Sozialistisches Schweigen im moralischen Morast

Seghers und Janka im Spannungsfeld politischer Ideologie und moralischer Verpflichtung


Seminararbeit, 2010

35 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Philosophische Grundlegung zur marxistischen Parteipolitik der SU und der DDR

2. Die Anziehung des totalitären Systems und deren Machtmechanismen
2.1. „Die große Sehnsucht des freischwebenden Intellektuellen ist es, zur Masse zu gehören.“
2.2. Ketman und Murti-Bing
2.3. Der Geständniszwang in Schauprozessen und deren Parallelen zur Psychoanalyse

3. Die sozialistische Ideologie als moralisches Spannungsfeld
3.1. Die moralische Verpflichtung des Einzelnen gegenüber sich selbst und gegenüber dem Staat
3.2. Walter Janka und Anna Seghers moralische Positionierung

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ ist der Titel Walter Jankas verschriftlichter Memoiren aus der DDR –Zeit. Im Zentrum stehen der gegen ihn geführte Schauprozess, seine Gefangenschaft in Bautzen, vor allem aber seine Enttäuschung gegenüber seiner Schriftstellerkollegin Anna Seghers. Als Janka angeklagt wurde, widersprach sie nicht den gegen ihn angeführten, ungerechtfertigten Anschuldigungen, die Regierung stürzen zu wollen.

Dennoch blieb Janka bis zuletzt seinen Idealen, die ihn an den gelebten Sozialismus glauben ließen, treu.

Wahr ist, was dem sozialistischen Ideal entspricht. Was dem sozialistischen Ideal entspricht, entscheiden die Regierungsfunktionäre. Wahrheit und Notwendigkeit fallen ineinander. Die Notwendigkeit beruht auf den gegebenen (Produktions-) Verhältnissen und untersteht deshalb einem steten Wandel.

Wahrheit, aus derer ich Erkenntnisse gewinne, kann in diesem Kontext nicht unabhängig, subjektiv gewonnen werden, da die transzendentale Basis, welche dem Einzelnen Autonomie einräumt und zugleich für die Reproduzierbarkeit von Erkenntnissen notwendig ist, fehlt. Der materialistische-sozialistische Marxismus, wie in der SU und der DDR, koppelt seine Wahrheit(en) an die Obrigkeit. Wahrheit richtet sich nach empirischen Gegebenheiten.

Beide Wahrheitsentwürfe haben Absolutheitsanspruch, auf transzendentaler Basis in metaphysischer Hinsicht und gänzlich unabhängig von der Organisation eines Staates, im totalitären Staat, dahingehend, dass die Staatsführung die postulierten Wahrheiten bedingen, beide ineinander fallen.

„In dem Maße, wie der Mensch seine Pflichten gegenüber der Gemeinschaft freiwillig und freudig zu erfüllen lernt, wird die Dosis des Terrors herabgesetzt werden. So endlich soll der freie Mensch geboren werden.

Ob er bei solchen Methoden wirklich erscheinen wird, ist eine Sache des Glaubens. Wenn die Freiheit auf dem Begreifen der Notwendigkeit beruht, d.h. wenn sie darin besteht, daß der Mensch das volle Bewußtsein erlangt, in dem das Vernünftige und das Notwendige identisch sind, dann ist es wahrscheinlich so. In diesem Sinne war der Kommunist, der drei Jahre im Gefängnis und in Arbeitslagern verbracht hat, ein freier Mensch, da er die über ihn und seinesgleichen verhängten Maßnahmen für vernünftig und notwendig hielt. In diesem Sinne haben die Schriftsteller der Volksdemokraten recht, wenn sie behaupten, der freie Mensch sei- in Gestalt des Sowjetmenschen- schon geboren.“[1]

Schwierigkeiten bereitet Janka die Unterschiedenheit der beiden Wahrheitsentwürfe, woraus ein moralisches Dilemma zwischen Moralität a priori und dem Ideal einer Gesellschaftsordnung a posteriori, entspringt, um welches sich diese Arbeit darzulegen und eine Auflösung zu entwerfen bemüht.

Zunächst soll die philosophische Grundlage der Thematik formuliert werden, um darauf folgend ähnlich geartete Probleme innerhalb der DDR- und SU-Literatur heranzuziehen und zuletzt zu einem Ergebnis in der Schlussbetrachtung zu gelangen.

