Benehmen als Karrieremuster


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausdifferenzierung des Benimmbegriffs

3. Das Geschäft mit der Angst..

4. Auswirkungen fur Milieustruktur und soziale Bedeutungsebenen

5. Ziele des „bewussten Benehmens“
5.1 Stilmittel der Selbstinszenierung

6. Ist Benehmen nur Mittel zum Zweck?

7. Abschließende Bemerkung und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wer im Buchhandel einmal an den Regalen mit Aufschriften wie „Tips fürs Leben“, „Business“ oder ähnlichem vorbeigegangen ist, hat vielleicht bemerkt, in welch großem Umfang Bücher erhältlich sind, die sich mit Benehmen oder Höflichkeit befassen. Dabei ist die Bandbreite der Zugänge noch viel größer, auf welchem Wege „Benehmen“ vermittelt wird. Literatur, CD-Hörbücher, Onlineartikel und Seminare zeugen davon, dass es scheinbar eine Relevanz für diese spezielle Sparte der „Tip's fürs Leben“ gibt.

Die Autoren, die ihre Arbeit in den genannten Werken vorstellen, kommen dabei aus den unterschiedlichsten Richtungen. Vom Adel, über den Manager, Moderator bis hin zum hauptberuflichen Verhaltenstrainer, finden sich viele „Lehrer“, die verschiedenste Zugänge zum guten Benehmen anbieten. Es entfaltet sich ein schlichtweg unüberschaubares Angebot an Kursen, Literatur und sonstigen Medien. Einhergehend damit finden sich nicht nur „kniggeartige“ Regelwerke, sondern auch interdisziplinäre Zugänge, wie etwa aus Richtung der Psychologie oder Sprachwissenschaft. Um den Rahmen nicht zu sprengen, wurde nur ein kleiner Korpus an Benehmen vermittelnden Medien zur Auswertung herangezogen. Diese Ausarbeitung will also keinem Anspruch auf Vollständigkeit genügen, sondern lediglich die große Oberfläche schwer überschaubaren Feldes ankratzen. Hierzu wird das Themenfeld „Benehmen“ eingeschränkt auf den Bereich „Benehmen als Karrieremuster“.

In dieser Arbeit will ich den Begriff des Benehmens zuspitzen, indem er in den Kontext der Karriere überführt wird.

Eine Studie der Claus Goworr Consulting Deutschland, die 2005 unter 600 Führungskräften deutscher Unternehmen gemacht wurde, fand heraus, dass 87% der Befragten einen direkten Zusammenhang zwischen guten Benehmen und persönlichem Erfolg sehen.[1] Von den Befragten antwortete niemand mit „Nein“; lediglich 13% gaben „Teilweise“ als Antwort an[2]. Dies ist ein Beleg dafür, welchen Stellenwert Benehmen in den Führungsetagen deutscher Unternehmen einnimmt und eine gleichzeitige Aufforderung danach, sich volkskundlich mit dieser Thematik zu beschäftigen.

Es erfolgt eine Distanzierung vom allgemeinen Begriff des Benehmens. Vielmehr soll „Benehmen“ im Rahmen des Alltags von Menschen, die sich in der Regel in punkto ökonomischen Kapitals von der Masse der Bevölkerung unterscheiden, wie etwa Führungskräfte, Manager oder Handelsreisende, für die ein Gros der erhältlichen Medien konzipiert ist. „Benehmen“ in diesem Zusammenhang wird also eng, an ein spezifisches Milieu gebunden, betrachtet. Hier soll speziell darauf eingegangen werden, welche ökonomischen Verknüpfungen mit „Benehmen“ Zusammenhängen.

In diesem Zusammenhang soll geklärt werden, inwieweit es zu einer Funktionalisierung von Benehmen kommt und inwiefern es als Stilmittel der Inszenierung gebraucht wird, um durch „bewusstes Benehmen“ zu Erfolg zu gelangen.

Im Wesentlichen wird diese Ausarbeitung durch die Theoriegrundlagen Niklas Luhmanns und Gerhard Schulzes gestützt, die nicht nur sehr erhellend für die Strukturbeschreibung der involvierten sozialen Milieus, sondern für die Analyse der Benimmmuster hilfreich sind, weshalb an verschiedenen Stellen auf diese beiden Theorien zurückgegriffen wird.

