Luhmanns Kulturbegriff unter besonderer Berücksichtigung der Gedächtnisproblematik


Bachelorarbeit, 2008

45 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Fragen an die reflexive Soziologie

2. Luhmanns Einwände gegen den Kulturbegriff
2.1. Die Erfindung der Kultur
2.1.1. Romantische Natur und bürgerliche Kultur
2.1.2. Die moderne Ausprägung des Kulturbegriffs
2.2. Kultur als Grenze
2.2.1. Inklusion und Exklusion
2.2.2. Funktionssysteme differenzierter Gesellschaften
2.3. Kulturzum Gegenstand

3. Konsequenzen der Vorwürfe Luhmanns für eine Definition des Kulturbegriffs

4. Semantik, gepflegte Semantik und Kultur
4.1. Semantik
4.2. Gepflegte Semantik
4.3. Kultur als surplus?

5. Das Gedächtnis der Gesellschaft
5.1. Kommunikation
5.2. Kontingenz

6. Ergebnisse der Definition von Kultur systemtheoretischer Soziologie

7. Die Anschlussfähigkeit der Systemtheorie - die Rezeption Luhmanns in der Kulturtheorie

8. Ein ParadigmenwechselindenKulturwissenschaften?

9. Literaturverzeichnis

1. Fragen an die reflexive Soziologie

Der Theoretiker der Gesellschaft dessen Werk im folgenden reflektiert wird, um den darin vermuteten Kulturbegriff aufzufinden und zu untersuchen, unterließ es seine Soziologie zu bezeichnen. Zur besseren Unterscheidung von positiven Soziologien, wie durch und im Anschluß an Auguste Comte und kritischen Soziologien wie durch und im Anschluß an Karl Marx' formuliert, wurde der Gesellschaftstheorie Niklas Luhmanns im Nachhinein der Namen 'reflexive Soziologie' angetragen.1 Die Theorieentwicklung aus Begriffen der Mechanik geschlossener Regelkreisläufe, Analogien zur Theorie lebender Systeme und kritische Dekonstruktion des Systemfunktionalismus Talcott Parsons' prägen das Werk Luhmanns zur sozialwissenschaftlichen Systemtheorie. Bei Veröffentlichung der Theorie überraschte sie die wissenschaftliche Öffentlichkeit mit dem Versprechen, ontologische Denktradition zu sprengen, einem neuen Gesellschaftsbegriff, der Erklärung sozialen Wandels aus dem Begriff der Autopoiesis, mit der leitenden Annahme Gesellschaft bestehe aus Kommunikation und der damit einhergehenden Forderung, dass Soziologie, die sich daran abarbeitet Soziales aus Sozialem zu erklären, aus der Untersuchung des Wesens der Kommunikation ihre Begriffe und Erkenntnisse gewinnen muss. Die Vermutung eines Kulturbegriffs in dieser Theorie reizt zum einen der kommunikationstheoretische Ansatz, aber auch die darin formulierte Kritik am Kulturbegriff.

Ausgehend von der Frage wie nach systemtheoretischen Grundannahmen Wissen verifiziert werden kann kritisiert Luhmann den Begriff Kultur. Er behauptet Kultur ist als wissenschaftlicher Begriff wenn nicht undefiniert, dann zumindest soweit kontrovers definiert dass durch ihn nicht ausgeschlossen wird. Die Kulturwissenschaften seien eine Wissenschaft ohne klar abgegrenzten Gegenstand und obendrein ohne theoretischen Fortschritt. Der Begriff ihres Gegenstands entstammt alteuropäischer Tradition und ist in die Wissenschaften unhinterfragt übernommen worden. Luhmann plädiert den Begriff Kultur in aktueller Fassung nicht in wissenschaftlichem Kontext zu gebrauchen und impliziert damit auch die Forderung die Kulturwissenschaften zu reformieren oder sogar zu beenden. Das diese Forderung ins Leere laufen muss, dafür nennt Luhmann mehrere Gründe. Popularität von Begriffen, gewohnheitsmäßiger Umgang und zuletzt die Anforderung, dass explizit der Begriff Kultur bei Aufgabe durch einen neuen, klarer definierten ersetzt werden müsste sind Widerstände gegen den konsequentem Umgang mit allen Worthülsen, insbesondere Kultur. Derlei Aussagen über Kultur wiederholt Luhmann an einigen Stellen seines Werkes manchmal sehr wortreich, an anderer Stelle wieder kurz und prägnant. Der Kritik am Kulturbegriff widmet er mit "Kultur als historischer Begriff' einen Aufsatz oder formuliert die bekannte Parole vom furchtbarsten Begriff der je gebildet wurde. Doch Luhmann geht beim Kulturbegriff über eine Rhetorik im Stile Catos hinaus und erarbeitet Ansätze und sucht die Nachfolgedefinition des Begriffs. Eine konstruktive Kritik formuliert in einer in umfangreiches Werk gefassten komplexen Gesellschaftstheorie.