1. Philosophische Grundlegung zur marxistischen Parteipolitik der SU und der DDR

Der Stalinismus ist auf Paradoxen aufgebaut, dessen Aporien der totalitäre Staat mit Gewalt und vor allem mit ebenso widersprüchlich erscheinender Methode aufzulösen versuchte, wie der Schauprozess gegen Walter Janka dafür beispielgebend ist.

Um ein Phänomen wie den in „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ dargelegten Prozess verstehen zu wollen, müssen die Anfangsgründe dafür erörtert werden und diese liegen in seinem Ursprunge im Marxismus.

In der Geschichte der kommunistischen Partei der Sowjetunion findet sich unter den Schlussfolgerungen folgende Äußerung Lenins:

„Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die tatsächliche Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Mann.“, schrieb Lenin. „Einen Fehler offen zuzugeben, seine Ursachen aufzudecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen – das ist das Merkmal einer ernsthaften Partei, das heißt Erziehung und Schulung der Klasse n und dann auch der Masse.[2]

Karl Marx gehörte dem linken Flügel der Hegelianer an, welche seine Philosophie vor allem wirtschaftspolitisch noch nicht zu Ende gedacht sahen. Den wesentlichsten Kern der Hegel’schen Philosophie- den dialektischen Vollzug der Geschichte- reicherte Marx mit dem Materialismus an und schaffte so die Grundlage auf derer sich zunächst Lenin, dann Stalin für ihre Zwecke zu instrumentalisieren wussten.

Hegel begriff die Geschichte als ständiger Kampf der Klassen, als gesellschaftliche Entwürfe von These und Antithese hin zur Synthese, eine Entwicklung in Kreisen, wie Hegel es formulierte. So emanzipierten sich im Laufe der Jahrhunderte gesellschaftliche Schichten, deren Kämpfe sich verlagerten von Sklaverei versus Herrscher bis hin zum modernen (für Hegel damals der weitgehend demokratisch organisierte monarchische preußische) Staat.

Dass jene Klassenkämpfe natürlich zur Entwicklung des Menschen hin zum Geist, also der höchsten Seinsstufe notwenig sind, beschreibt Hegel in der Phänomenologie des Geistes im Kapitel Herrschaft und Knechtschaft.[3]

Zunächst weiß sich der Mensch als ein Selbst und abstrahiert sich somit von seiner Umwelt als dieses. In einem zweiten Schritt gelangt der Mensch durch die Reflexion dieser Erkenntnis, also seines Selbsts zu einem Bewusstsein. Erst jedoch wenn ein Individuum auf ein anderes trifft kommt es zu einem Kampf auf Leben und Tod (sei es metaphorisch bzw. zum Teil der Geschichtsschreibung wohl auch wortwörtlich gemeint), in dem sich ein Selbst einem anderen Selbst unterwerfen muss. Derjenige der sich unterwirft, wird zum Knecht des Überlegenen, dem Herrn. Der Knecht arbeitet nun für den Herrn. Problematisch ist hierbei, dass der Herr sein Selbstbewusstsein ja nur durch den Knecht bedingt erhalten hat, jemand, den er nun nicht achtet, denn er ist ihm unterworfen; das Selbstbewusstsein erlangt seiner Selbst durch das „Nicht-Werden“ eines anderes, bedingt sich dadurch in der Negation. Aufgelöst wird das Paradox durch die Anerkennung der gegenseitigen Determination und der Wertschätzung des Herrn gegenüber des Knechtes Arbeit, ohne dessen er sein Selbstbewusstsein nicht erlangen hätte können.[4]

Dieser wesentliche Aspekt der Wertschätzung der Arbeit, als Grundlage menschlichen Seins, wird von Marxismus-Leninismus übernommen und soll Baustoff der stalinistischen Philosophie werden und über Jahrzehnte hinweg Staaten in seinen Grundfesten konstituieren. Wesentlich ist jedoch ebenso das Denken in Paradoxen als notwendige Konsequenz, ausgehend von der Hegel’schen Philosophie. Denn ebenso wie die zunächst erscheinende Aporie der Konstitution des Selbstbewusstseins des Herrschers gegenüber dem Knecht, nur durch Annahme, also Inklusion der antithetischen Formulierungen aufgelöst werden kann, ist es möglich die Funktionsweise eines Staates wie dem der DDR zu begreifen.

