Quo vadis Controlling?
Das Controlling ist ein junges betriebswirtschaftliches Forschungsgebiet mit praxisorientiertem Ursprung. Trotzdem ist es in der Lehre der betriebswirtschaftlichen Studiengänge mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Es ist seit jeher einem steten Wandel unterworfen, es befindet sich quasi in einem Selbstfindungsprozess. Und ebenso verhält es sich mit den Aufgaben des Controllers, der sich vom Zahlenknecht zum Businesspartner und Counterpart des Managements entwickelt hat, bzw. haben sollte. Der Alltag ist voller Phänomene, die mit den bisherigen Erkenntnissen und Methoden nicht mehr adäquat erklärt werden können. Bisher wird Controlling mit Rationalität, Nüchternheit, Analytik und Zahlenfixiertheit assoziiert. Neben den Fakten besteht kein Platz für Emotionen oder Intuition. Doch angelsächsische Forscher kamen vor einiger Zeit zu der Überzeugung, dass es zwischen betriebswirtschaftlichen und verhaltenswissenschaftlichen Fragestellungen nicht zu leugnende Schnittmengen gibt.
Der Controller muss nicht nur Messinstrumente als Grundlage einer Orientierung oder Koordination zur Verfügung stellen, vielmehr muss er auch auf Eigenschaften, Präferenzen oder Zielvorstellungen der Manager eingehen können. Dies alles differiert von Mensch zu Mensch, da jeder einen individuellen Charakter besitzt. Je nach Situation muss der Controller in der Lage sein abzuschätzen, ob es sich um ein eigenes Ziel des Managers oder um ein Unternehmensziel handelt und die Menge und Komplexität der grundlegenden Informationen dementsprechend anzupassen.
Mit dieser Thematik befasst sich der verhaltensorientierte Controlling Ansatz. Denn jedes Unternehmen ist abhängig von den Entscheidungen, die ein Mensch zu treffen hat, ein Mensch, der wie alle anderen über limitierte Fähigkeiten und menschliche Eigenschaften verfügt. Doch in der Controlling Forschung, speziell hierzulande, wurde das Thema Mensch viel zu lange vernachlässigt. Im angelsächsischen Raum hingegen befasst man sich schon seit geraumer Zeit mit Behavioral Accounting, was eine bereits etablierte Forschungsbasis zur Folge hat. Dies wird nun langsam nachgeholt.
In der vorliegenden Arbeit wird sowohl der Ansatz eines verhaltensorientierten Controllings, als auch der Einfluss von Rationalität und Rationalitätsverlust auf ein Controllinginstrument wie die Budgetierung beschrieben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung
2 Merkmale und Problemfelder des traditionellen Controllings
2.1 Klassisches Verständnis des Controllings
2.2 Der ökonomische Ansatz
2.2.1 Homo Oeconomicus als Basis des traditionellen Controllings
2.2.2 Besondere Merkmale
2.3 Problemfelder des konventionellen Ansatzes
3 Bedeutung von Information im Controlling
3.1 Begriffsdefinition und allgemeines Verständnis
3.2 Wahrnehmung und Wirkung von Information
3.3 Information Overload
3.3.1.1 Begriffserläuterung und Ursachen
3.3.1.2 Konsequenzen für das Controlling
3.3.1.3 Konsequenzen für das Management
4 Psychologie als Bezugsrahmen verhaltensorientierten Controllings
4.1 Der Mensch im psychologischen Verständnis
4.2 Soziale Einflüsse
4.3 Urteilsverzerrungen
4.4 Rationalität
4.4.1 Begriffsdefinition
4.4.2 Kognitive und beschränkte Rationalität
5 Verhaltensorientierung im Controlling
6 Die neue Institutionenökonomik
6.1 Principal-Agent-Theorie
6.1.1 Grundlagen
6.1.2 Annahmen
6.1.3 Auftretende Probleme
6.2 Das interne/mentale Modell
6.3 Transaktionskostenansatz
6.3.1 Grundbegriffe
6.3.2 Annahmen über Akteure und Rahmenbedingungen
6.3.3 Determinanten der Transaktionskostenhöhe
6.3.4 Hauptaussagen
7 Verhaltensrelevanz in der Budgetierung
7.1 Definition
7.1.1 Begriffsbestimmung und Einordnung der Budgetierung
7.1.2 Funktionen der Budgetierung
7.1.2.1 Planungssystembezogene Funktionen
7.1.2.2 Verhaltensorientierte Funktionen
7.2 Verhaltensbedingte Problemfelder im Budgetierungsprozess
7.3 Rationalitätsbeschränkung als verhaltensbeeinflusste Problemursache
7.3.1 Rationalitätsbeschränkung aufgrund von Wahrnehmung
