Entscheidungsumsetzung in aufgespaltenen Organisationen

Ein Forschungsbericht zur Analyse eines Experteninterviews anhand der Objektiven Hermeneutik


Hausarbeit, 2010
46 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Zusammenfassung/Kurzbeschreibung

1 Ausgangsüberlegungen

2 Methodisches Vorgehen der Objektiven Hermeneutik
2.1 Methodologische Grundlagen
2.1.1 Latente Strukturen
2.1.2 Regelgeleitetheit der sozialen Praxis
2.1.3 Fall- Struktur- Rekonstruktion
2.1.4 Generalisierung der Fallstruktur
2.2 Sequenzanalyse
2.2.1 Phasen der Sequenzanalyse
2.2.1.1 Leseartenproduktion
2.2.1.2 Explikation der Lesearten
2.2.1.3 Überprüfung der Lesearten
2.2.2 Allgemeines: Interpretieren in Gruppen

3 Analyse des Interviews

4 Schlussfolgerungen

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Analytische Vorgehensweise

Zusammenfassung/Kurzbeschreibung

Das Ziel der vorliegenden Arbeit leitet sich aus der übergeordneten Fragestellung ab. Um in Erfahrung zu bringen, wie Entscheidungen in einem aufgespaltenen Unternehmen umgesetzt werden, ist es zunächst notwendig zu klären, ob und vor allem wie sich die besondere Organisationsstruktur auf den Entscheidungsumsetzungsprozess auswirkt. Deswegen ist das Ziel der vorliegenden Arbeit zu ergründen, welche besonderen Eigenschaften einer aufgespaltenen Organisation auf Grundlage der Äußerungen des Interviewpartners entnommen werden können und vor allem, wie diese Eigenschaften auf den Entscheidungsumsetzungsprozess wirken. Die Analyse wird zeigen, dass die Diskrepanz zwischen der Aufbauorganisation und den Ablaufprozessen sich entscheidend auf den Entscheidungsumsetzungsprozess auswirkt. Mithilfe der Objektiven Hermeneutik als Analysemethode des Interviews wird die Hypothese gebildet und untermauert, dass die erwähnte Diskrepanz negativ den Entscheidungsumsetzungsprozess beeinflussen kann.

Vorgehensweise:

1. Forschungsobjekt
2. Forschungsinteresse
3. (Auswahl der Methode der Datenerhebung (wird vorgegeben))
4. Interviewpartner und Interviewform
5. Durchführung des Interviews
6. Analyse des Informationsmaterials mit Hilfe der objektiven Hermeneutik
7. Schlussfolgerungen

Die folgende Abbildung, soll das analytische Vorgehen verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Analytische Vorgehensweise

Eigene Darstellung

1 Ausgangsüberlegungen

Forschungsobjekt:

Firma X ist ein innovativer Anbieter von Lösungen, Produkten und Dienstleistungen im Bereich der Sicherheitssysteme und bildet einen wichtigen Bereich von Produkten und Dienstleistungen der X - Gruppe, die in mehr als 40 Ländern präsent ist.

Firma X ist mit verschiedenen Standorten in Deutschland vertreten, wobei die Geschäftsleitung ihren Sitz in Ottobrunn hat. Die Vertriebszentrale der Sicherheits-, Kommunikationsprodukte und -systeme für die Länder Deutschland, Österreich und Schweiz befindet sich am Standort Kassel.

Die Organisationsstruktur des Unternehmens erscheint, sehr komplex und unübersichtlich zu sein, was auch vermuten lässt, dass die Entscheidungsfindungs- und Entscheidungsumsetzungsprozesse (unter Umständen) nicht reibungslos ablaufen.

Forschungsinteresse:

Wie werden die Entscheidungen in einer aufgespaltenen Organisation umgesetzt?

Interviewpartner:

Interviewt wurde der Vertriebsleiter der Firma X in Kassel und er arbeitet seit Kurzem mit einem neuen Vorgesetzten (Geschäftsleiter in Ottobrunn).