Hegel brachte die antithetischen Voraussetzungen für den Vollzug eines Begriffes anhand eines Beispiels anschaulich, in dem er darüber philosophiert, was es heißt anzufangen. Wenn man mit etwas beginnt, bedeutet das, dass es etwas nicht ist, es aber bald da sein soll, es impliziert ein Werden. Dieses Werden inkludiert sowohl Nicht-Sein, als auch Sein, eine doppelte Negation, die sich zu Gunsten eines Begriffes aufhebt und sich so als etwas Seiendes und Begreifbares vollzieht.

Das Denken in Paradoxen, was die Dialektik der Geschichte impliziert, ist also Schlüssel zum Verständnis des Hegel’schen Weltverständnisses und davon übernommen der Marxistisch-Leninistischen Philosophie, was für spätere Überlegungen tragender Ausgangspunkt sein wird. Was hinzukommt ist, wie bereits vorweg genommen, der Marxistische Materialismus.

Im Gegensatz zum Idealismus erteilt der Materialismus den sinnlichen Eindrücken den Vorzug gegenüber den Ideen bzw. der Kognition. Nicht die Umwelt ist Abbild unserer Ideen, die wir von der Welt haben (Platon), sondern die Welt in ihren Verhältnissen ist maßstabgebend für die Erkenntnis derselben.

Der Materialismus findet sich als Sensualismus bei Feuerbach wider, ebenso bei La Mettrie, der einen mechanistischen Schwerpunkt setzt und ist wesentlicher Bestandteil der englischen Empiristen, wie beispielsweise bei Francis Bacon. Das Besondere jedoch des marxistischen Materialismus ist die Fokussierung auf die Produktionsverhältnisse, anhand derer sich das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft verhält. So integriert Marx in die Dialektik der Geschichte, den Wert der Arbeit, denn, wie auch schon bei Hegel formuliert, spiegelt sich die Gesellschaft in den jeweiligen Produktionsverhältnissen wider und ist so ausschlaggebend für die Genese des Individuums, welches als Abbild der Gesellschaft fungiert.[5]

Der Klassenkampf realisiert sich anhand der Produktionsverhältnisse, denn wie Marx und Engels im Manifest der Kommunistischen Partei festhalten, kann ein Arbeiter, der gerade soviel Lohn erhält um sich selbst satt zu bekommen und der Ausbeutung seines Arbeitgebers (wie bei Hegel als Herrschaft und Knechtschaft begriffen) unterlegen ist, nicht hin zu einem höheren Dasein entwickeln. Es muss so notwendig zu einem Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie kommen, die in der vollkommenen Umwerfung der bisherigen Verhältnisse mündet, der kommunistischen Gesellschaft. Denn nur in einer solchen, in der es kein Privateigentum mehr gibt, Geld als Kommunikations-und Machtmittel dem der Philosophie, somit der sprachlichen Ausgestaltung und Praxis einer philosophischen Konzeption, weichen. Und, um hier bei Hegel anzuschließen, erlangt das Selbstbewusstsein, das nun auch als Resultat des Klassenkampfes gesehen werden kann, seines höchste Daseinsform, also Geist, durch die Erkenntnis der vorangegangenen Aporien, die in der, so von Marx weitergedacht, Determination der Menschen von den Produktionsverhältnissen (Marx’scher Materialismus) gründen. Die Einsicht darin, der Vollzug der materialistischen Determination des menschlichen Individuum in seiner Dialektik entbehrt sich Transzendentalität eines Gottesbegriffes, macht ihn obsolet. Einen Gott kann es nicht geben, denn das religiöse Bedürfnis schwindet mit der eben gewonnen Erkenntnis. Hier liegt die Begründung des notwendigen atheistischen Kommunismus. Ebenso wie die Religion in ihrer Daseinsform schwindet- diese wurde durch den Personenkult an Stalin bzw. der Parteien an sich ersetzt- so auch die Kunst. Die monotheistische Religionen setzten einen personalen Gott als metaphysischen Anfangsgrund, somit Daseinsbestimmung des Menschen, da diese durch die Sinnlichkeit und Gebundenheit an Produktionsverhältnisse abgegeben wurde, ist Gott die Daseinsberechtigung entzogen worden. Und da die Kunst, nebst der ästhetischen Funktion, vor allem eine Form des Strebens nach dem Göttlichen (Abstraktion des Weltlichen, Erschaffen von Ideen, die Kunst als Huldigung einer höheren Daseinsform und somit unbedingt an Transzendenz gebunden) beinhaltet, muss auch sie, wenn schon nicht weichen, - denn sie ist dem Menschen seit je her Bedürfnis- und hier wäre der Kritikpunkt an eine marxistische Philosophie anzusetzen- so umstrukturiert werden. Diese Umstrukturierung trägt in der DDR den Namen realistischer Sozialismus. Die Kunst wird auf die Widergabe einer möglichst ideal skizzierten sozialistischen Gesellschaft reduziert und dient propagandistischen Zwecken.