Bevor es an die Hauptsubstanz der Ausarbeitung geht, ist es notwendig, dass der Benimmbegriff eine Ausdifferenzierung erfährt, damit er, im Rahmen dieser Arbeit, sinnvolle und klare Verwendung findet.

Im dritten Punkt wird erläutert, wie, bezogen auf die potenziellen Konsumenten, geworben und argumentiert wird, damit die „Benimmmedien“[3] Zugang zum Konsumenten finden.

Punkt 4 befasst sich mit den Auswirkungen von Benehmen auf die Milieustruktur und soziale Bedeutungsebenen; dieser Analyse liegt im Wesentlichen die Luhmannsche Systemtheorie und die Schulzesche Distinktionstheorie zugrunde.

Im fünften Punkt finden die Ziele „bewussten Benehmens“, quasi eines absichtlichen und zweckgebundenen Benehmens, Beachtung.

Der sechste Punkt stellt die Frage danach, ob Benehmen wirklich nur als „Mittel zum Zweck“ zu reduzieren ist.

In der abschließenden Bemerkung und Fazit werden noch einmal alle Untersuchungsergebnisse chronologisch aufgeführt.

2. Ausdifferenzierung des Benimmbegriffs

Verhaltensstandards spielen in der kommunikativen Interaktion der Menschen eine wichtige Rolle. Sie ermöglichen es, aufgrund geläufiger Codes, miteinander zu kommunizieren, ohne erst über Regeln des Umgangs verhandeln zu müssen. Sie bieten quasi die Grundlage dafür, so miteinander kommunizieren zu können, dass die Kommunizierenden nicht ständig verdutzt darüber sind, wie sie welche Zeichen zu deuten haben. Verhaltensstandards verringern eine mögliche Unsicherheit von miteinander kommunizierenden Personen, indem sie eine gemeinsame Grundlage bieten.

Zu den allgemeinen Funktionen von Höflichkeit gehören, nach Krumrey, „die Herrschaftsfunktion, die Schutzfunktion und die Orientierungsfunktion.“4 Welche Funktion dem Benehmen dabei zukommt, ist situationsgebunden und abhängig davon, wie die Personen zueinander stehen und ob ein Gefälle in der dynamischen Machtverteilung5 existiert. Hieraus folgt, dass Benehmen zielgebunden ist. Wer sich in der kommunikativen Interaktion verhält, möchte etwas bewirken. Sei es das reine „Zurechtfinden“ innerhalb eines Milieus, oder sei es sogar, eine bestimmte Wirkung bei seiner Umwelt zu erzielen.

Diese Ziele leiten sich aus Interessen ab, welche die Akteure haben und durch welche sie in der Lage sind, durch das Beherrschen der gängigen Codes in einer Gesellschaft kommunikativ zu interagieren.

Elisabeth Timm hat diese Ziele zusammengefasst[4] [5] [6], die sich aus ihrer Forschung nach den Gründen für die Teilnahme an Benimmseminaren ergeben haben. Sie führt dazu folgende Ziele auf:

(I) sozial-kommunikative Ziele: („die Absicht, den alltäglichen Umgang zu humanisieren“)[7]
(II) normative Ziele: (die Frage nach normierten Regeln: „ „richtig“, „tabu“, „korrekt“, „gepflegt“ „)[8]
(III) sozio-kulturelle Ziele: („ „Kenntnisse auffrischen“ (...) „Überprüfung“ der eigenen Maßstäbe und Handlungsstile“ „)[9]
(IV) psychologische Ziele: („Selbstsicherheit in Alltag und Beruf“ denn „Unsicherheit, (...), erwachse nicht aus situativen praktischen Krisen bei der alltäglichen Interaktion, sondern aus der mangelnden Kenntnis von „Regeln“ “)[10]
(V) ökonomische Ziele: („Umgangsregeln als Mittel zum „Erfolg“ “)[11]
(VI) Reflexion: („ „Hinterfragen“ und „Kulturgeschichte“ als Ziel“)[12]