Leitfadengestütztes Interview:

In unserer Ausarbeitung haben wir offene Leitfäden verwendet, da dies für uns als geeignete und sichere Vorgehensweise zur Datenerhebung erschien. Die typischen Experten für ein leitfadengestütztes Interview sind zum Beispiel der Personalchef über die Einstellungspraxis in seinem Unternehmen, die Existenzgründerin über die Schwierigkeiten der Beschäftigung von Mitarbeitern oder wie in unserem Fall der Vertriebsleiter im Rahmen der Umsetzung von Entscheidungen.[1] Zudem ist gerade das leitfadengestützte Interview besonders dazu geeignet, die Experten im Besonderen zu ihrem „organisatorischen oder institutionellen Zusammenhang“ zu befragen, da man sie als Repräsentanten eines Unternehmen oder einer Organisation hinsichtlich dem Repräsentieren von Problemlösungen oder Entscheidungsstrukturen anspricht. Das leitfadengestützte Interview dient in unserem Fall nicht ausschliesslich dazu den Interviewten zu den relevanten und zentralen Themen der Organisation hinzuleiten, sondern auch gerade dazu, dem Experten als ebenbürtiger Gesprächspartner gegenüber zu treten.

Interviewfrage:

Wie gestaltet sich der Ablauf der Entscheidungsfindung und -umsetzung in der Firma X, wie findet die Beteiligung der Führungskräfte auf verschiedenen Hierarchiestufen an den Prozessen, evtl. Hindernisse, Widerstände und Konflikte statt.

2 Methodisches Vorgehen der Objektiven Hermeneutik

2.1 Methodologische Grundlagen

Der Gegenstand der Hermeneutik ist im Allgemeinen die Untersuchung und Strukturierung des Verstehens, als ein wissenschaftliches Phänomen.[2] Die Methode der Objektiven Hermeneutik beschäftigt sich mit der Interpretation der sozialen Wirklichkeit. Das passiert anhand der Analyse der sozialen Praxis (darunter auch Text, als Protokoll sozialer Interaktionen) mit dem Ziel, die darin enthaltenen Sinnstrukturen aufzudecken „[…] und daraus Erkenntnisse genereller Relevanz abzuleiten.“[3] Dieser Prozess kann auch als eine Entschlüsselung oder verstehende Erfassung der sozialen Wirklichkeit bezeichnet werden. Das Hauptanliegen der Methode besteht in der Bemühung, die Geltung der Interpretation intersubjektiv überprüfbar zu machen.[4]

2.1.1 Latente Strukturen

Im Analysefokus der Objektiven Hermeneutik liegen die sog. Latenten Strukturen oder die objektiven Bedeutungsmöglichkeiten. Die Latenten Strukturen lassen sich als „Erkenntnisse genereller Relevanz“, „generelle Themen“ oder „gesellschaftliche Spuren“ in der menschlichen Interaktion verstehen, die sich aus der Analyse der Beziehungen eines Individuums mit seiner Umwelt ergeben. Latente Sinnstrukturen „[…] sind die interaktionsstrukturinhärenten Regeln verschiedener Typen (syntaktische Regeln, pragmatische Regeln, Regeln der Sequenzierung von Interaktionen, Regeln der Verteilung von Redebeiträgen usw.), die interaktionstextgenerativ die latenten Sinnstrukturen konstituieren“.[5] Wichtig ist, dass die Latenten Strukturen nicht von den Subjekten konstruiert werden. Dementsprechend erfolgt die Interpretation nicht aus der Perspektive, den Motiven und Intentionen der Handelnden[6]: „Weder die tatsächlichen Bedeutungszuweisungen der interagierenden Subjekte noch die unter strategischen Gesichtspunkten abgesetzten Bedeutungszuweisungen sollen analysiert werden, sondern die in der gegebenen Gesellschaft vorhandenen gängigen und daher objektiven Deutungsmöglichkeiten einer Interaktion.“[7] Das Konzept der Latenten Strukturen stützt sich in seiner Logik auf zwei Annahmen im Rahmen der Objektiven Hermeneutik: Die Regelgeleitetheit der sozialen Praxis und die Strukturiertheit der Lebenswelt.

2.1.2 Regelgeleitetheit der sozialen Praxis

Die Rekonstruktion Latenter Strukturen erfolgt im Rahmen geltender Regeln. „Soziales Handeln konstituiert sich entlang dieser Regeln und die Interpretation der Protokolle dieses Handelns erfolgt unter Rückgriff auf unser Regelwissen.“[8] Dieses Konzept nimmt an, dass sich jede Handlung im Rahmen der „regelgeleiteten Möglichkeiten“ abspielt. Wobei die Regelgeleitetheit als eine nicht hintergehbare, obligatorische Handlungsbasis verstanden werden kann. Die Lebenspraxis entwickelt sich also immer im Rahmen der regelgeleiteten Welt und kann sich ihr weder entziehen noch sie verlassen. „Das Konzept der Regelgeleitetheit formuliert, anders als etwa soziale Normen, nicht, was zu tun ist, sondern was es heißt, etwas zu tun. Die Regelgeleitetheit verleiht der Handlung erst Bedeutung.“[9] Daher stützt sich die Rekonstruktion der Handlungsbedeutung auf die Kenntnis der wirklichkeitserzeugenden Regeln. Eben weil wir als Interpreten diese Regeln kennen, können wir die Bedeutung von Texten explizieren.[10]

