Sensibel und Responsibel?

Fragen Postmoderner Pädagogik nach der Atom-Reaktor-Katastrophe in Fukushima


Fachbuch, 2011
121 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Wie konnte es zur Atom-Reaktor-Katastrophe von Fukushima, Japan, im Jahre 2011 kommen?
1.1 Technik-Gläubigkeit
1.2 Patriarchat
1.3 Defizit der Basis-Sozialisation
1.4 Bildung elitärer Eliten

2. Wie könnte das moralische Niveau der Welt-Intelligenz angehoben werden?
2.1 Wandel der Erziehung zur Männlichkeit
2.2 Reformpädagogische Konzepte
2.3 Ethisch-moralische Bildung
2.4 Interdisziplinäre Bildung

3. Wie könnten Erziehung, Pädagogik und Bildung zum Überleben der Menschheit beitragen?
3.1 Umschwenken und Umdenken in der Erziehung
3.2 Förderung der Hochbegabten und Indigo-Kinder
3.3 Kreativität, Positives Denken und Biophilie
3.4 Herzensbildung

Nachwort

Literturverzeichnis

Vorwort

Die erneute Atom-Reaktor-Katastophe von Fukushima, Japan, im März 2011, stellt eine ganz besonders ernste Herausforderung für Erziehung, Pädagogik und Bildungswesen weltweit dar. Wie konnte es geschehen, dass naturwissenschaftlich hochgebildete Ingenieure und Konstrukteure, politische Entscheidungsträger mit überwiegend akademischer Ausbildung, beide genannten Gruppen als Angehörige der hochbegabten Experten der industriell fortgeschrittensten Intelligenzeliten der Erde, den sogenannten Egg-Heads, Atom-Reaktoren in Erdbebengebieten Japans erbaut haben, ohne deren Sicherheitsrisiko für die Weltgesundheit und die Gesundheit der noch ungeborenen zukünftigen Menschheits-Generationen ausreichend zu berücksichtigen? Erziehung zur Verantwortung, zur moralisch-ethischen Höherentwicklung, zur persönlichen Qualität tut Not.

Wie kann eine qualitative Anhebung des Niveaus der ethisch-moralischen Entwicklung durch Erziehung und Pädagogik erfolgen? Ein allein selig machendes Rezept ist nicht in Sicht. Zahlreiche Beiträge interdisziplinärer Wissenschaftsfächer, psychologischer und pädagogischer fachwissenschaftlicher Lehrmeinungen und Konzepte liefern Beiträge, aus denen sich -je nach Kenntnisumfang - ein mehr oder minder aspektreiches Mosaik zusammenfügen lässt.

1. Wie konnte es zur Atom-Reaktor-Katastrophe in Fukushima kommen?

1.1 Technik-Gläubigkeit

Im Laufe der Jahrhunderte hat Europa einen Säkularisierungsprozess durchlaufen . Säkularisierung wird hierbei mit Bezugnahme auf Christina von BRAUN (2001) nicht nur als eine Ablösung vom religiösen Denken, sondern vielmehr als Verweltlichung religiöser Denkstrukturen verstanden (Vgl. BRAUN, Christina von: Versuch über den Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht. Zürich/München 2001, S.437f.).

RICHTER(1979, 1982, 2001) diagnostiziert für den Menschen der Industrie-Zivilisationen einen Gottes-Komplex. Die abendländischen Männergesellschaften sind ungläubig geworden. Dafür sind sie nun von einem Gottes-Komplex besessen. Es ist ein Ideal von Größe, Stärke, Macht, Allmächtigkeit, ewigem Fortschritt, Gottähnlichkeit.

Wir beten die Technik als Götzen an. Mit dem Bewusstsein zunehmender technischer Machbarkeit haben wir unser Gleichgewicht mit der Natur verloren. Unsere Illusion ist, dass die Großartigkeit unserer Technik unsere eigene Großartigkeit widerspiegele. Die Macht der Naturwissenschaft und Technik hat zu der Vermessenheit geführt, selbst gottähnlich zu werden.

Es ist der Glaube an die Machbarkeit von allem.

Die bahnbrechende Atomkernspaltung, die auf den theoretischen Erkenntnissen der EINSTEINschen Relativitätstheorie fußt, wurde schon bald vom militärischen Erkenntnisinteresse in die Richtung der Kriegstauglichkeit vereinnahmt, bis hin zu den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki in Japan. So dürfte der Hintergedanke beim Bau von Atomkraftwerken die Ermöglichung des Baus von Atombomben sein.

Wie die Beispiele des Untergangs der Titanic, der Brand des Zeppelins und die Explosion der Challenger Weltraumrakete illustrieren, ist der Fortschritt von Technologie und Wissenschaft stets mit Risiken behaftet und von Katastrophen begleitet.

Der Autor des vorliegenden Textes hat in seiner Kindheit in Hamburg, Deutschland, den sorglosen Umgang mit Röntgenstrahlung hautnah erlebt, hatten sich doch lange Schlangen von Kunden in ein derzeit bekanntes Schuhgeschäft in der City gedrängt, in dem eine Attraktion angeboten wurde. Durch ein Röntgengerät konnte die Passgenauigkeit von Schuhen kontrolliert werden. Die Kunden, meist Kinder, probierten die neuen Schuhe an und schoben ihre Füße unter ein Röntgengerät. Nun konnten sie vor Freude händeklatschend selbst ihre durchleuchteten Füße bewundern. Aber nicht genug damit, blickten nun auch die Verkäuferin, die Mutter und Großmutter, Geschwister und Tanten durch das Durchleuchtungsgerät, und dieses Prozedere wiederholte sich bei mehreren Anproben. Keiner der Beteiligten ahnte etwas von Strahlenschäden. Unkritische Bewunderung für den technischen Fortschritt und Begeisterung für die friedliche Nutzung der nuklearen Strahlung herrschten vor. Ein gesunder Skeptizismus fehlte völlig oder wurde als rückständige Technikmuffelei verhöhnt.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Atomenergie. Während es durchaus vereinzelte Proteste gegen die Atombombe und mehr noch gegen die oberirdischen Atombombentests gegeben hat - voller Hochachtung und Dankbarkeit sei hier an die Initiativen zur Abschaffung der oberirdischen Atombomben-Tests von Linus PAULING erinnert -, wurde die friedliche Nutzung der Atomenergie zunächst ganz allgemein begrüßt. Erst allmählich mehrten sich die Kassandra-Rufe und die Anti-Atom-Bewegung entstand in Europa. Der Autor des vorliegenden Textes hat im Laufe seines erwachsenen Lebens in Deutschland an zahlreichen friedlichen Demonstrationen und Protesten gegen die Gefahren der Atom-Technologie besonders im Wendland, Niedersachsen, teilgenommen.

Obwohl die Nuclearindustrie eine Hochtechnologie ist, an der die intelligentesten Ingenieure und Physiker der fortgeschrittensten Industriegesellschaften der Welt forschen und arbeiten, werden die Gefahren bewusst verharmlost. Es scheint nicht übertrieben, hier von einer Desperado-Mentalität, von einem Haudegen-Optimismus, einer Wissenschaftsgläubigkeit und einem Frankenstein-Komplex zu sprechen. "Nach mir die Sintflut!" scheint die Devise vieler an der Atomindustrie Beteiligter zu sein. Kritiker, Mahner, Protestler werden verspottet, verhöhnt, ja sogar kriminalisiert. Die Atomindustrie darf sich des Schutzes der Staatsmacht, eines immensen Polizeiaufgebotes und immer erneuter Finanzspritzen erfreuen.

Der Autor des vorliegenden Textes hat auf der Insel Teneriffa, zu Spanien gehörig, die Bekanntschaft eines Atom-Ingenieurs im Ruhestand gemacht. Der alte Herr war seinerzeit aus der damaligen Deutschen Demokratischen Republik nach Westdeutschland in die Bundesrepublik übergesiedelt und suchte nach einer Arbeit und Aufgabe. Da bot sich ein Arbeitsplatz in einem zu errichtenden Atomreaktor-Kraftwerk an. Froh und begeistert über die atemberaubende und nicht ganz ungefährliche Hoch-Technologie bewarb er sich als Ingenieur. Die Begeisterung für Atomkraftwerke war damals weit verbreitet. Selbst der bewundernswerte Arzt, Revolutionär und Finanzminister Kubas, Che Quevara, liebäugelte mit dem Bau von Atomkraftanlagen auf Kuba. Vermehrte Unglücke und schließlich sogar der GAU (Größter Anzunehmender Unfall) in Tschernobyl, Ukraine, stärkten die Anti-Atom-Bewegung und beeinflussten auch den Sohn des verrenteten Atomingenieurs auf Teneriffa. Die Ehefrau und Mutter berichtete voller Kummer von den heftigen Debatten der Kontrahenten Vater und Sohn bei unlösbar gegensätzlichen Einstellungen zur Nuklear-Energie. Die erneute Atom-Reaktor-Katastrophe von Fukushima, Japan, scheint die Position des atomkritischen Sohnes zu bestätigen.

Horst-Eberhard RICHTER hat in seinem 1982 erschienenen Werk „Zur Psychologie des Friedens“ zahlreiche Voraussetzungen der Friedenserziehung erörtert. Schwerpunktmäßig geht es ihm zunächst um die Herausarbeitung der psychologischen Bedingungen der Unfriedlichkeit. Unter anderem analysiert RICHTER den Gottes-Komplex, die Vergötterung der Vernichtungswaffen und den Kult der Maskulinität.

