Im Rahmen meines Studiengangs Sozial- und Kulturanthropologie machte ich im Mai
diesen Jahres eine eintätige Feldforschung im Tempel der Internationalen Gesellschaft für
Krishna-Bewusstsein, kurz ISKCON, in Berlin.
Als Forschungsgegenstand wählte ich die Hare-Krishna-Gemeinde, weil sie für mich eine
völlig neue und soziokulturell fremde Welt darstellt. Ich wurde bereits vor einigen Monaten
auf der Straße von einem Mönch aus dem Berliner Tempel angesprochen. Zum Abschluss des
Gesprächs bekam ich einen Flyer sowie Süßigkeiten (sogenannte „Energiebällchen“). So bin
ich auf die Hare-Krishna-Bewegung aufmerksam geworden.
Bei meinem Besuch im Tempel bediente ich mich der Methode der teilnehmenden
Beobachtung nach Malinowski. Zudem begab ich mich vollkommen uninformiert und ohne
genaue Forschungsfrage ins Feld. Vor Ort lernte ich eine Informantin kennen, mit der ich
mich im Laufe des Abends ausführlich unterhielt (narratives Interview) und anschließend
alles in einem Gedächtnisprotokoll festhielt. Ich habe mein Forschungsanliegen von Anfang
an offen dargelegt, was v.a. bei meiner Informantin auf großes Interesse stieß und mir die Tür
zu einem aufschlussreichen Gespräch öffnete.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Samstagsfest im Berliner Hare-Krishna-Tempel
3. Prasadam
3.1 „Nahrung“ als Metapher
3.2 Zwei Welten treffen aufeinander
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das soziale Gefüge und die rituellen Praktiken im Berliner Hare-Krishna-Tempel während des wöchentlichen Samstagsfestes. Ziel der Untersuchung ist es, durch teilnehmende Beobachtung und narrative Interviews zu verstehen, wie religiöse Traditionen in einen westlichen urbanen Kontext integriert werden und welche Rolle die gemeinsame Nahrungsaufnahme (Prasadam) für die Gruppenbildung und Identität der Gemeinschaft spielt.
- Ethnographische Feldforschung in der Berliner Hare-Krishna-Gemeinschaft
- Analyse der rituellen Bedeutung von Speisen (Prasadam)
- Kulturvergleich zwischen indischen Traditionen und westeuropäischen Gebräuchen
- Bedeutung von Gemeinschaft (Communitas) im religiösen Kontext
- Die Transformation religiöser Symbole in einer städtischen Umgebung
Auszug aus dem Buch
3. Prasadam
Beim vegetarischen Festessen (Prasadam) nehmen alle Anwesenden im Schneidersitz aneinandergereiht auf ausgerollten Stoffbahnen Platz. Vor jedem befindet sich ein Metallteller mit verschiedenen Vertiefungen, ein Metallbecher sowie ein Löffel. Das Essen wird von den Devotees aus großen Eimern serviert. Am Tag meiner Feldforschung gibt es ein sehr ausgewogenes Menü: gemischter Salat, Reis, eine Art Erbsensauce, selbstgemachter Frischkäse, Kartoffel-Möhren-Curry sowie etwas ähnliches wie Pommes & Tomatensauce. Den Nachtisch bildet eine schokoladenbraune Süßspeise mit Vanillesauce. Dazu wird Molke mit Pampelmuse serviert.
Das Festmahl nutzen meine Informantin und ich für ein längeres Gespräch. Das Essen selbst ist dabei das vorherrschende Thema. Eines der Gebote der Hare Krishnas ist es fleischlos, also vegetarisch, zu essen. Dazu gehört auch, dass man die Speisen generell gewaltfrei zubereitet. Da jedoch z.B. kleine Tiere im Salat trotzdem sterben, muss das Essen vor jeder Mahlzeit geopfert werden. So geschieht es auch im Tempel während der Puja.
Weiterhin erzählt meine Informantin, dass die Inder normalerweise mit der rechten Hand essen, da die linke als unrein gilt. Denn diese nutzt man in der Regel zum Hintern abwischen. Während unseres Gespräches kommt eine weitere Frau hinzu und fragt nach einem bestimmten Rezept. Da das Essen vor dem Verzehr geopfert werden muss, darf bei der Zubereitung nicht gekostet werden. Deswegen kochen viele InderInnen zu Beginn streng nach Rezept bis sie dies im Kopf haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Autorin beschreibt ihre Entscheidung für eine eintägige Feldforschung in der Berliner Hare-Krishna-Gemeinschaft und erläutert ihre methodische Vorgehensweise der teilnehmenden Beobachtung.