In diesem Zusammenhang nennt Wernet in Anlehnung an Oevermann folgende Regelkomplexe: (1) Die universellen und einzelsprachspezifischen Regeln der sprachlichen Kompetenz, (2) die Regeln der kommunikativen oder illokutiven Kompetenz (Universalpragmatik), (3) die universellen Regeln der kognitiven und moralischen Kompetenz.[11]

2.1.3 Fall- Struktur- Rekonstruktion

Wie vorher bereits angedeutet beschäftigt sich die objektiv-hermeneutische Textinterpretation mit der Rekonstruktion von Bedeutungsstrukturen. Dabei geht die Objektive Hermeneutik davon aus, „[…] dass die Handlungsoptionen einer konkreten Lebenspraxis durch Regeln formuliert sind. Welche Möglichkeiten vorliegen und welche Folgen welche Möglichkeit zeigen, darüber befindet nicht die Handlungspraxis, sondern darüber hat die Welt der sozialen Regeln schon vorgängig befunden. Welche der durch Regeln eröffneten Handlungsoptionen realisiert wird; das entscheidet nicht die Regel, sondern die Fallstruktur.“[12] Dementsprechend passiert jede soziale Wirklichkeit im Rahmen der vorgegebenen Regeln. Der Rahmen lässt jedoch die Möglichkeit zu mehreren Handlungsoptionen. Die konkrete Ausprägung dieser Handlungsoptionen – Selektivität der Lebenspraxis kennzeichnet die Besonderheit dieser Lebenspraxis.[13]

„Der Strukturbegriff verweist darauf, dass die Selektionen, die eine Lebenspraxis vornimmt, nicht beliebig sind und nicht zufällig variieren. Die Selektionen selbst folgen einer Struktur. Und erst ihre Strukturiertheit verleiht der Lebenspraxis ihre Identität. Die objektiv-hermeneutische Textinterpretation zielt auf die Rekonstruktion der Strukturiertheit der Selektivität einer protokollierten Lebenspraxis.“[14]

2.1.4 Generalisierung der Fallstruktur

Bei der Theoriebildung kritisiert die objektive Hermeneutik sowohl das (rein) induktive, als auch (rein) deduktives Vorgehen. In ihrem Vorgehen stützt sich die Objektive Hermeneutik auf die „Dialektik von Allgemeinem und Besonderem“[15]

„Die Besonderheit einer konkreten Lebenspraxis erweist sich, wie ausgeführt, in der Selektivität ihrer Entscheidungen. Die Allgemeinheit kommt der Fallstruktur alleine schon dadurch zu, dass sie sich unter Mitwirkung geltender Regeln gebildet hat. Der Allgemeinheitsanspruch der Interpretation ergibt sich aus den konstitutionstheoretischen Prämissen. Der analysierte Fall ist immer schon allgemein und besonders zugleich. Denn in jedem Protokoll sozialer Wirklichkeit ist das Allgemeine ebenso mit protokolliert wie das Besondere im Sinne der Besonderheit des Falls. Der konkrete Fall ist insofern schon mehr als ein Einzelfall, da er ein sinnstrukturiertes Gebilde darstellt. […] Die Fallstrukturgeneralisierung nimmt eine begriffliche Würdigung der Ergebnisse der Fallrekonstruktion vor im Sinne der Formulierung einer materialen, empiriegesättigten Theorie.

2.2 Sequenzanalyse

Das Verfahren, welches der Vorstellung nach der objektiven Hermeneutik am lückenlosesten folgt, ist die Sequenzanalyse. Die objektive Hermeneutik unterstellt, dass unsere Interaktionen durch nicht offenkundige Strukturen beeinflusst und gesteuert werden. Hierbei entfalten die Strukturen ihre eigene Persönlichkeit in den Individuen aus einer Kombination von universell geltenden und epochenspezifischen Regeln. Diese Regeln werden von der Gemeinschaft der Interagierenden entworfen und zur Verfügung gestellt. Mit der Sequenzanalyse werden die Strukturen einer Interaktion konkretisiert.