Wenn auch von Seiten der Kulturwissenschaft bereits eine Stellungs- nahme zu den Vorwürfen Luhmanns gegenüber dem Begriff Kultur allein schon interessant wäre, sind es die augenfälligen Bemühungen Luhmanns über den Kulturbegriff die dazu anregen seine Fassung des Begriffs Kultur aufzusuchen. Deshalb ist das Thema dieser Arbeit die Frage nach Luhmanns Kulturbegriff. An exponierter Stelle, im Aufsatz „Kultur als historischer Begriff'4 findet sich ein Hinweis Luhmanns, dass er Kultur als das Gedächtnis der Gesellschaft versteht. Eine Ergänzung der thematisch leitenden Frage in Form der besonderen Berücksichtigung der Gedächtnisproblematik war deswegen unvermeidbar.

Die komplexe Theorie macht es über die Untersuchung der Stellen im Werk die mit dem Zeichen 'Kultur' versehen wurden notwendig, auch der Theorie zugrunde liegende Konzepte aufzusuchen. Für ein allgemeines Verständnis der soziologischen Systemtheorie zuträgliche Begriffe können im Rahmen dieser Arbeit nur in gebotener Kürze en passent erläutert werden. Liegt in der Theorie nicht die Notwendigkeit eines Gedächtnisses der Gesellschaft begründet muss die Annahme, die Gedächtnisproblematik müsse berücksichtigt werden nicht nur revidiert, sondern die Frage nach dem Kulturbegriff Luhmanns unter Einbeziehen weiterer theorieinterner Definitionsversuche gestellt werden.

In kritischer Rezeption der Theorie Luhmanns wurden bereits Verbindungen zwischen Semantik - und Kulturbegriff Luhmanns aufgedeckt. Ebenso ist die Berücksichtigung der Gedächtnisproblematik darin bereits formuliert worden. Diese Ergebnisse wollen geprüft sein, deshalb sieht diese Arbeit auch eine Untersuchung des Semantikbegriffs Luhmanns vor um das daraus erarbeitete Ergebnis mit den sich verfestigenden Annahmen kritischer Rezeption Luhmanns in der Kulturtheorie in Abgleich bringen zu können. Abschließend soll die Frage eröffnet werden, ob ein systemtheoretischer Kulturbegriff für die Kultur­wissenschaften sinnvoll übernommen werden kann. Um an die kritische Luhmann Diskussion in den Kulturwissenschaften anschließen zu können, bietet sich eine kurze Wiedergabe des Stands der Diskussion zu dieser Frage an.

Luhmanns Werke sind Ergebnis seiner eigenen Produktionsweise. Viele der Werke wurden parallel bearbeitet, aber zu verschiedenen Zeitpunkten ver­öffentlicht. Quelle der Bearbeitungen sind die ständig aktualisierten Zettelkästen Luhmanns. Der eingeschränkte Zugang zu diesem Apparat, sowie die parallele Bearbeitung der Werke verunmöglichen Veränderungen des Kulturbegriffs in seiner theorieinternen Entwicklung chronologisch nachzuvollziehen. Gleichzeitig eröffnet sich aus diesem Umstand aber auch die Möglichkeit einer von Erscheinungsjahren losgelösten Untersuchung, die eine relativ freie Rekomposition von erlesenen Textstellen unter Maßgaben von Plausibilität und Schlussrichtigkeit erlaubt, welche dieUntersuchung auf wissenschaftliches Niveau heben können.

