Die kulturelle Schlacht um Deutschland und die Zukunft der Welt


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2011

19 Seiten


Leseprobe

Die kulturelle Schlacht

um Deutschland

und die Zukunft der Welt

Dieser scheinbar reißerische Titel entstammt weniger dem Kalkül der Medienwirksamkeit als der Besorgnis und Beklemmung, die man fühlt, wenn man hierzulande den intrakulturellen interkulturellen Wechselwirkungen auf Schritt und Tritt - insbesondere an multikulturellen Brennpunkten, aber leider auch an unvermeidbaren Kommunikationsschnittstellen zwischen Landeskulturmitgliedern verschiedener regionalkultureller Abstammung- ausgesetzt ist. Es besteht kein verbindlicher,zivilisierter implizierter Verhaltenskodex für dieerfolgreichesynergetischeBewältigung dieser Prozesse. Der Mangel an kultureller Bewusstheit, kultureller Persönlichkeitsrechtsbewusstheit und Ethik kann einem Gesetz des Dschungels Vorschub leisten.

Der BegriffMultikulti ist mittlerweile zu einem Schimpfwort geworden. Vor ein paar Jahren kam ich am Ausgang der Frankfurter Buchmesse auf dem Weg zum FrankfurterHauptbahnhof in einen spontanen, kurzen Gedankenaustausch mit einem Journalisten. Auf meine Äußerung hin, dass ich mich mit Interkulturalität befasse, konterte er sofort offensiv mit „Multikulti“ und zwar in einer Weise, als sei dies verabscheuungswürdig. Woher kommt es, dass die Multikulturalität in diesem Land ein derart schlechtes Image hat? Wird man beispielsweise vorstellig interkulturellen Lehrauftrag oder ein Training etc., so fühlt man bei den jeweiligen Akteuren ein Unbehagen im Umgang mit dieser Thematik. Als polyglotter Interkulturalist mit vielen Jahren internationaler Erfahrung sieht man die Dinge naturgemäß professionell unter dem Blickwinkel der kulturellen Synergie, in dem Sinne, dass kulturelle Diversität, sofern sie angemessen gemanagt wird, den Ausgangspunkt für endlose Kreativitäts- und Innovationsspiralen bildet. Dies ist der professionelle Standpunkt, doch die interkulturelle Alltagserfahrung scheint eine ganz andere Sprache zu sprechen. Wie ist diese Diskrepanz zu verstehen?

Das Dictum, demzufolge der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, fand lange seine Fortsetzung in der Wirtschaft und wird zunehmend auf das Kulturelle verlagert. Daraus entsteht in einem gewissen Grad ein Kulturkampf, ein Kulturkrieg. Worum geht es in diesem Krieg und wer sind die Kontrahenten, dieKriegsparteien und strategischen Allianzen, die Schauplätze, die aktiven Kämpfer, die Sympathisanten, Mitläufer etc.? Ist es zulässig, die Multikulturalität in einer Kriegsmetapher abzuhandeln?

Möglicherweise wird das Thema tabuisiert und wer das Tabu bricht wird an den öffentlichen Pranger gestellt und bezahlt möglicherweise mit seiner beruflichen Existenz dafür. Es muss sich dabei also um etwas handeln, das die Volksseele in jeder Hinsicht berührt und polarisiert, um derartige Reaktionen auszulösen, wenn man bedenkt, dass die Meinungsfreiheit zu der Freiheit im allgemeinen gehört, die alle zivilisierten Völker über alles schätzen und ehren und sie in all ihren kulturellen Artefakten zelebriert haben und dies wahrscheinlich immer tun werden. Sie ist der höchste kulturelle Wert, den alle entwickelten Zivilisationen in Ehre halten und mit der geballten Macht ihrer Jurisdiktion schützen. Und dennoch endet hier die Demokratie und die Würde und Ehre des höchsten Kulturgutes. Es ist wohl ein Indikator für die Sprengkraft, die in der Thematik steckt.

Es ist klar, dass man empathisch, einfühlsam und sensibel mit einer derartigen Materie umgehen sollte, wenn sie die Gesellschaft derartig polarisiert, dass sie daranzu zerbersten droht. Das in der Thematik inhärente Risiko ist nicht geringer als das des kalten und des heißen Krieges, nämlich die Korrumpierung einer Gesellschaft, der nationalkulturellen. Somit ist die Kriegsmetapher also zulässig und keine Überspitzung oder Übertreibung oder Schwarzseherei.

Daher ist es begrüßenswert, dass der gegenwärtige Innenminister dieses Landes einen nationalen Dialog zu der Thematik, insbesondere inbezug auf den Islam, anstoßen möchte. Die breite Vergesellschaftlichung der Thematik nimmt Extremisten den Wind aus den Segeln und entschärft die Brisanz der Angelegenheit. Das diskursiveVentilnimmt den gesellschaftlichen Überdruck aus dem verdrängten Konfliktpotential. Ebenso, wie Gift im Meer neutralisiert werden kann, kann eine breit angelegteund inszenierte Debatte das brisante Tabu enttabuisieren, es der öffentlichen Wahrnehmung und salonfähigen Erörterung zugänglich machen und somit objektivieren, denn je mehr man ein potentielles Gefahrenmoment verdrängt, möglicherweise in der Hoffnung, dass sich von selbst irgendeine Form von tragbarer Lösung einstellt, desto mehr Sprengkraft kann sich zusammenballen und irgendwann den Deckel des multikulturellen Topfes, gleich dem Kobold aus der Flasche, in die Luft sprengen und das gesamte gesellschaftskulturelle Umfeld in Mitleidenschaft ziehen. Durch die Dramaturgie der Inszenierung kann eine transformierende Katharsis, eine kulturelle Katharsis eingeleitet werden.

