Als der ehemalige Rüstungslobbyist Karlheinz Schreiber am 2. August 2009 von der kanadischen an die deutsche Justiz ausgeliefert wurde, beherrschte einer der größten Fälle politischer Korruption, den es in der Bundesrepublik Deutsch-land je gab, erneut für einige Tage die Schlagzeilen. Tageszeitungen, Magazi-ne, Fernsehnachrichten und Online-Medien berichteten im Zuge der Ausliefe-rung Schreibers retrospektiv über den CDU-Parteispendenskandal der 90er Jahre, in dem Schreiber eine Schlüsselrolle gespielt hatte. Der Fall prägte sei-nerzeit über Monate die öffentliche und mediale Agenda in Deutschland und trug dazu bei, dass das Image vom korruptionsfreien Deutschland bröckelte. Spätestens nach dieser Affäre war die Tatsache, dass es hierzulande Korrupti-on gibt, auch im öffentlichen Bewusstsein angekommen.
Im Zuge der Aufdeckung populärer Korruptionsfälle stieg das Interesse am Phänomen Korruption. Mittlerweile wird die Korruption in Deutschland als „Wachstumsbranche“ oder gar als „Spiegel der politischen Kultur“ bezeichnet. Korruption ist kein Randphänomen mehr, das sich aus dem moralischen Versa-gen und der Gier einiger weniger ergibt. Korruption hat mittlerweile einen festen Platz in der medialen und der öffentlichen Debatte.
Korruptionsfälle finden oft und schnell den Weg auf die Titelseiten der großen Tageszeitungen. Auch politische Magazine, egal ob in Zeitungen, Zeitschriften oder TV-Formaten, nehmen sich diesem Thema gerne an. Korruptionsfälle sind meist Skandale oder werden nicht zuletzt durch die Medien zu solchen ge-macht. Doch welche Rolle spielen die Massenmedien generell bei der Aufklä-rung politischer Korruption und im öffentlichen Diskurs über dieses Thema? Welche Funktion haben Massenmedien im politischen System der BRD? Wie ist es möglich, dass Massenmedien die Ermittlungsarbeiten bei großen Korrupti-onsfällen durch verfrühte Publikation von Informationen behindern, wie bei der Siemens-Schmiergeldaffäre geschehen? Welchen Beitrag leisten investigativ vorgehende Journalisten, wie beispielsweise Hans Leyendecker bei der Aufklä-rung politischer Korruption? Und sind Massenmedien möglicherweise selbst korrumpiert?
Ziel dieser Magisterarbeit soll es sein, die Rolle der Massenmedien bei der Aufklärung und der Bekämpfung politischer Korruption zu beleuchten. Außer-dem soll der Einfluss der Massenmedien auf das Verständnis von Korruption in der Öffentlichkeit untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Was ist politische Korruption? – Definitorische Annäherung
3 Kritik am deutschen Strafrecht und Formen politischer Korruption
4 Massenmedien und Politik
4.1 Rechtliche Verankerung
4.2 Die politische Funktion von Massenmedien
5 Massenmedien und Öffentlichkeit
5.1 Öffentliche Meinung
5.2 Themen und ihre Wahrnehmung
6 Massenmedien und Korruptionssenkung
6.1 Weniger Korruption durch mehr Pressefreiheit
6.2 Mehr Internet – weniger Korruption?
7 Korruption in der Berichterstattung
7.1 Korruption – der ewige Skandal
7.2 Korruptionsberichterstattung in den Medien – ein Vergleich
7.3 Der Corruption Perception Index in den Online-Medien
8 Transparenz durch Medienpräsenz
8.1 Investigativjournalismus
8.2 Recherche und das Informationsfreiheitsgesetz
8.3 Überforderter Lokaljournalismus?
8.4 Whistleblower und die Massenmedien
8.4.1 Massenmedien als Adressat
8.4.2 Massenmedien als Aufklärer über Whistleblowing
8.4.3 Massenmedien als Plattform für Whistleblower
8.4.4 Massenmedien als Whistleblower
9 Exkurs: Die Medien als Teil des Problems
10 Zusammenführung und Schlussgedanken
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, die Rolle der Massenmedien bei der Aufklärung und Bekämpfung politischer Korruption in Deutschland zu analysieren und deren Einfluss auf das öffentliche Korruptionsverständnis zu untersuchen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Medien ihre Kontrollfunktion wahrnehmen und inwieweit sie durch strukturelle Abhängigkeiten selbst zu einem Teil des Korruptionsproblems werden können.
- Wechselwirkungen zwischen Politik, Medien und Gesellschaft
- Die Rolle der Medien als „Vierte Gewalt“ im Kontext der Korruptionsaufklärung
- Mechanismen der Skandalisierung und deren Auswirkungen auf die öffentliche Meinung
- Die Bedeutung von Investigativjournalismus und Hinweisgebern (Whistleblowing)
- Strukturelle Grenzen der Korruptionsberichterstattung (u.a. Lokaljournalismus, Ökonomische Zwänge)
Auszug aus dem Buch
7.1 Korruption – der ewige Skandal
Ein Skandal ist laut dem Deutschen Wörterbuch von Wahrig ein „Aufsehen erregendes Ärgernis, unerhörtes Vorkommnis; etwas Unerhörtes, Empörendes.“ Skandale sind für die Massenmedien in Zusammenhang mit Korruption meist dankbare Themen, da sie viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Betrachtet man die Berichterstattung über Korruptionsfälle in der Vergangenheit, so ist in den Medien fast immer von einem Skandal die Rede. Eine Skandalträchtigkeit haftet der Korruption als sträflicher Handlung mehr an als anderen Verbrechen.