2. Luhmanns Einwände gegen den Kulturbegriff

Luhmanns Arbeiten sind nicht per se Einwände gegen den Kulturbegriff. Kultur ist nicht Mittelpunkt Luhmanns Interesses. Im Kontext der Analyse des Zusammen­hangs und der Veränderungen von Gesellschaftsstruktur und Semantik in der Moderne, geht Luhmann hingegen deutlich auf den Kulturbegriff ein. Neben dem Aufsatz mit dem konkreten Titel 'Kultur als historischer Begriff sind auch die Aufsätze 'Über Natur' und 'Jenseits der Barbarei' aus gleichem thematischen Komplex für diese Arbeit relevant, zudem auch die Stellen in Luhmanns Hauptwerk an denen Vorwürfe gegen den Kulturbegriff formuliert sind.

Eingangs seines Versuchs einer historisch-politischen Semantik im vier Bände umfassenden Werk ,,Gesellschaftsstruktur und Semantik“ reflektiert Luhmann Probleme die sich ergeben können beim Entwurf einer Theorie, die einen Zusammenhang zwischen Gesellschaftsstruktur und Semantik abbilden will. Dabei erörtert er Entwürfe und Ansätze der soziologischen Theorie und der Geschichts­wissenschaften zu dieser Aufgabenstellung. Er kommt zum Ergebnis, dass bisherige Theorieentwicklung verschuldet durch mangelnde Reflexion der eigenen Erkenntnis - und Reflexionsmöglichkeit keine befriedigenden Ergebnisse erbrachte:

„Eine Variante hierzu findet man in einer -weit verzweigten und intern unkoordinierten Diskussion der Frage, ob 'moderne' Begriffe oder Vorverständnisse überhaupt geeignet sind, das Denken fernliegender Zeiten oder Gesellschaften zu erschließen; ob dieses Denken uns überhaupt zugänglich sein kann. Die Frage ist in dieser neuen Form natürlich unentscheidbar und signalisiert schon als Frage­stellung ein Theoriedefizit. Es fehlt einerseits eine hinreichende Abstraktion des begrifflichen Apparats, die eine Analyse fernliegender Kulturen überhaupt erst ermöglicht; andererseits (...) eine Theorie der Evolution des Gesellschaftssystems, die erforderlich wäre, wenn man genauer angeben wollte, in welchen Hinsichten und weshalb Denkvoraussetzungen sich geändert haben.“2

Wie dieses Zitat verdeutlicht geht der Einwand gegen den Kulturbegriff zuerst gegen die Begriffsbildung und in diesem Zuge auch gegen das theoretische Selbstverständnis der Geisteswissenschaften, insbesondere der Geschichts - und Sozialwissenschaften. Luhmanns Kritik der Kulturwissenschaften geht gleichfalls auch in dieser allgemeinen Kritik an den Geisteswissenschaften auf. Wohingegen die Phänomene, welche außerhalb sozialwissenschaftlicher Systemtheorie in den Begriff Kultur gefasst sind Luhmann mit Aufmerksamkeit begegnet. Er betont die ungeheure Spannweite des Gegenstands Kultur und ordnet ihn als Soziales thematisch in der Gesellschaftstheorie ein. Er bemerkt, dass über Geisteswissenschaften hinaus auch in den Naturwissenschaften Interesse an einer Definition des Begriffs besteht. Darüber konnte der Kulturbegriff bedingt dadurch, dass er den eigenen Begriff und Gegenstandsbereich mit einschließt für die reflexive Soziologie besonderes Interesse erwecken. Mit Bezug auf die Spannweite des Kulturbegriffs schrieb Luhmann:

"Sie reicht von den symbolischen Grundlagen des Handelns (Parsons) bis zur Gesamtheit menschlicher Artefakte. Sie schließt elektronische Maschinen und Tätowierungen menschlicher Körper, Hochkultur und Alltagskultur, Kultur des archaischsten aller Stämme und Kultur der modernen Gesellschaft ein. Nimmt man noch einen biologischen Kulturbegriff dazu, (...) dann lassen sich innerhalb des Sozialen kaum noch Grenzen ausmachen."3

