Der Zusammenhang von Menschenwürde und Autonomie

Eine pflegerische Sichtweise


Studienarbeit, 2011

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Menschenwürde
2.1.Historischer Exkurs
2.2.Inhaltliche Betrachtung

3. Autonomie
3.1.Historischer Exkurs
3.2.Inhaltliche Betrachtung

4. Menschenwürde und Autonomie in der Pflege
4.1.Philosophischer Ansatz
4.2.Würde in der Pflege
4.3.Situation in deutschen Altenheimen

5. Fazit

6. Literaturliste:

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars im Modul 1.3 „Einführung in den Begriff der Menschenwürde“ wird in dieser Arbeit versucht, einen Zusammenhang zwischen Menschenwürde und Autonomie darzustellen.

Das Thema Menschenwürde erlebt derzeit in der Öffentlichkeit eine Renaissance. Wird das Geschehen um die Tötung von Osama Bin Laden am 02. Mai 2011 oder die Festnahme und anschließende Exekution am 30. Dezember 2006 von Saddam Hussein betrachtet, so wurde in den Medien von einer „menschenunwürdigen“ Behandlung gesprochen. Obwohl der Terroristenführer und der irakische Diktator viele grausame und barbarische Taten begangen haben, wird ihnen trotzdem durch die Medien und die Menschenrechtsaktivisten eine menschenwürdige Behandlung zugesprochen. Ein weiteres Beispiel, bei dem fast täglich die Menschenwürde in Bezug gebracht wird, ist der derzeitige Krieg im nordafrikanischen Staat Libyen. Machthaber Muammar al Gaddafi geht hier mit absoluter Grausamkeit und Brutalität gegen sein eigenes Volk vor. Da dieses Vorgehen von den Spitzen der Nato als menschenunwürdig erachtet wurde, beschlossen sie das Volk mit Hilfe militärischer Luftschläge im Kampf gegen das Regime zu unterstützen. Ein Großteil des libyschen Volkes, welches aus diesen Gründen versucht, auf schnellstem Weg das Land zu verlassen, landet mit Schiffen in Italien, wo sie vorerst in Flüchtlingslager untergebracht werden. Dies ist jedoch von Seiten der Europäischen Union (EU) nicht gewollt. „Bomben ja, Flüchtlinge nein. Das ist die Botschaft, die von der EU versandt wird.“ (Göweil 2011: 1). Dieses Verhalten wird wiederrum von den Medien als menschenunwürdige Politik gesehen.

Nun stellt sich die Frage: Was ist menschenwürdig und was -unwürdig? Wer kann bestimmen, welche Taten wo einzuordnen sind? In dieser Arbeit wird versucht, diesen Fragen nachzugehen und sie zu klären.

Auch das aus dem Altgriechischen stammende Wort autonomia, was so viel bedeutet wie „sich selbst Gesetze gebend“ (Gabler 2008: 6), ist mittlerweile ebenfalls oft zu lesen und zu hören. Die Autonomie wird bereits mit der Erziehung von Kindern und Jugendlichen in Verbindung gebracht, dass die Autonomie gefördert werden muss, um die Entfaltung der freien Persönlichkeit zu fördern (vgl. Wulf 1983: 34-37). Auch im Alter und im Prozess des Alterns wird die Autonomie immer wieder als Legitimationsargumentation herangezogen. So soll die Autonomie der Patienten ein würdiges Altern garantieren bzw. fördern. In der Debatte um die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in Deutschland wird die Autonomie und Selbstbestimmung der Patienten als Legitimation herangezogen (vgl. Hochgrebe 2005).

Die Autonomie ist nicht nur im medizinisch-pflegerischen Kontext allgegenwärtig. Auch bei den bereits oben aufgeführten Beispielen der Menschenwürde wird die Autonomie oft gleichzeitig genannt. So kann festgestellt werden, dass die europäischen Innenminister durch die erwartete „Flut an libyschen Flüchtlingen“ diskutieren, ob das 1990 in Kraft getretene „Schengener Abkommen“ eingeschränkt bzw. rückgängig gemacht werden soll (vgl. Obermeier 2011 / Göweil 2011: 1). Dieser Rückschritt und die Einschränkung der Reisefreiheit wäre wiederum auch eine Einschränkung der Autonomie und Selbstbestimmung. (vgl. Göweil 2011: 1). Wie genau der Zusammenhang zwischen der Autonomie und der Menschenwürde ist, wird versucht, in dieser Arbeit darzustellen.

Da es viele verschiedene Definitionen und Deutungsweisen von Menschenwürde und Autonomie gibt, wird dem Leser zuerst der historische Werdegang gefolgt von verschiedenen Betrachtungsweisen und Definitionsformen und -möglichkeiten der jeweiligen Begriffe angeboten. Dies soll dem Leser die Möglichkeit geben, sich demselben Ausgangspunkt des Autors anzunähern. Daran anschließend wird exemplarisch der philosophische Ansatz beschrieben, welcher durch aktuelle Sichtweisen über die Würde in der Pflege komplettiert wird. Diese Erkenntnisse werden im Anschluss auf die momentane Situation in deutschen Altenheimen projiziert, wodurch die Thesen des Fazits geprägt wurden.