„Dies zeigt sich daran, daß keine konkreten negativen Folgen dargestellt werden müssen, um Korruption zu inkriminieren – ihr Tatbestand ist per se ein Skandalon, anders sogar als im Fall von Gewalt, die sich als Mittel der Wahl jederzeit auf legitime Zwecke zu berufen wußte.“
Dadurch, dass Korruption im Großteil der Fälle als moralische Verfehlung von politischen und gesellschaftlichen Akteuren dargestellt werden kann, sind die Voraussetzungen für einen Skandal meist schnell gegeben. Skandale sind für Medien fast immer ein gefundenes Fressen, weshalb sich die Skandalhaftigkeit eines Vorgangs zu einem wichtigen Nachrichtenfaktor zählen lassen kann. Skandale erregen die Aufmerksamkeit, sorgen für hohe Quoten und Auflagenzahlen. Es ist daher wenig verwunderlich, dass sich die Massenmedien in ihrer Korruptionsberichterstattung fast ausschließlich dem Werkzeug der Skandalisierung bedienen. Aus diesem Grund ist es lohnenswert, sich etwas tiefer mit dem Skandalbegriff und der Geschichte politischer Skandale in der BRD zu beschäftigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Themas und der Forschungsfragen zur Rolle der Medien bei der Aufdeckung politischer Korruption.
2 Was ist politische Korruption? – Definitorische Annäherung: Diskussion verschiedener theoretischer Ansätze zur Definition von Korruption und deren Eignung für die vorliegende Untersuchung.
3 Kritik am deutschen Strafrecht und Formen politischer Korruption: Analyse der strafrechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland und der Kritik an deren Lückenhaftigkeit.
4 Massenmedien und Politik: Beschreibung der rechtlichen Verankerung und der politischen Funktionen der Massenmedien im System der Bundesrepublik.
5 Massenmedien und Öffentlichkeit: Auseinandersetzung mit dem Öffentlichkeitsbegriff und dem Einfluss der Medien auf die öffentliche Meinung und Themensetzung.
6 Massenmedien und Korruptionssenkung: Darstellung empirischer Befunde zum Zusammenhang zwischen Pressefreiheit, Internetnutzung und dem Korruptionsaufkommen.
7 Korruption in der Berichterstattung: Analyse der medialen Aufbereitung von Korruptionsfällen durch Skandalisierung und Vergleich der Berichterstattung in Print- und TV-Medien.
8 Transparenz durch Medienpräsenz: Untersuchung von Mechanismen wie Investigativjournalismus, Informationsfreiheitsgesetz und Whistleblowing im Kontext der Korruptionsaufdeckung.
9 Exkurs: Die Medien als Teil des Problems: Kritische Betrachtung journalistischer Verstrickungen und Interessenkollisionen, die die Wächterrolle der Medien gefährden.
10 Zusammenführung und Schlussgedanken: Zusammenfassende Diskussion der Hauptaussagen und Ausblick auf künftige Forschungsbedarfe.
Schlüsselwörter
Politische Korruption, Massenmedien, Skandalisierung, Investigativjournalismus, Pressefreiheit, Whistleblower, Öffentlichkeit, Agenda-Setting, Korruptionsbekämpfung, Transparenz, Informationsfreiheitsgesetz, Medienethik, Politikverdrossenheit, Demokratie, Medienkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Massenmedien in der Bundesrepublik Deutschland über politische Korruption berichten und welchen Einfluss diese Berichterstattung sowohl auf die Aufklärung der Fälle als auch auf das öffentliche Verständnis von Korruption hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rolle der Medien im politischen System, die Theorie der Skandalisierung, die Bedeutung von Investigativjournalismus sowie die Möglichkeiten und Grenzen von Transparenz durch Medien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Rolle der Massenmedien bei der Aufklärung und Bekämpfung politischer Korruption zu beleuchten und den Einfluss der medialen Berichterstattung auf das Verständnis von Korruption in der Öffentlichkeit zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen interdisziplinären Ansatz, der theoretische Grundlagen der Korruptionsforschung und Medientheorien mit einer Analyse von empirischen Studien und einer qualitativen Untersuchung von Berichterstattungsbeispielen verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den politischen Funktionen der Medien, der empirischen Korrelation zwischen Pressefreiheit und Korruptionssenkung, der Analyse der Skandalberichterstattung sowie der Rolle von Whistleblowern und dem Informationsfreiheitsgesetz.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind politische Korruption, Massenmedien, Skandalisierung, Transparenz, Investigativjournalismus und die öffentliche Meinung.
Inwiefern beeinflusst das Informationsfreiheitsgesetz die journalistische Arbeit?
Das Gesetz bietet theoretisch erweiterte Recherchemöglichkeiten, wird jedoch in der Praxis durch komplexe Rechtsauslegungen und eine in Behörden verwurzelte Amtsgeheimnis-Mentalität oft erschwert.
Welche spezifische Rolle spielt der Lokaljournalismus bei der Korruptionsaufdeckung?
Obwohl ein Großteil der Korruption im lokalen Raum stattfindet, ist der Lokaljournalismus aufgrund knapper finanzieller Ressourcen und lokaler Abhängigkeiten oft kaum in der Lage, hintergründig und kritisch über korrupte Netzwerke zu berichten.
- Citation du texte
- Stephan Framke Framke (Auteur), 2009, Die Rolle der Massenmedien bei der Aufklärung und der Bekämpfung politischer Korruption in der Bundesrepublik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176744