Freiheit und Lenkung in der Pädagogik John Lockes


Seminararbeit, 1991

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Vorgehensweise
1.2 Biographische Anmerkungen zu John Locke
1.3 Die Wirkung von Lockes „Gedanken über Erziehung“

2. Der Gegensatz von Freiheit und Lenkung..
2.1 Der Stellenwert von Freiheit und Lenkung in Lockes Pädagogik
2.2 Der Übergang von Lenkung zu Freiheit

3. Einzelaspekte der pädagogischen Lenkung
3.1 Nicht zu duldende Verhaltensweisen
3.2 Mittel zur Lenkung des Kindes

4. Bereiche kindlicher Freiheit
4.1 Kindgemäße Erziehung
4.2 Freude an Aufgaben

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Vorgehensweise

Nach einigen Hinweisen zur Biographie und pädagogischen Wirkung John Lockes soll in dieser Arbeit versucht werden, den Stellenwert zu verdeutlichen, den das Begriffspaar „Freiheit und Lenkung“ in den „Gedanken über Erziehung“ einnimmt. Hierzu sollen grundsätzliche Überlegungen Lockes zu Freiheit und Lenkung dargelegt und im weiteren durch die Betrachtung von Einzelaspekten konkretisiert werden, wobei dem Begriff der Lenkung ein Schwerpunkt zukommt. Eine per­sönliche Stellungnahme bildet den Abschluß der Arbeit.

1.2 Biographische Anmerkungen zu John Locke

In Wrington, einem Dorf in der Grafschaft Somerset, wurde John Locke am 29. August 1632 geboren. Die Eltern stammten aus der vom Puritanismus geprägten Kleinbürger­schicht; sein Vater, der ebenso den Vornamen John trug, war Rechtsanwalt. Das Verhältnis des Vaters zu seinem Sohn war in frühen Jahren von Strenge und Distanz bestimmt, wandelte sich aber im Laufe der Zeit immer mehr zu einer freundschaftlichen Bindung, zeigte also eine Ausformung, wie sie John Locke später in seinen pädagogischen Schriften ausdrücklich empfahl.[1]

Nach einem sechsjährigen Besuch der angesehenen Westminster School in London begann er 1652 sein Studium am Christ Church College in Oxford. Zunächst studierte er dort hauptsächlich die klassischen Sprachen, Logik und Metaphy­sik. 1656 erwarb er den Grad des „Bachelor of Arts“ und widmete sich in der nachfolgenden Zeit auch naturwissen­schaftlichen und medizinischen Studien. Nachdem er 1658 „Master of Arts“ geworden war, hatte er in Oxford vor­übergehend Lehrämter für Griechisch, Rhetorik und Moralphilosophie inne. Im folgenden beschäftigte sich Locke weiter mit der Medizin und erlangte 1674 den medizinischen akade­mischen Grad.

1666 begann die für Lockes weitere Entwicklung bedeutsame Verbindung zu Lord Ashley, dem späteren ersten Grafen von Shaftesbury. Locke wurde Arzt, Vertrauter und Berater Shaftesburys und Erzieher seines Sohns. Durch Shaftesbury wurde Lockes schriftstellerische Tätigkeit unterstützt, die politische, philosophische, pädagogische und ökonomische Themen umfaßte.

Von 1675-1678 hielt sich Locke wegen seines Asthmaleidens in Frankreich auf, kehrte danach in die Dienste Shaftes­burys zurück, der dann aber 1682 wegen seiner politischen, revolutionären Umtriebe nach Holland fliehen mußte, wo er 1683 starb. Aufgrund seiner Beziehung zu Shaftesbury floh Locke 1683 sicherheitshalber auch nach Holland. In Holland entstand Lockes Hauptwerk „An Essay concerning Human Understanding“, sein erster „Brief über die Toleranz“, und „Some Thoughts concerning Education“ wurden dort von ihm ent­wickelt .

Nach der „Glorious Revolution“ kehrte er nach England zurück, wo er 1690 „Two Treatises of Civil Government“ veröffentlichte. Aufgrund immer größer werdender ge­sundheitlicher Schwierigkeiten zog Locke dann zu seinem Freund Lord Masham in Oates, wo er bis zu seinem Tode im Oktober 1704 an seinen Schriften weiterarbeitete.[2]

1.3 Die Wirkung von Lockes „Gedanken über Erziehung“

Mit seinen „Gedanken über Erziehung“ hatte Locke grund­legenden Einfluß auf das moderne englische Erziehungswesen; nicht nur seine Schriften selbst, sondern auch die Aufnahme und Vermittlung seiner Ideen durch andere Er­ziehungstheoretiker trugen dazu bei. Schon 1695 wurde Lockes pädagogisches Hauptwerk durch Pierre Coste ins Fran­zösische übertragen und hatte später bedeutende Wirkung auf Rousseaus Schriften, vor allem auf seinen Roman „Emile“. Rousseaus Zentralbegriff der Natur kommt schon bei Locke eine entscheidende Bedeutung zu als Abwendung gegen über­triebene Konventionen und affektiertes Verhalten und als Hinwendung zu einer kindgemäßen Erziehung. In der charak­terlichen, körperlichen und intellektuellen Erziehung set­zen Rousseau und Locke übereinstimmende Prioritäten, wenn auch ihre Einschätzungen der Vernunftbegabung des Kindes unterschiedliche sind.[3]

Insgesamt ist zu sehen, daß die Ausrichtung auf Vernunftmäßigkeit, die Erfahrung als Grundlage von Erkenntnis und die Beachtung von psychologischen Komponenten für die Erziehung bei Locke neue Werte darstellen, die für die weitere Pädagogik prägend sind.[4]

2. Der Gegensatz von Freiheit und Lenkung

2.1 Der Stellenwert von Freiheit und Lenkung in Lockes Pä­dagogik

Der Gegensatz zwischen Freiheit und Lenkung steht bei Locke für die Schwierigkeit, den richtigen Weg der Er­ziehung zu finden. Locke nennt die Überwindung dieses Gegen­satzes gar das „wahre Geheimnis der Erziehung“[5].

Eine Lenkung ist insofern erforderlich, als nur durch sie Tugendhaftigkeit im Charakter ausgebildet werden kann. In der Tugend sieht Locke eine Grundlage für den Erwerb aller anderen Eigenschaften und Fähigkeiten und für die Ent­wicklung zu einem nützlichen und angesehenen Mitglied in der Gesellschaft, somit auch eine Grundlage für ein glück­liches Leben. Und Tugend manifestiert sich in der Fähigkeit, sich seine eigenen Wünsche, Neigungen und Be­gierden zu versagen, wenn sie der Vernunft widersprechen und damit der Würde des vernunftbegabten Menschen nicht angemessen sind.

Kinder aber folgen zunächst eher der ihnen gegebenen Eigenliebe als der Vernunft. Daher muß Erziehung von Anfang an darauf ausgerichtet sein, dem Kind die Fähigkeit, seine Neigungen der Vernunft unterzuordnen, zu vermitteln und in ihm zu festigen. Tugend muß von der „ersten Be­griffsfähigkeit“[6] an dem Geist des Kindes eingeprägt wer­den. Wird die Freiheit des Geistes jedoch zu sehr be­schnitten und eingeengt, so besteht die Gefahr, daß das Kind daran zerbricht, daß seine Energie und sein Tatendrang verloren gehen. Und ein solcher Zustand der Niedergeschlagen­heit ist laut Locke noch schlimmer als ein ungeformter Charakter, da die Kraftlosigkeit des Geistes kaum noch eine positive Entwicklung zuläßt.[7]

Das richtige Maß an Gewährung von Freiheit und Lenkung des Geistes stellt also ein Kriterium für die richtige Erziehung des Kindes dar. Wie Locke sich nun die Ver­einbarung von Freiheit und Lenkung vorstellt, soll im wei­teren behandelt werden.

2.2 Der Übergang von Lenkung zu Freiheit

Gemäß Lockes Theorie soll am Anfang der Erziehung die Unterwerfung des kindlichen Willens unter die Vernunft und die Autorität der Eltern stehen. Um so jünger das Kind ist und um so weniger Vernunft es besitzt, desto uneingeschränkter muß es sich der Vernunft der Erzieher fügen; was natürlich notwendig macht, dass nur derjenige die Erziehung übernimmt, der wirklich vernunftmäßiges Verhalten zeigt.

Wichtig ist, daß dem Kind schon sehr frühzeitig Ehrfurcht vor den Eltern und damit die Unterwerfung unter ihre Ver­nunft zu einer Selbstverständlichkeit gemacht wird. Das gewünschte Verhalten muß dem Kind durch ständiges Wiederho­len und Einüben zur festen Gewohnheit werden. Der Bildung von Gewohnheiten kommt eine so große Bedeutung zu, da Regeln vergessen oder außer acht gelassen werden können, Gewohnheiten sich aber im Geist des Menschen festsetzen und das Verhalten dauerhaft bestimmen. Wer also von klein auf gewöhnt ist, seinen Willen gegen andere durchsetzen zu können, der wird auch im fortgeschrittenen Alter von dieser Gewohnheit nicht ablassen.[8] Deshalb sollten Kinder in mög­lichst jungen Jahren zum Beispiel daran gewöhnt werden, daß sie niemals Dinge erhalten, weil sie sie für sich selbst wünschen, sondern weil ihre Eltern sie für geeignet hal­ten.[9] Um so früher die Kinder lernen, die Vernunft der Eltern als maßgeblich zu akzeptieren, desto leichter wird ihr Verhalten in diese Richtung zu lenken sein. Locke vergleicht die Lenkung des kindlichen Verhaltens mit einer Quelle, die noch sehr leicht in verschiedene Kanäle ge­leitet werden kann, die unterschiedliche Richtungen neh­men;[10] wartet man aber zu lange, so ist die Flußrichtung des angewachsenen Wasserstroms allenfalls noch unter großem Aufwand zu verändern. Um Kinder, die schon unerwünschte Gewohnheiten angenommen haben, wieder von diesen ab­zubringen, muß man diesem Vergleich zufolge nach dras­tischen Mitteln greifen, wie etwa Prügelstrafen, die Locke als schädlich und ungeeignet ablehnt bzw. nur im äußersten Fall und in jungen Jahren für anwendbar hält. Aus diesem Grunde tritt Locke dafür ein, daß die Erziehung des Kindes sehr früh einzusetzen hat.

Die Lenkung des Kindes durch die uneingeschränkte Auto­rität der Eltern ist am Anfang der Erziehung also sehr wichtig. Dabei ist aber zu sehen, daß Kindern genügend Freiheit bewahrt bleiben soll, damit sie in ihrem kindge­mäßen Verhalten und Spielen nicht zu sehr eingeschränkt werden; es sollen also keineswegs kleine Erwachsene aus ihnen gemacht werden. In einem späteren Abschnitt wird noch genauer auf Bereiche kindlicher Freiheiten eingegangen wer­den .

Herauszuheben ist, daß Locke den Zustand elterlicher Macht über das Kind als Anfangsstadium sieht, das sich im Laufe der Zeit immer mehr zu einem Freundschafts- und Vertrauensverhältnis wandeln soll. Um so älter ein Kind wird und um so mehr Vernunft es besitzt, desto freier muß es in der Verfügung über diese Vernunft werden und desto mehr muß der Vater das Kind in sein Vertrauen einbeziehen und seine Vernunft anerkennen. Demnach sind große Strenge und Autorität völlig unangemessen gegenüber beispielsweise einem Sohn, der schon zu einem jungen Mann herangewachsen und mit so viel Vernunft ausgestattet ist, daß er selbst über sein Leben bestimmen könnte. Hier ist es viel eher angebracht, auf freundschaftlicher Ebene als Vertrauter und Ratgeber mit dem Sohn umzugehen. Zudem ist es nicht mög­lich, an einem jungen Mann nachzuholen, was an Erziehung im frühen Kindesalter versäumt wurde. Irgendwann muß ein Mensch die Freiheit besitzen, über sich zu entscheiden. An die Stelle der elterlichen Aufsicht müssen nun die dem Kind eingeprägten Gewohnheiten und Grundsätze treten. Die Ge­wohnheiten befähigen den Menschen dann dazu, der Tugend zu folgen und zugleich frei über seine Vernunft zu verfügen.[11]

[...]


[1] Vgl. John Lo>

[2] Vgl. Johann B. Deermann: „John Locke“. In: John Lo>

[3] Diese Informationen zur Wirkung Lockes auf Rousseau stammen aus dem dieser Arbeit zugrundeliegenden Proseminar.

[4] Vgl. Heinz Wohlers: „Nachwort“. In: John Lo>

[5] Vgl. John Lo>

[6] John Lo>

[7] Ebd. §§ 31, 33, 45, 46.

[8] John Lo>

[9] Ebd. § 38.

[10] Ebd. § 1.

[11] John Locke: Gedanken über Erziehung. §§ 10, 39, 40.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Freiheit und Lenkung in der Pädagogik John Lockes
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Erziehungswissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Proseminar: Die Pädagogik John Lockes
Note
1,0
Autor
Jahr
1991
Seiten
14
Katalognummer
V180814
ISBN (eBook)
9783656038795
ISBN (Buch)
9783656040620
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John Locke
Arbeit zitieren
Dr. Jens Saathoff (Autor), 1991, Freiheit und Lenkung in der Pädagogik John Lockes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180814

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