In seinem kulturpsychologisch-psychoanalytischen Hauptwerk "Der Gotteskomplex" stellte RICHTER 1979 die Hypothese auf, dass der Mensch in der westlichen Kultur als Ersatz für die entschwindende Glaubenssicherheit den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt zu einer Heilsidee erhoben habe, in der religiöse Sehnsucht und eigene Allmachtshoffnungen verschmelzen. Horst Eberhard RICHTER beginnt sein Buch „der Gotteskomplex“ mit dem Beispiel eines intellektuell wachen Kindes, welches ab einem gewissen Zeitpunkt den Eltern nicht mehr traut. Dieses Misstrauen verursacht im Kinde Angst. Um diese Angst zu meistern, muss das Kind alles unter seiner Kontrolle bekommen. Gleichzeitig entwickelt es um seine Person Allmachts-Phantasien. Sein Verhalten steht in keinem Verhältnis zu seinem effektiven Können und seinen Möglichkeiten.

Ähnliches ist beim europäischen Menschen geschehen. Im Mittelalter befand sich der Mensch angeblich in der Geborgenheit Gottes. Doch das Misstrauen gegenüber Gott wuchs, nicht nur aus Angst, von Gott nicht genügend gehalten zu werden, sondern auch aus Sorge vor dem bösen, strafenden Gott. Diese Sorge wurde genährt durch die Prädestinationslehre AUGUSTINs, nach der niemand gewiss sein kann, ob er erlöst werde oder für die Erbsünde büßen müsse. Der Konflikt zwingt den Menschen, sich mit Gott zu identifizieren, um dem Problem auszuweichen. Ein schönes Beispiel dafür sei DESCARTES mit seinem berühmten Satz „Cogito, ergo sum - Ich denke, also bin ich!“ Horst E. RICHTER sieht darin eine intuitive Entscheidung, in der das Ich seine Selbstgewissheit obenan setzt und somit Gott entmachtet. Aber die Angst vor der Rache Gottes für diese Entmachtung ist bei DESCARTES noch so groß, dass er alle Mühe darauf verwenden musste, die ungeheure Anmaßung des individuellen Ich nicht nur als Gott gewollt, sondern geradezu als von Gott her bestimmt zu interpretieren. Er führt die Idee, von der individuellen Selbstgewissheit alle weiteren Erkenntnisse ableiten zu können, ursächlich auf Gott zurück: Die höchste Klarheit und Deutlichkeit, mit der das individuelle Ich seiner selbst bewusst ist, könne nur von Gott dem Menschen eingegeben worden sein. Und da Gott gut sei, müsse auch alles wahr sein, was an ähnlich klaren und deutlichen Vorstellungen im Ich vorhanden ist. Denn der gute Gott könne uns ja nicht täuschen wollen. Horst E. RICHTER folgert daraus: „In Wirklichkeit vertraut dieser Beweis nicht auf Gott, sondern auf die Unfehlbarkeit des eigenen Intellekts“.

Wenn sich das europäische Ich mit dem göttlichen Vater identifiziert, hat er auch die gleiche Struktur wie dieser. Und das heißt dann auch die gleichen Problemen. Und wie die Probleme aussehen, die Gott hat, können wir im Alten Testament nachlesen: Er ist der Schöpfer seiner Welt, eine andere Welt duldet er nicht. Und in seiner Welt ist er Herrscher und setzt seine Normen brennend und mordend durch. Wie Michael KUNZE (Vgl. "Straße ins Feuer", Basel 2001 )in seiner Interpretation zu Ezechiel 16 zeigt, bekämpft er das archetypisch Weibliche, dessen fascinosum-tremendum Gott nicht gewachsen ist. Und genau dieses Problem hat auch der Abendländer. Nehmen wir zum Beispiel seine Frauenfeindlichkeit, die von Beginn der Neuzeit bis weit ins 20. Jahrhunderts dauerte. Doch auch sein Verhältnis zur Natur und zur Welt, beides in seiner Seele Symbole der Großen Mutter, sind Ausdruck dieser fascinosum-tremendum: Er will die Natur erforschen und durch seine Technik beherrschen, er schafft sich seine Welt und zerstört dabei gleichzeitig die ihn tragende Natur.

Diese Grundidee hat RICHTER in der philosophisch-zeitkritischen Studie "Als Einstein nicht mehr weiterwusste" 1997 weiterentwickelt. 2002 folgte der Band "Das Ende der Egomanie", in dem RICHTER in Weiterführung der Kerngedanken aus dem "Gotteskomplex" die Gefahr darlegt, dass der nach Selbstvergöttlichung strebende Egozentrismus als Antrieb der westlichen Kultur das gegenseitige Auf-einander-Angewiesensein aus den Augen verliere. Das Streben nach vollständiger Unabhängigkeit durch Eroberung einzigartiger militärischer, wirtschaftlicher, wissenschaftlich-technischer Überlegenheit erweise sich, wie der 11. September 01 und die jahrelange Kette von Gewalt und Gegengewalt in Israel/Palästina belegten, als illusionär und verhängnisvoll. Denn die Verzahnung wechselseitiger Abhängigkeit bestehe auch zwischen den Mächtigsten und den Ohnmächtigsten fort. Gegen die Verletzbarkeit durch Selbstmordattentäter schütze keine Waffen-Übermacht. RICHTER sieht als einzige Chance zu längerfristiger Befriedung die Arbeit an einer gerechteren Weltordnung in gegenseitiger Achtung, um Armut und Erniedrigung als Quellen von Hass und Terror abzubauen.

Mit seinem Buch »Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft« hat Horst-Eberhard Richter (»Der Gotteskomplex«) eine neue streitbare Analyse vorgelegt. Der Mitbegründer der Deutschen Sektion Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs konstatiert am Beginn des 21. Jahrhunderts ein Schwinden der Menschlichkeit in der wissenschaftlich-technischen Revolution auf der einen Seite – und gleichzeitig den Verlust der männlichen Dominanz in der Gesellschaft auf der anderen. Daraus ergeben sich für ihn Fragen, wie unter diesen Umständen ein friedliches Zusammenleben künftiger Generationen möglich sein könnte und wie sich das männliche Selbstbild verändern muss, um im gesellschaftlichen Wandel zu bestehen.

Das Buch gliedert sich in drei Teile: Im ersten geht es vor allem um die Charakterisierung des Status quo, die – laut RICHTER – zunehmende Militarisierung der Politik, den Verlust moralischer Skrupel angesichts einer Anonymisierung des Todes und eine fortschreitende Herzlosigkeit der Wissenschaft. Prominente Zeugen dafür werden in Michail GORBATSCHOW, Robert McNAMARA oder auch Andrej SACHAROW gefunden.

Im zweiten Teil sucht RICHTER nach den historischen Ursachen des Gotteskomplexes von der Umwandlung des antiken Frauenbildes durch die Kirche bis hin zu Hexenverfolgung. Die Verdrängung femininer Werte in der Gesellschaft, so RICHTER, führe direkt hinein in die kulturelle Krise der männlich dominierten Gesellschaft. Mit realen Symptomen wie verdrängten Sexualängsten (bis hin zur Impotenz) auf der einen oder kritiklosen Allmachtsphantasien auf der anderen Seite. Die Folgen für die Gesellschaft sind verheerend: »Im Zeitalter des egozentrischen Machtwillens ist der Drang des männlichen Ichs gewachsen, seine Energie für die Konkurrenz um Herrschaft für sich zu reservieren. Die Frau symbolisiert den Energieabzug für Liebe, Familie, Gemeinschaft, für Hingabe, Aufopferung, Mitgefühl.«

Im dritten Teil kritisiert RICHTER verschiedene Strömungen der Neuzeit. Beispielsweise den Wettlauf um die gigantischste Hochhausarchitektur, aber auch die ungezähmte Sucht nach Extremsportarten als Flucht aus der Realität. Schlussfolgerung: »Das sichtbare Leiden der Frauen ist die unsichtbare Krankheit der Männer.«

Dass das Buch dennoch mit hoffnungsvollem Ausblick endet, zeugt von RICHTERs unerschütterlichem Glauben an den Sieg der menschlichen Vernunft.

Das Misslingen einer gerechten Globalisierung, das Festhalten an der atomaren Bedrohung und die Verdrängung der Infizierbarkeit durch das Virus destruktiver Massenbewegungen sind unbewältigte Erbschaften aus dem 20. Jahrhundert. Spitzenforscher warnen vor der Ausbeutung der eigenen Errungenschaften im Dienst von Geld und Macht. RICHTER zeigt am Beispiel von Schlüsselfiguren, wie das Ringen um innere Einheit oder Spaltung, um Versöhnung oder Gewalt, um Ergebenheit oder Bemächtigung und um das Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit von der Antike bis in die Gegenwart hinein verlaufen ist.

Wie ist es zu dem Umschlagen von Gott-Haben zu Gott-Sein-Wollen gekommen? Wie zu der Illusion, dass männliches, auf die Wissenschaft gestütztes Allmachtsstreben durch Entsorgung von Empfindsamkeit und Mitgefühl bei der Frau ausbalanciert werden könne? Diese Illusion ist geplatzt. Die Frau wurde zur ebenbürtigen Rivalin. Aber noch lässt sich die Männerwelt von Anführern leiten, die mit Kriegen nach Drachentöter-Manier uralte Entmännlichungsängste zu besiegen versprechen.

Die Amerikaner taufen ihre gewaltigen Raketen, die mit den massenmörderischen Atomsprengköpfen bestückt werden, auf die Namen antiker z.B. germanischer, griechischer und römischen Gottheiten. RICHTER hält es für einen gotteslästerlichen Größenwahn, dass die Männergesellschaften der Industrie-Zivilisationen nun selbst z.B. ATLAS, PLUTO, THOR, TITAN, NIKE, HERKULES und POSEIDON in den Himmel schicken und mit ungeheuren Todesenergien beladen können.

Man berauscht sich an der Vorstellung, dass allein die Poseidons eines einzigen U-Bootes genügen würden, alle Großstädte und mittleren Städte der gegnerischen Macht zu zerstören. Verdrängt wird dabei, dass die scheinbare Macht des Sieges in Wirklichkeit die Macht zur Ausrottung allen menschlichen und natürlichen Lebens auf unserem Erdball ist.