Dadurch dass sich die Analyse an den Fall anlehnt, bietet sich zusätzlich zu seiner Funktion als Datenlieferant auch die Möglichkeit neue Einsichten über die Struktur der sozialen Welt zu gewinnen und diese in die theoretische Beschreibung aufzunehmen. Im Rahmen der Datenauswertung werden Thesen und Theorien über die soziale Welt gebildet, wobei keine Theorien von aussen an den Fall herangetragen werden.[16]

Durch das Verfahren der Sequenzanalyse, dem kompromisslosen Einlassen auf den jeweiligen Fall, lösen sich die Selbstverständnisse auf, die sich bei einer Interpretation des Handelns im vorliegenden Fall aus dem Verständnis unserer eignen alltäglichen Routineabläufen gebildet hätten und von denen wir annehmen, dass sie auch dem vorliegenden Fall zugrunde liegen. Bei einer Beibehaltung unserer eignen Routinen würden wir in aller Regel subsumtionslogisch verfahren.[17] Eine wesentliche Anforderung der Sequenzanalyse ist es zunächst äusseres Kontextwissen auszuschalten, unser eigenes Selbstverständnis in Frage zu stellen und in einem weiteren Schritt ein neues Selbstverständnis über die Struktur der sozialen Welt zu gewinnen.[18]

Im Besonderen, wenn das Handeln der Individuen in Krisensituationen geschieht, entstehen neue Strukturen. Die Interpretierenden imitieren eine Krisensituation, leiten jedoch hierbei das Handeln in dieser Situation nicht von ihren eigenen Selbstverständnissen und Routinen ab. Sie versetzen sich in einen Zustand, in dem es Ihnen möglich ist neu entstehende Strukturen analog zu alltagspraktischen Situationen erfinden zu können. Im Rahmen der Rekonstruktion werden nachträglich neue Regeln erfunden. Zum einen werden diese Regeln aufgrund des protokollierten Handelns bereits vorgefunden und zum anderen in der Krisensituation neu erfunden, wobei die Interpretierenden exakt diesem Prozess folgen.[19]

2.2.1 Phasen der Sequenzanalyse

Die Sequenzanalyse wird dabei in die nachfolgenden Phasen unterteilt.

2.2.1.1 Leseartenproduktion

Im ersten Schritt nehmen die Interpretierenden die erste richtige Interaktion heraus und versuchen im Rahmen eines Gedankenexperiments so viele Kontextbedingungen aufzustellen, wie für die Interaktion des Handelns empirisch angemessen erscheinen. Hierzu werden Geschichten erfunden, in welchen die zur Frage stehende Äusserung sinnvoll erscheint. Diese sinnmachenden Geschichten, von denen es eine Vielzahl zu jeder Äusserung gibt, werden auch Lesearten genannt.[20] Bei der Generierung der dieser Geschichten sind lediglich zwei Bedingungen zu beachten. (1) Es soll der Kontext des tatsächlichen Äusserungskontextes verlassen werden und es sind (2) lediglich Geschichten zulässig, in deinen den Interpretierenden der Text als geeignete sprachliche Äusserung erscheint. Im Rahmen der Geschichtenerzählung aktivieren wir das eigene intuitive Wissen von Regeln und lassen dieses arbeiten, um so die Zulässigkeit der Geschichten zu thematisieren.[21]

2.2.1.2 Explikation der Lesearten

Die in den hypothetischen Konstellationen angewendeten Regeln des Handels werden aufgrund der Lesearten impliziert. In einem zweiten Vorgang müssen diese implizierten Regeln expliziert werden. Der Handlungsspielraum der Sequenzanalyse entwickelt sich aus einer Vielzahl von verschiedenen Lesearten, die mögliche Strukturen für eine konkrete Stelle im Interview abbilden. Dies bildet die Basis um daraufhin die tatsächlich umgesetzte Struktur Schritt für Schritt abzubilden. Je umfangreicher man den Blick auf die Möglichkeiten differenziert und expliziert, je klarer zeichnen sich die im konkreten Fall herrschenden handlungsgesteuerten Strukturen heraus.

Aus diesem Kontext heraus soll sich eine Figur hervorheben, welche dazu geeignet ist das protokollierte Handeln sicher wiederzugeben.

2.2.1.3 Überprüfung der Lesearten

Die tatsächlichen vorherrschenden Strukturen werden bei der Nutzung der Sequenzanalyse dadurch identifiziert, dass die Lesearten ausgeschlossen werden, die im Verfahrensablauf nicht aufrecht zu erhalten sind.

„Als Kriterium der Zulässigkeit von Geschichten und Lesarten und vor allem: als Kriterium des Ausschlusses von Geschichten und Lesarten, gilt ausschließlich unser sprachlich-soziales, regelgeneriertes Wohlgeformtheitsurteil.“[22]

Für die Nachbildung der Strukturen ist es von Bedeutung, dass man neben den umgesetzten Lesearten auch die nicht umgesetzten Lesearten betrachtet. Wobei sämtliche konstruierten Lesearten die Gesamtheit der Möglichkeiten eines Interaktionssystems darstellen.