2. Das Samstagsfest im Berliner Hare-Krishna-Tempel: Dieser Abschnitt bietet eine detaillierte Beschreibung der Räumlichkeiten sowie der Atmosphäre und des Ablaufs des wöchentlichen Festes, inklusive Mantras, Vorträgen und rituellen Zeremonien.
3. Prasadam: Die Bedeutung des rituellen Essens als zentrales Element der Gemeinschaft wird beleuchtet, wobei soziale Regeln der Nahrungsaufnahme und die spirituelle Dimension des Opferns im Fokus stehen.
3.1 „Nahrung“ als Metapher: Hier wird analysiert, wie der Begriff der Nahrung über den physischen Akt des Essens hinausgeht und als geistige Metapher in der Literatur und im Tempelleben präsent ist.
3.2 Zwei Welten treffen aufeinander: Dieser Teil vergleicht die indischen Reinheitsgebote und Kastennormen mit der praktischen Umsetzung im Berliner Kontext, wobei die Anpassung an westliche Lebensweisen und die Entstehung einer Communitas thematisiert werden.
4. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass das gemeinsame Essen sowohl eine spirituelle als auch eine soziale Funktion erfüllt und dem Tempel die Rolle einer „Oase“ im urbanen Alltag der Besucher verleiht.
Schlüsselwörter
Hare Krishna, Feldforschung, Ethnographie, Prasadam, Vegetarismus, Religion, Communitas, Rituale, Hinduismus, Integration, Berliner Stadtleben, soziale Identität, kultureller Austausch, spirituelle Praxis, Teilnehmende Beobachtung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit dokumentiert und analysiert eine ethnographische Feldforschung bei der Hare-Krishna-Gemeinschaft in Berlin, mit einem besonderen Fokus auf die sozialen und rituellen Aspekte ihres wöchentlichen Samstagsfestes.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Bedeutung ritueller Speisen (Prasadam), die Integration östlicher Traditionen in eine westeuropäische Stadtgesellschaft und die Bildung sozialer Gemeinschaften durch religiöse Praktiken.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist das Verständnis der sozialen Interaktionsformen und der religiösen Weltanschauung der Hare-Krishna-Anhänger in Berlin sowie die Untersuchung, wie diese Gemeinschaft als Rückzugsort („Oase“) im städtischen Umfeld fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Die Autorin nutzte die Methode der teilnehmenden Beobachtung, ergänzt durch narrative Interviews mit Mitgliedern der Gemeinschaft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der Ablauf des Samstagsfestes, die symbolische Bedeutung der Nahrung, kulturelle Unterschiede in der rituellen Praxis zwischen Indien und Berlin sowie die soziologische Theorie der Communitas auf das Tempelgeschehen angewandt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Feldforschung, Prasadam, Religion, Communitas, Hare Krishna und kulturelle Identität charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Essenskultur im Berliner Tempel von indischen Traditionen?
Der Text stellt fest, dass in Berlin beispielsweise Metallgeschirr statt traditioneller Blätter verwendet wird und die strengen Kastennormen im Vergleich zu Indien zugunsten einer integrativen Praxis gegenüber westlichen Besuchern flexibler gehandhabt werden.
Warum spielt das „Opfern“ der Speisen eine so zentrale Rolle?
Das Opfern ist ein ritueller Akt, um die Speisen zu heiligen und für die Gemeinschaft als „Prasadam“ (Gnade) konsumierbar zu machen, wodurch eine Verbindung zum Göttlichen hergestellt wird.
Inwiefern lässt sich der Tempel als „Communitas“ nach Victor Turner beschreiben?
Die Tempelbesucher bilden während der Zusammenkunft eine unstrukturierte Gemeinschaft, in der soziale Hierarchien des Alltags kurzzeitig aufgehoben werden, was den Kern von Turners Konzept der Communitas widerspiegelt.
- Arbeit zitieren
- Luciana K.haotica (Autor:in), 2009, Eine indische Oase im Berliner Großstadtdschungel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176814