Die Vergötterung der modernen Vernichtungswaffen kann aus tiefenpsychologischer Sicht als Relikt der phallischen Phase der frühkindlichen Entwicklung gedeutet werden. In einem Dokumentar-Fernsehfilm aus den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts werden westdeutsche Soldaten gezeigt, die in den USA den Abschuss von Raketen trainieren. Eine Rakete wird gestartet und man sieht, wie die Bedienungsmannschaft wie ein Fußballteam nach geglücktem Torschuss in hellen Jubel ausbricht. Begeistert reißen die Soldaten die Arme hoch, während sie der gestarteten Rakete nachblicken, die wie ein Feuer speiendes Ungetüm mit kometenhaftem weißem Rauchschweif in den Himmel fliegt.

RICHTER deutet diese Szene als die Lust an einer gewaltigen phallischen Potenz-Show:

„Die Kraft dieses Rakentenungetüms, das sich gegen die Schwerkraft in den Himmel hochreckt und scheinbar in die Unendlichkeit fliegt, kann offensichtlich wie eine ersatzweise Erfüllung alter phallischer Größenträume erlebt werden. Es scheint einen rauschhafte Beglückung zu sein, so als seien alle jene erlebten phallischen Kränkungen aus der Kindheitsphase und alle Potenzzweifel momentan dadurch getilgt, dass man ein solches großartiges Schauspiel in Gang setzen oder auch nur voyeuristisch daran partizipieren kann.“(RICHTER; Zur Psychologie...a.a.O., S. 96)

Es ist schon fast ein Allgemeingut der Alltagspsychologie, dass die PS/Kilowatt von Motorrädern und Sportwagen oder die Watt-Leistung von Stereo-Musik-Anlagen oder die Leistungen von Computern vielfach eine Art Potenzersatz darstellen.

Auch der Waffenkult dient unbewusst dem gleichen Zweck. Es fängt mit den Pistolen- und Maschinengewehr-Spielen der kleinen Jungen an, die einander gegenseitig oder die Mädchen mit „Tak, tak, tak!“ und ausgestecktem Finger erschrecken. Die Spielzeug-Pistole, das Fahrten-Messer, schließlich die echte Waffe werden für viele männliche Kinder und Jugendliche zum wichtigsten Symbol für Manneskraft. Im Cowboy-Film erscheinen Gewehr und Colt als typische, zentrale Symbole der Männlichkeit.

Auf dieser phallischen Erlebnisstufe entstehen auch die Phantasien, als gehe es bei dem heutigen Rüstungs-Wettlauf gar nicht um Vernichtung, Zerstörung, Auslöschung hundert-, tausend- ja sogar millionenfachen Lebens, sondern bloß um so etwas wie einen sportlichen Weltmeister-Titel:

Wer hat die größten Phallus-Surrogate? Die Rekordleistungen der modernen, „intelligenten“ Raketen werden oftmals völlig losgelöst von den Auswirkungen auf die getöteten und verwundeten Menschen wie eine sportliche Ruhmestat betrachtet.

Wird Waghalsigkeit allzu deutlich zur Herausforderung des Todes, sprechen wir hochachtend von Todesmut, obwohl es oft gerade die Unfähigkeit ist, Sterbeangst auszuhalten. Sich niederdrücken zu lassen und Leiden auszutragen, erscheint als Versagen. Ängstlichkeit, Leiden, Krankheit, Gebrechen und Sterben erscheinen als Niederlagen, die zu unserem Größenwahn nicht passen.

Günter ANDERS

Günter ANDERS hat in seinen „Thesen zum Atomzeitalter “ den Mut zur Angst gefordert:

„ Nichts ist falscher als die beliebte Redensart der Halbgebildeten, wir lebten ohnehin schon im >Zeitalter der Angst<.

Mut zur Angst

...Vielmehr leben wir im Zeitalter der Verharmlosung und der Unfähigkeit zur Angst.

Das Gebot, unsere Vorstellung zu erweitern, bedeutet aber in concreto:

Wir haben unsere Angst zu erweitern.

Postulat: Habe keinen Angst vor der Angst, habe Mut zur Angst.

Auch den Mut, Angst zu machen.

Ängstige Deinen Nachbarn wie dich selbst.

Freilich muss unsere Angst eine von ganz besonderer Art sein:

1) Eine furchtlose Angst, da sie jede Angst vor denen, die uns als Angsthasen verhöhnen könnten, ausschließt.
2.) Eine belebende Angst, da sie uns statt in die Stubenecken hinein, in die Straßen hinaus treiben soll.
3.) Eine liebende Angst, die sich um die Welt ängstigen soll, nicht vor dem, was uns zustoßen könnte.

(ANDERS, zit. nach RICHTER: Zur Psychologie...,a.a.O., Reinbek 1982, S. 87 f.)

In allen Kontinenten haben sich nun aber Gruppen aus unterschiedlichen Ethnien, Nationen, Religionen und sozialen Schichten zu einer neuen Bewegung zusammengetan. Vereint im Glauben an die beiden Geschlechtern aufgetragene Verantwortung für einen alternativen solidarischen Fortschritt treten sie engagiert für ihre Ideen ein. Horst-Eberhard RICHTER veranschaulicht anhand konkreter Beispiele, was sie antreibt und wie eine andere Welt möglich ist.

1.2 Patriarchat

Männer-Neurose

RICHTER hat die Hypothese aufgestellt, dass unsere Zivilisation im Ganzen wesentlich durch magische Allmachtsideen und Unterdrückung infantiler Ohnmachtsphantasien geprägt sei.

Es handele sich um eine kollektive Männer-Neurose.

Die immer noch herrschende Männer-Dominanz in unserer Gesellschaft habe zu diesem magischen Ideal der Omnipotenz geführt. Charakteristika seien die Verherrlichung von Stärke, die Propagierung von egoistischer Rivalität auf Kosten sozialer Hilfe, der Wille zur Macht und die Verfolgung aggressiver größenwahnsinniger Ziele.

Hingegen wurden und werden den Frauen „Minusmerkmale“ wie Ängstlichkeit und Schwäche kulturell zugeschrieben. Zartheit, Sanftheit, soziale Sensibilität, Solidarisierung mit den Schwachen und den armen Völkern, Auflockerung expansionistischer Rivalitäten gelten als unmännlich.

Blinde Zuversicht wird als Tapferkeit verherrlicht.Der Feigling, der Angsthase, der Hasenfuß, der Zimperliche, der Wehleidige wird bespöttelt oder verdammt. Wo einer aus Todesangst äußere Gefahren herausfordert, um der inneren Angst vor dem Tod zu entgehen, preisen wir ihn als tollkühn.

Wird Waghalsigkeit allzu deutlich zur Herausforderung des Todes, sprechen wir hochachtend von Todesmut, obwohl es oft gerade die Unfähigkeit ist, Sterbeangst auszuhalten. Sich niederdrücken zu lassen und Leiden auszutragen, erscheint als Versagen.

Ängstlichkeit, Leiden, Krankheit, Gebrechen und Sterben erscheinen als Niederlagen, die zu unserem Größenwahn nicht passen.

Angst, Traurigkeit, Schmerz und Leiden sind nur etwas für Versager, Schwächlinge und Minderwertige – oder für Frauen.

Der grenzenlose Expansionismus der männerdominierten Industriegesellschaften lebt von dem Glauben, dass letztlich die Beherrschung aller Leidensursachen machbar sei.

Frauen sind weniger als Männer zu dem fragwürdigen Heroismus einer schädlichen Gefühlsverdrängung erzogen worden.

Frauen durchleben stärker als Männer Angst, Schmerz, Trauer, vor denen die meisten – im oberflächlichen Sinne mutigen – Männer pausenlos auf der Flucht sind.

Diese Fluchthaltung macht das Gros der Männer unfähig, die Vision eines Atomkrieges oder Atomreaktorunfalls täglich und nächtlich zu ertragen. Die meisten rücken die Katastrophe wie ein abstraktes, mathematisches Problem weit von sich fort.

Kulturanthropologische Vergleichsstudie

Erich FROMM hat in seinem Werk über die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ eine

Analyse von dreißig sogenannten primitiven, schriftlosen Kulturen unter dem Aspekt

Aggressivität versus Friedfertigkeit vorgelegt.

30 Naturvölker im Vergleich

Die 30 analysierten Kulturen entstammten den völkerkundlichen Feldforschungen von

Ruth BENEDICT, Margaret MEAD, MURDOCK und TURNBULL.

Als Resultat der Forschungsstudie ergaben sich 3 verschiedene kulturelle Systeme:

Friedliche, aggressive und destruktive Völker

1.) Lebensbejahende Gesellschaftssysteme,
2.) Destruktive Gesellschaftssysteme und
3.) Nicht-destruktive, aber aggressive Gesellschaften.

Lebensbejahende Gesellschaften

Die lebensbejahenden Gesellschaften werden wie folgt beschrieben:

In diesem System sind Ideale, Sitten und Institutionen vor allem darauf ausgerichtet, dass sie der Erhaltung des Lebens in allen seinen Formen dienen.

Feindseligkeiten, Gewalttätigkeiten und Grausamkeiten sind in der Bevölkerung nur in minimalem Ausmaß zu finden.

Sanfte Kindererziehung

Es gibt keine harten Strafen, kaum Verbrechen, und der Krieg als Institution fehlt ganz oder spielt nur eine äußerst geringe Rolle. Die Kinder werden freundlich behandelt, schwere körperliche Züchtigungen gibt es nicht.

Gleichberechtigung

Die Frauen sind den Männern in der Regel gleichgestellt, oder sie werden wenigstens nicht ausgebeutet oder gedemütigt.

Sexualfreundlichkeit

Die Einstellung zur Sexualität ist ganz allgemein tolerant und bejahend.

Man findet wenig Neid, Geiz, Habgier und Ausbeutung.

Es gibt kaum Rivalität oder Individualismus, aber sehr viel Kooperation.

Persönliches Eigentum gibt es nur in bezug auf Gebrauchsgegenstände.

Naturverehrung

In der allgemeinen Haltung kommt Vertrauen und gläubige Zuversicht zum Ausdruck, und dies nicht nur den anderen gegenüber, sondern besonders auch gegenüber der Natur; ganz allgemein herrscht gute Laune, und depressive Stimmungen sind relativ selten.“ (FROMM, Anatomie der menschlichen Destruktivität, Ffm 1974, S. 150)

Indianer und Eskimos

Zu den lebensbejahenden Gesellschaften rechnet FROMM folgende Völker:

Zuni-Pueblo-Indianer

Berg-Arapesh

Batonga

Aranda

Toda

Semang

Polar-Eskimos

Mbuto

Im Gegensatz zu diesen lebensfreundlichen, „biophilen“ Gesellschaften herrschen in den destruktiven Gesellschaften Aggressivität, Destruktivität und Nekrophile.

Nekrophilie nach FROMM

Als „Nekrophilie“ bezeichnet FROMM die Liebe zu toten Dingen.

In den modernen Industriegesellschaften gibt es eine Tendenz zur Vergötterung der Technik, eine Liebe zur toten Materie, eine Verquickung von Technik und Destruktionspotential.

Deutlichstes Beispiel für FROMMs These von der Nekrophilie der Industriegesellschaften ist die Atomtechnologie und die Waffentechnolgie, die heute soweit entwickelt sind, dass alles Leben auf unserem Planeten ausgelöscht werden kann.

FROMM schreibt: „Die Symbole des Todes sind jetzt saubere, glänzende Maschinen...

Aber die Wirklichkeit hinter dieser aseptischen Fassade wird immer deutlicher sichtbar.

Im Namen des Fortschritts verwandelt der Mensch die Welt in einen stinkenden, vergifteten Ort...

Er vergiftet die Luft, das Wasser, den Boden, die Tiere – und sich selbst. Er tut dies in einem Ausmaß, dass es zweifelhaft ist, ob die Erde in hundert Jahren noch bewohnbar sein wird...

Das gleiche gilt für die Vorbereitung des nuklearen Krieges. Die ...Supermächte vergrößern ständig ihre Fähigkeit, sich gegenseitig und gleichzeitig mindestens große Teile der menschlichen Rasse zu vernichten.

Strategische Überlegungen – zum Beispiel in Hermann KAHNs Werk > On Thermonuclear War (1960)< - befassen sich gelassen mit der Frage, ob fünfzig Millionen Tote noch > vertretbar < wären. Dass wir es dabei mit dem Geist der Nekrophilie zu tun haben, kann kaum bezweifelt werden.“ (FROMM , a.a.O., S.318)

Trotzdem haben sie nichts Ernsthaftes unternommen, die Gefahr zu beseitigen – und das wirklich Ernsthafte wäre die Zerstörung aller Kernwaffen und die Abschaltung aller Kernkraftwerke.

Tatsächlich waren aber die Verantwortlichen schon mehrmals nahe daran, Kernwaffen einzusetzen – und sie haben mit der Gefahr gespielt.

Die weltweiten Friedensdemonstrationen mit Millionen von TeilnehmerInnen der vergangenen Jahre zeigen den Wunsch eines großen Teiles der Menschheit nach Frieden.

Die Aktivität hunderttausender junger Menschen für den Frieden ist in Deutschland ein neuartiges Phänomen, das zum Teil als ein Resultat jahrzehntelanger Friedenserziehung und Friedenspädagogik in Elternhäusern, Kindergärten, Schulen und Hochschulen angesehen werden kann.

Aber auch die Proteste gegen die rsikoreiche Atomtechnologie, die friedliche Nutzung der Kernspaltung in Nuklearenergieanlagen nehmen ständig zu. Immer neue GAUs, Größte Anzunehmende Unfälle, in Atomkraftanlagen, zuletzt in Tschernobyl und Fukushima, verdeutlichen die unermesslichen Gefahren der radioaktiven Strahlenbelastung für die Menschheit und die zukünftigen Generationen.

1.3 Defizit der Basis-Sozialisation

Matristische und patristische Kulturen

Aus kulturanthropologischen Studien hat TAYLOR ( 1953) eine schematische Gegenüberstellung von matriarchalischen und patriarchalischen Kulturen entwickelt.James DeMEO (1991, 1998) ergänzt TAYLORs Schema um sexualökonomische Aspekte und wählt die Bezeichnungen „matristische“ und „patristische“ Kulturen.

Eine idealtypisch überspitzte Gegenüberstellung von Verhaltensweisen, Einstellungen und sozialen Institutionen zeigt signifikante Unterschiede.

In patristischen Kulturen erfahren Säuglinge, Kinder und Jugendliche während ihrer Sozialisation von ihren Eltern und Sozialisationsagenten wenig Behutsamkeit und Nachsicht sowie wenig körperliche Zuwendung. Es finden sich regelmäßig traumatisierte Säuglinge und Kleinkinder, schmerzhafte Initiationsriten und die Kinder und Jugendlichen werden von der Familie dominiert. Immer findet sich eine öffentliche und private Geschlechtertrennung.

Im Gegensatz dazu erfahren Säuglinge, Kinder und Jugendlichen in matristischen Kulturen viel Behutsamkeit und Nachsicht, viel körperliche Zuwendung und es gibt keine Traumatisierung von Säuglingen und Kleinkindern. Schmerzhafte Initiationsriten sind unbekannt. Die Kinder und Jugendlichen werden keineswegs von der Familie dominiert, sondern es finden sich Kinder- und Jugend-Demokratien. Weder privat noch öffentlich werden die Geschlechter getrennt.

PRESCOTT argumentiert, was die Sexualität in patristischen Kulturen anbelangt, so finden sich viele Einschränkungen und ganz allgemein ist Sexualität mit Angst besetzt. Typischerweise gehören genitale Beschneidungen oder genitale Verstümmelungen, z.B. Vorhaut-Beschneidung bei Knaben, Klitoris- und Schamlippen-Entfernung oder Infibulation bei Mädchen, zur Regel. Es existiert ein extremes Jungfräulichkeits-Tabu. Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen sind streng verboten, vorehelicher oder außerehelicher Geschlechtsverkehr ist tabu und auch innerhalb der Ehe unterliegt der Geschlechtsverkehr strengen Reglementierungen du Tabus.

In den matristischen Kulturen hingegen wird Sexualität begrüßt und mit Lust empfunden. Genitale Verstümmelungen sind unbekannt. Ein Tabu der Jungfräulichkeit gibt es nicht. Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen werden gutgeheißen und der Geschlechtsverkehr wird bejaht.

In patristischen Kulturen besteht oft eine starke Neigung zum Inzest sowie ein entsprechendes strenges Inzest-Tabu. Prostitution und Konkubinat sind weit verbreitet.

Im Gegensatz fanden die Anthropologen in matristischen Kulturen keine Inzestneigungen und das Fehlen eines entsprechenden ausdrücklichen Tabus. Konkubinat und Prostitution als soziale Institutionen gibt es nicht.

Im Patrismus wird die Freiheit der Frau eingeschränkt, ihr Status kann zu Recht durch Minderwertigkeit charakterisiert werden. Frauen haben keine freie Wahl des Ehepartners, keine Scheidungsmöglichkeit und die Fruchtbarkeit wird von Männern kontrolliert. Die Fortpflanzungsfunktion wird gering geachtet und es existieren vaginale Blut-Tabus, das heißt Tabus auf hymenale, menstruelle und geburtliche Blutungen.

Freiheit, Gleichberechtigung und Verehrung der Fortpflanzungsfunktion kennzeichnen den Status der Frau in matristischen Gesellschaften. Freie Wahl des Ehepartners, Scheidung auf Wunsch der Frau und Kontrolle der Frauen über die Fruchtbarkeit sind Merkmale der matristischen Kulturen.

Was die Sozialstruktur anbelangt, so sind patristische Gesellschaften typischerweise autoritär, hierarchisch und despotisch. Die Abstammungslinien sind patrilinear, der eheliche Wohnsitz ist patrilokal. Es herrscht lebenslange Zwangsmonogamie oder Polygamie. Es herrscht politischer und ökonomischer Zentralismus. Militarismus wird betont. Entsprechende Institutionen sind gewalttätig und sadistisch.

Matristische Kulturen sind demokratisch und egalitär strukturiert. Abstammungslinien sind matrilinear, also mutterrechtlich strukturiert . Der eheliche Wohnsitz ist matrilokal. Zwangsmonogamie ist unbekannt, es gibt nur selten Polygamie. Arbeitsdemokratische Strukturen und das Fehlen eines hauptberuflichen Militärs sind Kennzeichen der gewaltlosen matristischen Kulturen, in denen Sadismus fehlt

Matristische Kulturen wandelten sich zum Patrismus durch wiederholte schwere Trockenheit mit Wüstenbildung, die für die Subsistenzgesellschaften, (d.h. die Naturvölker) Hungersnöte, Unterernährung, soziale Zerrüttung und Massenwanderungen zur Folge hatten.

Eine systematische globale Analyse anhand von 1.170 Naturvölkern von James DeMEO (1991, 1998) bestätigte die Wüsten- Patrismus-Beziehung.

Hungernde Völker flohen aus den Dürre-Regionen in benachbarte und später in entferntere Gegenden und errichteten dort despotische patristische Systeme.

MURDOCKs „Ethnographischer Atlas“ (1967) beruht auf Daten von 1.170 Naturvölkern ,

über die in den Jahren zwischen 1750 und 1960 aus zuverlässigen Quellen berichtet wurde. Das Werk MURDOCKs findet zur Überprüfung kulturvergleichender Hypothesen allgemein

Anerkennung.

DeMEO beurteilte mittels Computer jede der 1.170 Eingeborenenkulturen mittels 15 spezifischer Variablen, die sich an das Matrismus-Patrismus-Schema anlehnen.

Ethnien mit einem hohen Prozentsatz an patristischen Merkmalen erhielten eine hohe Punktzahl, und umgekehrt.

DeMEO ermittelte die geographischen Koordinaten einer jeden Kultur und trug sie mit ihrem Patrismus-Wert in eine Weltkarte ein.

Die lebensfeindlichsten Wüsten-Verhältnisse weisen Übereinstimungen mit dem Verbreitungsraum der extremsten patristischen Kulturen auf.

DeMEO hat diesem Wüstengürtel der Erde den Namen SAHARASIA (Vgl. 1998) gegeben. Die Kulturen Nord-Afrikas, Vorderasiens und Zentralasiens waren eindeutig patristischer als die Völker Ozeaniens, Amerikas und der nördlichen Regionen der Erde, jener Gebiete, die am entferntesten von SAHARASIA liegen.

Wie DeMEOs Forschungen anhand der Auswertung von mehr als 10.000 archäologischen und paläoklimatischen Daten aus über 100 wissenschaftlich verlässlichen Quellen ergaben, war dergroße Wüstengürtel des heutigen SAHARASIA vor 4.000 bis 3.000 v. Chr. eine teilweise bewaldeteGrassavanne.

In der heutigen Wüstenregion lebten damals kleine und große Tiere wie Elefanten, Giraffen, Nashörner und Gazellen. Nilpferde, Krokodile, Fische, Schnecken usw. gediehen in den Flüssen und Seen. Es gab dort einst tiefe Seen und durch die Canyons und Wadis flossen beständig Wasserläufe.

Die damals in den fruchtbaren und üppigen Zeiten lebenden Völker waren von friedlichem, ungepanzertem und matristischem Charakter. DeMEO zieht diese Schlussfolgerungen aus der Sichtung archäologischer Funde.

Archäologische Funde aus der Zeit vor 4.000 v.Chr. zeigen unter anderem die sorgfältige Bestattung unabhängig vom Geschlecht der Toten mit relativ gleichwertigen Grabbeigaben, realistische weibliche Statuetten und künstlerische Felsmalereien. Felsmalereien und Töpferkunst stellen Frauen, Kinder, Musik, Tanz, Tiere und Jagd dar.

In späteren Jahrhunderten durchliefen einige dieser friedlichen matristischen Kulturen eine Entwicklung zu bedeutenden Agrar- und Handelsstaaten z.B. auf Kreta, im Industal und in Teilen Zentralasiens.

Das Kontinuum-Konzept

Jean LIEDLOFF zu folge ist das Kontinuum-Konzept die Idee, dass, um eine optimale physische, mentale und emotionale Entwicklung zu erfahren, die Menschen – und besonders Babies - Erfahrungen solcher Art machen sollten, an den unsere unsere Spezies sich in einem langen Prozess unserer Evolution angepasst hat.

Für Kinder umfasst das Erfahrungen wie:

ständigen körperlichen Kontakt mit seiner Mutter oder einer anderen Bezugsperson von der Geburt an; im Bett der Eltern schlafen, mit ständigem körperlichen Kontakt, solange bis es nach eigener Wahl das gemeinsame Bett verlässt, oftmals im Alter von ungefähr 2 Jahren;

Stillen nach Bedarf, Stillen und Pflege als Reagieren auf die körperlichen Signale des Babies; ständig auf dem Arm oder auf andere Weise, z.B. in einem Tragetuch getragen werden, im Kontakt mit jemandem, üblicher Weise der Mutter,

beobachten oder schlafen dürfen, während die tragende Person ihrer Arbeit oder ihren Beschäftigunge nachgeht – bis das Kind zu Kriechen beginnt, und aus eigenem Antrieb krabbelt, üblicher Weise im Alter von sechs bis acht Monaten;

auf die Signale wie Jammern und Weinen des Kindes ohne Verurteilung, Missvergnügen oder Vernachlässigung seiner Bedürfnisse reagieren;

das Gefühl, dass die Eltern erwarten, dass es von Geburt an sozial und kooperativ ist, dass es einen starken Selbsterhaltungs-Trieb hat und dass es willkommen und wertvoll ist.

Im Gegensatz hierzu erfährt ein Baby, dass den modernen westlichen Geburtsprozeduren und Kinderpflege-Praktiken unterworfen wird:

traumatische Trennung von seiner Mutter unmittelbar nach der Geburt wegen medizinischer Interventionen undAufbewahrung in Baby-Stationen in körperlicher Isolation, ausgenommen der Klang anderer weinender Neugeborener;

Traumatisierung der Mehrheit der der männlichen Babies in den USA und zahlreichen anderen Ländern durch medizinisch völlig unnötiger Beschneidungs-Operaionen, der Circumzision.

Daheim weint sich das allein schlafende und isolierte Kind oft in den Schlaf; Ignorieren seiner natürlichen Bedürfnisse oder Beruhigen des Kindes durch Stillen und Füttern nach Plan,;

Ausgeschlossen werden von den normalen erwachsenen Tätigkeiten, stundenlang einem Kindermädchen, einer Kinderkrippe oder einer Krabbelgruppe überlassen werden, wo es oft inadäquat durch Spielzeug oder andere unbelebte Objekte stimuliert werden soll;

Betreuungspersonen ignorieiren, entmutigen, belächeln oder bestrafen sogar das Kind, wenn es weint, schreit oder seine Bedürfnisse anderweitig signalisiert; oder aber mit übertriebener Behütung oder Ängstlichkeit reagieren, und es dadurch zum Zentrum überbehütender Aufmerksamkeit machen;

Empfindung der Erwartungen seiner Betreuungsperson, dass es unfähig zur Selbsterhaltung ist, dass es von Geburt an asozial und antisozial ist und korrektes Benehmen ohne strikte Kontrolle, ohne Zwang und ohne eine Vielfalt manipulativer Eltern-Erziehungs-Techniken nicht erlernen kann.

Die Evolution hat das Menschenkind auf diese Art von negativen Erfahrungen nicht vorbereitet.Es kann nicht verstehen, warum sein verzweifeltes Weinen auf seine grundlegenden Bedürfnisse unbeantwortet bleiben. Und es entwickelt dadurch ein Gefühl, verkehrt zu sein und sich seiner Bedürfnisse und seines Selbst zu schämen. Wenn jedoch seine Kontinuum-Bedürfnisse erfüllt werden – zunächst sehr genau und beim Älterwerden mit größerer Variationsbreite - , dann wird es eine natürliche Selbst-Gewissheit, ein Wohlgefühl und Freude zeigen. Kinder, deren Bedürfnisse entsprechend dem Kontinuum in der frühen Im-Arm-Halten-Phase erfüllt worden sind, wachsen auf mit einem größeren Selbstwertgefühl und werden unabhängiger als jene Kinder, deren Weinen unbeantwortet geblieben ist, aus Angst, sie zu sehr zu verwöhnen oder sie abhängig zu machen.

Bruststillen

PRESCOTT beklagt einen Mangel an Bruststillen als Defizit der Basissozialisation in den USA. PRESCOTT argumentiert, dass Bruststillen durch seine besonderen sensorischen Stimulierungen des kindlichen Gehirns durch Berührung, Geschmack, Geruch und die biochemischen Nährstoffe der Muttermilch eine besondere Rolle bei der Entwicklung des Gehirns und des Verhaltens spielt. Deshalb empfiehlt die UNO/UNESCO 1990 ein Bruststillen von 2 Jahren und darüber hinaus und besonders ausschließliches Bruststillen in den ersten 6 Monaten, ohne Zufütterung von Wasser, Saft oder irgend einem anderem Nahrungsmittel. Die Muttermilch enthält einen reichen Komplex von Nährstoffen - die nicht in Kuhmilchprodukten enthalten ist -, welche notwendig für eine normale Entwicklung des Gehirns und der Abwehrkräfte ist.

Ein Mangel an Bruststillen kann zu Intelligenzdefiziten, vermehrter Aggression, Depression und Suizidgefährdung führen.

In der Muttermilch sind Neurotransmitter enthalten, die eine optimale Funktion des Gehirns fördern.

a) L-Phenylalanine ist ein Vorläufer (Precursor) für PEA (Phenylethylamine).
b) L-Thyrosine ist ein Vorläufer für Dopamine, Norepinephrine und Epinephrine. Die Umwandlung von Tyrosine und jeder dieser Aminosäuren hängt ab vom Vorhandensein von Magnesium und Vitamin B6 im Körper.
c) L-Tryptophan ist ein Vorläufer für Serotonin. Wenn man die begrenzte Verbreitung des Bruststillens in Deutschland und den USA bedenkt, mit dem künstlichen Kuhmilch-Ersatz, dann kann mit PRESCOTT konstatiert werden, dass somit eine Fehlernährung hinsichtlich der optimalen Gehirnentwicklung, besonders des Serotonin-Systems des Gehirns, stattfindet und zu Defiziten führt, die dafür bekannt sind, Depressionen, mangelnde Impulskontrolle, Suchtverhalten , Suizid und Tötungsdelikte zu befördern.

1.4 Bildung elitärer Eliten

Die Charakterisierung unserer Epoche als eine Postmoderne geht auf den französischen Philosophen Jean-Francois LYOTARD zurück. In seinen Werken „La condition postmoderne: rapport sur le savoir“ (1979) und „Le différand.“ (1983) beschreibt er die Transformation des Wissens von einem modernen in einen postmodernen Zustand.

Das herausragende Merkmal des Wissens in der Epoche der Moderne war seine Suche nach universellen und feststehenden Antworten auf die großen Fragen der menschlichen Existenz: Wer bin ich? Was kann ich wissen? Was soll ich tun? (Vgl. OLIVIER 1998). Diese Fragen wurden durch wissenschaftliche, rationale und politische Begriffe beantwortet. Die moderne Wissenschaft hat stets behauptet, dass die Natur eine Sprache hat, die, sofern wir sie nur richtig sprechen, uns befähigt, unser Schicksal zu kontrollieren. Die Liste der Versuche, eine universelle Sprache für die Menschlichkeit zu verwirklichen, ist lang.

LYOTARD zufolge ist das charakteristische Merkmal der Postmoderne in den Metropolen der Welt eine wachsende Respektlosigkeit gegenüber den alten Idealen. Die ersten Hinweise für diese Respektlosigkeit können bis Ende der 50er und 60er Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts zurückverfolgt werden, nachdem Europa begonnen hatte, sich von den Erschütterungen des 2. Weltkrieges zu erholen. Von dieser Zeit an versank die Massengesellschaft in einen Zustand, in dem sich die menschlichen Wünsche und Bedürfnisse vereinfachten und differenzierten. Die Gesellschaft wandelte sich von einer Produktions- zu einer Konsumorientierung.

In dieser neuen postmodernen Epoche werden alle nationalstaatlichen Grenzen durch wirtschaftliche Globalisierung überschritten – mit dem Resultat, dass die großen Schemata nationaler Politik und weltanschaulicher politischer Strömungen überflüssig zu werden scheinen. In der Philosophie und in den Geisteswissenschaften ist die Idee, dass man einen wissenschaftlichen Weg zum Verständnis von Gesellschaft und menschlichen Verhältnissen entwickeln könne, fragwürdig geworden. Orientierungslosigkeit und Verunsicherung sind Zeichen der Zeit.

Die postmoderne Epoche gewinnt ihre Kontur aus neuartigen Informationssystemen, z.B. dem Internet, der Ethik des Konsums, dem raschen Wandel von Lebensstilen und Lebensformen und dem bewussten Verzicht auf eine feste Perspektive.

In seiner optimalen Ausprägung ist der postmoderne Mensch vor allem auf Genuss und Glück aus. Er hat die Angst vor der Lust abgelegt und sich von der alten kapitalistischen Tyrannei der Mangelneurose und der Versagung befreit. Er hat aufgehört, seine Seele durch Tugendhaftigkeit retten zu wollen, seine Willensstärke durch eine Verzichtsethik stählen zu wollen und alle seine Kräfte für ein Leben im Jenseits aufsparen zu wollen. Eine unverwechselbare Ich-Identität zu besitzen, ist ihm nicht mehr wichtig. Eine feste Weltanschauung ist ihm nichts mehr wert. Seine Einstellung wird nicht mehr von romantischen Idealen, sondern von ironischer Distanz bestimmt.

In seiner negativen Ausprägung ist der postmoderne Mensch total dem Konsum verfallen. Es ist ihm wichtiger, „Stil“ zu haben, als über richtig oder falsch nachzudenken. Seine Welt ist rein ästhetisch, Moral ist uninteressant geworden. Das Einkaufszentrum, der Automobilsalon, die Sex-Messe sind die Orte seiner Läuterung. Ohne festes Bezugssystem in seinem Leben ist der postmoderne Mensch verloren in einem Chaos verwirrender Vielfalt.

Paradoxerweise stehen ihm in einer solchen Situation ohne alle moralische Orientierungspunkte aber auch völlig neue Perspektiven offen: Er kann neue Wege gehen.

Es stellt sich die Frage, ob es einen geschichtlichen Hintergrund für das Entstehen des postmodernen Denkens gibt . Die Heraufkunft des postmodernen Denkens scheint eine Reaktion auf die Geschichte der vergangenen 300 Jahre und des Zwanzigsten Jahrhunderts im besonderen zu sein. Wie konnte es geschehen, dass sich in unserem, vom Geist der Aufklärung durchdrungenen Europa die schlimmsten totalitären Ideologien entfalten konnten? Europa hat einerseits die Ideen der Freiheit, der Demokratie, der Menschenrechte hervorgebracht. Andererseits hat Europa auch den Faschismus, den Stalinismus, den Nationalismus, Völkermord, Rassenwahn, Verfolgung sexueller Minderheiten hervorgebracht. Bereits vor dem Heraufziehen des Nationalsozialismus wurden durch Europa im Zuge des Kolonialismus ganze Völker dezimiert und ausgerottet.

Erinnert sei beispielsweise an die Vernichtung des Volkes der Hottentotten in Südwest-Afrika durch die Deutschen und die Buren. Unter der Herrschaft Belgiens wurde die Bevölkerung des Kongo von 20 auf 8 Millionen, also um 12 Millionen Menschen dezimiert.

Bereits HORKHEIMER und ADORNO hatten zur Zeit des Nationalsozialismus von einer „Dialektik der Aufklärung“ ( 1939 ) gesprochen. Wilhelm REICH betonte in seinem Werk „Massenpsychologie des Faschismus“ (1933) die Funktion der Repression der Sexualität bei der Entstehung von Autoritätshörigkeit, Rassenwahn und Anfälligkeit für totalitaristische Ideologien.

Michel FOUCAULT hat die Prinzipien und verdeckten Strukturen der Macht im Zeitalter der Aufklärung und der Industrialisierung erforscht. Ähnlich wie Norbert ELIAS (1939) erarbeitet er historische Reflexionen über die Entwicklung zur disziplinierten Gesellschaft. In seinem Werk „Sexualität und Wahrheit“ (1977) analysiert FOUCAULT die Verbindung des Sexualitätsdispositivs mit den politischen Strategien der Macht.

Es scheint Zusammenhänge zu geben zwischen der Konzeption eines autonomen, sich selbst verantwortlichen Subjekts und den hegemonialen, eurozentrischen Ansprüchen, die sich in der Moderne entwickelt haben. Das moderne Selbstbewusstsein des Europäers führte nicht nur zur rücksichtslosen Unterwerfung der inneren und äußeren Natur, sondern auch anderer Kulturen und Völker. Die Entthronung des von Vernunft gekrönten Subjekts ist Bestandteil des philosophischen Programms der Postmoderne, die nach Jacques DERRIDA (2000, 2003, 2004) als Dekonstruktion bezeichnet wird.

Neben dem Begriff der Postmoderne finden wir Vorschläge, die Gegenwart durch Begriffe wie „Spätmoderne“ oder „Zweite Moderne“ zu kennzeichnen. Diese Begriffe werden in der deutschen Soziologie besonders von Ulrich BECK ( 1995 ) verwendet. Gemeint sind damit bei BECK neue Wissens- und Lebensformationen, in denen die Menschen ihren Individualismus, ihre Selbstverwirklichung, ihre Lust an der Pluralität der Lebensformen mit neuer Selbstverantwortung verbinden. Positive Indikatoren für solche Veränderungsprozesse sieht BECK in der Zunahme von Toleranz gegenüber andersartigen Menschen, Fremden, gleichgeschlechtlich Liebenden und gesellschaftlichen Randgruppen. Freilich stehen dieser Zunahme an Toleranz wie eine Schere die Exzesse von Ausländerfeindlichkeit, Minoritätenhass und Gewaltakzeptanz rechtsradikaler Jugendlicher diametral entgegen.

Die Epoche der Postmoderne oder Spätmoderne geht einher mit dem Prozess der Globalisierung. Multinationale Unternehmen agieren global, Politik und Kultur haben globale Auswirkungen, Das Leben auf der Erde wird zu einem globalen Dorf. Während die dominierenden globalen Unternehmen bisher auf Industrie und Manufaktur konzentriert waren, liegen die Schlüssel-Unternehmen heute zunehmend in den Feldern der Kommunikation, Information. Unterhaltung, Wissenschaft und Technologie. Die Langzeit-Effekte der Revolution in der Informations-Technologie sind noch nicht erfahrbar geworden. Der technologische Wandel beschleunigt sich jeden Tag. Die Informations-Technologien verändern die Art, wie wir denken, wie wirkommunizieren, wie wir arbeiten und wie wir spielen. Nanotechnologie und extreme Miniaturisierung versprechen eine gänzlich neue Epoche der Informationssysteme.

Das allgemeine, unreflektierte, moderne und postmoderne Bewusstsein basiert auf der Überzeugung, dass unbegrenzter technologischer Fortschritt und grenzenloses wirtschaftliches Wachstum sinnstiftend die Garanten menschlichen Glücks seien. Dieses Credo schließt die Überzeugung ein, dass Quantität vor Qualität gehe und dass Technik und profitabler Pragmatismus, Effizienz und Leistung sämtliche Aspekte des menschlichen Lebens bestimmen müssten. Die Bildung wird dem Diktat der angeblichen Sachzwänge unterworfen.

Eigenschaften wie Flexibilität, Mobilität und der Wille zur persönlichen Bereicherung sowie ein zur Produktion geeignetes Fachwissen sind Ziele dieses Bildungssystems. Bildung wird vermehrt als Aus- und Weiterbildung und als Befähigung zur Lohnarbeit verstanden. Da jedoch nur ein geringer Teil der derart Gebildeten oder Ausgesonderten beruflichen Erfolg haben wird, hat Bildung auch die Aufgabe, Werte zu vermitteln, die gewährleisten, dass das bestehende Wirtschafts- und Profitsystem loyal bejaht wird.

Solch Werte sind zum Beispiel Hörigkeit gegenüber Autoritäten, Aggression gegen Schwächere, Einschwören auf Nation, Volksgemeinschaft oder Sitte und Moral, Bejahung des bestehenden Status Quo, unkritische Partizipation an den Vorteilen der globalisierten Ausbeutung und Apathie durch freiwilliges Ausgeliefertsein an die massenmediale Bewusstseinsindustrie.

Die meisten modernen Technologiegesellschaften leiden an einer Überpädagogisierung, die Ivan ILLICH als „Schooled Society“ charakterisiert hat. Die naturwissenschaftlich-technische Ausrichtung der Erziehung und Ausbildung fördert ein Ethos der Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt. Eine anthropozentrischer Anthropologie blendet aus, dass der Mensch Teil einer von der Natur abhängigen Mitwelt ist. Die engstirnige Sichtweise der westlichen Technologiezivilisation betreibt die bedenkenlose Kontrolle über die Natur, grenzenlose Ausbeutung für den Eigennutz und einen primitiven Materialismus. Die forcierte wirtschaftliche Entwicklung auf der Basis des Fortschrittsglaubens und der unaufhörlichen Wachstumsrate wirkt sich letztendlich destruktiv und gefährlich für die Menschheit und unseren bereits angeschlagenen Planeten aus.

Die bisherigen, westlich geprägten Bildungsmodelle der Megatechnischen Gesellschaft fördern überwiegend einen Raubtierkapitalismus, der die Welt in globalem Ausmaß in ökologische Krisen und vermehrte Katastrophen führt. Hinzu kommen die sozialpsychologischen Probleme, die mit der Tendenz zur Entfremdung, zur Enthumanisierung und der massenmedialen Manipulierbarkeit des Menschen in einer modernen technologischen Sozialordnung verbunden sind. Die meisten Bildungsinstitutionen leisten eine Vereinheitlichung der Denkrichtungen. Auf diese Weise bestimmen sie die Richtung und Tendenz der kulturellen, sozialen und technologischen Entwicklung unter Ausschluss einer pluralistischen Offenheit verschiedenster Optionen der freien und humanen Entfaltung der Menschheit.

Vielleicht wird in der Zukunft die vielen bereits als Selbstverständlichkeit erscheinende Konzeption der schwerfälligen, bürokratischen Institution der Massenschule beiseite gelegt werden müssen. Vielleicht verliert die Sozialisationsinstanz Schule ihre Attraktivität, weil sie vom Standpunkt des Überlebens der Menschheit im Grunde nichts anderes ist als ein historisch überholter Weg der staatlichen und unternehmerischen Bürokratien, um Kontrolle über soziale und wirtschaftliche Programme auszuüben. Längst sind Massenmedien, Werbung, Konsumwelt, Computer und Peer-Group als Sozialisationsfaktoren neben die Schule getreten und haben deren Dominanz ausgehöhlt. Heutige Kinder und Erwachsene erfahren sehr viel mehr über das Leben , die Kultur, Politik und Geschichte durch das Internet, durch Nachrichtensendungen im Radio und Fernsehen, durch die Presse und durch die Unterhaltungsindustrie, als sie es in der Schule, durch Lehrbücher oder im Rahmen der Herkunftsfamilie lernen.

Aber auch diese Sekundärerfahrungen, das Lernen aus zweiter Hand, sind oft durch den Motor der Profitmaximierung entstellt. Primärerfahrungen, das heißt ein Lernen aus direkter Erfahrung, aus erster Hand, kann heilsam und persönlichkeitsfördernd wirken. Die Begegnung mit der Natur, der Kultur, der menschlichen Arbeitswelt und dem Zusammenleben der Menschen kann zum Erwecken der Neugier, dem Staunen und dem Wunsch nach Verständnis der Mitwelt führen. Hier haben dann auch Wissenschaft, Religion und Kunst ihren Platz in der Bildung des Menschen.

Dialektisch betrachtet gibt es andererseits auch alternative Tendenzen der Zunahme an Toleranz, kultureller Offenheit und Abkehr vom Ethnozentrismus der fortgeschrittensten Industrienationen der Welt.

Es mehren sich die Stimmen im Westen, dass beispielsweise das bürokratische Schulsystem, das seit cirka 200 Jahren etabliert worden ist, völlig überaltert und überholt sei.

Es lässt sich eine wachsende Unsicherheit über die Art und Weise der Bildung im Westen ausmachen. Soll die Bildung weiterhin die alte Industriegemeinde oder die neue Informationsgesellschaft bedienen? Soll Bildung weiterhin eine öffentliche Angelegenheit oder eine privatisierte geschäftliche Unternehmung sein?

Schulausbildung ist die Form der Bildung, die im 19. Jahrhundert in Europa und in den USA entwickelt und durch die Kolonisierung weltweit exportiert worden ist. Traditioneller Zwangs- und Paukschule geht es darum, Kontrolle auszuüben, Disziplin einzuüben, privatwirtschaftliche Interessen zu bedienen und die Werte der westlichen modernen Zivilisationen wie Materialismus, Konkurrenzprinzip, Individualismus bis hin zum Egoismus und zur Naturfeindlichkeit einzuprägen.

Die Hälfte der Inhalte einer konventionellen Schulausbildung besteht in der Struktur des Schulsystems selbst mit seinen Stundenplänen, dem kanonisierten Wissen, den sechs Unterrichtsstunden an fünf Tagen der Woche, jahrelang, mit Zensuren und Tests, ähnlich einer Militärkarriere. Die Struktur wie beispielsweise die Dreigliedrigkeit, die Selektionsfunktion, Richtlinien und zentrale Schulpolitik bestimmen einen Großteil der Lehre. Die Inhalte der Bildung dagegen verblassen, sind oft zweitrangig und spielen nur vordergründig eine Rolle. In Anlehnung an GALTUNG wird diese strukturelle Gewalt des Schulsystem zunehmend kritisch gesehen.

Die Anforderungen der westlichen wissenschaftlich-technischen Zivilisation haben zur Entwicklung eines Schulsystems geführt, das heute die gleiche Rolle spielt wie die Fabrik im neunzehnten Jahrhundert. Infolge der Ausweitung des profitorientierten ökonomischen Warentausches zwingt die technische Revolution nach und nach dem gesamten Planeten ihre auf dem Leistungsprinzip gründenden Gesetze auf. Erzielung einer maximalen Rendite am Aktienmarkt, der Vorrang technischer Effizienz vor sozialer Verantwortung, ein Roboter-Ideal, Konzentration und Fusion der Industrie und der Arbeitskräfte, Umschichtung und Mobilität der Bevölkerungen, Primat des Konsums, tiefgreifende Veränderungen des Ökosystems und der Lebensgewohnheiten, Wertewandel und Autoritätsverlust der älteren Generation aufgrund des technischen Fortschritts sind nur einige Stichwörter für diese globale Entwicklung.

Das Kind ist heute in der Lernmaschinerie der Schule von der Realität isoliert, von der Welt der Erwachsenen abgeschnitten und wird dadurch zu einem infantilisierten Wesen ( Vgl. MENDEL 1973 ). Dazu trägt das Schulwesen bei. Am konventionellen Geschichtsunterricht wird kritisiert, den Klassenkampf zu ignorieren und die Kulturen anderer Völker zu verachten, die vom Kolonialismus vernichtet oder unterworfen worden sind. Die Philosophie und Literatur anderer Kulturkreise und undogmatischer Perspektiven wie zum Beispiel des Positiven Denkens werde der Zensur anheim gegeben.

Kennzeichen der Postmodernen Epoche

BECKER (2008) stellt sich die Frage, was die besonderen Kennzeichen der postmodernen Lebensweise sind. Globalisierung, Pluralisierung und Individualisierung sind ihre wesentlichen Bestimmungsstücke. Hinsichtlich der ökonomischen Produktion bestehen die Möglichkeiten der handwerklichen, industriellen und der Massenproduktion fort. Sie bestimmen jedoch nicht mehr das Geschehen.

Die neuen Möglichkeiten der Lebenspraxis, die zu neuen Formen der Produktion, des Wirtschaftens, des gesellschaftlichen Zusammenlebens, des kulturellen, spirituellen und politischen Lebens führen, verdanken ihr Entstehen vor allem der Digitalisierungstechnik und den elektronischen Neuen Medien. (Vgl. zum Folgenden FUNK, 2004.) Beides, die neue Digitalisierungstechnik und die neuen Medien, prägen die postmoderne Lebensweise und kreieren neue Möglichkeiten in verschiedenen Sektoren. Sie sind die Voraussetzungen für eine Entgrenzung von Raum und Zeit, für raum- und zeitunabhängige Kommunikation, Unterhaltung, Wissensaneignung, für die Mobilisierung, Globalisierung und Flexibilisierung. Es gibt kaum einen Lebensbereich, der sich den Veränderungen, hervorgerufen durch Neue Medien und die Digitalisierungstechnik, verschlossen hat.

Mit der Digitalisierungstechnik und den Neuen Medien lassen sich Zeit und Raum entgrenzen. Jeder kann fast zu jeder Zeit mit Jedem Kontakt aufnehmen, einerlei an welchem Ort er sich gerade befindet. Berufliche Arbeit kann jederzeit und von jedem Ort verrichtet werden, Zugang zu Wissen kann sich jederzeit verschafft werden, genauso wie Unterhaltung. Es kann eine Teilhabe an virtuellen Welten statthaben.

Realität kann neu und anders geschaffen werden. Perfekt inszenierte virtuelle Lebenswelten werden erschaffen, in denen aktiv mitgestaltet und aktiv miterlebt werden kann. Mit der Digitalisierungstechnik und den elektronischen Medien können wir von Sachzwängen und Vorgaben unabhängig werden. Genauso kann das Individuum von anderen Menschen unabhängig leben. Hier ermöglichen die neuen Medien völlig neue Beziehungsmuster und Nähe-Distanz-Modelle. Diese zeichnen sich einerseits durch größere Unabhängigkeit aus, anderseits jedoch besteht die Chance zu einer virtuellen Verbundenheit durch die medialen Kontaktmöglichkeiten(Vgl. HARDT/NEGRI, "Multitude", 2002).

Mit der Digitalisierungstechnologie lässt sich, selbstbestimmt und von Vorgaben befreit, die eigene Wirklichkeit konstruieren. Dies beinhaltet auch, sich selbst neu zu inszenieren, in Chat-Rooms, Internetplattformen o.ä., und somit die Grenzen des eignen Identitätserlebens zu erweitern.

Die Postmoderne Ich-Orientierung

Aufgrund der veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kommt es BECKER zufolge zur Herausbildung eines neuen Gesellschaftscharakters, den FROMM noch nicht gekannt hat, dem sogenannten Postmodernen Ich-Orientierten. Er wird von Rainer FUNK beschrieben und genauer charakterisiert (FUNK 2005; zum Folgenden vgl. jedoch vor allem FUNK 2004). Entscheidend für diese neue Charakterorientierung ist die selbstbestimmte Lust an der Ich-orientierten Konstruktion von Wirklichkeit (Vgl. BERGER/LUCKMANN , "Die Konstruktion der Wirklichkeit", 1982).

Hierbei unterscheidet FUNK den aktiven und den passiven Typ. Der Aktive erzeugt aktiv Wirklichkeit, der Passive hat Anteil an der konstruierten Realität, er vollzieht die Teilhabe an von Anderen erzeugten Lebenswelten. Der Aktive ist Anbieter von konstruierter Wirklichkeit, der Passive ist Nutzer von erzeugter Wirklichkeit.

Kennzeichnend für die postmoderne Ich-Orientierung ist das Streben sich frei, spontan und unabhängig von Vorgaben selbst bestimmen zu können. Antreibende Kraft ist die Lust an einer Erzeugung von Wirklichkeit. Freie und spontane Selbstinszenierung und Selbstsetzung aus Lust an einer Konstruktion der Realität sind entscheidend.

Aktive und passive Postmoderne Charakterzüge

Typische Charakterzüge des aktiven und des passiven Ich-Orientierten nach Rainer FUNK (2005, S. 90-100) sind die folgenden:

Das wesentlichste Merkmal des aktiven Postmodernen ist, sich aktiv als Macher inszenierter Lebenswelten zu erleben. Das Machen kann sich z.B. auf die Berufswelt beziehen, wo er sich als Macher von Projekten versteht. Es kann sich aber auch auf die eigene Person beziehen, wo jemand etwas aus sich macht und Schöpfer des eigenen Selbst wird. – Der passive Postmoderne hat den Wunsch aktiviert zu werden. Er möchte zudem unterhalten und stimuliert werden. Das interaktive Moment spielt hierbei eine wesentliche Rolle. Durch neue Medien ist eine interaktive Teilhabe möglich, die eine interaktive Aktivierung möglich macht. Durch Computerspiele, Internet-Chatrooms und Internetplattformen kann interaktiv an der Wirklichkeit teilgenommen werden.

Der aktive Postmoderne strebt danach, sich selbst ohne Rücksicht auf Erwartungen und Vorgaben selbst zu setzen und sich in seiner spontanen Ich-Setzung selbst zu erzeugen. Die Ich- Setzung beim passiven Ich-Orientierten geschieht im Wir-Erleben. Für ihn ist es von Bedeutung, verbunden zu sein, er möchte vernetzt und verbunden sein. Gebundenheit ist es nicht, was er sucht, sondern Verbundenheit. Für das Wir-Erleben werden neue Formen der Verbindung gesucht, wie sie durch die neuen Medien möglich sind.

Ein weiterer Charakterzug des Postmodernen Ich-Orientierten betrifft das Gefühlserleben. Er lässt seinen Gefühlen freien Lauf und bremst sie nicht. Der aktive Postmoderne ist emotional, sinnlich und sensitiv und trumpft mit starken Gefühlen auf. - Der passive Postmoderne ist Nutzer und Konsument von Gefühlen. Die Nutzung erfolgt durch Teilhabe an inszenierten Lebenswelten. Dem passiven Postmodernen geht es hierbei um das miterlebte Gefühl.

Die Art, Beziehungen zu leben, ist ein weiterer auffälliger Charakterzug des Postmodernen. Der Postmoderne ist ausgesprochen kontaktfreudig. Ihm geht es dabei um punktuelle Berührungen, weniger um Beziehungen und emotionale Bindungen. – Der passive Postmoderne bestimmt sich durch das Bedürfnis, verbunden zu sein und zum Anderen selbstbestimmten Zugang zu haben. Er möchte dabei verbunden sein und unabhängig von Raum und Zeit mit möglichst vielen in Kontakt sein. Die neuen Medien wie Internet und Handy etc. machen ihm dies möglich. Es geht hierbei oft nicht darum, intensive Beziehungen zu pflegen, sondern um Kontakt herzustellen und um die Angst und das Unverbundensein zu reduzieren. An die Stelle der Beziehung tritt also der Kontakt und an die Stelle der Gestaltung von Beziehung die Sicherung der Verbundenheit.

Ein letzter Charakterzug des Postmodernen ist der Wunsch des aktiven Postmodernen, authentisch zu leben.- Der passive Postmoderne hingegen möchte Authentisches erleben. Authentisch sein bedeutet hier, ganz man selbst sein zu wollen und der sein zu wollen, der man ist und sich dabei von nichts beirren zu lassen. Weitere Merkmale der Authentizität sind das assoziative Denken und das kaleidoskopische Wahrnehmen.

Weitere Merkmale, die für den Ich-Orientierten Postmodernen typisch und für die Postmoderne Pädagogik bedeutsam sind, werden von Rainer FUNK (2004) wie folgt beschrieben.

Der Ich-Orientierte tendiert zur Geringschätzung der körperlichen, seelischen und geistigen Eigenkräfte sowie zu einer Überbewertung des gemachten Vermögens. Er entwertet alles, was mit Anstrengung und Disziplin zu tun hat und idealisiert Wellness und Leichtigkeit. Unverzichtbare Wirklichkeitsaspekte wie Leid oder Krankheit werden verdrängt und es wird eine machbare Wirklichkeit suggeriert, die ohne Krisen und Widrigkeiten gestaltet ist. Gefühle wie Ohnmacht, Schwäche und Hilflosigkeit werden ausgeblendet und die Illusion uneingeschränkter Aktivität, Machbarkeit und Verbundenheit wird aufgebaut. Negative Grundaspekte wie Angst, Scham und Schuld werden verleugnet und kontraphobisch ausgelebt durch Angstlosigkeit, Schamlosigkeit und Schuldfreiheit.

Konfrontationen, die mit Kritik und Konflikten verbunden sind, werden vermieden. Illusionäre Wirklichkeiten werden bevorzugt gegenüber dem frustrierenden Umgang mit der Realität und dem Umgang mit realen Enttäuschungen. Außerdem ist die Unlust gegenüber allem, was Abhängigkeit und Angewiesensein bedeutet, sowie die Lust an der Kontrolle über sich, über andere und über das gemachte Vermögen kennzeichnend für den Ich-orientierten Postmodernen.

FUNK zufolge resultieren diese Tendenzen aus dem Streben, menschliches durch gemachtes Vermögen zu ersetzen. Die Postmoderne Ich-orientierte Charakterorientierung ist abzugrenzen und nicht zu verwechseln mit Narzissmus. Beim Narzissmus ist das Beziehungsgeschehen durch Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet und die Vorstellung von sich selbst als einem grandiosen Selbst. Diese typischen Kennzeichen sind beim Postmodernen Ich-Orientierten nicht zu finden. Auch mit Egoismus hat diese neue Charakterorientierung nichts zu tun, genauso wenig mit Autismus. Der Postmoderne Ich-Orientierte trachtet weder egoistisch nach dem eigenen Vorteil, noch kapselt er sich autistisch von anderen Menschen ab. Abzugrenzen ist der Postmoderne Ich-Orientierte auch von der autoritären Orientierung und der Marketing-Orientierung. Für den Autoritären stehen Macht und Unterwerfung im Vordergrund, für den Marketing-Orientierten das Verkaufen und auf dem Markt ankommen. Dies sind keine Themen für den Postmodernen Ich- Orientierten. Dieser möchte Wirklichkeit erzeugen aus Lust an der Selbstinszenierung, nicht aus Lust am Verkaufen. Für den Postmodernen Ich- Orientierten ist die Wirklichkeitserzeugung Selbstzweck, für den Marketingorientierten ist sie Verkaufsstrategie und nur Mittel zum Zweck

(Vgl. FUNK, 2004).

Ein Weg aus der Entfremdung ist nach FUNK (2004) sowohl beim aktiven als auch beim passiven Ich-Orientierten die Wiedergewinnung der Eigentümlichkeiten und der eigenen Selbstkräfte und das Leben aus dem, was im eigenen Selbst an körperlichen, geistigen, emotionalen und mentalen

Erlebnismöglichkeiten vorhanden ist. Die Wiedergewinnung der eigenen Eigentümlichkeiten des Erlebens ist ein Weg aus der Entfremdung. Hierbei ist es wichtig, die eigenen psychischen, sozialen und familiären Lebensgeschichten ernst zunehmen und wahrzunehmen, genauso wie die eigene Gefühlswelt, Impulse und Strebungen, die eigenen Talente, die eigene Realisierung von freundschaftlichen und partnerschaftlichen Beziehungen, sowie die eigenen Grenzen bei der Bedürfnisbefriedigung und der Durchsetzung der eigenen Ideale anzuerkennen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 121 Seiten

Details

Titel
Sensibel und Responsibel?
Untertitel
Fragen Postmoderner Pädagogik nach der Atom-Reaktor-Katastrophe in Fukushima
Autor
Jahr
2011
Seiten
121
Katalognummer
V182187
ISBN (eBook)
9783656060857
ISBN (Buch)
9783656060512
Dateigröße
930 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sensibel, responsibel, fragen, postmoderner, pädagogik, atom-reaktor-katastrophe, fukushima
Arbeit zitieren
Professor Dr. phil. Karl-Heinz Ignatz Kerscher (Autor), 2011, Sensibel und Responsibel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182187

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