Getrieben von der Armut im eigenen Lande zog es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tausende von Europäern nach Buenos Aires. Doch viele der vor allem aus Spanien und Italien Kommenden finden sich schon bald in den Elendsquartieren der argentinischen Hauptstadt wieder. Ihre Hoffnungen, ihre Probleme und ihre Wünsche vereinten sich in der Musik und kamen in den Texten des Tangos zum Ausdruck. Als sich Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerechnet dieser Tanz der Ganoven und Prostituierten in Paris durchsetzte, war sein Siegeszug nicht mehr zu stoppen. Die Entstehung des Tangos ist eng an die politischen, sozialen und ökonomischen Faktoren der beiden Städte gebunden und wäre ohne ihre mysteriöse Beziehung zueinander nicht zu denken gewesen.
In der vorliegenden Hausarbeit soll untersucht werden, inwiefern die Entstehung und Etablierung des Tangos in Zusammenhang mit den urbanen Kontexten in Buenos Aires und Paris steht. Dabei beziehe ich mich insbesondere auf Michel Plissons Tango: Du noir aux blanc, sowie auf den Sammelband ¡tango! Mehr als nur ein Tanz.
Als erstes möchte ich die sozialpolitische Situation in Buenos Aires während der Entstehungszeit des Tangos darstellen, denn besonders das gesellschaftliche Milieu in den Vororten der Stadt prägte die neue Musikrichtung. Anschließend werde ich die Entwicklungsgeschichte des Tangos darlegen. Dabei werde ich zunächst auf die dunkle Vorgeschichte des Tangos eingehen. Danach komme ich sowohl auf die Alte Garde, als auch auf die Neue Garde und das Goldenen Zeitalter des Tangos zu sprechen. Außerdem soll geklärt werden, wie die kulturelle Avantgarde in Paris die Etablierung des Tangos in Buenos Aires vorantrieb. Den Abschluss bildet eine Betrachtung des tango nuevo.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Etablierung des Tangos
2.1. Buenos Aires – Die Geburtsstadt des Tangos
2.2. Die Vorgeschichte des Tangos
2.3. Die Geburt des Tangos
2.4. Der Tango in Paris
2.5. Die Heimkehr des Tangos
2.6. Die Goldene Ära des Tangos
2.7. Der tango nuevo
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Etablierung des Tangos in engem Zusammenhang mit den urbanen Kontexten und sozialen Entwicklungen in Buenos Aires und Paris. Dabei wird beleuchtet, wie gesellschaftliche Randphänomene durch kulturellen Austausch zu einem globalen Phänomen wurden.
- Sozialpolitische Bedingungen und Migrationsgeschichte in Buenos Aires
- Kulturelle Transformation des Tangos vom Bordellmilieu zum Salon
- Die Wechselwirkung zwischen Buenos Aires und der europäischen Kulturmetropole Paris
- Politisierung des Tangos als Nationalsymbol während der Ära Perón
- Musikalische Evolution von der Guardia Vieja bis hin zum tango nuevo
Auszug aus dem Buch
Der Tango in Paris
Nachdem der Tango in Buenos Aires auf die Welt kam, gelangte er zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Paris und schlug dort wie ein Meteorit ein. Die mysteriöse Beziehung der beiden Städte wurde von diesem Moment an nie wieder dementiert (vgl. Zalko, 166).
1907 landeten die ersten Tangueros in der europäischen Kulturhauptstadt. Es handelte sich um den berühmten Tangosänger, -komponist und –lyriker Alfredo Eusebio Gobbi in Begleitung seiner Frau, der chilenischen Sängerin Flora Rodriguez und Angel Villoldo, die nach Paris kamen, um dort Schallplatten aufzunehmen. Die Ehepartner Gobbi verhalfen dem Tango zu größeren Ruhm, indem sie Tangounterricht anboten und einen Verlag eröffneten. Man vermutet jedoch, dass die Musik auch auf andere Weise den Ozean überquerte. Einerseits auf den Schiffen der argentinischen Fregatte, die Notenblätter in Marseille zurückließen, sowie durch Intellektuelle aus Buenos Aires, die in der französischen Hauptstadt Fuß fassten, aber auch durch den florierenden Handel mit lateinamerikanischen Frauen nach Europa (vgl. Plisson, 64 f.).
1908 tanzte man den ersten Tango auf Pariser Boden und 1910 kam das orquesta típica criolla von Vincente Greco in die Hauptstadt (vgl. Cooper, 68). Zunächst zeigte man sich in Paris entsetzt angesichts der engen Tanzhaltung und des lasziven Wiegeschritts. Besonders die argentinische Oberschicht, die sich in Paris aufhielt, zeigte Unverständnis darüber, dass sich dieser verpönte Tanz und die Musik in der französischen Hauptstadt so großer Beliebtheit erfreuten (vgl. Birkenstock/Rüegg, 104 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische und soziale Ausgangslage des Tangos in Buenos Aires ein und umreißt die methodische Herangehensweise der Untersuchung.
2. Die Etablierung des Tangos: Das Kapitel analysiert die verschiedenen Stadien der Tango-Entwicklung von den Ursprüngen in den Einwanderervierteln bis hin zur stilistischen Ausdifferenzierung.
2.1. Buenos Aires – Die Geburtsstadt des Tangos: Hier wird der Einfluss der Masseneinwanderung und die daraus resultierende urbane Struktur auf die Entstehung der Tango-Kultur beleuchtet.
2.2. Die Vorgeschichte des Tangos: Dieses Kapitel erläutert die musikalischen Einflüsse und Vorformen, wie den Candombe und die Milonga, die dem Tango vorausgingen.
2.3. Die Geburt des Tangos: Die Professionalisierung des Tangos um 1880 und der Wandel von der Improvisation zu strukturierten Instrumentalstücken stehen hier im Fokus.
2.4. Der Tango in Paris: Die Rezeption des Tangos in Paris und seine Rückwirkung auf das gesellschaftliche Ansehen in Argentinien werden in diesem Abschnitt behandelt.
2.5. Die Heimkehr des Tangos: Dieses Kapitel beschreibt, wie der in Europa "salonfähig" gewordene Tango zurück in die argentinische Highsociety fand.
2.6. Die Goldene Ära des Tangos: Hier wird die Popularität des Tangos als Nationalsymbol unter der Regierung Juan Domingo Peróns thematisiert.
2.7. Der tango nuevo: Dieser Teil widmet sich dem Wirken Astor Piazzollas und der musikalischen Neuausrichtung des Tangos als eigenständige Konzertmusik.
3. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Erkenntnisse zusammen und beantwortet die leitende Forschungsfrage bezüglich der urbanen Wechselwirkung zwischen den beiden Metropolen.
Schlüsselwörter
Tango, Buenos Aires, Paris, Einwanderung, Sozialgeschichte, Musikgeschichte, Orquesta típica, Carlos Gardel, Astor Piazzolla, Tango nuevo, Guardia Vieja, Peronismus, Tanzkultur, Urbanität, Migration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die historische Entstehung und die kulturelle Entwicklung des Tangos sowie dessen Verflechtung mit den urbanen Zentren Buenos Aires und Paris.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Migrationsgeschichte, die gesellschaftliche Stigmatisierung und spätere Anerkennung des Tanzes, sowie die musikalische Evolution vom Straßen-Tango zum Konzert-Tango.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie soziale, ökonomische und politische Faktoren die Entwicklung des Tangos beeinflussten und wie der Austausch zwischen Buenos Aires und Paris zum globalen Erfolg des Genres beitrug.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse, die sich primär auf Fachliteratur wie die von Michel Plisson und verschiedene Sammelbände zur Tango-Historie stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Analyse der Tango-Geschichte, von der Geburtsstunde im 19. Jahrhundert bis zur Ära des tango nuevo im 20. Jahrhundert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Tango, Buenos Aires, Paris, Migration, soziale Milieus, Orquesta típica und die kulturelle Identität eines Nationalsymbols.
Welche Rolle spielte Paris für den Erfolg des Tangos in Argentinien?
Paris fungierte als kulturelles Aushängeschild; erst durch die Akzeptanz des Tangos in den französischen Salons verlor der Tanz in Buenos Aires sein Stigma als "Tanz der Ganoven" und wurde in der argentinischen Oberschicht hoffähig.
Wie hat sich die Rolle des Tangos unter der Regierung Perón verändert?
Unter Juan Domingo Perón wurde der Tango instrumentalisiert und als populistisches Nationalsymbol genutzt, was zu seiner massiven Verbreitung im Radio und in der Gesellschaft führte.
Was unterscheidet den "tango nuevo" vom traditionellen Tango?
Der tango nuevo, maßgeblich geprägt durch Astor Piazzolla, integrierte Elemente aus Jazz und Klassik, ist komplexer, oft rein instrumental und weniger für den klassischen Gesellschaftstanz gedacht.
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- Christin Lübke (Author), 2010, Die Etablierung des Tangos, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179841