der Verknappung als Das Denken des Außen. An dessen in Falten liegenden Rändern ist jedes Außen stets Innen, d.h. mit Derridas Neuhegelianischen Worten: Das Anderswo ist immer schon hier, denn wäre das Anderswo anderswo, wäre als ein solches nicht denkbar. Der wichtigste Foucault-Exeget Deleuze faßt diesen Gedanken im Begriff der Diagonale zusammen.

Foucault weist mit aller Strenge nach, daß die Widersprüche der Aussagen nur durch eine positive, im Raum der Knappheit meßbare Distanz existie­ren und daß die Vergleiche von Aussagen sich auf eine bewegliche Diagona­le beziehen, die es innerhalb dieses Raumes gestattet, ein und dieselbe [diskursive] Gesamtheit auf verschiedenen Ebenen direkt zu konfrontieren, […]. Es ist dieser [topologische] Raum der Verknappung, der diese Bewe­gungen, Transporte, ungewohnten [fraktalen] Dimensionen und Einteilun­gen erlaubt, diese lückenhafte und zerstückelte Form, die einen mit Erstau­nen feststellen läßt, nicht nur, daß wenige Dinge gesagt worden sind, son­dern daß immer nur wenige Dinge gesagt werden können.[3]

Um sich vor Augen führen zu können, wie es zu solchen Gedanken kommen konnte, ist ein kleiner ideengeschichtlicher Schritt zurück nötig.

Moderne und Diskursivität

More than half of modern culture depends on what one shouldn’t read.

O. Wilde, Importance of Being Earnest.

Die Moderne beginnt spätestens mit dem ideengeschichtlichen Gebrauch des Wortes modern. Der Begriff die Moderne wurde von dem Literaturhistoriker Eugen Wolff 1887 in Die Moderne, zur Revolution und Reform der Literatur pro­grammatisch geprägt für die naturalistische Literatur seiner Zeit. Literatur­theoretisch präzisiert hat er diesen Begriff 1888 in dem Aufsatz Die jüngste deutsche Literaturströmung und das Prinzip der Moderne:

Halt! [...] Wozu die vielen Worte? Sage uns endlich mit einem Namen, was dein gepriesenes neues Ideal, das Prinzip deiner neuen Dichtung ist. [...] Als man nun von allen Seiten: „Ein Wort! Ein Ideal!“ rief, sagte der Haus­herr [d.h. der Literaturhistoriker Wolff]: „Nun gut, so nenne ich im Gegen­satz zur Antike das moderne Ideal: Die Moderne.[4]

Mit dem Aufsatz Die Überwindung des Naturalismus verhalf Hermann Bahr diesem sehnsüchtigen Kunstprinzip 1891 zur programmatischen Durchset­zung. Drei weitere mit dem Wort Moderne überschriebene Aufsätze aus den Jahren 1890/91 bilden in diesem Sinne das Manifest der modernen Literatur- und Geisteswissenschaft.

Es kann sein, daß wir am Ende sind, am Tode der erschöpften Menschheit, […]. Es kann sein, daß wir am Anfange sind, an der Geburt einer neuen Menschheit, […]. Diese Auferstehung, […] das ist der Glaube der Moderne. […] Bis die Lüge in uns, das Anderssein, anders als der Dampf und das Elektrische, erwürgt ist. Wir haben nichts als das Außen zum Innen zu ma­chen, [… und] Eigentum zu erwerben. […] Der Einzug des auswärtigen Le­bens in den innern Geist, das ist die neue Kunst. […] Und es wird die neue Religion sein. Denn Kunst, Wissenschaft und Religion sind dasselbe.[5]

Zweifel an der gesellschaftlichen und erkenntnistheoretischen Bedeutung der modernen Geisteswissenschaften folgten. Ihre wesentliche Methode ist die der Verfremdung, d.h. Diskursivierung als kritische Distanzierung des Allzu-Na­hen « Innerhalb der sich so entfaltenden Theoriebildung über historisch-kultu­relle Wirklichkeiten etablierte sich die Kulturwissenschaft zur modernen Geis­teswissenschaft par excellence.[6] Und dennoch bemerkt Dietmar Kamper:

Wir haben uns angewöhnt, von Geisteswissenschaften wie von Geisterwis­senschaften zu sprechen. Ähnlich wie Geisterstädte sind sie nicht mehr be­wohnbar, aber es gibt sie noch, und man kann, indem man sie durchstreift, sehr viel von dem entdecken, was einmal Gegenstand wissenschaftlichen Interesses gewesen ist. […]. Die Gegenstandslosigkeit [der modernen Geis­teswissenschaft ist] ein Effekt der Arbeit am Gegenstand und das Wissen des Effekts muß endlich in die Wissenschaften selbst rückgekoppelt wer­den.[7]

Genau hier beginnt das gefahrvolle Selbstverständnis der Kulturwissenschaft als interdisziplinäre Wissenschaft. Die kulturwissenschaftliche Analyse jener Sinneffekte kann „zu Tode Verstandenes produzieren, das in gar keiner Wei­se mehr integriert werden kann,“[8] d.h. keinem Diskurs erkenntniserweiternd zu­schreibbar ist und im medialen Rauschen aufgrund eines nicht identifizierba­ren Diskursiven an sich untergeht. Die Frage, ob das Differential aller inter­diskursiven Ähnlichkeiten sich metaphysisch als das Diskursive an sich, will sagen, als Urszene eines ersten signifikanten Bedeutungseffektes denken läßt, ist bis heute unbeantwortet.[9]

[...]


[1] Eine Proposition ist die kleinste Wissenseinheit, die eine selbständige von anderen Wis­senseinheiten unabhängige Aussage bilden kann (schwache Definition) bzw. die kleinste ausdrückliche Einheit, die wahr oder falsch sein kann (starke Definition).

[2] Foucault 1998, 34f.

[3] Deleuze 1987, 11f .

[4] Wolff 1998, 67 bis 69.

[5] Bahr 1998.

[6] Vgl. Reinalter 1998, 11f .

[7] Kamper 1998, 25f .

[8] Kamper 1998, 27.

[9] Vgl. Fohrmann 1988, 13 bis 15.

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Details

Titel
Der Diskurs und die Diagonale
Untertitel
Wenn sich das Denken in Falten legt
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Autor
Jahr
2003
Seiten
11
Katalognummer
V176147
ISBN (eBook)
9783640972043
ISBN (Buch)
9783640973057
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Denken, Diskurs, Topologie, Erkenntnistheorie, Diskurstheorie, Foucault, Deleuze
Arbeit zitieren
Dr. phil. Robert Dennhardt (Autor), 2003, Der Diskurs und die Diagonale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176147

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