„Auf eine Erörterung der zumeist geringfügigen sachlichen Differenzen kann hier verzichtet werden“, so schrieb Achim Masser vor nunmehr gut vierzig Jahren mit Blick auf die Darstellung der Jungfrauengeburt und der damit verknüpften so genannten ‚Hebammenszene’ in verschiedenen Apokryphen und Legendendichtungen. Diese Einschätzung wurde in der einschlägigen Forschung bis heute nicht infrage gestellt, zumindest wurde die Hebammenszene auch in der jüngeren Forschung bislang nicht eingehender untersucht.
Die vorliegende Arbeit dagegen speist sich aus einem grundlegenden Zweifel an dieser Einschätzung und hat zum Ziel, diese kritisch zu überdenken und gegebenenfalls zu revidieren. Mehr noch, hier wird nahezu das genaue Gegenteil behauptet: Die Darstellung des Wunders der Jungfrauengeburt und der Hebammenszene in den verschiedenen Apokryphen und mittelalterlichen Legendendichtungen weist einige auffällige und äußerst aussagekräftige Differenzen auf, die einer näheren Betrachtung bedürfen. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die Darstellung der fraglichen Szene in der Kindheit Jesu Konrads von Fußesbrunnen, da hier eine Vielzahl bemerkenswert elaborierter Erzählstrategien Anwendung finden, deren Ziel es ist, den Grad der Glaubwürdigkeit des Erzählten und insbesondere die Glaubwürdigkeit des im Grunde unglaublichen ‚Wunders der Jungfrauengeburt’ zu erhöhen.
Welche narrativen Strategien es im Einzelnen sind, die in diesem Text besonders effektiv zur Erhöhung der Authentizität, Plastizität und Plausibilität des Erzählten beitragen, darüber kann am deutlichsten eine textnahe Untersuchung Aufschluss geben, die die Darstellung der fraglichen Szene in der Kindheit Jesu der Darstellung derselben Szene in einem geeigneten Kontrolltext vergleichend gegenüber stellt. Als ebensolcher Kontrolltext dient hier das Marienleben Bruder Philipps des Carthäusers. Entsprechend werden im Folgenden die Darstellungen der Geburts- und Hebammenszene in der KJ (KJ, vv. 749–964) und im ML (ML, vv. 2000–2187) einander vergleichend gegenüber gestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung oder hie ist ein wunder geschehen
2. Hauptteil oder disiu frouwe ist maget unt hât ein chint: Die Hebammen und das Wunder der Jungfrauengeburt in der Kindheit Jesu und dem Marienleben
3. Schlussbemerkung oder elliu dinc niht unmuglîch sint
4. Bibliografie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die erzählerischen Strategien der Glaubwürdigkeitserhöhung im Kontext der Hebammenszene in der "Kindheit Jesu" von Konrad von Fußesbrunnen kritisch zu untersuchen und diese im Vergleich zum "Marienleben" Bruder Philipps des Carthäusers neu zu bewerten.
- Narrative Strategien zur Darstellung des Wunders der Jungfrauengeburt
- Vergleichende Analyse der Hebammenszenen in zwei mittelalterlichen Werken
- Rolle der Hebammen als Zeuginnen und Identifikationsfiguren
- Einfluss von Psychologisierung und Dialogizität auf die Glaubwürdigkeit
- Verhältnis von fiktionalen und faktualen Wirklichkeitsmodellen in der Bibelepik
Auszug aus dem Buch
Die Hebammen und das Wunder der Jungfrauengeburt in der Kindheit Jesu und dem Marienleben
Wenden wir uns vor diesem Hintergrund den genauer zu betrachtenden Textstellen zu (KJ, vv. 749–964; ML, vv. 2000–2187), so ist bereits mit Blick auf die jeweilige Textoberfläche unmittelbar augenfällig, dass die Darstellung der Geburts- und Hebammenszene in der KJ weit mehr Raum einnimmt als im ML. Diese Beobachtung lässt bereits vermuten, die Szene werde in der KJ mit sehr viel größerer Detailgenauigkeit beschrieben, d.h. etwa im Sinne einer amplificatio szenisch ausgestaltet und erzählerisch ausgeschmückt. Bestätigt wird diese Vermutung, sobald man inhaltlich in die Texte eindringt. Dann lassen sich in der Tat eine Vielzahl narrativer Strategien nachweisen, die darauf abzielen, die Glaubwürdigkeit, Plausibilität und Authentizität des Erzählten, insbesondere des Wunders der Jungfrauengeburt, zu erhöhen.