„Wir dürfen ja nichts sagen“, meinte eine weißhaarige ältere Dame zu mir und sie steht stellvertretend für andere, denn sie betont „wir“ dürfen nichts sagen und müssen bei unserer kulturhistorischen Vergangenheit trotz der bisweilen wahrgenommen Unzumutbarkeit den Mund halten, um nicht national und international in jenen Slot gesteckt zu werden, mit dem Deutschland die internationale öffentliche Meinung ja ausgiebig bedient hat. Sie will sicher das Beste und ist eine regelmäßige Kirchengängerin; eine sicher exemplarische Katholikin. Das erinnert mich an eine Aussage meiner Mutter, die mir berichtet hat, dass man meinem Großvater sinngemäß drohte, „falls er noch etwas (offenbar Kritisches) sagen würde, dann…“.

Wenn eine kulturkritische Äußerung also, wie im Faschismus, zur ultimativen Konsequenz in der Gestalt von KZs und siebzig Jahre später noch zum Ausschluss aus dem öffentlichen Raum führen kann, dann ist es höchste Zeit, das Tabu auf der diskursiven Ebene auf- und abzuarbeiten, wie es der Innenminister scheinbar beabsichtigt, damit es in der rechten Optik der Analyse zugänglich gemacht werden kann und die Gesellschaft nicht über kurz oder lang als Untergrundströmung unterminiert, so dass diese Nationalkultur dann irgendwie, hie und da, mehr und mehr einbricht und irgendwann der Zersetzung anheimfällt.

Dochdas tangiert vielemultikulturelle Akteure nicht, denn sie haben bisweilen nur ein opportunistisches Standbein in diesem Land und wenn die Kuh keine Milch mehr gibt oder die Situation kritisch wird, können sie sich ja in ihre eigentliche Heimat und Ausgangskultur, mit der sie sich identifizieren, absetzen. Im Gegenteil, für viele wäre es eine Genugtuung. Obwohl es so viele diverse Motivationen wie Menschen gibt, kommen unsere Immigranten häufig als „Hirten“, die ihre Schafe verlassen haben und werden auch dieser „Herde“, mit der sie sich nicht identifizieren, fliehen, wenn der Wolf heult und eine sie beeinträchtigende kritische Lage entsteht; zwischenzeitlich verkaufen sie häufig geschlachtete Schafe als exotisches, fremdkulturelles Nahrungsmittel im quasi siebenmal vierundzwanzig mal dreihundertfünfundsechzig Zeittakt, wie nur die effektiveren High-Tech Hotlines arbeiten. Nur die materialistische Zielsetzung determiniert ihr Hiersein, Integration wird somit abgelehnt, denn sie impliziert auch Pflichten, die das kulturelle Nullsummenspiel in ein Nicht-Nullsummenspiel verwandeln würden. Vielleicht ist diese scheinbar opportunistisch-materialistische Motivation jener Zankapfel, der den lokalen Kulturmitgliedern so sauer aufstößt. Es spaltet die Gesellschaft in zwei Lager, das lokalkulturelle und das diese gewissermaßen kolonisierende,dessen Ziel darin zu bestehen scheint, maximalen Nutzen bei minimalen menschlichen Verbindlichkeiten ausder gewählten Zielkultur zu ziehen. Das Bild vom „Hirten und der Herde“ ist aufgrund dieses Sachverhalts jene angemessene, zeitlose biblische Metapher, die hier greift. Es ist also ein universelles Problem, ebenso wie die wirtschaftliche und existenzoptimierende Migration.

Diese Besonderheit im Bereich der Motivationbedingt auch qualitativ verschiedene Werten und Verhaltensmuster. Der materialistische Nutznießer, der die lokale Kultur verweigert, verhält sich im Zweifelsfall auch jener Kultur gegenüber, die er verweigert, entsprechend respektlos. Somit wird die soziale Interaktion unsolidarisch und unnachhaltig. Durch seine Entsolidarisierungdistanziert er die lokale Kultur psychologisch und will ihr seine ethnozentrischen Werte und Verhaltensmuster aufprägen. Er denkt in Macht- und Beherrschungskategorien jenseits von Anpassung und Synergie, die bei der eigentlich natürlichen, rechten ethisch-menschlichen Sichtweise ein allerseits wohlwollendes Klima der Mitmenschlichkeit jenseits kultureller Diversität und ein echtes potenzielles Kreativ-, kulturelles Austausch-, Lern- und insgesamt eben ein Synergiepotential bewirken könnten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die kulturelle Schlacht um Deutschland und die Zukunft der Welt
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V176948
ISBN (eBook)
9783640986453
ISBN (Buch)
9783640986330
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
juristische-natürliche Person, nationale Politik, internationale Politik, kulturelle Persönlichkeitsrechte, intrakulturelles interkulturelles Management
Arbeit zitieren
D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deissler (Autor), 2011, Die kulturelle Schlacht um Deutschland und die Zukunft der Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176948

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