Die Anfänge des „japanischen Bürgertums“

Fukuzawa Yukichi als Grenzgänger


Hausarbeit, 2009

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zu Fukuzawa Yukichi und der politischen Situation im Japan des 19. Jahrhundert

2. Fukuzawas Ideen zum „japanischem Bürgertum“ und die konfuzianische Wirklichkeit

3. Kinmonths Kritik an Fukuzawa

4. Maruyama Masaos Ideen zur Meiji Restauration

5. Abschließende Bemerkungen

1. Zu Fukuzawa Yukichi und der politischen Situation im Japan des 19. Jahrhunderts

Fukuzawa Yukichi (1835-1901) ist als jüngster Sohn einer verarmten Samuraifamilie niederen Ranges zur Welt gekommen. Er ist in der Tokugawa-Zeit aufgewachsen und hat die Landesöffnung als junger Erwachsener und später die Meiji Restauration miterlebt.

Er fing bereits mit 19 Jahren, direkt nach der Landesöffnung an rangaku (Hollandwissenschaften) zu studieren und lernte etwa fünf Jahre später auch englisch. 1860 kam er als Gesandter des Bakufus für vier Wochen nach San Francisco und zwei Jahre später auch für einige Jahre nach Europa. Fukuzawa kann als „Grenzgänger“ zwischen der extrem hierarchisch geprägten Tokugawa- Zeit und der Meiji-Zeit, in der sich Japan langsam zu modernisieren begann, bezeichnet werden. Außerdem war er einer der ersten Japaner überhaupt, der sich intensiv mit dem Westen und westlichen Schriften auseinandersetzte. Das Übersetzen westlicher Texte ins Japanische ist sicherlich eine seiner Hauptleistungen, da die Modernisierung Japans zweifelsohne stark vom Westen geprägt war. Seine Schriften zählen zu den meist verkauften in der Meiji-Zeit.

Fukuzawa empfand die vom Tokugawa Bakufu zum eigenem Machterhalt „zementierte“ konfuzianische Standesordnung (shi-nô-kô-shô: Samurai, Bauern, Handwerker, Kaufleute) als ungerecht, da sie die Privilegien der herrschenden, oberen Samuraischicht einfach vererbte. Es gab weder für ambitionierte Samurai niederen Ranges, noch für fähige Leute aus dem Volk wirkliche Aufstiegschancen. Er forderte eine Chancengleichheit („It is said that heaven creates no man above or below another man“, Vorwort zu gakumon no susume), wie sie im westlichem Liberalismus zugestanden wurde und legte die Bildung als Mittel zum sozialen Aufstieg fest.

Fukuzawa sah die Modernisierung zum einem als Schlüssel zu einem besseren Leben der Japaner, zum anderem als notwendig, um nicht wie China von Westmächten kolonialisiert zu werden. Die archaischen konfuzianischen Denkmuster sollten zumindest teilweise durch ein westliches Verständnis von Wissenschaft ersetzt werden.

„In short, if Japan was to be strong enough to stand up to the threats and bullying of the West, it was not enough simply to learn the superficial techniques of gunnery and shipbuilding. She would have to make much more strenuous efforts to alter the spirit and habits of thought engendered by two thousand years of feudal and Confucian discipline- and this would mean rethinking many of her unquestioned assumptions in the sphere of eastern ethics.“

(Blacker, 1964, S.29)

2. Fukuzawas Ideen zum „japanischem Bürgertum“ und die konfuzianische Wirklichkeit

Fukuzawas Idealbild eines „japanischen Bürgertums“ konnte zu der Zeit, als er seine Schriften verfasste, noch als Utopie bezeichnet werden. Fukuzawa wollte im Prinzip eine Gesellschaft von selbstständigen, für sich selbst verantwortlichen Japanern und eine durch den Liberalismus geprägte neue gesellschaftliche Ordnung („social contract“). Er betonte, dass es keine angeborenen Unterschiede zwischen den Menschen gäbe (fukuzawa yukichi zenshû 3, 29-30). Die Unabhängig-keit des einzelnen sollte durch privaten Besitz (sogar für Frauen) gewährleistet werden. Er favorisierte das Konkurrenzprinzip, jeder sollte durch individuelle Bemühung (Bildung) zu Wohlstand gelangen können. Er behauptete, die Japaner seien in Wahrheit eine tanin no tsukiai (eine Gemeinschaft von Fremden), jeder sollte „frei“ sein und den Marktprinzipien folgend sich „wirtschaftlich selbst organisieren“. Er glaubte an die zukünftige Verbesserung der Gesellschaft durch Bildung, wenn erst einmal der konfuzianische Irrationalismus überwunden sei. Nur diese „neue Gesellschaft“ könne es schaffen sich erfolgreich gegen den westlichen Imperialismus zur Wehr zu setzen. Fukuzawa greift hier fast ausschließlich auf Ideen des politisch-ökonomischen Liberalismus, der im 17. Jahrhundert in Europa erdacht wurde, zurück.

