Die Wirtschaftsreform der sechziger Jahre in der DDR


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

24 Seiten, Note: 1,0

Martin Finkenhäuser (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Politische Ökonomie und kommunistische Utopie

3 Die Situation vor dem Mauerbau

4 Der Verlauf der Wirtschaftsreform
4.1 Die erste Etappe des NÖS
4.2 Die zweite Etappe des NÖS
4.3 Das Ökonomische System des Sozialismus
4.4 Das Ende der Reform

5 Gründe für das Scheitern der Reformversuche

6 Fazit

7 Quellen- und Literaturverzeichnis

Das sozialistische System insgesamt war falsch, wie wir heute wissen. Es

ist eine Illusion, in der Planwirtschaft nach einem Weg zu suchen und ihn zu finden. Die Wirtschaft mußmit Gewinn arbeiten, wie das in einer Markt- wirtschaft ist. Unser Wirtschaftssystem ist unter heutigen Erkenntnissen nicht zu verantworten, wird sich auch nicht wiederholen.“ (Günter Mittag)1

1. Einleitung

Nach Karl Marx werde sich der Sozialismus als erstes in den reichen Industrieländern etablieren, in Gesellschaften also, die genügend Wohlstand erwirtschaftet haben, sodass das einzelne Individuum nicht mehr abhängig ist von einer speziellen Arbeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nun versucht, in Ostdeutschland den Sozialismus aufzubauen, in einem Land also, in dem es bedingt durch die Folgen des Krieges nicht genügend Lebensmittel für die Bevölkerung gab, diese mit enormen sozialen und ökonomischen Problemen, verursacht durch Gefallene, Gefangene und Vertriebene, zu kämpfen hatte, die Infrastruktur schwer geschädigt war, es kaum etablierte Schwerindustrie gab, die vorhandene Industrie mit Demontagen und fehlenden Investitionen belastet wurde und dessen Arbeitskräftepotential durch Massenfluchtbewegungen stetig abnahm.2 In der vorliegenden Arbeit soll es um die Wirtschaftsreformen in der DDR der 1960er Jahre gehen. Es soll also untersucht werden, wie der Versuch, den Aufbau des Sozialismus zu reformieren, genau aussah, wie erfolgreich er war und was letztendlich die Gründe für sein Scheitern waren.

Da der Marxismus die ideologische Grundlage für die zunächst angestrebte sozialistische Gesellschaft bildete, sollen vorab die Grundzüge seiner Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie skizziert und die spärlichen Äußerungen zu einem möglichen kommunistischen Wirtschaften geprüft werden.3 Danach soll die wirtschaftliche Situation der DDR vor dem Mauerbau dargestellt werden, um einerseits die Disso- nanzen zum marxistischen Denken anzudeuten und andererseits die Notwendigkeit von Reformen sichtbar zu machen. Anschließend soll der Verlauf dieser Reformen in seinen wesentlichen Phasen dargestellt werden, um abschließend den Fragen nachzugehen, wie erfolgreich waren die Reformen, wie erfolgreich waren sie aus Sicht der Akteure und wieso kam es mit der Machtübernahme Honeckers zum vollständigen Abbruch dieser Reformbemühungen. Da der Vergleich mit der Bundesrepublik für die Akteure immer auch relevant war und da er möglicherweise auch in der Rückschau nützlich sein kann, soll an gegebener Stelle darauf hingewiesen werden. Der größere Kontext, in dem dieses Thema behandelt wird, sind mittel- und osteuropäische Wirtschaftssysteme im 20. Jahrhundert. Deswegen soll an gegebener Stelle auch auf mögliche Besonderheiten der DDR-Reform hingewiesen werden.

