Die Etablierung des Tangos

Eine Liebesgeschichte zwischen Buenos Aires und Paris


Seminararbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Etablierung des Tangos
2.1. Buenos Aires - Die Geburtsstadt des Tangos
2.2. Die Vorgeschichte des Tangos
2.3. Die Geburt des Tangos
2.4. Der Tango in Paris
2.5. Die Heimkehr des Tangos
2.6. Die Goldene Ära des Tangos
2.7. Der tango nuevo

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Getrieben von der Armut im eigenen Lande zog es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tausende von Europäern nach Buenos Aires. Doch viele der vor allem aus Spanien und Italien Kommenden finden sich schon bald in den Elendsquartieren der argentinischen Hauptstadt wieder. Ihre Hoffnungen, ihre Probleme und ihre Wünsche vereinten sich in der Musik und kamen in den Texten des Tangos zum Ausdruck. Als sich Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerechnet dieser Tanz der Ganoven und Prostituierten in Paris durchsetzte, war sein Siegeszug nicht mehr zu stoppen. Die Entstehung des Tangos ist eng an die politischen, sozialen und ökonomischen Faktoren der beiden Städte gebunden und wäre ohne ihre mysteriöse Beziehung zueinander nicht zu denken gewesen.

In der vorliegenden Hausarbeit soll untersucht werden, inwiefern die Entstehung und Etablierung des Tangos in Zusammenhang mit den urbanen Kontexten in Buenos Aires und Paris steht. Dabei beziehe ich mich insbesondere auf Michel Plissons Tango: Du noir aux blanc , sowie auf den Sammelband ¡ tango! Mehr als nur ein Tanz .

Als erstes möchte ich die sozialpolitische Situation in Buenos Aires während der Entstehungszeit des Tangos darstellen, denn besonders das gesellschaftliche Milieu in den Vororten der Stadt prägte die neue Musikrichtung. Anschließend werde ich die Entwicklungsgeschichte des Tangos darlegen. Dabei werde ich zunächst auf die dunkle Vorgeschichte des Tangos eingehen. Danach komme ich sowohl auf die Alte Garde, als auch auf die Neue Garde und das Goldenen Zeitalter des Tangos zu sprechen. Außerdem soll geklärt werden, wie die kulturelle Avantgarde in Paris die Etablierung des Tangos in Buenos Aires vorantrieb. Den Abschluss bildet eine Betrachtung des tango nuevo .

2. Die Etablierung des Tangos

2.1. Buenos Aires - Die Geburtsstadt des Tangos

Der Tango entstand am Ende des 19. Jahrhunderts in Buenos Aires. Während dieser Zeit erlebte Argentinien einen erstaunlichen Wirtschaftsaufschwung und wurde somit, ähnlich wie die Vereinigten Staaten, zum Ziel der Hoffnung für viele Europäer. Zudem betrieb die argentinische Regierung eine offensive Migrationspolitik, die eine europäische Masseneinwanderung bewirkte und im Verlauf der nächsten Jahrzehnte das Bevölkerungsbild des Landes nachdrücklich veränderte. Millionen von Einwanderern kamen über den Atlantik nach Buenos Aires, die Hälfte davon Italiener und ein Drittel Spanier. Die Einwohnerzahl der Hauptstadt stieg daher zwischen 1852 und 1914 von 85 000 auf 1,5 Mio. an (vgl. Ivanuscha- Goméz, 9f.).

In den zwanziger Jahren galt Argentinien bereits als eines der reichsten Länder der Welt. Durch großzügige Modernisierungsarbeiten verwandelte sich Buenos Aires in eine elegante Metropole und war schon bald als das ›Paris Südamerikas‹ bekannt. Das Zentrum der Stadt wurde durch die Anlage einer Prachtstraße, zahlreicher Parks und Bäume ausstaffiert. Außerdem errichtete man monumentale Villen und Wohnhäuser, sowie ein weitreichendes Straßenbahnnetz. Die ärmeren Viertel im Süden von Buenos Aires, sowie die sogenannten arrabales , Zonen am äußeren Rand der Stadt, bildeten einen Kontrast zu dem eleganten Zentrum. Hier siedelten sich im Laufe der wirtschaftlichen Expansion kleine Industriebetriebe an (vgl. Collier, 23ff.).

Die europäischen Einwanderer landeten zunächst in dem Stadtviertel La Boca , wo sie bis zu fünf Tage kostenlos im Hotel de Inmigrantes , einem ärmlichen Auffanglager für Neuankömmlinge, unterkommen konnten (vgl. Plisson, 22). Die Stadt war einem derartigen Ansturm von Menschen strukturell nicht gewachsen und stand daher vor dem Problem der Unterbringung tausender Menschen. Es entstanden die sogenannten conventillos . In diesen Mietskasernen lebten die Immigranten zusammengedrängt auf engstem Raum, eine ganze Familie teilte sich dort häufig ein kleines spärlich möbliertes Zimmer. In den conventillos wohnten ca. 116 000 Menschen, von denen etwa 70% Ausländer waren. Die immigrierten Spanier und Italiener entstammten vor allem aus niederen Bevölkerungsschichten. Neben ihnen gewährten die Massenunterkünfte auch Criollos1 Unterschlupf, welche von dem Land nach Buenos Aires kamen. Außerdem traf man in den Mietskasernen auf Diebe, Zuhälter und Prostituierte (vgl. Ivanuscha-Gómez, 10f.). Aufgrund von Massenepidemien zogen die Einwohner der Mietskasernen schnellstmöglich in die Randbezirke und trugen somit dazu bei, dass die arrabales Teil der Stadt wurden.

