Regionalisierung des indischen Parteiensystems

Die erfolgreiche Etablierung der drawidisch-tamilischen Parteien in Madras und Tamil Nadu


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorien der Parteien-, Parteiensystems- und Wahlforschung
2.1. Die soziologischen bzw. sozialstrukturellen Ansätze
2.1.1. Der mikrosoziologische Erklärungsansatz
2.1.2. Der makro-soziologische Erklärungsansatz
2.2. Der sozialpsychologische Ansatz
2.3. Der Ansatz des rationalen Akteurs
2.4. Klassifikation von Parteiensystemen

3. Die Entwicklung der drawidisch-tamilischen Bewegung von der Kolonialzeit bis
3.1. Die Entwicklung der drawidisch-tamilischen Bewegung bis zur Unabhängigkeit
3.2. Die drawidisch-tamilischen Parteien zur Zeit des „Congress-Systems“ (1947-1969)
3.3. Die DMK an der Macht (1967-1976)
3.4. Die AIA-DMK an der Macht (1977-1988)

4.Schlussteil

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 haben sich in den indischen Bundesstaaten spezifische Parteiensysteme herausgebildet, welche sowohl durch neu entstandene Parteien als auch durch gesellschaftliche Konfliktlinien beeinflusst wurden. Einige dieser neu entstandenen Parteien haben ihren politischen Ursprung in den Demokratisierungsprozessen der zwanziger Jahre, wo sie oftmals in Form politischer Subkulturen mit eigenen Bewegungen in Erscheinung traten.

Im südindischen Madras, dem heutigen Tamil Nadu, kam es in diesem Zusammenhang ebenfalls zur Entstehung von regionalen politischen Bewegungen und Parteien, welche zunehmend eine spezielle nationalistische Rückbesinnung auf das drawidisch-tamilische Erbe zum Inhalt hatten. Ein weiterer maßgeblicher Faktor ihres politischen Strebens bestand im Protest gegen die brahmanisch geprägte Sozialstruktur und Gesellschafsform. Dabei erwiesen sich die aus der politischen Bewegung hervorgegangenen Parteien als besonders erfolgreich und konnten sich nach der indischen Unabhängigkeit fest im regionalen Parteiensystem etablieren.

Inhalt dieser Arbeit ist eine Entwicklungsanalyse der politischen drawidisch-tamilischen Bewegung von ihren Ursprüngen in den 20er Jahren bis in die späten 80er Jahre. Der Tod MGRs am Ende des Untersuchungszeitraumes stellt einen markanten Einschnitt dar, von dem aus auf eine über vierzigjährige Verankerung der drawidisch-tamilischen Parteien im Parteiensystem Madras / Tamil Nadus zurückgeblickt werden kann.

Darüber hinaus soll hinsichtlich der späteren tamilischen Parteien den Fragen nachgegangen werden, aufgrund welcher Faktoren diese Parteien aus der vorkolonialen Drawidenbewegung hervorgegangen sind und welche Strategien sie zur Wählermobilisierung sowie zur Erringung und Etablierung ihrer Machtposition in Madras / Tamil Nadu angewandt haben.

Auch die Analyse des Parteiensystems in Madras / Tamil Nadu ist Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit. Neben der Frage nach den maßgeblichen Faktoren zur Genese des Parteiensystems sollen auch Möglichkeiten der quantitativen und qualitativen Klassifizierung vorgestellt werden.

Als theoretischer Hintergrund dient der erste Teil mit einer vereinfachten Darstellung einiger Ansätze der Parteien- und Parteiensystemforschung sowie der empirischen Wahlforschung.

Im Anschluss daran folgt eine chronologisch ausgerichtete und in vier Abschnitte unterteilte Darstellung der wichtigsten Entwicklungen, Persönlichkeiten und Politikinhalte der drawidisch-tamilischen Politikbewegung. Im Schlussteil der Arbeit soll, neben der Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse, überprüft werden, inwiefern sich die vorgestellten Ansätze aus ihrem ursprünglichen Kontext herausnehmen lassen und einer Analyse der Parteien, des Parteiensystems und des Wählerverhaltens in Tamil Nadu zuträglich sind.

2. Theorien der Parteien-, Parteiensystems- und Wahlforschung

Infolge gesellschaftlicher und staatlicher Modernisierungsprozesse zählen Parteien zu den bedeutendsten politischen Institutionen des 20. und 21. Jahrhunderts. Folglich haben Parteien auch in der politikwissenschaftlichen Forschung einen zentralen Stellenwert eingenommen und die Analyse von Parteien und Parteiensystem durch eine Vielzahl von Theorien und Ansätzen vorangebracht. Dabei muss zwischen Parteienforschung und Parteiensystemforschung differenziert werden.[1] Die empirische Parteienforschung beschäftigt sich mit der Entstehung und Geschichte von Parteien, beschreibt ihre Aktivitäten, untersucht ihre innerparteilichen Strukturen und analysiert ihre Mitglieder, Anhänger sowie Wähler.

Im Unterschied zur Parteienforschung beschäftigt sich die Parteiensystemforschung nicht mit einzelnen Parteien, sondern betrachtet die Gesamtheit aller Parteien eines Staates oder Bundesstaates. Dabei stehen insbesondere die parteilichen Eigenschaften, die zwischenparteilichen Relationen und Entwicklungen sowie die Zusammenhänge zwischen den Parteien und ihrer Umwelt im Fokus der Analyse.

Leider ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, einen umfassenden Überblick über sämtliche Theorien der Parteien- und Parteiensystemforschung zu vermitteln. Folglich wurden Themen wie Definition von Partei und Parteiensystem, Typologien und Funktionskataloge von Parteien oder institutionelle Faktoren zur Genese von Parteiensystemen im theoretischen Teil der Arbeit ausgeklammert. Vielmehr soll im Hinblick auf die zu untersuchende politische Entwicklung in Tamil-Nadu vier zentralen Fragen nachgegangen werden. Aus welchen Gründen sind die drawidisch-tamilischen Parteien entstanden? Wie kam es zu der Herausbildung des Parteiensystems in Tamil Nadu? Wie lässt sich das entstandene Parteiensystem klassifizieren und bewerten? Was sind die Gründe für die zunehmende Wählermobilisierung der drawidisch-tamilischen Parteien?

Eine Beantwortung der aufgeworfenen Fragen ist sicherlich nicht unproblematisch, dennoch soll anhand von vier Untersuchungsansätzen versucht werden die Entwicklung der Parteien, des Parteiensystems sowie des Wählerverhaltens theoretisch zu beleuchten. Dabei soll zunächst auf den soziologischen Erklärungsansatz eingegangen werden, welcher sich wiederum in einen mikrosoziologischen und einen makrosoziologischen Ansatz aufteilen lässt. Im Anschluss folgt eine Darstellung verschiedener Ansätze zur Theorie des rationalen Akteurs. Abschließend werden einige quantitative sowie qualitative Klassifizierungsmöglichkeiten von Parteiensystemen vorgestellt.

2.1. Die soziologischen bzw. sozialstrukturellen Erklärungsansätze

2.1.1. Der mikrosoziologische Erklärungsansatz

Das mikrosoziologische Erklärungsmodell des Wahlverhaltens basiert auf einer Panel-Studie von Paul F. Lazarsfeld anlässlich der US-Präsidentschaftswahlen von 1940 und 1944. Diese Studie hatte zum Ergebnis, dass die Wahlentscheidung einer Person maßgeblich durch seine soziale Gruppenzugehörigkeit, bzw. durch soziale Hintergrundsvariablen (sozio-ökonomischer Status, Religionszugehörigkeit, Wohngegend) bestimmt wird.[2] Darüber hinaus konnte Lazarsfeld eine immer stärker werdende Homogenität der Einstellungen innerhalb sozialer Gruppen feststellen, welche auf gemeinsame Interessen und den Einfluss von Meinungsführern zurückzuführen ist.[3] Ist eine Person jedoch entgegengesetzten Einflüssen ausgesetzt, so genannten „cross-pressures“, hat dies entweder eine sehr späte Festlegung oder sogar eine Wahlenthaltung zur Folge.[4] Über Gruppenmitgliedschaft und Milieuzugehörigkeit stellt sich zudem ein Bezug zu den gesamtgesellschaftlichen Konfliktlinien her, welche im nächsten Abschnitt diskutiert werden sollen. Eine Berücksichtigung kurzfristiger Einflüsse auf das Wahlverhalten, etwa in Form von Attraktivität eines Spitzenkandidaten, vermag der mikrosoziologische Ansatz jedoch nicht zu leisten.

