Träume in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Träume: ein Überblick
1.1. Träume in der Literatur
1.2. Träume im Werk Dostoevskijs

2. Träume in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“
2.1. Raskol'nikovs Träume
2.1.1. Erster Traum
2.1.2. Zweiter Traum
2.1.3. Dritter Traum
2.1.4. Vierter Traum
2.1.5. Fünfter Traum
2.1.6. Träume Raskol'nikovs im Kontext des Romans
2.2. Svidrigajlovs Träume

3. Optische und akustische Ebenen in den Träumen

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Träume1 sind ein fester Bestandteil unseres Lebens. Die Menschheit hat sich seit jeher mit Träumen beschäftigt. In der fiktionalen Literatur nehmen Träume einen wichtigen Platz ein und übernehmen mehrere Funktionen.

Eine besonders große Aufmerksamkeit gewinnen Träume in der Romantik. Die Romantiker gehören zu den ersten, die das „Unbewusste“ des menschlichen Daseins beschreiben und ein besonderes Interesse an Träumen als Ausdruck dieses Unbewussten entwickeln.

Die Geschichte der Traumdarstellung in der russischen Literatur hat eine lange Tradition und erreicht ihren Höhepunkt im 19.Jahrhundert. „In virtually every major novel writting during the nineteenth century, Russian writers evinced an overwhelming fascination with dreams: their fictional heroes and heroines fall asleep and, almost without exception, witness imaginative night visions.“ 2

F.M. Dostoevskij zählt zu den bedeutendsten Repräsentanten des russischen Romans des 19. Jahrhunderts. Dostoevskijs Originalität als Künstler besteht darin, dass er neue Formen der künstlerischen Vision in die Literatur mitbrachte. Eine solche Form ist der Traum. Dostoevskij beschreibt in seinen Werken nicht nur das bewusste Leben seiner Protagonisten, sondern auch ihre inneren, ihnen unbewusste Vorgänge. Er setzt damit eine Tradition fort, die in der Romantik ihren Anfang nahm.

Die Wörter „son“ und „snovidenie“ (Traum, Traum/Nachtvision) kommen in den Titeln von drei Werken Dostoevskijs („Djadjuškin son“, „Peterburgskie snovidenija v stihah i proze“, „Son smešnogo čeloveka“) vor. Aber auch die Helden der anderen Erzählungen und Romanen sehen besondere Träume, die der Autor auswendig beschreibt.

Das Interesse dieser Arbeit gilt ausschließlich den Träumen des Romans „Verbrechen und Strafe“. Dieser Roman ist besonders reich an Träumen, die eine enorm wichtige Rolle für das Konzept des gesamten Werkes spielen. Angesichts der unzureichenden Untersuchungen auf diesem Gebiet soll die Arbeit einen Beitrag dazu leisten, auf Grundlage der ausgewählten Beispiele die Besonderheiten der Traumdarstellung Dostoevskijs darzulegen.

In der Arbeit wird folgendermaßen vorgegangen. Zunächst wird ein Überblick über die Natur der Träume und insbesondere der literarischen Träume gegeben.

Der zweite Abschnitt bildet den eigentlichen Teil der Arbeit mit der Analyse der Träume im Roman „Verbrechen und Strafe“. Dabei wird ein besonderer Wert auf die Darstellung Raskol'nikovs Träume gelegt. Die Alpträume seines Doppelgängers Svidrigajlovs werden in diesem Teil auch analysiert.

Im dritten Teil werden optische und akustische Ebenen der Träume von Raskolnikov und Swidrigajlow untersucht und ihre vielfältige Seiten anhand der Textbeispiele gezeigt.

Anschließend fasse ich alle in der Arbeit dargestellten Thesen zusammen.

Das Literaturverzeichnis bildet den Abschluss der Arbeit.

1. Träume: ein Überblick

Träume gehören zu unserem alltäglichen Leben. Alle haben sie gesehen, aber keiner kann eindeutig sagen, was sie sind und woher sie kommen. Dieses Phänomen ist sehr gut erforscht und bleibt trotzdem unklar. Bereits der Begriff „Traum“ wird auf verschiedene Weise interpretiert und verstanden.