Überwiegend passten sich die Immigranten gut in das Stadtleben von Buenos Aires ein. Selbst das Nebeneinander verschiedener Sprachen stellte keine unüberwindliche Hürde dar. Die Italiener verständigten sich mit den Porteños2 indem sie ihrer Muttersprache spanische Wörter beimischten. Dieses nur kurzlebige Sprachphänomen nennt sich cocoliche und verlor mit zunehmender sprachlicher Anpassung der Einwanderer an Bedeutung. Aus dem cocoliche entstand mit der Zeit der lunfardo , ein dauerhafter örtlicher Dialekt, dessen Vokabular sich später in vielen Tangotexten wiederfindet (vgl. Collier, 36f.).

Zu den Immigranten zählten vor allem Männer im Alter von 15 und 35 Jahren (vgl. Ivanuscha-Gómez, 11), daher gab es in Buenos Aires deutlich mehr Männer als Frauen. 1919 wurde ein Männerüberschuss von 100 000 festgestellt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Geschäft mit der kaufbaren Liebe florierte. Besonders in den arrabales war legale, sowie verdeckte Prostitution an der Tagesordnung. Viele Prostituierte waren ausländischer Herkunft (vgl. Collier, 38).

„Das kunterbunte Leben des arrabal spielte sich zwar nur wenige Kilometer von den pompösen Villen und feinen Restaurants des centro und den nördlichen barrios3 ab, aber sozial dürfte es eine gänzlich andere Welt gewesen sein“ (ebd., 39). Dieses Umfeld unterschiedlicher Sprachen, Kulturen und Bevölkerungsschichten stellte die perfekte Grundlage zur Entstehung des Tangos dar.

2.2. Die Vorgeschichte des Tangos

Um herauszufinden, wie sich der Tango entwickelte, ist es wichtig zu wissen, welche anderen Musikrichtungen vor seinem Aufkommen in Buenos Aires vorherrschten. Europa hatte in kultureller Hinsicht schon immer starken Einfluss auf die argentinische Oberschicht, deshalb wurden besonders europäische Tänze in der argentinischen Hauptstadt getanzt. Die tschechische Polka und die kubanische habanera , welche aus Spanien nach Argentinien gelangte, hatten großen Anteil an der Entstehung der milonga , einem eigens argentinischem Tanz, welcher um 1870 starken Anklang bei den compadritos4 von Buenos Aires fand. Unter den Afro-Argentiniern erfreute sich der candombe großer Beliebtheit. Dies war ein wilder, rhythmischer Tanz mit improvisierten Elementen. Die Schwarzen aus Buenos Aires erfanden zur selben Zeit auch einen neuen Tanz, der Ähnlichkeit mit dem candombe aufwies und den sie als ›Tango‹ bezeichneten.

Die compadritos hatten die Gewohnheit Tanzveranstaltungen der Afrikanisch- Argentinier beizuwohnen. Sie ahmten die auffälligsten Bewegungen ihres Tanzstiles nach und integrierten sie in die milonga . Diese neue Art die milonga zu tanzen verbreitete sich ausgehend von den zahlreichen Tanzlokalen in Corrales Viejos , dem Schlachthofviertel, in andere Stadtbezirke der argentinischen Metropole. Sie schloss vor allem die sogenannten cortes und quebradas mit ein. Der corte stellte lediglich eine kurze Pause der Tanzschritte dar und konnte als Vorankündigung einer quebrada angesehen werden, welche wiederum improvisierte ruckartige Verrenkungen waren. Bei dem afrikanisch-argentinischen Tango hatten die Tanzpartner reichlich Abstand voneinander, die compadritos gingen bei ihrer Version jedoch auf Tuchfühlung mit ihren Frauen. Darin bestand die revolutionäre Neuheit des Tanzes.

Aufgrund des engen Körperkontaktes empfand die argentinische Oberschicht den „afrikanisierten“ milonga -Tango als anstößig und völlig inakzeptabel. Das soziale Milieu, indem der Tanz seinen Ursprung hatte, trug ebenfalls zu der starken Ablehnung der oberen Gesellschaftsschichten bei. In den Bordellen und zahlreichen academias und perigundines der äußeren barrios und arrabales , welche nichts weiter als schlecht kaschierte Bordelle waren, durfte die Bedienung zu weit mehr als nur zum Tanzen aufgefordert werden, exzessiver Alkoholkonsum und Messerstechereien standen an der Tagesordnung. In dieser Umgebung wurde der Tango ins Leben gerufen. Auch wenn das sogenannte ›Reptil aus dem Bordell‹5 in der argentinischen Oberschicht zunächst offiziell nur wenig Anerkennung erlangte, war der Tango unterschwellig auch in der Aristokratie präsent, denn die Prostitution kam in allen gesellschaftlichen Ebenen vor. So fand der Tanz schnell Einzug in die Bordelle der Oberschicht.

[...]


1 Kreolen, Nachkommen der spanischen Einwanderer.

2 Einwohner von Buenos Aires.

3 Stadtteile

4 Junge, meist in Argentinien geborene Männer aus niederen sozialen Verhältnissen.

5 Spätere Bezeichnung des Tangos von dem Autor Leopoldo Lugones. 4

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Etablierung des Tangos
Untertitel
Eine Liebesgeschichte zwischen Buenos Aires und Paris
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Musik vs. Stadt vs. Musik
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V179841
ISBN (eBook)
9783656025054
ISBN (Buch)
9783656024729
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
etablierung, tangos, eine, liebesgeschichte, buenos, aires, paris
Arbeit zitieren
Christin Lübke (Autor), 2010, Die Etablierung des Tangos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179841

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