2.1.2. Der makro-soziologische Ansatz

Im Rahmen des von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan entwickelten historisch-soziologischen Ansatzes gehen die Autoren davon aus, dass sowohl das Wahlverhalten als auch die Entstehung und Entwicklung von Parteien und Parteiensystem auf sozialstrukturelle Konfliktlinien („cleavages“) zurückzuführen sind. Dieses Cleavage-Modell wurde entlang der westeuropäischen Parteienentwicklung konzipiert, welche durch die historischen Ereignisse der nationalen Revolutionen im Zuge der Staatenbildung sowie der industriellen Revolution beeinflusst wurde.

Die Dimensionen politischer Konfliktlinien verorten Lipset und Rokkan innerhalb des AGIL-Schemas von Talcott Parsons, welches über eine territoriale sowie funktionale Dimension verfügt und aus denen die Autoren 4 zentrale sozio-ökonomische und sozio-kulturelle Konfliktlinien ableiten:[5]

Die erste Konfliktlinie, „Zentrum vs. Peripherie“, bezieht sich auf den Konflikt zwischen Trägern der nationalen Kultur und Trägern von ethnisch, sprachlich oder religiös unterworfenen Bevölkerungsteilen in den Peripherien eines Staates. Der Konflikt zwischen dem zentralisierenden, standardisierenden und mobilisierenden Staat auf der einen und den historisch etablierten Privilegien der Kirche auf der anderen Seite, stellt die Konfliktlinie „Staat vs. Kirche“ dar. Dabei geht es vor allem um moralische Fragen und um gesellschaftliche Normen, wie beispielsweise die Kontrolle des Bildungssystems.

Eine dritte Konfliktlinie („Land vs. Stadt bzw. Industrie)“ sahen Lipset und Rokkan zwischen der traditionellen sowie ländlich geprägten Gesellschaft und dem durch die industrielle Revolution entstandenen städtischen Unternehmertum. Die vierte und letzte Konfliktlinie bildete sich zwischen Eigentümern und Arbeitgebern auf der einen Seite und Pächtern sowie Arbeitern auf der anderen Seite heraus und wurde mit „Arbeit vs. Kapital“ betitelt.

Die genannten Konfliktlinien werden jedoch nicht zwangsläufig in ein Parteiensystem transformiert, sondern bedürfen zunächst der Überschreitung bestimmter Hürden bzw. Schwellen („tresholds“).[6] Diese Schwellen sind erstens die Legitimationsschwelle („treshold of legitimation“), zweitens die Inkorporationsschwelle („treshold of incorporation“), drittens die Repräsentationsschwelle („treshold of representation“) sowie viertens die Schwelle der Mehrheitsmacht („treshold of majority power“). Je nachdem wie die jeweiligen Schwellen in den einzelnen Ländern ausgeprägt sind resultieren unterschiedliche Parteiensysteme.

In einem nächsten Schritt leiten Lipset und Rokkan aus den genannten Bedingungen drei Schlussfolgerungen ab[7]:

1.) Die grundlegenden Unterschiede zwischen den nationalen Parteiensystemen bestanden bereits vor der Ausweitung des Wahlrechts.
2.) Ist es einer neuen politischen Bewegung gelungen die hohe Repräsentationsschwelle zu erreichen, so wurde diese in der Regel fest innerhalb der Sozialstruktur verankert.
3.) Die Ausweitung des Wahlrechts resultierte weniger aus dem Druck politischer Massenbewegungen als aus Spaltungen innerhalb der etablierten Parteien.