Demnach ist die ganze kommunistische Gesellschaft, nach marxistischem Vorbild, von dessen Philosophie durchdrungen und radikalisiert sich in totalitären Systemen wie jenes in der ehem. SU oder, ausgehend davon, in die DDR importiert. Dass alle Räder mit dem starken Parteiarm angetrieben werden, setzt den gleichmäßigen Gang voraus. Im Gegensatz zum Kapitalismus ist es für den Kommunismus unumgänglich, dass die Menschen im kollektiven Einverständnis (wenn auch erzwungen) agieren, da ein gemeinsames Bewusstsein- der Geist als höchste Stufe desselben- Voraussetzung für die Funktion des kommunistischen Staates ist, garantiert die Staatsicherheit für die kognitive Gleichschaltung. Das erklärt die Einschüchterungsmaßnahmen, die von der Partei getroffen werden, sobald sie sich in Existenzbedrängnis gesetzt sieht. Die Konsequenz daraus- Gulag für so bezeichnete Trotzkisten oder Bautzen, das gelbe Elend, welches Strafausmaß auch immer für so genannte Abweichler gewählt wurde, hat nichts mehr mit Marx zu tun, sondern ist Ausdruck instrumentalisiertes Gedankenguts zu Gunsten des Machthungers. Der Maßnahmen derer sich dabei bedient wurden sind zahllose Menschen zum Opfer gefallen, um Exempel zu statuieren.

Die absolute Gleichschaltung aller, garantiert den Bestand totalitärere Systemen, weshalb die manipulative Kraft des Staates, Menschen zur Selbstaufgabe, mithin zur Unmündigkeit – insbesondere in moralischen Fragen- zwingt.

2. Die Anziehung des totalitären Systems und deren Machtmechanismen

2.1. „Die große Sehnsucht des freischwebenden Intellektuellen ist es, zur Masse zu gehören.“

Samjatin verfasste in den 1920er Jahren den dystopischen Roman „Wir“, für den er geächtet wurde und schließlich die SU verließ. Die kommunistische Partei sah in Samjatins Roman harsche Kritik am totalitären System und die eigenen politischen Bestrebungen gefährdet. Tatsächlich nimmt der Roman fast visionär wesentliche (wenn auch überzeichnete) Aspekte der Säuberungspolitik in der SU und in der DDR vorweg.[6]

„In hundertzwanzig Tagen ist unser erstes Raketenflugzeug Integral vollendet. Es naht die große historische Stunde, da sich die Integral in den Weltraum aufschwingen wird. Vor einem Jahrtausend haben eure heroischen Vorfahren diesen Planeten dem Einzigen Staat untertan gemacht. Eure Aufgabe ist es, jene unbekannten Wesen, die auf anderen Planeten – vielleicht auch in dem unzivilisiertem Zustand der Freiheit – leben, unter das segensreiche Joch der Vernunft zu beugen. Sollten sie nicht begreifen, daß wir ihnen ein mathematisch-fehlerfreies Glück bringen, haben wir die Pflicht, sie zu einem glücklichen Leben zu zwingen.“[7]

Der erste Absatz des Romans fasst den Inhalt der Erzählung, zugleich befürchtete und zum Teil bereits vollzogenen Zukunftsvorstellungen des Autors gegenüber seines eigenen Staates, zusammen. In überzeichneter Darstellung beschreibt der Text, in Form von Tagebuchaufzeichnungen, die (beinahe) absolute Kontrolle des Staates über seine Bürger. Das Tagebuch wird von D-503 geführt, dem Konstrukteur des Integrals, welche, als vollendenden Akt des einzigen Staates, auch alles andere Leben in ihr System zwingen soll. Jeder einzelne Tag ist bis auf zwei Stunden organisiert, gläsern und untersteht ständiger Zensur.