Bei jedem nachfolgenden Abschnitt kommt diese Vorgehensweise zum Einsatz: Auflistung möglicher Lesarten, Auflistung von deren pragmatischen Implikationen, Ausschluss von Lesarten, die sich anhand des Interviews nicht aufrechterhalten lassen. Unter Berücksichtigung der ersten relevanten Interaktion sind allerdings nur solche Lesearten anzunehmen, die im Bezug auf die vorhergehenden Interaktionen kongruent erscheinen.

Aufgrund dieser Vorgehensweise können nachfolgende Interaktionen leichter interpretiert werden, da sich schon eine Wegweiser für das tatsächliche Handel auf Basis der Bildung eines inneren Kontextes heraus gebildet hat.

Als Idealfall bezeichnet man den Zustand, in dem nur noch eine einzige Lesart verbleibt, die einen Sinn für den gesamten Interaktionstext ergibt. Die Sequenzanalyse wird beendet, wenn Weiterinterpretationen keine neuen Einsichten und Veränderungen mehr bieten.

2.2.2 Allgemeines: Interpretieren in Gruppen

Das Interpretieren in Gruppen ist aus zweierlei Hinsicht als sinnvoll und hilfreich anzusehen. Zum einen ist eine Gruppe eine kleine Sprach- und Interaktionsgemeinschaft, in der die Voraussetzung besteht die gleichen Strukturen vorzufinden, wie sie auch im durchgeführten Interview vorgefunden werden können. Auch durch das Kreieren von Lesearten, die unter dem eigenen Selbstverständniss entstanden sind erläutert sich eine Gruppe selbst. Im Anschluss daran werden diese durch das Entwerfen von aussergewöhnlichen Lesearten schrittweise überprüft und in Frage gestellt. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass erst der abduktive Schluss die Erkenntniss von neuen Lesearten ermöglicht. Dieser Schritt kann nicht geplant oder forcieren werden, es besteht lediglich die Möglichkeit ein angenehmes Umfeld und Klima hervorzubringen, in dem die Gruppe sich wohl fühlt und in dem ausreichen Zeit, Raum und Sicherheit zur freien, offenen und handlungsentlastenden Interpretation gegeben ist.[23]

Zum anderen kann es in einem Interpretationsablauf leicht passieren, dass man aufgrund seiner eigenen Betrachtungsweise Strukturen übernimmt oder diese zu voreilig verwirft. Zur Vermeidung dieser Vorgehens- und Sichtweisen, eignet sich daher besonders eine Zusammenarbeit und das gemeinsame Interpretieren innerhalb von Gruppen. Die Mitglieder einer Gruppe können korrigierend eingreifen oder auch eine Gegenposition übernehmen um den gesamten Interpretationsprozess voran zu bringen.[24]

Hierbei sollen im Gruppenprozess auch Lesearten die möglicherweise nicht zum Textkontext passen gegen Einwände aus der Gruppe bestmöglich verteidigt werden. Dies eignet sich besonders dazu, um eine Umfeld und Klima zu gestalten indem die Interpretierenden ihre eigenen selbstverständlichen Sichtweisen hinterfragen können.

Desweiteren ermöglicht das Interpretieren in einer Gruppe die Neutralisation von fest fixierten eigenen Strukturen. In einigen Situationen ist es durch eine Interaktion in einer Gruppe möglich andere Interpretierende aus ihrer eingeschränkten Sichtweise heraus zu holen und diesen so einen Blick auf das gesamte Bild zu ermöglichen.

3 Analyse des Interviews

Abschnitt 1:[25]

EL: Gut ähh wie würden sie die Organisationsstruktur ihres Unternehmens beschreiben oder bewerten?

VL: (Seit dieser Frage ständiger Augenkontakt) Also beschreiben als kao (lächelt) und nein nicht als chaotisch sondern es is ne flache Organisation ähm besteht eigentlich kaum aus Führungsebenen ansich nur anderhalb Ebenen. So. Und was war der zweite Teil der Frage?

Begründung für die Wahl des Abschnittes:

Startpunkt. Bildung des Kontextes, aus dem Entscheidungen gefällt und in der Abteilung umgesetzt werden. Hier wurde zum ersten Mal die Organisation charakterisiert.