2. Politische Ökonomie und kommunistische Utopie

Ein möglicher Ansatzpunkt, um die marxistische Kritik am Kapitalismus nachzuvoll- ziehen, ist das Problem der Entfremdung, genauer dass der dreifachen Entfremdung. Die kapitalistische Produktionsweise führe dazu, dass der Mensch sich von seiner Ar- beit, daraufhin von sich selbst und schließlich von seinen Mitmenschen entfremde. Hinzu kommt, dass das Kapital den Gebrauchswert durch den Tauschwert ersetze, weswegen alles, auch der Arbeiter, zur Ware werde. Entfremdung, Ausbeutung und die Universalität des Kapitals ergäben unauflösliche Widersprüche, welche schließlich zur Überwindung des Kapitalismus führten. Die Entstehung einer klassenlosen kommunis- tischen Gesellschaft ist für Marx notwendige Folge der Geschichte: „Die Menschen bauen sich eine neue Welt [ … ] aus den geschichtlichen Errungenschaften ihrer untergehenden Welt.4 Dieser Übergang werde zuerst in den reichen Industrieländern stattfinden, denn ein hoher Grad der „Entwicklung der Produktivkräfte [... sei] auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen m üß te.5 Hier zeigt sich die erste Dissonanz zur Situation der SBZ und der späteren DDR, die jedoch erklärt, wes- halb eine weitgehende Industrialisierung nach den Ideen Lenins und Stalins mit allen Mitteln erzwungen werden sollte.

Es ist darüber hinaus sehr schwierig, aus den Schriften von Marx und Engels eine klare Vorstellung zu bekommen, wie die neue kommunistische Gesellschaft ihrer Meinung nach aussehen soll, da ihre Äußerungen oft nur sehr abstrakt und formal blei- ben. In der Regel versuchen sie die Unvollkommenheit des Kapitalismus gegenüber dem Kommunismus aufzuzeigen und erstellen damit wohl eher eine Art Negativ. Ein wesentliches Kriterium für die „neue Gesellschaft“ ist die Aufhebung des Privateigen- tums. Marx versteht den Kommunismus „als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen.6 Jeder solle sich der Produktions- mittel bedienen und sich frei entfalten können. Wo vorher die Arbeit den Menschen geknechtet hatte, soll sie nun „Mittel der Befreiung der Menschen [sein]. Indem sie jedem einzelnen die Gelegenheit bietet, seine sämtlichen Fähigkeiten, k ö rperliche wie geistige, nach allen Richtungen hin auszubilden und zu betätigen, und in der sie so aus einer Last eine Lust wird.7

Mit dieser neuen Freiheit sollte nach Marx und Engels auch der Staat obsolet werden. „Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Asso ziation der Produzenten neu organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschine dahin, wohin sie dann geh ö ren wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.8 Wie eine Gesellschaft ohne Staat, ohne Privateigentum und ohne Trennung von Leben und Arbeit ganz konkret aussehen könnte, bleibt offen. Es sei hier nur die vielzitierte Stelle aus der Deutschen Ideologie angeführt, in der eine kommunistische Gesellschaft eine ist, in der „jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch m ö glich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.9

Dass die DDR-Gesellschaft weit von dieser Idylle entfernt war, werden auch die politi- schen Akteure jener Zeit kaum bestreiten. Fraglich ist jedoch ob der eingeschlagene Weg sich tatsächlich diesem Ziel näherte. Da das Thema dieser Arbeit die Wirtschaft ist, sollen im Folgenden kurz die Maßnahmen skizziert werden, die seit der Nachkriegszeit bis zum Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 ergriffen wurden, um die sozialistische Planwirtschaft einzuführen und somit den Aufbau des Sozialismus als Zwischenstufe zum Kommunismus in die Wege zu leiten.