In den zwei übrig gebliebenen, privaten Stunden dürfen an Geschlechtstagen rosa Billets eingelöst werden. Selbst das Sexualleben untersteht der Kontrolle, Privatangelegenheiten gibt es nicht, der „Einzige Staat“ beansprucht jeden Einzelnen, in jedem Moment seines Lebensvollzuges, für sich.[8]

Der allgegenwärtige Staat existierte, wenn auch vielleicht nicht in dieser radikalisierten Form, ebenso in der DDR. Wenn jeder Augenblick, wie der Moment eines moralischen Dilemmas zwischen Freunden, zugleich Staatsangelegenheit ist, skizziert Seghers Schweigen im Gericht, unter diesem Gesichtspunkt, absolute Loyalität zur SED, die sogar den Verrat eines Freundes miteinschließt. Der Staat speist alle aus.

Seghers ist zur Schriftstellerin und intellektuellen Autorität in ihrer und durch ihre Partei geworden. Was und wie geschrieben werden darf, schreibt der sozialistische Realismus vor und was geschrieben wird, ist paradigmatisch für das was geglaubt und gewusst werden darf. Analog zu Samjatins Naphta-Nahrung[9], die bereits alle Inhaltsstoffe beinhaltet, die die Bürger des einzigen Staates brauchen, konsumierten die Bürger der DDR tagtäglich in den Medien, in der, für sie zugänglichen, Literaturlandschaft, was gebraucht und gewollt wird.

„Die Literatur des „sozialistischen Realismus“ ist ungemein nützlich – aber nur für die Partei. (…) Es ist daher die Aufgabe der Literatur, für die Leser, die in der von der Partei angezeigten Richtung streben, Vorbilder zu schaffen. (…) Diese Reglementierung der Literatur und Kunst überhaupt führt zu einem hundertprozentigem Konformismus.“[10]

Als erfolgreiche Autorin der DDR ist diese notwendig eng an die politische Ideologie des Staates gebunden, da sie erst die Möglichkeit des Schriftsteller Daseins erbringt. Insofern muss sich auch Seghers als Teil der Partei und notwendige Funktionärin der Doktrin, verstanden haben.

„Aber wieder sind die grundlegenden Prinzipien universell gültig, das große geistige Schisma ist überbrückt worden. Der dialektische Materialismus hat alle miteinander vereinigt; und wie einst bestimmt eine Philosophie (d.h. die Dialektik) wieder alle Äußerungen des Lebens.“[11]

Unter dieser Prämisse des „sich als innerhalb des Staates zu begreifenden Seins“, ist ein Widerspruch gegen ihn, ein Widerspruch gegen sich selbst.

Seghers Nicht-Agieren im Gericht muss ein, in ihr stattfindender, Konflikt zwischen Selbstverleugnung (als sich durch den Staat sich begreifendes Seiendes) und moralischer Verpflichtung zuvor gegangen sein.

Philosophisch betrachtet, lässt sich die Identifikation mit dem Staat als die Dimension des Glaubens, im Sinne der Transzendenz, mithin den weiter unbegründbaren Ursprungsgrund alles Seienden begreifen.

Der dialektische Materialismus, wie er sich in der DDR (und noch viel radikaler in der SU) realisierte, schafft jene soziale und politische Voraussetzungen, in denen der Mensch aufhört, anderes als notwendig (d.h. indoktriniert) zu denken und zu schreiben.[12]

Hingegen die moralische Verpflichtung im Glauben an ein allgemeines Vernunftprinzip (in diesem Fall das Vernunftprinzip der SED) zwar in ihrer Begründung a priori, doch in ihren Handlungskonsequenzen a posteriori ist. Der Glauben, die Transzendentalität als konstituierendes Erstes wäre in seinen Grundfesten erschüttert, wäre die Handlungskonsequenz dem entgegen gerichtet. Konstituiert sich jedes Seiende aus dem, allen zu Grunde liegenden – die Partei-, so bedeutete ein Zuwiderhandeln Seghers ein Zuwiderhandeln gegenüber dem, als was sie sich selbst begriff.