Doch was bedeuten diese beiden Theoriegrundlagen nun für das spezielle Thema „Benehmen als Karrieremuster?“ Zunächst ist festzuhalten, dass Benehmen im genannten Kontext nicht seinen Zweck oder Funktionen verliert. Die Funktionen nach Krumrey sind nach wie vor relevant. Nur ist in unserem Fall zu berücksichtigen, dass das Milieu, in welchem sich die Akteure „benehmen“, sozial kongruent[13] ist, sodass eine schichtunterscheidende Distinktion nicht den gleichen Stellenwert einnimmt, wie etwa im Falle einer schichtübergreifenden Kommunikation. Vielmehr geht es darum klarzustellen, dass man dazu gehört. Die sich hieraus ableitende Frage danach, welcher spezifische Zweck Benehmen im Karrierekontext zukommt, wird später genauer erläutert.

Ähnliches gilt für die von Elisabeth Timm formulierten Ziele. Es ist plausibel, dass zum Beispiel ein Bewerber für einen Beruf auf der Führungsebene nicht primär das Interesse hat, sein Verhalten zu reflektieren oder Verhaltensstandards zu hinterfragen, sondern sein Interesse durchzusetzen will, sich gegen etwaige Mitbewerber zu behaupten, indem er einen positiveren Eindruck hinterlässt, als die Konkurrenz.

An diesem Beispiel deutlich geworden, stellt der Karrierekontext andere Anforderungen an den Benimmbegriff, da Benehmen auf dieser Ebene abweichende Funktionen hat, abweichende Ziele verfolgt, insofern, dass beides begrenzt zwar vorhanden ist, jedoch eine Akzentverschiebung auf einhergehende Prioritäten stattfindet, als bei Benehmen im Allgemeinen[14].

Was aber sind n]un die besonderen Charakteristika des Begriffes? Aufschluss gibt der gesellschaftliche Rahmen, in welchem die kommunikative Interaktion stattfindet.

Wie bereits erwähnt, beschäftigen wir uns mit einem weitgehend sozial kongruenten Milieu, wobei davon ausgegangen werden kann, dass die herrschenden kommunikativen Codes, innerhalb dieses Milieus, allgemein geläufig sind. Es muss also zwangsläufig keine Distinktion, etwa zu anderen Schichten stattfinden.

Um festzustellen, worin die Akzentverschiebung besteht, quasi welche Funktionen für das Benehmen an überwiegender Bedeutung gewinnen, müssen die Ziele erläutert werden, welche in der kommunikativen Interaktion verfolgt werden. Diese sind situationsgebunden - je nachdem ob die Rede beispielsweise von einem international agierendem Handelsreisenden oder einem Führungskraft-Anwärter im Bewerbungsgespräch ist. Beide müssen verschiedene Regeln befolgen, die abhängen von der jeweilig spezifischen Situation. Beiden gemeinsam jedoch ist die Neigung zum Erfolg. Ob es nun um das erfolgreiche Knüpfen internationaler Geschäftsbeziehungen geht oder darum, Mitbewerber auszustechen. Beide versuchen durch ihr Verhalten zum Erfolg des anvisierten Zieles zu gelangen. Das Verständnis von Erfolg ist hierbei ökonomisch motiviert, der Benimmbegriff folglich an ökonomische Ziele geknüpft. Die Annahme der engen Verknüpfung von Benehmen und ökonomischen Zielen kann belegt werden, dadurch, wie Benimmkurse oder Literatur, durch Werbung oder Buchklappentexte präsentiert werden.

Interessant ist in dieser Diskussion ein direkter Vergleich mit dem Knigge von 1788. Es ergeben sich grundlegende Unterschiede, zunächst in der Zielgruppe, und weiter in dem mit ihr verbundenen Anspruch.