3. Die Situation vor dem Mauerbau

Es war zunächst die schlechte ökonomische Lage der Nachkriegszeit, die zum Ausbau der Wirtschaftslenkung führte, nach und nach wurde die Planwirtschaft jedoch zum Ins- trument der Machtpolitik der SED. Unter Heinrich Rau wurden von der Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) bis 1948 die Grundlagen der neuen Wirtschaftsordnung geschaffen. Diese waren erstens die Zentralisierung und Hierarchisierung der Wirt- schaftslenkung, zweitens die Ausdehnung der Pläne von einem Halbjahresplan für die zweite Hälfte des Jahres 1948 über einen Zweijahresplan für 1949/50 bis zum ersten Fünfjahresplan für die Jahre 1951-55. Dabei setzte die SED die Richtlinien für diese Pläne fest, wodurch die Lenkung eine machtpolitische Dimension bekam.10 Und drittens sollte der bestehende Geldüberhang beseitigt werden.11 Während die westdeutsche Wäh- rungsreform Preisregulierungen aufhob und eine Marktwirtschaft etablierte, wirkte die ostdeutsche auf eine Planwirtschaft hin, indem sie staatliche Betriebe massiv begünstig- te. Dabei sollte die Arbeitsproduktivität durch soziale Verbesserungen gesteigert wer- den, wodurch Deputatlohn, der Erwerb von Industriewaren sowie diverse Urlaubsmög- lichkeiten nach und nach zu einem inhärenten Element der Anreizstruktur wurden. Man wollte zwar Geld und Preise ganz abschaffen, konnte jedoch die für die Versorgung nötigen Anreizstrukturen in Form von Übersollmengen nicht ohne Preisgefüge schaf- fen.12

Wiederum unter Heinrich Rau, inzwischen Chef der Nachfolgeorganisation der DWK, der Staatlichen Plankommission (SPK), wurden im Februar 1953 neue Grund- sätze der Preispolitik festgelegt, welche einheitliche Festpreise nach Produkt und Quali- tät vorsahen. Diese Kostenpreise boten jedoch keine Informationen über Angebot und Nachfrage und verloren dadurch ihre Lenkungsfunktion, weshalb die künftigen Produk- tionsmengen geschätzt werden mussten. Schließlich war für die Planwirtschaft charak- teristisch, dass der Staat das Außenhandelsmonopol auf Geschäfte und Devisentransak- tionen hatte.13

In der Landwirtschaft waren die Bodenreform und die Zwangskollektivierungen die wesentlichen Aktionen. In den Jahren 1945/46 wurden Großgrundbesitzer, die mehr als 100ha Land besaßen, sowie ehemals aktive NSDAP-Mitglieder enteignet. Das betraf allein im September 1945 7.000 Menschen. Davon bekamen unter anderem 250.000 Neubauern ihr eigenes Land. Unter ihnen waren ca. 119.000 Landarbeiter und etwa 93.000 Vertriebene. Die Mehrheit von ihnen hatte nicht einmal ein Pferd, um das Land zu bewirtschaften und durch die Zwangskollektivierungen der folgenden Jahre waren die meisten nicht lange ihre eigenen Herren.14 Darüber hinaus wurden die Sollnormen der Großbauern, die mehr als 20ha Land besaßen, immer mehr erhöht, um sie zur Auf- gabe ihres Hofes zu zwingen und in den Jahren 1952/53 wurden erneut zahlreiche von ihnen enteignet.15

Ende der 1950er Jahre stand die DDR-Wirtschaft vor nicht mehr zu leugnenden Problemen. Dafür kann man im Wesentlichen drei Gründe benennen. Zum einen hatten die Anweisungen der SED dazu geführt, dass einige wenige Industriezweige massiv gefördert worden waren und dementsprechend anderen die Mittel für Produktionsstei- gerung und Innovation entzogen worden waren. Dies hatte wiederum dazu geführt, dass Betriebe in ihren Lagern Materialien und Vorleistungen horteten. Die Planung reduzier- te auch den Zwang zur Innovation, wodurch die internationale Konkurrenzfähigkeit ver- loren gegangen war. Eine zweite Ursache für die Probleme der DDR-Wirtschaft, waren - neben den politisch motivierten Plänen - die Reparationsleistungen, die noch bis 1953 an die Sowjetunion gezahlt werden mussten. Demontagen, Entnahmen aus der laufen- den Produktion sowie Sowjetische Aktiengesellschaften belasteten die Wirtschaft sehr. Die Gesamtsumme wird auf ca. 54 Milliarden Reichsmark, beziehungsweise 14 Milliarden Dollar, geschätzt.16 Der strukturelle Effekt der Rohstoff- und Energiedefizite durch die Reparationsleistungen sollte nicht unterschätzt werden. Ein drittes Problem waren die zunehmenden Massenfluchtbewegungen. Unter dem Eindruck der Plünde- rungs- und Vergewaltigungsexzesse der Sowjetarmee und der Versorgungsnot verließen vor allem junge, gut ausgebildete Fachkräfte, meist Männer, die DDR. Der quantitative und qualitative Schwund des Arbeitskräftepotentials stellte eine enorme Belastungen der sich im Aufbau befindenden Wirtschaft dar.