„Doch da kam sie schon. Sie trug ein kurzes, altmodisches gelbes Kleid, einen schwarzen Hut und schwarze Strümpfe. Das Kleid war aus dünner Seide, ich konnte hindurchsehen und erkennen, daß die Strümpfe bis übers Knie reichten. Ihr Hals war entblößt, ich sah den Schatten zwischen ihren Brüsten…

„Das soll wohl originell sein, aber glauben Sie denn wirklich…“

„Ja“, unterbrach mich I, „originell sein heißt, sich von den anderen unterscheiden. Folglich zerstört die Originalität die Gleichheit…Das, was in der idiotischen Sprache unserer Ahnen banal sein bedeutete, das heißt bei uns: seine Pflicht erfüllen(…)“[13]

Dergestalt hatte Seghers in ihrer Nicht-Unterschiedenheit, im Gegensatz zu Janka, nicht nur ihre Pflicht gegenüber dem Staat erfüllt, sondern ebenso gegen sich selbst.

Die loyalitätsgebundene Instanz zwischen einem Einzelnen (Schriftsteller) und dem Staat als notwendiges Regulativ beschreibt Czeslaw Milosz in Verführtes Denken mit dem Begriff des Ketman, übernommen von Gobineau.

2.2. Ketman und Murti-Bing

Ketman bedeutet seine eigenen Gefühle und inneren Überzeugungen nicht zu zeigen und hinter einer gesellschaftlichen Maske, die einem bestimmten, gewünschten Habitus folgt, zu verbergen. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen des Ketman, je nach Charaktertyp seines Trägers.[14]

Jene Charaktertypen zeichnet Milosz anhand von vier Schriftstellerkollegen nach, die er als Alpha, Beta, Gamma und Delta bezeichnet. Jeder der vier wählt eine Form des „Sich-Arrangierens“ mit der herrschenden Doktrin, um sich seine Existenz, auch wirtschaftlich, zu sichern. Das Gemeinsame beruht auf einer, bis zur Perfektion gebrachten, Maskierung des Selbst, bis hin zum Selbstverlust und Übernahme des Imaginierten.

„Ketman beruht also, wie man deutlich sieht, auf einer Selbstverwirklichung gegen die äußeren Umstände. Wer Ketman übt, leidet zwar an dem Widerstand, auf den er stößt, doch würde dieser Widerstand plötzlich beseitigt, befände er sich in einer Leere, die ihm womöglich noch viel unangenehmer wäre. Die innere Auflehnung ist manchmal zur Gesundung nötig, sie verschafft eine besondere Art von Glücksgefühl. Der geheime Garten des Ungesagtbleibenden bewahrt seinen eigenen Zauber. Wenn für die meisten Menschen ein Leben in ständiger Spannung und Wachsamkeit auch eine Folterqual sein mag, so gewährt es hingegen zahlreichen Intellektuellen eine masochistische Lust.“[15]

[...]


[1] zit.n. Milosz 1980. S.232

[2] zit.n Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Hrsg. von B. N. Ponomarjow, W. M.Chwostow, A.P. Kutschkin ua. S.951

[3] vgl. Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes. Stuttgart: Reclam 2003. S.79-171

[4] vgl. Coreth, Emerich/ Ehlen, Peter/ Schmidt Josef. Philosophie des 19.Jahrhunderts. Grundkurs Philosophie 9. 3. durchgesehene Auflage. Stuttgart: Kohlhammer 1997.S. 79-170

[5] vgl. Coreth 1997. S. 173

[6] zit.n. Milosz 1980. S.20

[7] zit.n. Samjatin, Jewgenij: Wir. Hrsg. von Wolfgang Jeschke. 2. Neuauflage. München: Heyne 1982. S.5

[8] vgl. Samjatin 1982. S. 16

[9] vgl. Samjatin 1982. S.18

[10] zit.n. Milosz 1980. S.212f

[11] zit.n. Milosz 1980. S.21

[12] vgl. Milosz 1980. S. 24

[13] zit.n. Samjatin 1982. S.22f

[14] vgl. Milosz 1980. S.65

[15] zit.n. Milosz 1980. S.88f

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Sozialistisches Schweigen im moralischen Morast
Untertitel
Seghers und Janka im Spannungsfeld politischer Ideologie und moralischer Verpflichtung
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
35
Katalognummer
V176336
ISBN (eBook)
9783640974429
ISBN (Buch)
9783640974658
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sozialistisches, schweigen, morast, seghers, janka, spannungsfeld, ideologie, verpflichtung
Arbeit zitieren
Anneliese Rieger (Autor), 2010, Sozialistisches Schweigen im moralischen Morast , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176336

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