So fällt beispielsweise auf, dass die zwei ‚Hebammen’ in der KJ an viel früherer Stelle eingeführt und sehr viel detaillierter beschrieben werden als im ML. Gleich zu Beginn der Szene, als Joseph in die Stadt reist, um nach Beistand für Maria zu suchen, deren Niederkunft unmittelbar bevorsteht, heißt es hier:
Salomê unt Zelonî,
zwô die besten von der stat,
die gewerten den herrn, des er bat (KJ, vv. 782–784)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung oder hie ist ein wunder geschehen: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach den Erzählstrategien zur Glaubwürdigkeitserhöhung des Wunders der Jungfrauengeburt und definiert das "Marienleben" als Vergleichstext zur "Kindheit Jesu".
2. Hauptteil oder disiu frouwe ist maget unt hât ein chint: Die Hebammen und das Wunder der Jungfrauengeburt in der Kindheit Jesu und dem Marienleben: Dieser Abschnitt analysiert detailliert die Figurenkonstellation, die Charakterisierung der Hebammen sowie die sprachlichen und narrativen Verfahren, mit denen Konrad von Fußesbrunnen die Plausibilität des Wunders im Vergleich zum Marienleben steigert.
3. Schlussbemerkung oder elliu dinc niht unmuglîch sint: Das Fazit fasst zusammen, dass Konrads Text durch eine gezielte Psychologisierung der Figuren und den Einsatz direkter Rede die Glaubwürdigkeit des Wunderbaren erfolgreich für den Leser maximiert.
4. Bibliografie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie der herangezogenen Nachschlagewerke.
Schlüsselwörter
Kindheit Jesu, Marienleben, Jungfrauengeburt, Hebammenszene, Erzählstrategien, Glaubwürdigkeit, Mittelalter, Bibelepik, Authentifizierung, Psychologisierung, Dialogizität, Wunder, Konrad von Fußesbrunnen, Bruder Philipp, Wirkungsästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die erzählerischen Methoden, mit denen in mittelhochdeutschen Legendendichtungen, speziell der "Kindheit Jesu", versucht wird, das theologisch Paradoxe der Jungfrauengeburt für ein weltliches Publikum glaubwürdig darzustellen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die literarische Gestaltung des Geburtsvorgangs, die Charakterisierung der Hebammenfiguren und die Wirkung narrativer Authentifizierungsstrategien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die in der Forschung bisher wenig beachtete Hebammenszene kritisch zu untersuchen und nachzuweisen, dass Konrad von Fußesbrunnen gezielte erzähltechnische Schachzüge einsetzt, um die Glaubwürdigkeit des Wunders zu erhöhen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine textnahe, vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die die "Kindheit Jesu" anhand eines Kontrolltextes (Bruder Philipps "Marienleben") auf ihre narrativen Strukturen hin untersucht.
Welche inhaltlichen Aspekte stehen im Hauptteil im Mittelpunkt?
Der Hauptteil behandelt primär die unterschiedliche Einführung und Ausgestaltung der Hebammen, die Verwendung von direkter Rede zur Belebung der Szene sowie die psychologische Ausgestaltung der Figuren als zweifelnde Zeuginnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den Kernbegriffen gehören Jungfrauengeburt, Erzählstrategien, Glaubwürdigkeit, Hebammenszene, Mittelalter und Authentifizierung.
Warum wird im Text so viel Wert auf die Zweifel der Hebamme Zelonî gelegt?
Die Zweifel dienen als erzählstrategisches Mittel: Da die Hebamme eine Expertin auf ihrem Gebiet ist, wirkt ihre spätere Überzeugung vom Wunder auf den Leser wesentlich überzeugender, da sie zuvor begründete Zweifel geäußert hat.
Welchen Effekt hat der Einsatz von direkter Rede in der "Kindheit Jesu"?
Der Dialog zwischen Maria und Zelonî (Stichomythie) erzeugt den Anschein eines authentischen, wortgetreuen Wortwechsels, was die Plausibilität der Szene erhöht und den Leser emotional stärker einbindet.
Welche Rolle spielt die "Mutter" Maria im Vergleich der beiden Texte?
Während im "Marienleben" der Fokus stärker auf der Heiligkeit Marias liegt, wird sie in der "Kindheit Jesu" stärker als handelnde Figur dargestellt, die die Untersuchung durch die Hebammen sogar aktiv einleitet.
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- Hanna Kubowitz (Author), 2010, "solhiu dinc unmuglîch sint", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177173