[...]


[1] Bickerich, Wolfram/ Kampe, Dieter/ Uhlmann, Steffen: Es reißt mir das Herz kaputt. SPIEGEL- Gespräch mit dem ehemaligen DDR-Wirtschaftslenker Günter Mittag über seine Politik und seine Fehler, in: Der Spiegel 37, 1991, S. 88-104 (= www.spiegel.de/spiegel/print/d-13491339.html; letzter Aufruf 08.03.2011)

[2] Vgl. dazu Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte (Bd. 5, Bundesrepublik und DDR 1949-1990), München 2008, S. 23-33, 43-47, 88-107

[3] Eine erschöpfende Darstellung ist hier natürlich nicht möglich, es sollen einige Punkte ausgewählt werden, die möglicherweise eher relevant für das hier behandelte Thema sind.

[4] Marx, Karl: Die moralisierende Kritik und die kritische Moral, in: Marx, Karl/ Engels, Friedrich: Werke (MEW), Bd. 4, 10. Aufl., Berlin 1983, S. 339

[5] Ders./ Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, in: MEW, Bd. 3, 5. Aufl., Berlin 1978, S. 34f

[6] Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, in: MEW, Bd. 40, Berlin 1968, S. 536

[7] Engels, Friedrich: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: MEW, Bd. 20, 8. Aufl., Berlin 1983, S. 274

[8] Ders.: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats|Der Ursprung der Familie, in: MEW, Bd. 21, 8. Aufl., Berlin 1984, S. 168

[9] Marx, Karl/ Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, S. 33

[10] Vgl. dazu Ambrosius, Gerold: „Sozialistische Planwirtschaft“ als Alternative und Variante in der In- dustriegesellschaft - Die Wirtschaftsordnung, in: Steiner, André (Hg.): Überholen ohne Einzuholen. Die DDR-Wirtschaft als Fußnote der deutschen Geschichte?, Berlin 2006, S. 12ff

[11] Vgl. dazu Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, Berlin 2007, S. 56ff

[12] Vgl. dazu ebd. S. 65f

[13] Vgl. dazu Buchheim, Christoph: Die Achillesferse der DDR - der Außenhandel, in: Steiner, André (Hg.): Überholen ohne Einzuholen, S. 91-103

[14] Vgl. dazu Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 5, S. 26f

[15] Vgl. dazu Steiner, André: Von Plan zu Plan, S. 76

[16] Preise des Jahres 1938, vgl. dazu Baar, Lothar/ Karlsch Rainer/ Matschke, Werner: Studien zur Wirt- schaftsgeschichte, Berlin 1993, S. 100

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Wirtschaftsreform der sechziger Jahre in der DDR
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Europäische Geschichte)
Veranstaltung
Sozialistische Wirtschaftssysteme
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V178543
ISBN (eBook)
9783656005940
ISBN (Buch)
9783656006244
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wirtschaftsreform, jahre
Arbeit zitieren
Martin Finkenhäuser (Autor), 2011, Die Wirtschaftsreform der sechziger Jahre in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178543

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Wirtschaftsreform der sechziger Jahre in der DDR



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden