„Film kann die Welt nicht verändern oder verbessern, er kann aber Stimmung schaffen.“
Dieses Zitat von Bernhard Wicki wurde anlässlich der ersten Jugendkinotage im Jahr 2003 zum Grundsatz der Bemühungen für ein besseres Verständnis von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Gerade die jungen und heranwachsenden Mitglieder unserer Gesellschaft besitzen nur wenige Berührungspunkte mit den menschenverachtenden Diktaturen der Vergangenheit. Allerdings muss sich gerade unsere heutige säkularisierte Gesellschaft mehr denn je mit der Fragestellung nach der Allmächtigkeit des Menschen und der daraus resultierenden Grenz- bzw. Maßlosigkeit des menschlichen Handelns auseinandersetzen. Werte wie Ethik, Moral und Verantwortung gegenüber seinen Mitbürgern und der Gesellschaft als Ganzem scheinen in die Vergessenheit zu geraten.
Nur eine lebendige Erinnerungskultur, welche die Leistungen der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft trägt, ist in der Lage, diesen geistig-moralischen Zerfall entgegenzuwirken. Der Begriff der Erinnerungskultur ist in einer Vielzahl von Staaten untrennbar mit dem Schlagwort des Holocausts verbunden. Erinnerungskultur als das „kollektiv geteilte Wissens über die Vergangenheit“ kann folglich als die Geschichte im Gedächtnis der Gegenwart aufgefasst werden. Diese unvergängliche Relevanz begründet die aufgezeigte Fragestellung und rechtfertigt die ausführliche Beschäftigung mit diesem Themenbereich.
Die folgende Arbeit beschäftigt sich auf der Grundlage dieser Überlegungen mit der Fragestellung: Welchen Beitrag leistet der historische Spielfilm: „Der Neunte Tag“ von Volker Schlöndorff für die Erinnerungskultur?
Der Hauptteil dieser Arbeit fokussiert sich auf die Einordung des zu interpretierenden Films in den historischen Gesamtkontext. Im Besonderen wird hier sowohl auf die Historizität und Authentizität als auch auf die ethische Relevanz des Films hinsichtlich des Beitrages, welchen er für die Erinnerungskultur leistet, eingegangen. Um jedoch eine zufriedenstellende Antwort auf die dargestellte Problematik zu erhalten, wird zunächst eine Analyse des Films „Der Neunte Tag“ vorgenommen. Unter diesem Gliederungspunkt werden die bisherigen Karrieren der beiden Hauptdarsteller: Jürgen Matthes sowie August Diehl herausgearbeitet und im Hinblick auf ihre Filmrollen dargestellt. Im Folgenden werden die Filmbotschaft, die Leitmotive und die daraus resultierende Symbolik kritisch hinterfragt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Filmanalyse „Der Neunte Tag“
2.1. Das Leben und Wirken der beiden Hauptdarsteller
2.1.1. Der Protagonist – Abbé Henri Kremer (Ulrich Matthes)
2.1.2. Der Antagonist – Untersturmbannführer Gebhardt (August Diehl)
2.2. Humanes Handeln in einer inhumanen Welt? – Die Filmbotschaft und der ethische Konflikt
2.3. Die Leitmotive
2.3.1. „Und führe uns nicht in Versuchung…“ – Die Frage der Schuld
2.3.2. Der Glaube und das Problem der Theodizee
2.3.3. Versuchung und Verrat
2.4. Die Symbolik
2.4.1. Wasser
2.4.2. Brot
2.4.3. Die theologische Dimension der Symbole: Wasser und Brot
3. Die Historizität und Authentizität
3.1. Die Historizität
3.1.1. Das Verhältnis der katholischen Kirche im Dritten Reich am Beispiel von Luxemburg
3.1.2. Das KZ Dachau und der „Pfarrerblock“
3.2. Die Authentizität
3.2.1. Die Quellen der Filmhandlung
3.2.2. Ausgewählte Beispiele der Authentizität
4. Die Erinnerungskultur und die ethische Relevanz des Films für die Gegenwart und Zukunft
5. Ergebnis und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, welchen Beitrag Volker Schlöndorffs historischer Spielfilm „Der Neunte Tag“ zur Erinnerungskultur leistet. Im Zentrum steht die Analyse des ethischen Konflikts zwischen Widerstand und Kollaboration sowie die Frage, wie ein Spielfilm historisch authentische Ereignisse vermitteln kann, ohne seinen dramaturgischen Charakter zu verlieren.
- Analyse der Filmbotschaft und ethischer Dilemmata
- Untersuchung zentraler Leitmotive und Symboliken (Wasser, Brot, Farbe Rot)
- Historische Kontextualisierung (katholische Kirche in Luxemburg, KZ Dachau)
- Evaluation der Authentizität durch Quellenvergleiche und Zeitzeugenberichte
- Bedeutung von Spielfilmen für das kollektive Gedächtnis nachfolgender Generationen
Auszug aus dem Buch
2.3.1. „Und führe uns nicht in Versuchung…“ – Die Frage der Schuld
Als zentrales Leitmotiv im Film kann der Schuldbegriff und das daraus resultierende Streben nach Wiedergutmachung angesehen werden. Kremer, welcher durch andere das Teilen von Wasser und Brot als Geste der Mitmenschlichkeit erfahren hat, scheitert an einem Akt der Solidarität unter den KZ-Häftlingen. Weil er eine im Lager gefundene erbärmliche Wasserquelle geheim hielt, starb ein Mitgefangener. Infolgedessen hat Kremer Schuld auf sich geladen, dessen Wiedergutmachung seine Handlungen im weiteren Filmverlauf antreiben und bestimmen werden. Das Opfer wird hier somit zum vermeintlichen Täter. Dieser Moment zeigt außerdem, dass der stärkste Glaube den Menschen nicht davor bewahren kann, Schwächen zu haben und Fehler zu machen.
In der weiteren Handlung wehrt sich Kremer mit stiller Tapferkeit. Er ist nicht fanatisch, sondern er weiß, dass er sich durch seine persönlichen Fehler nie selbst trauen darf. Diese Motivation drängt Kremer förmlich zum Widerstand gegen die Nazis. Diese Ambivalenz zwischen der Rolle des Opfers und jener des scheinbaren Täters wird durch die endgültige Ablehnung, sich mit den Nazis zu verbrüdern und damit die christlichen Glaubensgrundsätze zu bewahren, aufgelöst.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Relevanz der Erinnerungskultur ein und definiert die zentrale Forschungsfrage nach dem Beitrag des Spielfilms „Der Neunte Tag“ zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus.
2. Filmanalyse „Der Neunte Tag“: Dieses Kapitel analysiert die Hauptdarsteller, die ethische Kernbotschaft des Films, zentrale Leitmotive wie Schuld und Theodizee sowie die religiöse und farbliche Symbolik.
3. Die Historizität und Authentizität: Hier wird der historische Hintergrund des luxemburgischen Widerstands und des „Pfarrerblocks“ im KZ Dachau beleuchtet und mit den filmischen Quellen sowie der authentischen Umsetzung abgeglichen.
4. Die Erinnerungskultur und die ethische Relevanz des Films für die Gegenwart und Zukunft: Das Kapitel diskutiert die mediale Wirkkraft des Films und seine Bedeutung für die ethische Bildung und das Geschichtsbewusstsein künftiger Generationen.
5. Ergebnis und Ausblick: Die Arbeit fasst zusammen, dass der Film durch die authentische Darstellung von Kremers moralischem Dilemma einen bedeutenden, erinnerungskulturellen Beitrag leistet.
Schlüsselwörter
Erinnerungskultur, Der Neunte Tag, Volker Schlöndorff, Pfarrerblock, KZ Dachau, Ethik, Widerstand, Kollaboration, Theodizee, Authentizität, Jean Bernard, Katholische Kirche, Schuld, Vergangenheitsbewältigung, Spielfilm.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Volker Schlöndorffs Film „Der Neunte Tag“ im Hinblick auf seinen Beitrag zur Erinnerungskultur und zur ethischen Wissensvermittlung über den Nationalsozialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis der katholischen Kirche zum NS-Regime, die psychologische Situation von KZ-Häftlingen, die Frage nach individueller Schuld und der Wert christlicher Ideale in einer inhumanen Welt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Frage, welchen konkreten Beitrag der historische Spielfilm „Der Neunte Tag“ für die gesellschaftliche Erinnerungskultur leistet.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die methodische Grundlage bildet die Textanalyse von Primär- und Sekundärliteratur, ergänzt durch die Auswertung von Zeitzeugeninterviews und Filmanalysedaten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Filmanalyse, die Untersuchung historischer Tatsachen (Historizität) und die Bewertung der filmischen Authentizität anhand von Quellen wie den Memoiren von Jean Bernard.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Erinnerungskultur, moralische Integrität, historische Authentizität und mediale Geschichtsvermittlung beschreiben.
Welche Rolle spielt die Figur des Abbé Henri Kremer?
Abbé Henri Kremer dient als Stellvertreter des Individuums, das sich in einer extremen Machtsituation zwischen moralischem Verrat und der Wahrung der eigenen christlichen Identität entscheiden muss.
Warum ist das Motiv der „roten Linie“ so entscheidend im Film?
Die „rote Linie“ fungiert als visuelles Stilmittel, das die nationalsozialistische Gewaltherrschaft von der KZ-Baracke bis in die luxemburgische Heimat durchzieht und die allgegenwärtige Versuchung zur Kollaboration symbolisiert.
- Citar trabajo
- Susanne Lossi (Autor), 2011, Die Erinnerungskultur im zeitgenössischen Spielfilm am Beispiel des Films „Der Neunte Tag“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178848