Aus dem Deutschen Wörterbuch „Wahrig“ (2006: 1492) lässt sich eine allgemeine Definition für Träume entnehmen: "Vorstellungen, Bilder, Gefühle, die während des Schlafes auftreten“.3 Es gibt andere weitere interessante Definitionen, die sich je nach Disziplin unterscheiden.

Laut dem Psychologischen Wörterbuch „Dorsch“ (2004: 968) sind Träume eine „besondere Form des Erlebens im Schlaf, häufig von lebhaften Bildern begleitet und oft mit intensiven Gefühlen verbunden, an die sich der Betroffene nach dem Erwachen meist nur teilweise erinnern kann.“4

Hans Dieckmann hat Träume wie folgt definiert und erläutert: „Der Traum ist die Sprache des Unbewussten, eine Bildersprache, in der das Unbewußte sich unserem bewußten Ich mitteilt. Von Anbeginn der Überlieferungen unserer Kultur hat sich der Mensch bemüht, diese Sprache zu verstehen und zu übersetzen.“ 5

1.1. Träume in der Literatur

Träume und ihre Interpretationen fanden ihren Platz schon im Alten Testament, im Talmud und im Koran. Im Laufe der Jahrhunderte hat das Interesse für dieses Rätsel der menschlichen Existenz in der Weltliteratur nicht abgenommen, sondern immer wieder neue Anregungen bekommen. Der Traum war in allen Epochen und Gattungen ein bedeutendes Motiv der Literatur. „Der Traum hat eindeutige Motivfunktion, da er nicht nur vorausdeutet, sondern auch die Eigenschaften der Figuren und ihre Verhaltensweisen verdeutlicht.“6

Michail Dynnik in „Slovar' literaturnych terminov“ schildert sehr ausführlich verschiedene Funktionen, die Träume in einem fiktionalen Werk haben können.7

So kann ein Traum einer handelnden Person als ein Rahmen oder eine Einrahmung des Hauptsujets dienen. Wir treffen dieses literarische Verfahren in einem Märchen von „1001 Nächte“, wo der Traum des Kaufmanns Abu-Hassan am Anfang und am Ende des Märchens eine Einrahmung für die Entwicklung des Hauptsujets ist.

Ähnlich, aber nicht identisch mit dem letzten Fall ist der Traum als Form des Hauptsujets. Der Inhalt des Traumes des Protagonisten bildet das ganze Werk, wie in der Erzählung von Vladimir Korolenko „Son Makara“.

Der Traum kann nicht nur das Hauptsujet bilden, sondern auch das „episodische“ Sujet. Auf diese Weise wird die Episode von dem eigentlichen Sujet hervorgehoben, es wird ihre Wichtigkeit im Konzept des gesamten Werkes gezeigt. Als Beispiel für den Traum als Form des episodischen Sujets kann der Traum Oblomovs dienen, der in sich das Wesentliche und Charakteristische für das Verständnis des ganzen Werkes sammelte.

Die Darstellung eines Traums kann ein sehr effektives literarisches Mittel sein, wenn es dem Leser ein phantastisches, unklares Sujet angeboten wird und nicht erwähnt wird, dass es den Trauminhalt bildet. Zu diesem literarischen Mittel greift Gogol' in der Erzählung „Majskaja noč' ili utoplenniza“zu, in der erst am Ende der Geschichte erklärt wird, dass alles, was so unrealistisch und unklar vorkam, nur ein Traum war.

In einem utopischen Roman kann der Traum als Übergang von der Realität in die utopische Zukunft in den Stoff des Werkes eingebettet sein, wie im Roman „Wenn der Schläfer erwacht“ von H.G. Wells.

Eine bedeutende Rolle spielt in der Literatur der prophetische Traum, wie der Traum von Anna Karenina im Roman Tolstojs. In diesem Fall ist die Darstellung von dem prophetischen Traum ein besonderes künstlerisches Mittel, da die ganze Entwicklung des Sujets vom Inhalt des Traums vorausbestimmt wird. Der Ausgang des Romans wird von vornherein vorgegeben.