Interpretation der Interview-Frage:

„Die Interpretation der Interview-Frage zielt auf die Explikation der Rahmung der Antwort. Sie leuchtet den von der Frage eröffneten Antwortenhorizont aus.“[26]

Frage:

Gut ähh wie würden sie die Organisationsstruktur ihres Unternehmens beschreiben oder bewerten?

Interpretation:

Der Interviewte wird gebeten, die Organisationstruktur seines Unternehmens zu beschreiben und zu bewerten. Die Fragestellung ist in der Form sehr konkret und bezieht sich auf die Beschreibung und Bewertung der Aufbau- und Ablauforganisation in dem Unternehmen. Durch die Anwendung von Konjunktiv 2 (Wie ... würden Sie) wird der Interviewte aufgefordert, seine eigene Sicht auf die Organisationsstruktur zu präsentieren. Dabei darf er die Themeninhalte seiner Antwort relativ frei auswählen.

Auffällig ist die Benutzung eines Personalpronomens in Bezug auf die Organisation (Ihres Unternehmens). Einerseits wird dadurch die Kenntnis der Organisationsstrukturen unterstrichen, andererseits betonnt man damit die Zugehörigkeit zu dem Unternehmen und sogar eine gewisse Verantwortung (im Sinne einer „Mittäter-Verantwortung“) für die zu beschreibenden Strukturen. Bei einer so definierten Frage kann der Manager selbst entscheiden, wie abstrakt oder detailliert er die Organisationsstrukturen darstellt. Es ist allerdings zu erwarten, dass die Beschreibung nicht nur „bloße“ Erläuterungen des Organigramms enthalten, sondern auch die tatsächlich existierenden und funktionierenden Organisationsstrukturen zum Vorschein bringen.

Phrase 1.1:

Also beschreiben als kao und nein nicht als chaotisch sondern es is ne flache Organisation.

Geschichten zur Phrase 1.1:

1.1.1 Ein Praktikant kommt in ein Internet-Unternehmen und wundert sich über die Arbeitsweise der Kollegen. Er beobachtet, dass viele Mitarbeiter die eine gute Idee haben diese einfach und ohne große Erlaubniss einholen zu müssen, umsetzen können. Er erfragt deshalb bei einem Kollegen den Dienstweg. Darauf erhält er die Antwort: „Also beschreiben als kao und nein nicht als chaotisch sondern es is ne flache Organisation“

1.1.2 Dozent fragt den Studenten, wie er ein Mehrliniensystem als Organisationsform beschreiben wird. Der Student antwortet: „Eine Stelle untersteht mehreren weisungsbefugten Instanzen und ein Mitarbeiter berichtet mehreren Vorgesetzten, also beschreiben als kao und nein nicht als chaotisch, sondern es ist ne flache Organisation“

1.1.3 In Raucherecke eines Unternehmens treffen sich zwei Kollegen, die sich lange nicht mehr gesehen haben. K1 arbeitet in der Fertigung und überwacht die Produktion. K2 wechselte in die F&E Abteilung. Im Verlauf des Gesprächs kam das Thema „Organisation der Arbeitsabläufe“ auf. K2 bemerkte: „Bei uns ist das ganz einfach. Um ein neues Forschungsthema zu beginnen, braucht es nicht viel. Den Ablauf, hmm beschreiben als kao und nein nicht als chaotisch sondern es is ne flache Organisation.“

Explikation der Lesearten:

Geschichte 1.1.1 beschreibt die Verwunderung eines Praktikanten, der noch nie zuvor gesehen hat, dass Mitarbeiter einfach eigene Projekte verwirklichen können. Die Antwort des Mitarbeiters deutet auf eine relativ unstrukturierte und frei gestaltende Arbeitsweise im Unternehmen hin in dem Sinne, dass Mitarbeiter genügend Entscheidungs- und Handlungsspielraum haben.

In dem Fall 1.1.2 versucht der Student ein praktisch bezogenes Urteil auf seinen theoretischen Erfahrungen aufzubauen. Bei dem Erklärungsversuch wird er unsicher, da die Charakterisierung „chaotisch“ eigentlich per Definition nicht für die Beschreibung einer Organisation passen sollte, denn chaotisch ist das Gegenteil von organisiert. Die Möglichkeit der Entstehung von chaotischen Zuständen ist jedoch durch das Konfliktpotenzial des Mehrliniensystems (z.B.: Zuständigkeitskonflikte) gegeben. Der Student versucht sich damit zu retten, indem er diese chaotischen Zustände mit einer Verschlankung der Hierarchie erklärt und die Organisationsstrukturen als „flache Organisation“ bezeichnet. In dieser Geschichte lassen sich eine Umdeutung oder Rechtfertigung möglicher Konflikten in einer Organisation feststellen.

Aus den theoretischen Erkenntnissen lässt sich erschließen, dass die flachen Organisationen unter anderem in den Bereichen vorkommen, wo man einen kreativen Arbeitsansatz erwartet. Im Umkehrschluss heißt es: Möchte man die Kreativität fordern, müsste die Organisation sich zumindest in dem Bereich verschlanken, wo man kreativ handeln muss. In diesem Zusammenhang wird in der Geschichte 1.1.3 die Situation in einer F&E-Abteilung beschrieben. Die Wahrnehmung der Situation in Form von chaotischen Abläufen, durch die Akteure ist daher für eine flache Organisation positiv zu bewerten und für eine positive Wahrnehmung ausschlaggebend.

Formulierung der Lesearten:

In diesem Schritt wird ein Versuch unternommen, die Geschichten typologisch zu gruppieren, als Gemeinsamkeiten und Differenzen zu formulieren. Man stellt schnell fest, dass sich die genannten Auslegungen der Lesearten wiedersprechen: einerseits ist neutrale bis positive Bewertung der Prozesse in der Organisationen zu sehen, andererseits kommt ein Rechtfertigungsversuch der zum Teil chaotischen Zustände im Unternehmen zum Vorschein. Für eine nähere Auseinandersetzung mit dieser Widersprüchlichkeit wird der Begriff der Organisation in Aufbau- und Ablauforganisation weiter differenziert.

Interessant ist, dass in den Geschichten 1.1.1 und 1.1.3 vor allem die Struktur der Ablauforganisation als chaotisch oder unstrukturiert charakterisiert wird, bei gleichzeitiger neutraler bis positiver Bewertung der Auswirkung dieses Chaos. So enthält der Fall 1.1.3 einen deutlichen Hinweis auf die Aufbaustruktur, die bewusst flach gehalten ist, wodurch die Ablaufstruktur beeinflusst wird. Die so entstandenen chaotisch bezeichneten Prozesse sollen die Forschung und Entwicklung unterstützen und können als positiv bewertet werden. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Prozesse unstrukturiert und „chaotisch“ in einem flach organisierten Unternehmen ablaufen können, wobei keine Diskrepanz zw. Ablauf- und Aufbauorganisationen entsteht.

Aufgrund eines Rechtfertigungsversuchs in der Geschichte 1.1.2 lässt sich ein Konflikt bzw. eine Diskrepanz zwischen Ablauf- und Aufbauorganisationen erwarten. Die konstruierte Struktur weist darauf hin, dass bei dieser Organisation vor allem die Ablauforganisation problematisch erscheint und als chaotisch beschrieben wird. Die Aufbauorganisation wird dagegen als eine flache Organisationsstruktur definiert und positiv bewertet. Dieser Konflikt zwischen Ablauf- und Aufbauorganisationen wird in der Geschichte erkannt und gerechtfertigt.

Zusammenfassend deutet die Geschichte 1.1.2 auf eine Diskrepanz zwischen Ablauf- und Aufbauorganisationen hin, die auch negativ wahrgenommen wird.

Fallstrukturhypothese:

Den oben ausgeführten Überlegungen zufolge kann eine Hypothese zur Phrase 1 wie folgt formuliert werden.

Hypothese 1: Wenn in einer aufgespaltenen Organisation eine Diskrepanz zwischen Ablauf- und Aufbauorganisationen entsteht, wird diese negativ wahrgenommen.

Überprüfung der Lesearten:

„Die kontrastierende Geschichte setzt den zu interpretierenden Text in einen unpassenden gedankenexperimentellen Kontext. Diese Verfremdungstechnik dient der Klärung der Textpräsuppositionen.“[27]

In dieser Phase der Analyse wurden die Geschichten gesucht, die unsere Behauptung, dass das Bestehen von chaotischen Ablaufstrukturen bei den gleichzeitig flachen Aufbaustrukturen nicht zwangsläufig einen Konfliktcharakter aufweisen muss, aber wenn eine Diskrepanz zwischen Ablauf- und Aufbauorganisationen, wird diese negativ wahrgenommen, widerlegen.

Kontrastierende Geschichte:

In einem Workshop wird den Teilnehmern angeboten, eine aus ihrer Erfahrung gut funktionierende Organisationsstruktur zu modellieren und zu beschreiben. Ein Vorschlag lautet folgendermaßen: „Also beschreiben als kao und nein nicht als chaotisch sondern es is ne flache Organisation“.