2.1. Die Erfindung der Kultur

Mannigfaltigkeit von Kultur ist fur Luhmann ein durch die Theorie offener Systeme erklärbares Phänomen: Für alle Systeme gelten gleiche Gesetzmäßigkeiten, seien es lebende, psychische oder soziale Systeme. Umweltveränderungen die im System nicht vorgesehen waren erzeugen darin Strukturveränderungen. Irritierende, störende Informationen führen in Systemen zur Selektion neuer Strukturen. Die Mannig­faltigkeit von Kultur führt Luhmann ursächlich auf die Vielgestalt möglicher Störungen zurück. Was Luhmann wundert ist die Vielfalt an unzureichenden Erklärungsversuchen und Begriffen. Dieses Defizit sieht er in mangelhafter, irritierender Begriffsbildung begründet und versucht diese durch eine historische Analyse des Kulturbegriffs nachzuvollziehen.

Den Ausgangspunkt der Begriffsbildung verortet er in der antiken Zeichenlehre. Dort findet er bereits erkennbar getrennt vom religiösen Kult eine Theorie des künstlichen Gedächtnisses auf, die ohne ein Zeichen für Kultur entwickelt und gebraucht wurde. Bis ins ausgehende Mittelalter sind aus Sicht Luhmanns an dieser Fassung der Zeichenlehre keine einschneidenden Veränder­ungen aufgetreten. Die Zeichenlehre verändert sich erst mit zunehmender Aus­differenzierung des Kunstsystems zum einen und des Verlusts der Verbindlichkeit der Kunst als Vorbild Anfang des 18. Jahrhunderts. Vorher schaffte der mit der Aufklärung angestoßene Säkularisierungsprozess einen Leerraum im telós, der mit der Sakralisierung des Künstlerischen aufgefüllt worden war. Den maßgeblichen Unterschied in der Kunstbetrachtung des 18.Jahrhunderts sieht Luhmann darin, dass nicht mehr nur Kunst und ihre Regeln in Diskussionen über ästhetische Maximen verglichen werden, sondern eine 'abgehobene Sphäre' sich entwickelt. Von dieser erhabenen Position aus werden Zeugnisse menschlicher Tätigkeit ein zweites Mal in historisch und regional weit ausgreifenden Vergleichen registriert. Die Besonderheit dieser Beobachtung ist, dass nun nicht nur kulturelle Zeugnisse beobachtet werden, sondern die Kunstbeobachtung auch mit beobachtet wird. Zur Beobachtung erster Ordnung tritt eine Beobachtung zweiter Ordnung. Erst für die Beobachtung zweiter Ordnung wird laut Luhmann der Begriff 'Kultur' ausgebildet.

Ein Beispiel zum Beleg dieser Entwicklung an der Schwelle zur Moderne findet Luhmann in Friedrich Schillers Unterscheidung zwischen sentimentalistischer und naiver Dichtung, in der die Fähigkeit zur Beobachtung zweiter Ordnung bereits mit bewertet ist.4 Diesem neuen Beobachtungsverhältnis, dessen Beschreibung Schiller übernahm, rechnet Luhmann eine enorme Wirkungsmacht zu. Es ist seiner Diagnose nach Teil einer 'Übergangssemantik' die mit Umschichtungsprozessen im Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Gesellschaftsdifferenzierung korellierend betrachtet werden kann. Ausgehend von den Prämissen, dass Beobachtungen immer einen Beobachter voraussetzen gleichgültig der Ordnung der jeweiligen Beobachtung und das alles Gesagte vom Beobachter gesagt wird schließt Luhmann in diesem Kontext:

"Wir finden uns jetzt auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung, und die Frage ist dann: Wer vergleicht in welchem Interesse?"5

Darum muss im folgenden beachtet werden wie Luhmann mit der Unterscheidung Kultur und Natur umgeht die dem Schillerschen Konzept des Verlusts des Naiven und der Natürlichkeit in der Dichtkunst als Preis der Kultur zugrunde liegt, und wer sich interessiert am Vergleich findet. - Luhmann belegt seine Annahme mit Worten des Dichters, der die Bewegung des Aufstiegs der bürgerlichen Klasse begleitete und intonierte; Schiller, der in einschlägigen Einführungen in die Kulturwissenschaften dafür benannt ist in abendländischer Geistesgeschichte zuerst einen modernen Kulturbegriff geführt und auf die Notwendigkeit von Kultur­wissenschaften hingewiesen zu haben.