Wenn von Benehmen als Karrieremuster die Rede ist, handelt es sich bei weitem nicht mehr um das aufklärerisch[15] motivierte Werk Knigges, welches als allgemeiner Ratgeber für den Umgang mit (allen) Menschen fungieren sollte[16]. Benehmen im Karrierekontext findet nicht gesamtgesellschaftlich statt. Es beschränkt sich auf einen spezifischen Personenkreis, wirkt quasi unterscheidend, da es nicht darum geht allgemein gültige Codes zu erkennen, sondern die Semantik innerhalb eines spezifischen Systems zu erfassen. In diesem Kontext greift die Systemtheorie Niklas Luhmanns. Innerhalb des Systems - nennen wir es das System „Managermilieu“ - ist die Kommunikation ausdifferenziert, durch Kanalisierung dessen, was an Codes verstanden und angenommen wird. Dadurch schließt sich oder öffnet sich das System „Managermilieu“ gegenüber der Umwelt[17], je nach Beherrschen der kommunikativen Codes der jeweiligen Umweltakteure. Innerhalb einer Kommunikation müssen die Informationen anschlussfähig sein, damit die Kommunikation weiter gewährleistet ist. Ist dies nicht der Fall, kommt es zur gegenseitigen Ausgrenzung der Systeme. Dies bedeutet im Klartext: Will ein (Sub-)System innerhalb des Systems „Managermilieu“ weiter bestehen, muss es in der Lage sein, geläufige Codes so zu beherrschen, dass die Anschlussfähigkeit der Kommunikation garantiert ist[18], da es ansonsten ausgegrenzt werden würde.

[...]


[1] Vgl. http://www.cgc-consulting.com/download/UmgangsformenbeiFuehrungskraeften.pdf (am 12.02.2009)

[2] Vgl. http://www.cgc-consulting.com/download/UmgangsformenbeiFuehrungskraeften.pdf (am 12.02.2009)

[3] Benimmmedien meint alle Träger zu vermittelnden Benehmens. Später auch als benimmvermittelnde Medien oder Instanzen gebraucht.

[4] Montandon, 1991, S. 230

[5] Montandon, 1991, S.230

[6] Vgl. Timm, 2001, S.133 ff.

[7] Timm, 2001, S.133

[8] Timm, 2001, S. 135

[9] Timm, 2001, S. 136

[10] Timm, 2001, S. 137

[11] Timm, 2001, S. 138

[12] Timm, 2001, S.139

[13] Die Akteure innerhalb des betrachteten Milieus kommen in der Regel nicht aus gravierend unterschiedlichen Schichten. Dass dies durchaus der Fall sein kann, ist natürlich nicht auszuschließen.

[14] Vgl. Schülerduden „Die richtige Wortwahl“, 1977, S. 81 Der Schülerduden liefert zwei Umschreibungen für das Verb „benehmen“: „a) sich im Umgang mit seinen Mitmenschen auf eine bestimmte Weise verhalten; wird, wie alle Wörter dieser Gruppe, durch eine Artangabe ergänzt: er hat sich mir gegenüber wie ein Schuft benommen; “ und „b) sich in einer bestimmten Art, gemessen an den gesellschaftlichen Umgangsformen, bewegen: sich tadellos benehmen (...)“Anspruch des in dieser Arbeit benutzten Benimmbegriffes ist, dass er sich dich auf bloße Angemessenheit an Konventionen begrenzen lässt, sondern darüber hinaus als bewusst genutztes Stilmittel verstanden wird.

[15] Bezugnahme auf den Gleichheitsgedanken der Aufklärung.

[16] Vgl. Handout, Hauptseminar „Sich benehmen - Genese und Wirkung von Verhaltensstandards“, Referat „Adolph Freiherr von Knigge -Über den Umgang mit Menschen“ vom 11.12.2008, WS 2008/09, CAU Kiel

[17] Vgl. Luhmann, 1997, S. 182

[18] Vgl. Berghaus, 2003, S. 54

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Benehmen als Karrieremuster
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Europäische Ethnologie / Volkskunde)
Veranstaltung
Sich benehmen
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V177858
ISBN (eBook)
9783640996865
ISBN (Buch)
9783640996964
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karriere, Benehmen, Normen, Verhalten, Kommunikation, Manager, Benimm
Arbeit zitieren
Jan Hauke Hahn (Autor), 2008, Benehmen als Karrieremuster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177858

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