7.3.1.1 Zeitliche Reihenfolge der Präsentation von Stimuli
7.3.1.1.1 Definition und Erklärung anhand des Primacy- und Recency-Effektes
7.3.1.1.2 Relevanz für die Budgetierung
7.3.1.2 Wahrnehmungskatalysierende Eigenschaften von Stimuli
7.3.1.2.1 Definition und Erklärung
7.3.1.2.2 Relevanz für die Budgetierung
7.3.2 Rationalitätsbeschränkung aufgrund von Bewertung – Status Quo Bias
7.3.2.1 Definition und Erklärung
7.3.2.2 Relevanz für die Budgetierung
7.3.3 Fehlerhafte Fremd- oder Selbsteinschätzung – Illusion of Control
7.3.3.1 Definition und Erklärung
7.3.3.2 Relevanz für die Budgetierung
7.3.4 Fazit
8 Neue Herausforderungen an den Controller
8.1 Problemfelder des Controllers
8.2 Anforderungs- und Fähigkeitsprofil
8.2.1 Fachliche Anforderungen
8.2.2 Tiefergehende Anforderungen
9 Möglichkeiten und Grenzen des verhaltensorientierten Controllings
10 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie verhaltensorientierte Erkenntnisse aus Psychologie und Soziologie dazu beitragen können, Rationalitätsdefizite im Controlling zu identifizieren und zu überwinden, wobei die Budgetierung als zentrales Anwendungsbeispiel dient.
- Grundlagen des traditionellen Controllings und des ökonomischen Menschenbildes
- Die Rolle der Psychologie für die Informationsverarbeitung und Entscheidungsqualität
- Verhaltensrelevante Problemfelder im Budgetierungsprozess (z. B. Information Overload, Ankereffekte)
- Anforderungsprofile an den Controller in einem verhaltensorientierten Kontext
Auszug aus dem Buch
3.3.1.1 Begriffserläuterung und Ursachen
Häufig findet eine Gleichsetzung des Terminus Information Overload mit Wissensüberangebot statt. Die Bedeutung bereitgestellter Informationen im Controlling ist allgemein anerkannt. Sie sollen zu fundierten und möglichst rationalen Entscheidungen von Managern führen. Landläufig wird die Meinung vertreten, „je mehr Informationen, desto besser die Entscheidung“. Diese Meinung wird oft eins zu eins in die Unternehmenspraxis übertragen. Nach einer Studie des Marktforschungsinstitutes Vanson Bourne von 2007 sind rund zwei Drittel der befragten Manager der Meinung, dass eine Lösung mit Zugriff auf alle Informationen die Qualität der Entscheidung verbessern würde. Liest man eine allgemeine Definition des Begriffs Information, so handelt es sich dabei um zweckorientiertes Wissen, soll heißen: nur Wissen, das zur Handlungs- und/oder Entscheidungsvorbereitung dient, ist auch tatsächlich Information. Häufig werden jedoch dem Entscheidungsträger auf dessen eigenen Wunsch viel zu große Mengen an Information zur Verfügung gestellt, da er sich sonst in seiner Entscheidung unsicherer fühlt als bei geringerem Informationsangebot. Nun führt dieses vorhandene Überangebot an Information zu einem Kapazitätsproblem des Entscheiders. Somit kann Information Overload als der Anteil am Informationsvolumen, der die kognitiv beschränkte Informationsverarbeitungskapazität des Entscheiders übersteigt, definiert werden. Der Information Overload wird von drei Determinanten beeinflusst: der vorhandenen Anzahl an Informationen, deren Komplexität sowie der zur Verarbeitung notwendigen Zeit im Vergleich zu einem vorhandenen Zeitlimit.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Beleuchtet den Wandel des Controlling-Verständnisses und begründet die Notwendigkeit, psychologische Aspekte in die Controlling-Forschung einzubeziehen.
2 Merkmale und Problemfelder des traditionellen Controllings: Analysiert das klassische Controlling-Verständnis basierend auf dem Modell des Homo Oeconomicus und kritisiert dessen Vernachlässigung realer menschlicher Verhaltensweisen.
3 Bedeutung von Information im Controlling: Erörtert die Rolle von Informationen und thematisiert kritisch das Problem des Information Overload bei Entscheidungsprozessen.
4 Psychologie als Bezugsrahmen verhaltensorientierten Controllings: Führt psychologische Konzepte wie Motivation, soziale Einflüsse und kognitive Verzerrungen als notwendige Ergänzung zum ökonomischen Modell ein.
5 Verhaltensorientierung im Controlling: Gegenüberstellung der entscheidungsorientierten und verhaltensorientierten Perspektive im Controlling.
6 Die neue Institutionenökonomik: Untersuchung institutionenökonomischer Ansätze wie Principal-Agent-Theorie und Transaktionskosten zur Erklärung menschlichen Verhaltens im Unternehmen.
7 Verhaltensrelevanz in der Budgetierung: Anwendung der erarbeiteten verhaltensorientierten Erkenntnisse auf den Budgetierungsprozess, insbesondere hinsichtlich Rationalitätsbeschränkungen.
8 Neue Herausforderungen an den Controller: Definition neuer Anforderungsprofile für Controller, die über rein fachliches Know-how hinausgehen und soziale Kompetenzen fokussieren.
9 Möglichkeiten und Grenzen des verhaltensorientierten Controllings: Kritische Reflexion über die Implementierbarkeit des Ansatzes und die Limitationen sozialwissenschaftlicher Theorien im Controlling-Kontext.
10 Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der Notwendigkeit einer Bewusstseinserweiterung bei Controllern und der Rolle der Lehre.
Schlüsselwörter
Controlling, Verhaltensorientiertes Controlling, Budgetierung, Rationalität, Homo Oeconomicus, Information Overload, Kognition, Psychologie, Principal-Agent-Theorie, Transaktionskosten, Ankereffekt, Motivation, Controller, Entscheidungsprozess, Behavioral Accounting.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Herausforderungen für das Controlling durch menschliches Verhalten. Sie hinterfragt das klassische, rein rationale Bild des Controllers und Managements und plädiert für die Integration verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Kritik am traditionellen, ökonomischen Controlling-Ansatz, die Bedeutung psychologischer Faktoren bei der Informationsverarbeitung und deren Anwendung auf den Bereich der Budgetierung sowie auf das Anforderungsprofil von Controllern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, das Bewusstsein für die Bedeutung verhaltensorientierter Aspekte im Controlling zu schärfen und aufzuzeigen, wie kognitive Limitationen und psychologische Einflüsse die Entscheidungsqualität, insbesondere bei der Budgetierung, beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und verbindet ökonomische Theorien (wie die Neue Institutionenökonomik) mit psychologischen Modellen. Zudem fließen empirische Daten aus eigenen Studien zur Bestätigung von Ankereffekten und zur Profilerstellung von Controllern ein.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen (Homo Oeconomicus, psychologische Bezugsrahmen), Institutionenökonomik, die spezifischen Herausforderungen im Budgetierungsprozess (Wahrnehmungs-, Bewertungsfehler) sowie die daraus resultierenden neuen Anforderungen an Controller.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind verhaltensorientiertes Controlling, Rationalitätsbeschränkung, Behavioral Budgeting, kognitive Limitationen und der Wandel der Controller-Rolle vom reinen Zahlenjongleur zum Businesspartner.
Wie unterscheidet sich der verhaltensorientierte Ansatz vom klassischen Controlling?
Während das klassische Controlling einen perfekt rational handelnden Menschen unterstellt, der über vollständige Informationen verfügt, berücksichtigt der verhaltensorientierte Ansatz menschliche Schwächen, begrenzte kognitive Kapazitäten und emotionale Einflüsse bei der Entscheidungsfindung.
Welche Rolle spielt die Budgetierung in dieser Untersuchung?
Die Budgetierung dient als wichtiges Anwendungsbeispiel, da sie ein zentrales Controllinginstrument ist, das stark anfällig für verhaltensbedingte Probleme wie Informationsüberlastung oder Manipulationsversuche ist.
Warum ist das "mentale Modell" für einen Controller wichtig?
Mentale Modelle helfen, Diskrepanzen in der menschlichen Entscheidungsfindung zu interpretieren. Ein Controller kann diese Erkenntnis nutzen, um Informationsgrundlagen so aufzubereiten, dass sie besser zum kognitiven Entscheidungsmuster des Managers passen.
Was bedeutet das im Buch verwendete Konzept des "Information Overload"?
Es beschreibt den Zustand, in dem die Menge und Komplexität der zur Verfügung gestellten Informationen die kognitive Verarbeitungskapazität eines Managers übersteigt, was zu schlechteren Entscheidungsqualitäten und Fehlentscheidungen führen kann.
- Arbeit zitieren
- Torsten Grömminger (Autor:in), 2010, Rationalitätsdefizite, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184339