Man sieht, dass sich eine so beschriebene Organisationsstruktur wegen der erwähnten teilweise chaotischen Zustände nicht eindeutig für „gut funktionierend“ erklären lässt, da die Charakterisierung „chaotisch“ im deutschsprachigen Raum nicht üblicherweise für die Beschreibung von gut funktionierenden Strukturen verwendet wird. Außerdem liegt es einen Themenwechsel und Rechtfertigungsversuch vor. Daher lässt sich die Existenz der identifizierten Diskrepanz bestätigen, die negativ wahrgenommen wird.

Konfrontation mit dem Äußerungskontext:

Die Äußerung erfolgt im Kontext der Interviewfrage nach Beschreibung und Bewertung der Organisationstruktur einer Vertriebsniederlassung, wo der Interviewte seit langem als Vertriebsleiter tätig ist. Bei der Fragenformulierung wurde einerseits die Möglichkeit gegeben die Antwort relativ frei zu gestalten, andererseits hat der Interviewer die besondere Expertise des VL unterstrichen. Ab dieser Frage beginnt laut dem Interviewprotokoll ein ständiger Augenkontakt zwischen EL und VL. Diese Umstände lassen die Vermutung aufstellen, dass sich der VL seiner Kompetenz und Verantwortung bewusst wurde und dementsprechend versucht hat, die wesentlichsten und wichtigsten Inhalte in Bezug auf die Organisationsstruktur dieses Unternehmens zu kommunizieren. Als der VL angefangen hat zu antworten, fiel ihm spontan das Word „chaotisch“. Doch, da ihm seine Kompetenz und Verantwortung bewusst wurde, war es deutlich, dass er als Vertreter des Unternehmens die Organisation nicht nach außen in solcher Form darstellen und präsentieren darf. Er unterbrich sich selbst („kao“), lächelte und versuchte souverän die Kurve wieder zu kriegen: „nein nicht als chaotisch“. Anschließend wechselte er das Thema von der Prozess- und Ablaufbeschreibung zu der Bewertung der Aufbauorganisation („sondern es is ne flache Organisation“).

[...]


[1] Vgl. (Nohl, 2006); S. 20

[2] Vgl. (Lamnek, 2005); S: 60

[3] Vgl. (Scherf, 2009); S. 301

[4] Vgl. (Wernet, 2006); S. 11

[5] Vgl. (Scherf, 2009); S. 301, zitiert nach Oevermann

[6] Vgl. (Scherf, 2009); S. 301

[7] Vgl. (Lamnek, 2005); S. 532

[8] Vgl. (Wernet, 2006); S. 13

[9] Vgl. (Wernet, 2006); S. 13

[10] Vgl. (Wernet, 2006); S. 14

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. (Wernet, 2006); S. 15

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. (Wernet, 2006); S. 15

[15] Vgl. (Wernet, 2006); S. 19 - 20

[16] Vgl. (Christof, Schlembach, & Klein, 2005); S. 39

[17] Vgl. (Christof, Schlembach, & Klein, 2005); S. 39

[18] Vgl. (Christof, Schlembach, & Klein, 2005)

[19] Vgl. (Christof, Schlembach, & Klein, 2005)

[20] Vgl. (Christof, Schlembach, & Klein, 2005); S. 39

[21] Vgl. (Wernet, 2006); S. 39

[22] (Wernet, 2006); S. 52

[23] Vgl. (Christof, Schlembach, & Klein, 2005); S.41

[24] Vgl. (Christof, Schlembach, & Klein, 2005); S. 41

[25] Siehe Anhang Zeile 29 bis 34

[26] Vgl. (Wernet, 2006); S. 62

[27] Vgl. (Wernet, 2006); S. 41

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Entscheidungsumsetzung in aufgespaltenen Organisationen
Untertitel
Ein Forschungsbericht zur Analyse eines Experteninterviews anhand der Objektiven Hermeneutik
Hochschule
Universität Kassel  (Personalwirtschafts- und Organisationslehre)
Veranstaltung
Qualitative Forschungsmethoden
Note
1,3
Autoren
Jahr
2010
Seiten
46
Katalognummer
V177896
ISBN (eBook)
9783640999880
ISBN (Buch)
9783656003533
Dateigröße
799 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entscheidungsumsetzung, organisationen, forschungsbericht, analyse, experteninterviews, objektiven, hermeneutik
Arbeit zitieren
Schneider (Autor)Krasnousova (Autor)Mikhaldyko (Autor)Wagner (Autor)Dik (Autor), 2010, Entscheidungsumsetzung in aufgespaltenen Organisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177896

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