2.1.1. Romantische Natur und bürgerliche Kultur

Luhmann nimmt an, der Übergang von Stratifikation zu funktionaler Differenz­ierung des Gesellschaftssystems korreliert mit semantischen Entwicklungen, denen ein Naturbegriff aristotelischer Prägung und alteuropäischer Tradition ebenso wie der Kulturbegriff ausgesetzt waren. Luhmann stellt in dieser Argumentation Kultur als politisches Programm des aufsteigenden Bürgertums heraus:

Ende des 18. Jahrhunderts wird ein spezifisch romantisches Natur­verständnis nur noch als 'Sondersemantik' gepflegt. In dieser 'romantischen' Begriff- lichkeit wurde Natur in der Form gedacht, dass sie ihre eigene Vervollkommnung zum Ziel hatte und Abweichungen davon misslungene Imitationen darstellten. Natur entwickelte sich in dieser Fassung, indem sie sich laufend selbst nachahmte und misslungene Imitationen mit zunehmender Perfektionierung der Mimesis ausschloss. Damit war der Natur ein Problem der Erinnerung und damit eine Gedächtnisleistung zugeschrieben. Luhmann bemerkt, dass schon dieser Naturbegriff zweigeteilt war. Naturzustände wurden als Perfektion und Abweichung unterschieden. Er bemerkt ebenso, dass obwohl mit dem Prozess zunehmender Ausdifferenzierung der Gesellschaft eine zunehmende Verwissenschaftlichung im 18.Jahrhundert einherging, auch dort keine Konzepte entwickelt wurden, welche den zweigeteilten Naturbegriff in eine Einheit auflösten. Dem genaueren, wissenschaftlichen Begriff der Natur entgegen entwickelte sich im 18. Jahrhundert auf der anderen Seite auch noch der idealisierte, 'romantische' Begriff einer von Gesellschaft verschonten Natur. Beide Naturbegriffe waren auf der Ebene einer Beobachtung zweiter Ordnung gebildet worden.

Beide, sowohl der wissenschaftliche als auch der idealisierte Naturbegriff entzogen dem sich auf Geburtsrecht berufenden Adel die Legitimationsgrundlage. Während die Naturwissenschaften schon sehr bald Gottes Gnaden verabschiedeten, nahm man von idealisierter Seite der Adelshierarchie durch naturrechtliche Begründung von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der Menschen die Legitimation. Zivilisation des Adels galt gleich Entfremdung von menschlicher Natur, hingegen das Konzept Kultur auf idealen, natürlichen menschlichen Zustand führte. Mit weiterer Verbreitung des Buchdrucks werden Ergebnisse der Naturwissenschaften und die Ideen der Aufklärung kolportiert, darin formuliert sind die Unterscheidungen von Zvilisation, Kultur und Natur. Kultur wird als Schichtattribut und politischen Programm der aufkommenden bürgerlichen Klasse propagiert.

Die Verifikation von 'Kultur' als wissenschaftlicher Begriff wird für Luhmann problematisch, aufgrund des Verfahrens zur Verifikation von Begriffen wie sie sich in 'Die Wissenschaft der Gesellschaft'6 erläutert findet. Ist Kultur als politisches Programm verstanden hat gemäß seiner Theorie eine Begriffsbildung im politischen System stattgefunden. Die Begriffsbildung fand so unter Regeln statt, die eine Verwendung als wissenschaftlichen Begriff ausschließt. Verkürzt wiedergegeben erklärt sich die Problemstellung des wissenschaftlichen Gebrauchs politischer Begriffe mit Luhmann wie folgt: Politische Begrifflichkeit wird immer unter dem Vorzeichen Macht entwickelt, während wissenschaftliche Begriffe unter dem Vorzeichen Wahrheit gebildet werden. Die Bedingung für einen wissenschaftlich brauchbaren Begriff ist etwa; er darf nicht kontingent sein. Grundlegend sind alle Gegenstände der Wissenschaft kontingent; das heißt sie sind so wie sie sind, aber auch anders möglich. Bis zu diesem Punkt des Nachvollziehens der Einwände Luhmann ist Kultur bereits als Begriff zum Vergleich von Kunst aber auch anders, als politisches Programm, möglich und verbleibt noch im Gegenstandsbereich der Wissenschaft.