Der Traum im fiktionalen Werk kann auch zur Wiedergabe der Weltanschauung einer handelnden Person dienen, so wie der Traum von Ippolit in Dostoevskijs Roman „Idiot“.

Manchmal braucht der Autor für sein Sujet ein Element der moralischen Bewertung seiner Helden. Der Traum des Verbrechers kommt dann zu Hilfe, wie der Alptraum Svidrigajlovs in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“, in dem sich der Verbrecher an seine Sünde erinnert.

Es kann eine beliebige Form des Traums sein, die der Autor für sein Werk auswählt. Die Verwendung dieses universellen literarischen Mittels erzeugt mehr Spannung, Abwechslung und Polyphonie im fiktionalen Werk. In dem folgenden Zitat werden nochmal einige Eigenschaften des literarischen Traums erwähnt:

„Träume, Berichte von Träumen und ihre Deutungen vergegenwärtigen verborgene Bewußtseinsinhalte, rufen eine starke Spannung im Handlungsverlauf hervor, weisen auf zukünftige Ereignisse hin und können den Eindruck eines unabänderlich abrollenden Geschehens erwecken. Das Verfahren ist nicht nur ausgesprochen bühnenwirksam, sondern begünstigt auch die intensive Identifikation während des Lesens.“ 8

1.2. Träume im Werk Dostoevskijs

Die Rolle des Traums im Werk Dostoevskijs ist kaum zu überschätzen: in seinen Erzählungen und Romanen wird sehr viel geträumt. Laut Bachtin9 gäbe es in der gesamten europäischen Literatur keinen anderen Schriftsteller, in dessen Schaffen Träume solche große und wesentliche Rolle spielten wie bei Dostoevskij.10 Wir finden in Dostoevskijs Werken Träume aller Art, besonders berühmt sind seine symbolische Träume, „insbesondere seine Alpträume, die voll eines hintergründigen, mystischen Sinns sind, bei aller Symbolhaftigkeit wirken sie aber auch äußerst anschaulich, konkret, ja geradezu hand-greiflich. Si sind voll von vibrierendem, sich unterstürzendem Leben, geballt, dynamisch, Atem beraubend im wahrsten Sinne des Wortes. Dostoevskijs Träume gehören zu den packendsten Stellen seiner Romane. Bon ihnen her ließe sich die gesamte untergründige Problematik des Werkes aufdecken. Lange vor Sigmund Freud und der Psychoanalyse kannte Dostoevskij die Tiefenstruktur des Traums und ihre Bedeutung für den Bewußtwerdungsprozeß des Menschen.“ 11

Drei Werke Dostoevskijs beinhalten die Wörter „son“ und „snovidenie“ („Djadjuškin son“, „Peterburgskie snovidenija v stihah i proze“, „Son smešnogo čeloveka“). Aber auch in den anderen Erzählungen und Romanen sehen Dostoevskijs Helden besondere Träume, die der Autor auswendig beschreibt und die für das Konzept des Werkes eine entscheidende Rolle spielen. Im Roman „Idiot“ wird nicht nur viel geträumt, sondern auch die Überlegungen des Autors über die Natur der Träume dargestellt:

„Почему тоже, пробудясь от сна и совершенно уже войдя в действительность, вы чувствуете почти каждый раз, а иногда с необыкновенною силой впечатления, что вы оставляете вместе со сном что-то для вас неразгаданное. Вы усмехаетесь нелепости вашего сна и чувствуете в то же время, что в сплетении этих нелепостей заключается какая-то мысль, но мысль уже действительная, нечто принадлежащее к вашей настоящей жизни, нечто существующее и всегда существовавшее в вашем сердце; вам как будто было сказано вашим сном что-то новое, пророческое, ожидаемое вами; впечатление ваше сильно, оно радостное или мучительное, но в чем оно заключается и что было сказано вам - всего этого вы не можете ни понять, ни припомнить.“12

Im nächsten Kapitel der vorliegenden Arbeit werden Träume des Romans „Verbrechen und Strafe“ systematisch beschrieben und analysiert. Diese Träume sind nicht nur rein inhaltlich beachtenswert, sondern bilden auch einen wichtigen Teil der Existenz der Träumenden und tragen zum Verständnis ihrer Taten, Gedanken und Lebensphilosophie bei.