Auf Grundlage ihres Modells und ihrer Thesen formulierten Lipset und Rokkan ihre sowohl berühmte als auch umstrittene Theorie der „eingefrorenen“ Parteiensysteme:

The party system of the 1960s reflect, with few but significant exceptions, the cleavage structures of the 1920s. (...) An amazing number of parties which had established themselves by the end of World War I survived not only onslaught of Fascism and National Socialism but also another world war and a series of profound changes in the social and cultural structure of the polities they were part of.” [8]

2.2. Der sozialpsychologische Ansatz

Der sozialpsychologische Identifikationsansatz der „Michigan School“ um Angus Campell unterscheidet sich vor allem dadurch von den soziologischen und sozialstrukturellen Ansätzen, dass zur Erklärung des Wählerverhaltens nicht gruppenspezifische oder sozialstrukturelle Einflüsse, sondern individualpsychologische Faktoren herangezogen werden.[9] Somit rückt das Individuum und seine kurzfristigen Wahrnehmungen und Einschätzungen hinsichtlich Kandidaten und Sachthemen („issues“) in den Mittelpunkt des Interesses. Dennoch bleiben auch langfristige Einflüsse wie Parteiidentifikation in Form einer „psychologischen Parteimitgliedschaft“ maßgebliche Faktoren einer Wahlentscheidung.[10]

Darüber hinaus gehen die Autoren des sozialpsychologischen Ansatzes davon aus, dass die Parteiidentifikation in der Regel bereits frühzeitig von den Eltern auf ihre Kinder übertragen wird und sich mit zunehmendem Alter stabilisiert und intensiviert. Einzig und allein außerordentliche politische oder persönliche Ereignisse vermögen eine Parteiidentifikation zu ändern.[11]

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der sozialpsychologische Ansatz die längerfristig bestehende Parteiidentifikation als Grundlage eines Wählers betont („normal vote“). Diese kann jedoch durch kurzfristige Einflüsse bezüglich der zur Wahl stehenden Kandidaten bzw. der aktuellen politischen Streitthemen (issues) ergänzt oder abgeändert werden („actual vote“).

Erklärt werden diese Zusammenhänge mit den Konzepten von selektiver Wahrnehmung und kognitiver Dissonanz. Während Konsonanz zu einem konstanten und stabilen Wahlverhalten führt, bewirken Dissonanzen wechselndes Wahlverhalten.

[...]


[1] Vgl. Winkler, Jürgen, 2002: S.213

[2] Vgl. Lazarsfeld, Paul F. / Berelson, Bernard / Gaudet, Hazel ,1969: S.21

[3] Vgl. Lazarsfeld, Paul F. / Berelson, Bernard / Gaudet, Hazel ,1969: S.84f.

[4] Vgl. Lazarsfeld, Paul F. / Berelson, Bernard / Gaudet, Hazel ,1969: S.97

[5] Vgl. Lipset, Seymour Martin / Rokkan, Stein, 1967: S.7-14

[6] Vgl. Lipset, Seymour Martin / Rokkan, Stein, 1967: S.26f.

[7] Vgl. Lipset, Seymour Martin / Rokkan, Stein, 1967: S.33f.

[8] Zitiert nach Lipset, Seymour Martin / Rokkan, Stein, 1967: S.50

[9] Vgl. Saalfeld, Thomas, 2007: S.108

[10] Vgl. Saalfeld, Thomas, 2007: S.109

[11] Vgl. Saalfeld, Thomas, 2007: S.110

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Regionalisierung des indischen Parteiensystems
Untertitel
Die erfolgreiche Etablierung der drawidisch-tamilischen Parteien in Madras und Tamil Nadu
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Südasien Institut)
Veranstaltung
Das indische Parteiensystem nach der Unabhängigkeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
31
Katalognummer
V181144
ISBN (eBook)
9783656042044
ISBN (Buch)
9783656041801
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Indien, Parteiensystem, Subnationalismus, Parteipopulismus, Tamil Nadu, Madras, Tamil, DMK, AIA-DMK, MGR, Integration, Regionalisierung, Draviden, Tamilen, Regionalparteien, Anti-Brahmanismus, Soziologischer Erklärungsansatz, Sozialpsychologischer Erklärungsansatz, Konflikt, Konfliktlinien, Sprachkonflikt, Justice Party, Naicker, Annadurai, Karunanidhi, Nationalismus, Dravidasthan, Patronage, Cleavage-Theorie
Arbeit zitieren
Daniel Rupprecht (Autor), 2008, Regionalisierung des indischen Parteiensystems, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181144

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