Fukuzawas Äußerungen standen inhaltlich zu dieser Zeit (frühe Meiji-Zeit) in so krassem Kontrast zur Realität, dass ihm manche Kritiker sogar vorwerfen, er habe die Schriften, die er aus dem Englischem ins Japanische übersetzte, selbst nicht richtig verstanden. So übersetzte er „ individual“ genauso wie „human being“ einfach als „ hito“ (Mensch) [Shimada, 2007, S. 94]. Dabei stellte die Idee vom Individuum doch einen Kernpunkt seiner Abhandlungen dar. Es ist außerdem bemerkenswert, dass das Wort shakai, welches heutzutage ganz selbstverständlich für „Gesellschaft“ steht, zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch ein Neologismus war. Fukuzawa hatte offensichtlich große Schwierigkeiten einige Konzepte aus der westlichen Philosophie und frühen Sozialwissenschaft überhaupt rein sprachlich ins Japanische zu übertragen, es gab im konfuzianisch geprägtem Ostasien schlichtweg kein Pendant hierzu.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal Carmen Blacker zitieren:

„Two hundred and fifty years of orthodox Chinese learning, and of the stratified feudal system of which it was the philosophical justification, had entirely smothered any spirit of independence with which the Japanese might naturally be endowed and had encouraged instead a disgraceful tendency to rely, both in thought and action, on others- on the Sages, on the government, on social superiors. Hence, though there might be certain outward and visible signs in Japan which might lead people to suppose that some degree of civilisation had been achieved, these signs were misleading because the spirit of the common people has not changed in the least.“ (Blacker,1964, S. 31)

Man kann Fukuzawa natürlich nicht unterstellen, dass er sich dessen nicht bewusst war, vielmehr wollte er verhindern, dass Japan das gleiche Schicksal ereilt wie dem „rückständigem China“, das dem Westen überheblich gegenüberstand und seine konfuzianische Morallehre als „unanfechtbar“ empfand. Fukuzawa sah den Grund dafür, dass der Westen wirtschaftlich und militärisch so überlegen war, darin dass man sich im Westen auch mit den Naturwissenschaften befasste. Im Konfuzianismus galt das Studium der „Dinge an sich“ als „falsche Lehre“ und war verpönt. Die „ideale Gesellschaft“ lag schon einige Jahrhunderte zurück- die Zeit der alten Weisen. Im Idealfall könnte man unter Besinnung auf die alten Schriften zu diesem Zustand zurückfinden. Alles außerhalb der eigenen Hemisphäre war barbarisch und es war abwegig von diesen Barbaren lernen zu wollen. Einige sehr konservative Kreise dachten auch in Japan so. Ich möchte kurz genauer auf die konfuzianische Gesellschaftsordnung eingehen, da sie es ja war, die laut Fukuzawa zumindest teilweise überwunden werden musste und durch Denkansätze aus dem Westen ersetzt werden sollte.

Im Konfuzianismus war die Rangordnung oder das Ständesystem vom Himmel gegeben und es war die Pflicht jeden Japaners sich seinem Vorgesetztem unterzuordnen und sich ihm gegenüber loyal zu verhalten. Diese „Entmündigung“ war für Fukuzawa eine Demütigung und würde Japan in die Abhängigkeit der Westmächte treiben, da sich kein entmündigter Japaner für sein Land interessieren könnte. Der Herrscher wurde als „fürsorglicher Vater“ gesehen und war per Definition gut. Die Gesellschaft sei eine „große Familie“, Fukuzawa betonte, dass man sich in Wahrheit sachlich und weitgehend emotionslos gegenüberstand, kannte man doch nur einen Bruchteil aller Japaner überhaupt persönlich. Fukuzawa störte sich auch an der Rolle der Frau im Konfuzianismus, sie war in jedem Fall einem Mann unterstellt, gehörte praktisch zum Haus, in dem sie lebte, als „Inventar“ dazu und war dafür verantwortlich, dass der Mann sich zu Hause wohl fühlte. Im heiratsfähigem Alter wurde sie dann vom Vater dem Ehemann übergeben. Eine Frau hatte praktisch überhaupt keine Rechte. Fukuzawa sagte aber auch, dass man das, was „schön und gut“ am Samurai-Kodex ist, beibehalten sollte. Es war in der Meiji-Zeit zwar zum ersten Mal möglich den Konfuzianismus zu hinterfragen, zu Fukuzawas Lebzeiten kam es aber zu keiner „Abschaffung“ der konfuzianischen Grundsätze mehr, vielmehr wurden sie auch in der Meiji-Zeit als „staatstragend“ eingestuft und die japanische Gesellschaft war weiterhin vom Konfuzianismus geprägt. Zwar gab es ab 1869 eine Verfassung und der Shogun war entmachtet, die konstitutionelle Monarchie war aber von der Übermacht des tennô, der zu jeder Entscheidung des Parlaments sein Veto einlegen konnte und der Tatsache, dass das Oberhaus fest in Händen der Meiji-Oligarchen (hauptsächlich niedere Samurai) war, überschattet. Es war zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber man war weiterhin weit von den Idealen einer modernen Demokratie entfernt. Die Regierung forderte weiterhin Treue und Untergebenheit von ihren „Bürgern“.

3. Kinmonths Kritik an Fukuzawa

Ich greife Kinmonths Essay hier auf, da er Fukuzawa nicht nur, wie die meisten seiner Kritiker, für seinen in späteren Jahren recht stark ausgeprägten Nationalismus und seine „Korea-“ und „Chinafeindlichkeit“ kritisiert, sondern die Kritik an Fukuzawas Ideen zur „modernen japanischen Gesellschaft“ ansetzt. Kinmonths Kritik schien mir bei der Themenwahl meiner Arbeit am passendsten.

Kinmonth unterstellt Fukuzawa die Samurai, denen er selbst angehört in gewisser Weise zu „ver-herrlichen“. Er behauptet Fukuzawa sei ein konservativer Aristokrat, der die Ungleichheit eher verteidigt als sich für Bürgerrechte einzusetzen. Kinmonth kritisiert, dass Fukuzawa Armut als Resultat der Ignoranz bezeichnet, obwohl er doch selbst schreibt, dass über Jahrhunderte nur die Samurai Zugang zur höheren Bildung hatten. Für Kinmonth wäre eine soziale Umverteilung nötig gewesen, um eine wirkliche Egalisierung der Stände zu Beginn der Meiji-Zeit durchzusetzen. Fukuzawa betont jedoch ausdrücklich „es sei nicht die Aufgabe des Staates Almosen zu verteilen“. Fukuzawa ist fest von den Prinzipien des Wirtschaftsliberalismus überzeugt, nachdem das Einmischen des Staates nur den Wettbewerb verzerrt und der Allgemeinheit schadet. Kinmoth schreibt, Fukuzawa gestehe den Japanern lediglich „the right to participate in competition for wealth and honour in society“ zu (S. 684), für ihn sind die Grundvoraussetzungen der einzelnen sozialen Schichten aber zu unterschiedlich, um nun nach Jahrhunderte langer Ungleichheit einfach auf das Konkurrenzprinzip zu setzen. Ferner schlägt er vor Fukuzawas gakumon no susume („An Encouragement of Learning“) in „A Discouragement of Rebellion“ umzubenennen, da Fukuzawa jegliche Auflehnung als Missachtung des „sozialen Vertrages“ ansieht. Die Regierung sei der Repräsentant des Volkes und somit führe jede Auflehnung gegen diese zum eigenem Schaden. Außerdem wirft er Fukuzawa Prinzipienlosigkeit vor (S. 683), da er sich ohne weiteres der öffentlichen Zensur beugte. Kinmonths größter Vorwurf ist, dass bei Fukuzawa nicht einmal eine Schaffung einer neuen „herrschenden Mittelschicht bzw. eines Bürgertums“ vorgesehen sei. Diese Lücke solle einfach von den shizoku (niederen Samurai), denen Fukuzawa selbst angehörte, geschlossen werden.

Ich denke, man muss hier im Auge behalten, dass Fukuzawa seine Schriften veröffentlichte, als der Demokratisierungsprozess in Japan ganz am Anfang stand. Kinmonth argumentiert meiner Meinung nach jedoch von einem modernem Standpunkt aus. Es gab schlichtweg kein Bürgertum in Japan, das man nun mit der Regierungsbildung hätte beauftragen können. Wenn es überhaupt etwas ungefähr vergleichbares zum europäischem Bürgertum im 19. Jahrhundert in Japan gab, dann war es der Zusammenschluss der shizoku mit einigen reichen c hônin (Kaufleute), die Teils durch Adoption, Teils durch Hochzeit Zugang zu den niederen Adelsständen gefunden hatten. Nicht umsonst sprechen einige Japanwissenschaftler von einer „aristokratischen Revolution“, ohne die der Demokratisierungsprozess wohl eher noch viel langsamer von statten gegangen wäre.

Der Grund warum Fukuzawa die Auflehnung gegen die Regierung so rigoros ablehnte, liegt für mich hauptsächlich darin, dass er Angst vor dem Einfall der Westmächte in Japan hatte, wie er ja mehrfach betont. Eine Revolte im eigenem Land hätte Japan nur noch mehr geschwächt. Der Grund warum Fukuzawa nun so ein eifriger Verfechter des Wirtschaftsliberalismus war, bleibt für mich zumindest offen. Vermutlich war er davon überzeugt, dass die wirtschaftliche und militärische Stärke Amerikas, Englands und anderer europäischer Staaten eben auf diesen Prinzipien beruhte. Es gab halt auch kaum andere, funktionierende Wirtschafts- beziehungsweise Gesellschaftsordnungen für Fukuzawa zur Auswahl.

4. Maruyama Masaos Ideen zur Meiji Restauration

Abschließend möchte ich noch Maruyama Masaos Essay „ Nihon no Shisô“ („Denken in Japan“) aufgreifen, da er mir, wenn es um die Untersuchung der Meiji Restauration geht, unverzichtbar scheint. Er ist somit neben Shimada Shingo, dem nur einige kurze Randnotizen zugestanden worden sind, der einzige Japaner, welcher in der vorliegenden Arbeit „zu Wort kommt“.

Ich möchte ihn vor allem in Kontrast zu Carmen Blacker setzen, bei welcher man geradezu den Eindruck bekommt, das Japan vor 1868 ein durch und durch konfuzianisch geprägtes Land gewesen sei. Das man hier genauer hinschauen und differenzieren muss, wird bei Murayama deutlich. Er unterstellt Japan im Grunde eine immer wiederkehrende „geistige Promiskuität“. Als man die kulturelle Überlegenheit Chinas (schon viele Jahrhunderte vor der Meiji Restauration) realisierte, wandte man sich vom Shintô ab und dem Buddhismus, Konfuzianismus zu, ohne den Shintô Glauben jedoch jemals ganz zu vergessen oder zu verstoßen. Er existiert noch heute neben dem Buddhismus und, für Japan weniger relevant, dem Christentum. Genau dieses Phänomen bzw. Prinzip sieht Murayama bei der Übernahme westlichen Gedankenguts im 19. und 20. Jahrhundert wiederholt. Die japanische Elite musste die „Überlegenheit“ Europas und Nordamerikas sehen und übernahm westliche Konzepte: die Erkenntnisse der Naturwissenschaften, Militärstrategien und Waffenkunde, aber eben nicht zuletzt auch Ideen der westlichen Philosophie.

Murayama behauptet z.B. man müsse das europäische Denken heutzutage schon (fast) als japanische Tradition ansehen (S.26), da es tief in der modernen japanischen Denkweise verwurzelt sei. Er sagt auch, dass es in Japan keine klare, eindeutige Denktradition wie in China den Konfuzianismus oder in Europa das Christentum gab, aus dessen Ablehnung die europäische Moderne abzuleiten sei. Er wird jedoch auch kritisch, wenn er z.B. vom „allzu schnellen Sieg des Neuen“ (S.31) spricht. Die japanischen Akademiker hätten „fertige Konzepte“ aus Europa und Nordamerika „importiert“ und diese wären dann teilweise ungeordnet immer weiter „angehäuft“ worden. Er sieht in der japanischen Gesellschaft eine latente Anwesenheit, ein ständiges Durchsickern des Vergangenen, der Tradition, gerade weil man sich so schnell modernisiert hatte.

Er erwähnt aber auch, dass einige „Konzepte“, welche in Europa hoch kontrovers diskutiert wurden, da sie im krassen Widerspruch zur europäischen Tradition standen, in Japan kaum zu Kontroversen führten, da sie mit dem traditionellem buddhistischem Denken problemlos vereinbar waren.

Die moderne japanische Gesellschaft ist bis zu einem gewissen Grad sicherlich als „Kreuzung“ europäischer und traditioneller, ostasiatischer Elemente zu verstehen.

Ein letzter, jedoch enorm wichtiger Aspekt ist bei Murayama ist die Restauration des Kaiserhauses, sowie die neue gesellschaftliche Ordnung und die Verfassung von 1889. Das Kaiserhaus wurde letztlich als „einzig wahre innere Achse“ Japans angesehen und der Kaiser „fast“ zum Gott erhoben. Man rühmte sich zwar damit als erstes und einziges asiatisches Land eine Verfassung (im Sinne einer konstitutionellen Monarchie) erlassen zu haben, wenn man aber darüber nachdenkt, mit welcher Macht der Kaiser ausgestattet worden war und das ernsthaft darüber diskutiert wurde, ob die Bürgerrechte tatsächlich in die Verfassung gehörten oder ob das japanische Volk nicht vielmehr nur Pflichten gegenüber dem Kaiser jedoch keinerlei Rechte hätte, steht diese Verfassung auch nochmal in einem anderen Licht als z.B. die englische oder französische Verfassung.

Letztlich ist diese Arbeit auch viel zu kurz um hier wirklich mit letzter Penibilität ins Detail zu gehen. Trotzdem wollte ich einige wichtige Aspekte aus Murayamas Essay hier noch mit einfließen lassen. An dieser Stelle möchte ich nun noch Murayama selbst, aus dem Schlusswort der deutschen Übersetzung seines Werkes, zitieren:

„Keine unserer traditionellen Religionen war in der Lage, sich mit dem aus dem Westen einströmenden Ideologien geistig auseinanderzusetzen und dadurch eine bewusste Neugeburt von Tradition bewirken. Deshalb wurden die neuen Ideen völlig ungeordnet angehäuft, und die geistige Promiskuität der modernen Japaner nahm immer größere Ausmaße an. Das moderne japanische Tennôsystem versuchte dieser Situation zu begegnen, in dem es das Zentrum der Staatsmacht gleichzeitig auch zur geistig-seelischen „Achse“ erklärte.“

(Murayama, 1988, S. 74)

5. Abschließende Bemerkungen

Egal wie man nun über Fukuzawa denkt, fest steht, dass er einen großen Beitrag zur Modernisierung Japans geliefert hat. Eine seiner Hauptmotivationen war sicherlich die eigene Unzufriedenheit mit dem alten Ständewesen. Er schreibt mehrmals, wie wütend ihn die Überheblichkeit der daimyo gemacht hat. Er sah in der Landesöffnung und später in der Meiji Restauration eine Chance zu einer besseren Zukunft für Japan. Es ist offensichtlich, dass Modernisierung für Japan im 19. und 20. Jahrhundert vor allem Anpassung an den Westen bedeutete. Kritikern kann man nur vorhalten, wie sehr sich Japan in den Jahrhunderten zuvor an China angepasst hat, kulturell und politisch. Und dass es nicht nur Japan war, das sich anpassen musste, im Endeffekt teilen alle modernen, industrialisierten Staaten einen gemeinsamen Wertekanon, der als Grundvoraussetzung für das „gemeinsame Miteinander“ angesehen wird. In keinem Fall wird man ja wohl behaupten können, dass Japan ein direktes Abbild des Westens geworden ist. Wie bereits erwähnt liegt eine große Leistung Fukuzawas darin, als einer der Ersten westliche Texte ins Japanische übersetzt zu haben und den Menschen in Japan es so überhaupt erst ermöglichte, den Westen einigermaßen zu begreifen. Man mag Fukuzawa vielleicht vorwerfen können, ein konservativer Liberaler gewesen zu sein, die Behauptung, er sei an der Herrschaft der alten Elite interessiert gewesen, scheint mir aber überzogen. Fukuzawas vor allem in späteren Jahren stark ausgeprägter Nationalismus mag aus heutiger Sicht zwar anstößig scheinen, war zur damaligen Zeit aber die politische Ansicht einer Mehrheit der japanischen Bevölkerung. Man darf auch nicht vergessen, dass Nationalismus und Rassismus auch im Amerika und Europa des 19. Jahrhunderts als eine Selbstverständlichkeit gesehen wurden. Schon alleine das Fordern einer Chancengleichheit und die Gleichberechtigung der Frau war zur damaligen Zeit ein großer Schritt von der sozialen Immobilität der Tokugawa-Zeit hin zu einem modernen Japan.

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die Anfänge des „japanischen Bürgertums“
Untertitel
Fukuzawa Yukichi als Grenzgänger
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
10
Katalognummer
V182059
ISBN (eBook)
9783656054375
ISBN (Buch)
9783656054016
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Japan, Gesellschaft, Modernisierung
Arbeit zitieren
Martin Boddenberg (Autor), 2009, Die Anfänge des „japanischen Bürgertums“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182059

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