2.1.2. Die moderne Ausprägung des Kulturbegriffs

Häufig leitet Luhmann Stellen seines Werkes mit dem topos Kultur mit folgender Aussage ein: Der Begriff Kultur erhielt Ende des 18. Jahrhunderts seine moderne Prägung. Unter bestimmter Lesart erscheint dies auf sich selbst positiv zurück zu verweisen: Sozialwissenschaftliche Theorien auf dem Abstraktionsniveau von Ländernamen und Jahreszahlen bringen den Beginn des gesamtgesellschaftlichen Fortschritts hin zu einer strukturell erneuerten Gesellschaftsformation, die den Namen 'erste Moderne' trägt, mit den geschichtlichen Großereignissen in Verbindung die sich in den Jahren um 1800 abspielten.

"Unter Modernisierung verstehe ich den Typus sozialen Wandels, der seinen Ursprung in der englischen Industriellen Revolution und in der politischen Französischen Revolution hat(..)"7

Das führt zurück auf Luhmanns Kritik des theoretischen Selbst­verständnisses der Geisteswissenschaften. Dementgegen Luhmann die These fasst, Veränderungen in der Ideen - und Begriffswelt begleiten und signalisieren den Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Gesellschaftsdifferenzierung. Er verwirft die Annahme des Zusammenhang zwischen der Entwicklung zur Moderne mit dem Aufstieg der bürgerlichen Klasse und die Annahme das Ideen auf sie tragende Gruppen zugerechnet sein müssen. Annahme Luhmanns ist hingegen, dass der jeweilige Modus gesellschaftlicher Differenzierung eine passende Semantik für diesen Modus und die daraus entstehenden Folgeprobleme fordert.

Er beobachtet die Veränderung des sprachlichen Zeichens für Kultur im 18.Jahrhundert, zeigt dass es sein Genitivattribut verloren hat und damit weg von der 'cultura animi', 'Kultur' entsteht. Die Abtrennung und Umlautung zu 'Kultur' hat für Luhmann Signalcharakter. Es zeigt in seiner neuen Form eine Veränderung und Lösung an. 'Kultur' avancierte erst in dieser Form zum Alleinstellungsmerkmal des Menschen über Merkmale die ihm durch Naturbegriffe mitgegeben waren hinaus. Und weiter nimmt Luhmann an, der Begriff ermöglichte sich von der alten, hierarchischen Gesellschaftsordnung zu lösen und sich in einer neuen Ordnung zurechtzufinden indem er Kommunikation über die neue Gesellschaftsstruktur ermöglichte.

In stratifizierten Gesellschaften war soziale Ordnung nur durch funktionierende schichtinterne Kommunikation gewährleistet. Hier war ein Natur­begriff gefordert darin der Mensch ebenso perfekt war wie die gesellschaftliche Ordnung in der er lebte. Plump gesagt musste der Naturbegriff dem Adeligen und dem Knecht die Rechtfertigung zu seiner Position in der geschichteten Gesellschaft bieten, musste erklären warum der Schuster bei seinen Leisten zu bleiben hat. In funktional differenzierten Gesellschaften lösen sich Schichtungsgrenzen in einer tief greifenden gesamtgesellschaftlichen Strukturveränderung auf. Mit zunehmender sozialer Mobilität musste zunehmend soziale Unruhe einsetzen. Während des Über­gangs in den neuen Modus gesellschaftlicher Differenzierung konnte dann soziale Ordnung nur erhalten bleiben, wenn der Mensch auch in der Lage war Begriffe zu bilden, um sich über seine Natur hinaus zu erklären.

