Bisherige Äußerungen zur Stadtgenese in der Niederlausitz und im westlich davor liegenden Abschnitt der Schwarzen Elster gingen teilweise von kaufmännischen Impulsen aus. Vor allem das Vorhandensein von Kaufmannsiedlungen wird in allen publizistischen Genres bis hin zu wissenschaftlichen Publikationen gern suggeriert. Dies betrifft in den Arbeiten von Blaschke besonders die Städte Forst, Lübben, Herzberg, Luckau und Cottbus, wo sich diese Annahme in einem breiten Spektrum weiterer Veröffentlichungen widerspiegelt. Auch Uebigau und Bad Liebenwerda an der Schwarzen Elster wurden in Anlehnung an diese Anregung als Kaufmannsiedlung angesprochen. Einige in diesem Zusammenhang verwendete Formulierungen, beispielsweise „Marktsiedlung der Kaufleute „Kaufmannsstadt“, oder „Bürgerstädte mit zur Kaufmannsiedlung gehörendem Markt“ schießen über orthodoxe Vorstellungen hinaus und verraten eine anscheinend weit verbreitete Unkenntnis in Bezug auf Vorgänge der Stadtgenese. In diesem Beitrag folgen zunächst einige Erläuterungen zu diesem bis dato eminent wichtigen stadtgenetischen Ansatz, bevor durch Hinweise auf archäologische Quellen gefragt wird, ob überhaupt noch Platz für Kaufmannsphantasien bleibt.
Inhaltsverzeichnis
Wandel durch Handel
Der Kaufmann im archäologischen Befund
Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die verbreitete These der Existenz hochmittelalterlicher Kaufmannsiedlungen in der Niederlausitz und an der Schwarzen Elster. Anhand archäologischer Quellen und siedlungstopologischer Analysen hinterfragt der Autor die Hypothese, dass solche Siedlungen als Ausgangspunkt für die Stadtentstehung gedient hätten, und beleuchtet stattdessen die grundherrliche Steuerung des Urbanisierungsprozesses.
- Kritische Analyse der "Kaufmannsthese" in der Stadtgeschichtsforschung
- Archäologische Untersuchung von Nikolaikirchen und deren Bedeutung als Indikator
- Siedlungstopologische Befunde in Städten wie Herzberg, Luckau und Lübben
- Untersuchung der Rolle des Fernhandels versus grundherrlicher Marktplanung
- Bewertung der Rolle des "Kaufmanns" im Kontext der mittelalterlichen Kolonisation
Auszug aus dem Buch
Der Kaufmann im archäologischen Befund
Wenn oben vorgetragene Bemerkungen in Beziehung zur Frage der Stadtgenese unschlüssig sind, wie ist es mit der Archäologie selbst bestellt? Lassen sich Zeugnisse kaufmännischen Treibens durch Beobachtungen zu ihren Hinterlassenschaften auf einem direkteren Weg bewerkstelligen? Im prominentesten Kaufmannsiedlungsfall Brandenburg a.d.H. blieb eine Zusammenstellung der weiträumig durchgeführten archäologischen Untersuchungen in Bezug auf diese Fragestellung unschlüssig. Dies sollte nicht als Kritik empfunden werden, sondern es unterstreicht die Schwierigkeiten, durch „Profilstudien“ Rückschlüsse auf mittelalterliche Kaufmänner zu machen. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre die Archäologie, nicht zu letzt wegen der zu erwartenden Überlagerungen und damit verbundenen Störungen, aber auch aufgrund sonstiger fehlender, weiterführender Anhaltspunkte kaum in der Lage, Kaufmannsiedlungen, falls es sie gegeben hat, archäologisch zu identifizieren. Die Ausweisung durch das Vorhandensein von Münzen, Waagen und Gewichten ist nur bedingt zulässig, ebenso eine Annäherung durch religiöse Charakteristika allein, besonders spezifisch jüdische.
Ein Zugang gelänge eventuell durch Überlegungen zum kaufmännischen Behausungsbedarf. Bei einem oben angedeuteten, dem Grundherren dienenden Handelstyp, z.B. je nach Jahreszeit und günstiger Witterung, Aufenthalte kurzer Dauer etc., ist eine notdürftige Behausung in Grubenhäusern, die unter anderem eine spezifisch frühstädtische provisorische Behausungsform waren, vorstellbar. Doch außer Kaufleuten könnten sie auch Kolonisten, Wanderbauleuten und anderen Schichten gedient haben.
Zusammenfassung der Kapitel
Wandel durch Handel: Einführung in die historisch-theoretische Debatte um Kaufmannsiedlungen und deren prä-urbane Bedeutung, sowie eine kritische Hinterfragung der bisherigen Forschungsliteratur.
Der Kaufmann im archäologischen Befund: Untersuchung der materiellen Hinterlassenschaften und Siedlungsspuren, um die Hypothese der Kaufmannsiedlungen empirisch anhand von Grabungsdaten und Kirchenbefunden zu prüfen.
Diskussion: Synthese der Ergebnisse, in der die archäologischen Daten gegen das theoretische Konstrukt abgewogen werden, um ein realistischeres Bild der Stadtentstehung durch grundherrliche Planung zu zeichnen.
Schlüsselwörter
Kaufmannsiedlung, Stadtgenese, Niederlausitz, Schwarze Elster, Stadtarchäologie, Mittelalter, Stadtkirche, St. Nikolai, Fernhandel, Siedlungsgeschichte, Grundherrschaft, Urbanisierung, Archäologische Befunde, Handelsplätze, Kolonisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Überprüfung der These, dass hochmittelalterliche Kaufmannsiedlungen in der Niederlausitz und an der Schwarzen Elster ein wesentlicher Motor für die Entstehung von Städten waren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Im Zentrum stehen die archäologische Beweisführung, die Rolle von Kirchenpatrozinien (insbesondere Nikolaikirchen) und die Unterscheidung zwischen Fernhandel und grundherrlich gesteuerten Marktgründungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die verbreitete, aber oft unzureichend belegte Theorie von Kaufmannsiedlungen als "Fertigbaustein" der Stadtgenese anhand von empirischen archäologischen Befunden auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wendet eine quellenkritische, archäologisch-vergleichende Methode an, die Baubefunde, Stratigraphien und historische Toponyme in einen realistischen siedlungsgeschichtlichen Kontext setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Fallbeispiele wie Herzberg, Luckau, Lübben und Bad Liebenwerda und untersucht, ob die dortigen archäologischen Befunde (Kirchenbauten, Straßenbefestigungen) tatsächlich auf Kaufmannsiedlungen hinweisen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Kaufmannsiedlung, Stadtgenese, Niederlausitz, Stadtarchäologie und grundherrliche Siedlungsplanung.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor in Bezug auf Herzberg?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Ansiedlung von Kaufleuten in Herzberg eher eine moderne Projektion bzw. eine Verselbstständigung von Thesen ist, die durch aktuelle Grabungsergebnisse und die baugeschichtlichen Befunde nicht gestützt wird.
Warum sind die Nikolaikirchen als Indikator problematisch?
Das Nikolaipatrozinium wurde in der älteren Forschung oft vorschnell mit Kaufmannsiedlungen gleichgesetzt, obwohl es als Patrozinium auch weit verbreitet und nicht exklusiv an solche Gruppen gebunden war.
- Quote paper
- Bruno Mézec (Author), 2011, Hochmittelalterliche Kaufmannsiedlungen in der Niederlausitz und an der Schwarzen Elster als archäologische Problemstellung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183016