2. Träume in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“

Im Roman „Verbrechen und Strafe“ wird im Vergleich zu anderen Romanen und Erzählungen Dostoevskijs besonders viel geträumt. Es ist die Rede von Träumen aller Art: von Nacht-und Tagträumen, Alpträumen, von dem schwindeligen Zustand des Helden, in dem er nicht mehr weiß, was wahr war, und was er nur geträumt hat. Nicht nur Raskol'nikov träumt im Roman. Seine Mutter träumt: Ihr erscheint Marfa Petrovna im Schlaf. Sonja träumt: In einer fiebrigen Nacht sieht sie ihre Lieben, sie träumt von Raskol'nikov, der ihre Füße küsst und weint.

Vor allem aber träumen die Hauptfigur des Romans Raskol'nikov und sein Doppelgänger Svidrigajlov. Anders als Pul'cherija Aleksandrovnas Traum, den sie ihrer Tochter erzählt, und anders als Sonjas fiebrige Phantasien, die im Roman nur gestreift werden, werden fünf Träume Raskol'nikovs und drei Träume Svidrigailovs ausführlich vom Erzähler dargestellt. Diese Träume sind „ […] der Hebel des Archimedes, mit dem Dostoevskij die unterbewußten Tiefenschichten der Seele aus den Angeln hebt und an die Oberfläche befördert, d.h. bewußt macht.“13 Die Träume sind über das ganze Buch verteilt und werden in unterschiedlicher Weise präsentiert.

2.1. Raskol'nikovs Träume

Während des ganzen Romans spielt sich in der Seele des Protagonisten der Konflikt. Diese inneren Widersprüche bedingen seinen seltsamen Zustand. Der Held ist in sich so geladen, dass für ihn die Grenze zwischen dem Traum und der Wirklichkeit verschwindet. Das entzündete Gehirn gebärt den Fieberwahn, und der Held gerät in die Apathie, in den Halbschlaf, in den Halbfieberwahn. Deshalb ist es manchmal schwierig zu sagen, ob es sich um einen Traum oder den Fieberwahn handelt. Jedoch gibt es im Roman deutliche Beschreibungen der Träume Raskol'nikovs, die zum tieferen Verständnis der Hauptfigur beitragen, wie auch zu der Vertiefung der psychologischen Seite des Romans.

Diese Träume sind im Roman ungleichmäßig verteilt. Der erste und der zweite Traum sind im ersten Teil des Romans eingewoben. Das sind Träume, die Raskol'nikov vor dem Mord sieht. Der dritte Traum ist in den zweiten Teil und der vierte Traum in den dritten Teil des Romans aufgenommen. Die Zusammenfassung der letzten Träume wird im Epilog dargestellt.

2.1.1. Erster Traum

Den ersten Traum sieht Raskol'nikov kurz vor dem Mord, als er unter einem Busch im Park nach der „Probe" und dem schweren Treffen mit Marmeladov eingeschlafen ist.

Dieser Traum wird durch eine Charakteristik der Träume „im krankhaften Zustand“ eingeleitet:

„В болезненном состоянии сны отличаются часто необыкновенною выпуклостию, яркостью и чрезвычайным сходством с действительностью. Слагается иногда картина чудовищная, но обстановка и весь процесс всего представления бывают при этом до того вероятны и с такими тонкими, неожиданными, но художественно соответствующими всей полноте картины подробностями, что их и не выдумать наяву этому же самому сновидцу, будь он такой же художник, как Пушкин или Тургенев. Такие сны, болезненные сны, всегда долго помнятся и производят сильное впечатление на расстроенный и уже возбужденный организм человека.“ 14

Da sich Raskol'nikov im Laufe des ganzen Romans im krankhaften Zustand befindet, sind alle seine Träume krankhaft. Man kann sagen, dass diese Einleitung vor dem ersten Traum alle seine Träume kommentiert.

Der erste Traum ist schwer, qualvoll, erschöpfend und sehr reich an Symbolen. Er wird direkt, unmittelbar und ausdrücklich eingeleitet:

„Страшный сон приснился Раскольникову.“15

Der Protagonist ist in die Stadt seiner Kindheit zurückversetzt und geht mit seinem Vater in die Außenbezirke, wo der Friedhof liegt, auf dem seine Großmutter und sein kleiner Bruder begraben sind. Auf dem Friedhof befindet sich eine Kirche, die den himmlischen Anfang auf der Erde verkörpert, das heißt die Geistigkeit, die moralische Reinheit und die Vollkommenheit. Der kleine Raskol'nikov geht sehr gerne zur Kirche:

„Он любил эту церковь и старинные в ней образа, большею частию без окладов, и старого священника с дрожащею головой.“16

Der Weg zur Kirche geht an einer Kneipe vorbei, vor der sich betrunkenes Volk herumtreibt, und vor welcher der Junge Angst hat:

„ большой кабак, всегда производивший на него неприятнейшее впечатление

и даже страх, когда он проходил мимо его, гуляя с отцом.Там всегда была такая толпа, так орали, хохотали, ругались, так безобразно и сипло пели и так часто дрались; кругом кабака шлялись всегда такие пьяные и страшные рожи...Встречаясь с ними, он тесно прижимался к отцу и весь дрожал.“17

Die Kneipe erscheint dem Jungen als ein unheimlicher Ort und wird in der Beschreibung der Kindheit des Helden der Kirche entgegengesetzt.

„The contrast between these twi settings (tavern and cemetery) must be unterpreted symbolically: they represent the two realms of action, not only of the hero's dream, but of the entire novel. Raskolnikov passes the tavern on his way to the cemetery, through a secular world toward spiritual salvation. As early as the hero's dream Dostoevsky indicates that in the serenity of the sacred setting and in Raskolnikov's feeling of love are contained the seeds of his rebirth.“18

Die Kirche, die Kneipe, die Beschreibung des Heimatortes – das alles ist Erinnerung Raskol'nikovs, die in seinem Traum in einer kristallisierten Form erscheint. Die Erinnerung des Helden ist sehr klar, sie ist sogar klarer, als in seinem bewussten Gedächtnis:

„ […] местность совершенно такая же, как уцелела в его памяти: даже в памяти его она гораздо более изгладилась, чем представлялась теперь во сне.“19

Die Erinnerung bildet die erste Ebene des Traums, eine Art Vorbereitung vor der eigentlichen Handlung. Nach dieser Vorbereitung setzt die eigentliche Traumhandlung ein:

„И вот снится ему: […]“20

Raskol'nikov träumt, dass er mit seinem Vater an der Kneipe vorbeigeht. Vor der Kneipe ist ein Haufen betrunkener und lachender Männer und Frauen versammelt. Der Bauer Mikolka ist hier mit einem schweren Karren, vor dem ein mageres Pferdchen gespannt ist; es soll die voll beladene Kutsche im Galopp ziehen. Zusammen mit einigen Betrunkenen schlägt Mikolka die arme Stute tot, was den kleinen Rodja zutiefst schockiert. Er weint und versucht das Tier zu schützen, die Gewalt über das lebende Wesen ist für ihn fremd, widernatürlich und ekelhaft.

„Auf der emotionalen Ebene wird der Wildheit und Raserei des Bauernburschen Mikolka, dessen Sadismus sich bis zur Euphorie des Totschlags steigert, das Mitleid des Kindes gegenübergestellt – sein Erbarmen, seine Tränen: […]. In diesem ersten Traumist das Kind der bessere Teil seines Ich, es ist sein Gewissen, das sich gegen den Mörder in ihm (d.h. Den Bauernburschen Mikolka) auflehnt. Das Ich Raskolnikovs ist somit in diesem ersten Traum aufgespaltet (man vergleiche hierzu auch die Namenssymbolik!:

das Kind ist das ethische Bewußtsein,

der Bauer – die Elementargewalt der Aggression “21

Es ist bezeichnend, dass Dostoevskij in dem Abschnitt, in dem die Erinnerung dargestellt wird, sehr häufig das Adverb „всегда“ gebraucht (vgl. die Zitat, in der die Kneipe beschrieben wird). Dieses „всегда“ wird dem sehr häufigen „вдруг“in dem zweiten Teil des Traums entgegengesetzt. Auch durch den Tempuswechsel ist die eigentliche Traumhandlung von der Kindheitserinnerung abgesetzt: während die Erinnerung im Imperfekt beschrieben wird („каждый раз, как посещал кладбище, религиозно и почтительно крестился над могилкой, кланялся ей и целовал ее“22 ), steht der Rest des Traums im Präsens und wird somit deutlich von der eigentlichen Handlung des Romans herausgehoben.

[...]


1 Michael Katz unterscheidet in seinem Werk „Dreams and the Unconscious in Nineteenth-Century Russian Fiction“ (1984) zwischen „figurativen Träumen“ (mečty) und „erlebten Träumen“ (sny, grezy). Der deutsche Begriff „Traum“ ist zu umfassend und macht in der Übersetzung keinen Unterschied zwischen „figurativen“ und „erlebten“ Träumen möglich. Deshalb nehme ich hier die These von Katz auf, um klar zu stellen, dass es in meiner Arbeit um die sogenannten „erlebten Träume“ geht.

2 Katz,M.(1984):„Dreams and the Unconscious in Nineteenth-Century Russian Fiction“. Hannover/London: University Press of New England. S. 1

3 Wahrig Deutsches Wörterbuch/ hrsg. von Renate Wahrig-Burfeind. (2006): Gütersloh/München. S. 1492

4 Hartmut O. Häcker, Kurt-H. Stapf (Hrsg.)(2004): Dorsch psychologisches Wörterbuch. Bern .S. 968

5 Dieckmann, Hans (1978): Träume als Sprache der Seele: Einführung in der Traumdeutung der analytischen Psychologie C. G. Jungs. Waiblingen-Hohenacker: Bonz. S. 9.

6 Daemmerich, Horst S. (1995): Themen und Motive in der Literatur. Tübingen. S. 353

7 Michail Dynnik. Son, kak literaturnyj priem. Online: http://feb-web.ru/feb/slt/abc/lt2/lt2-6416.htm

8 Daemmrich. S. 353

9 Bachtin,M. (1963): Problemy poetiki Dostoevskogo. Moskva: Sovetskij pisatel'.

10 vgl. Bachtin, S. 198

11 Reber, N. (1983): Die Tiefenstruktur des Traums in Dostoevskijs Werk und ihre Bedeutung für den Bewußtwerdungsprozeß des Menschen. In: Rothe, H. (Hg.): Dostojevskij und die Literatur. Köln/Wien: Böhlau Verlag. S. 189

12 Dostoevskij, F.M.(1957): Idiot. Sobranie cočinenij. Tom 6. Moskva: Gosudarstvennoe izdatel'stvo chudožestvennoj literatury. S.284

13 Reber. S. 188

14 Dostoevskij, F.M. (2009): Prestuplenie i nakazanie. Moskva: Eksmo. S. 61

15 Ebd. S 61

16 Ebd. S. 62

17 Ebd. S. 61

18 Katz. S. 96

19 Dostoevskij. S.61

20 Ebd. S.62

21 Reber. S. 191

22 Dostoevskij. S.62

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Träume in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Hauptseminar „F.M. Dostoevskij“
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V182376
ISBN (eBook)
9783656064039
ISBN (Buch)
9783656063834
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verbrechen und Strafe, Schuld und Sühne, Dostoevskij, Dostojewski, Träume, Raskol'nikov
Arbeit zitieren
Anastasia Heidrich (Autor), 2010, Träume in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182376

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