Der Übergang in die funktionale Gesellschaftsdifferenzierung forderte semantische Übergangslösungen. Mit der Entwicklung aus 'cultura animi' erkennt Luhmann in 'Kultur' die semantische Entwicklung eines Naturbegriff in neuem Kleide mit der Funktion soziale Ordnung in einer sich in einzigartiger Weise strukturell verändernden Gesellschaft zu gewährleisten. Nach dem Übergang in die funktionale Gesellschaftsdifferenzierung kann auf vorangegangene Begriffe zur Stabilisierung sozialer Ordnung verzichtet werden. Deshalb stellt Luhmann für den Kulturbegriff die Frage "(,.)ob man alte Worthülsen weiter benutzen oder aufgeben soll."8

2.2. Kultur als Grenze

In den Unterscheidungen sentimentalistische kultivierte Dichtkunst und naive naturbelassene Dichtung wie von Luhmann mit Schiller eingeführt, oder Kultur des aufsteigenden Bürgertums contra Legitimation des Adels wird nach Luhmanns Annahme als Kultur Beschriebenes von als Kultur Beschriebenem unterschieden.

"Kultur im modernen Sinne ist immer die als Kultur reflektierte Kultur, also eine im System beobachtete Beschreibung."9

Beobachtete Beschreibungen dokumentieren die systeminteme Hand­habung von Differenz. Zum Verständnis genügt, dass laut Luhmanns Systemtheorie die grundlegendende Beobachung selbstreferentieller Systeme die Unterscheidung System zu Umwelt ist, die innerhalb des Systems in Form von Struktur beschrieben wird. Dabei identifiziert sich das System anhand seiner Struktur zur Umwelt und bildet die Unterscheidung in der Form System/Umwelt ein weiteres mal in sich selbst ab. Die Umwelt des Systems ist damit innerhalb des Systems beobachtbar und beschreibbar. In Anlehnung an George Spencer-Browns Formenkalkül nennt Luhmann den Wiedereintritt der Form der Unterscheidung in die Form der Beschreibung 're-entrý.

Auf der Ebene einer Beobachtung zweiter Ordnung kann Wiedereintritt der Form in die Form am Begriff Kultur beobachtet werden. Das Resultat dieser Beobachtung schreibt Luhmann in den Vorwurf, dass Kultur nichts unterscheidet und an den Folgen dieser Nichtunterscheidung die Gesellschaft schwer trägt, wenn zum Interesse am Vergleich noch eine Wertung hinzukommt. Der Kulturbegriff soll demnach auch zur Entlastung der Gesellschaft abgelegt werden. An anderer Stelle verdeutlicht Luhmann aber auch, dass Wertung aufgrund der Selbstreferenz von Systemen unvermeidbar ist. Um den Vorwurf Kultur belaste die Gesellschaft nachvollziehen zu können bedarf es einer Exkursion zu den Grundannahmen und den in der Gesellschaftstheorie Luhmanns getroffenen Unterscheidungen.

2.2.1. Inklusion und Exklusion

Luhmann unterscheidet soziale Systeme, lebende Systeme und psychische Systeme, die er alle drei autopoietische Systeme nennt; diese sich miteinander im Verhältnis der 'Interpenetration' befinden. Autopoietische Systeme bilden in ihrer Reproduktion intern die Unterscheidung System und Umwelt ab. Dabei identifiziert sich das System über Selbstreferenz, um sich dann different zur Umwelt beobachten zu können. Dieser Vorgang strukturiert das System hin zu einer möglichst starken Abweichung des Systems von seiner Umwelt. Systemtheoretisch stehen sich Autopoiesis und Struktur als kontinuierlich und diskontinuierlich begriffen gegenüber.

[...]


1 Stichweh, Rudolf (Hg.) 1999 S.35

2 Luhmann, Niklas 1980a S.14

3 Luhmann, Niklas 1999 S.31

4 Luhmann,Niklas 1995 S.341

5 Luhmann, Niklas 1999 S.38

6 Vgl. Luhmann, Niklas 1992 S.330ff.

7 Bendix, Reinhard 1969

8 Luhmann, Niklas 1999 S.138

9 Luhmann, Niklas 1997 S.880

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Luhmanns Kulturbegriff unter besonderer Berücksichtigung der Gedächtnisproblematik
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
45
Katalognummer
V181210
ISBN (eBook)
9783656043003
ISBN (Buch)
9783656043218
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
luhmanns, kulturbegriff, berücksichtigung, gedächtnisproblematik
Arbeit zitieren
Jochen Sawilla (Autor), 2008, Luhmanns Kulturbegriff unter besonderer Berücksichtigung der Gedächtnisproblematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181210

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