Auf Grund der besseren Lesbarkeit verwende ich im Folgenden dieser Arbeit immer nur einen Genus. Das jeweils andere Geschlecht ist jedoch stets mitgemeint. Die Begriffe Patient und Bewohner werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

2. Menschenwürde

2.1. Historischer Exkurs

Wird der Begriff der Menschenwürde historisch betrachtet kann festgestellt werden, dass deren Wurzeln bis vor Christi Geburt zurück reichen. So hat Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) bereits versucht, Unterschiede zwischen dem Menschsein und den nichtmenschlichen Lebewesen herauszuarbeiten. Cicero verwendet den Begriff „dignitas“ (lat. Würde) in seiner Schrift „De Officiis“ (lat. vom pflichtgemäßen Handeln) das erste Mal in Bezug auf den Menschen. Hier spricht er von der Würde, die einem Menschen durch sein alleiniges Menschsein, also durch seine Existenz zukommt. Für das Pendant zum Menschlichen verwendet er Tiere als nichtmenschliche Vergleichsobjekte. Das Zugestehen der Würde begründet er mit dem Vorhandensein des Verstandes und der Selbstbeherrschung, eine Höherstellung der Menschen gegenüber anderen Geschöpfen. Bereits in seinen vorherigen Werken hat Cicero über „dignitas“ geschrieben, wobei er hier den Kontext der öffentlichen Stellung, die ein Mensch innehat, beschreibt (vgl. Weilert 2008: 120).

Im europäischen Raum wurde der Würdebegriff weiter von der jüdisch- christlichen Glaubensrichtung stark beeinflusst. Hier wurde die Begründung des Vorhandenseins der Würde des Menschen durch eine Verknüpfung zur Gottesebenbildlichkeit hergestellt. „Der Mensch hat eine Würde, weil er imago dei [(lat. für Gottebenbildlichkeit)] ist.“ (Honecker 2002: 192). Dieses christlich- humanistische Menschenbild, das von antikem, stoischem und biblischem Verständnis geprägt ist, wurde durch die Säkularisierung weltweit verbreitet. Samuel von Puffendorf, der aus diesem Grundkonzept die Gleichheit aller Menschen ableitet, bezeichnet den Menschen als Vernunftwesen, woraus gefolgert werden kann, dass dem Menschen die Würde zugesprochen wird, da er ein denkendes Wesen ist. Dieser Gleichheitsgedanke beeinflusste die amerikanische Menschenrechtsdeklaration, die 1776 unter anderem durch J. Wies geschaffen wurde (vgl. Honecker 2002: 192- 195).

Immanuel Kant setzt durch sein 1785 verfasstes Werk „Grundlagen zur Metaphysik der Sitten“ den nächsten Meilenstein der Historie der Menschenwürde und führte sie zu einem zentralen Punkt der Ethik. Kant unterscheidet hier zwischen den Begriffen „Würde“ und „Preis“, denn Würde kann nach seinem Verständnis nur etwas haben, das über den Preis hinaus besteht. Dadurch ist der Selbstzweck ein essenzielles Merkmal der Würde des Menschen, da er nur Zweck an sich selbst, jedoch nicht für andere ist. Kant verknüpft in diesem Werk die Würde mit einem weiteren Begriff, der Moralität. So hat jemand die Würde inne, wenn er Sittlichkeit und Menschlichkeit, sprich das Mensch-Sein vereint (vgl. Honecker 2002: 192). „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ (Hossenfelder 2004: 33).

Auf die Autonomie und die Anerkennung der Gleichheit der Menschen stützt Kant seine Begründung, weshalb für den Menschen, als vernünftiges Wesen, die „Würde“ ein „Prärogativ“ ist (vgl. Honecker 2002: 193).

Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Würde zu einer politischen Maxime heran und wurde durch die Leitwörter: „Liberté, Égalité, Fraternité“ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) ein Grundsatz der Französischen Revolution geprägt. Sozialisten forderten im deutschsprachigen Raum die Verbesserung der misslichen Lage der Arbeiterklasse um ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Ernst Bloch verglich die immer noch bestehende missliche Lage der Arbeiterklasse im 20. Jahrhundert mit den Worten, dass es so wenig menschliche Würde ohne Ende der Not gäbe, wie menschgemäßes Glück ohne das Ende alter und neuer Unerträglichkeiten (vgl. Fritsch 2007: 37).

2.2. Inhaltliche Betrachtung

„Die Menschenwürde ist unantastbar“, so steht es im Artikel 1 des Deutschen Grundgesetzes geschrieben. Doch was genau ist darunter zu verstehen? Hans Carl Nipperdey hat bereits 1954 behauptet, dass der Begriff der Menschenwürde keiner weiteren juristischen Definitionen bedarf, da dieser Begriff den Eigenwert, die Eigenständigkeit des Menschen und dessen Weisheit, somit die Natur des Menschen an sich beschreibt. Wernicke versucht ebenfalls diesen Begriff verständlicher zu machen und behauptet, dass die Menschenwürde das ist, was den Menschen sinnhaft zum Menschen macht. Da auch dieser Definitionsversuch nicht zur gewünschten Klarheit führte, hat Friedrich Klein 1974 in „Das Bonner Grundgesetz“ festgestellt, dass alle Umschreibungen des Würdebegriffs nur in dem Begriff der „Würde“ an sich übereinstimmen (vgl. Enders 1997: 5-10).

„Der Begriff der Menschenwürde in seiner mangelnden, nämlich an der Vieldeutigkeit der allgemein-menschlichen krankenden Bestimmtheit und die ihm gegenüber sich zwangsläufig - und trotz gegenteiliger Beteuerungen - einstellende Ratlosigkeit bilden gemeinsam den Hintergrund eines einheitlichen Menschenwürdekonzepts, welches sich in verschiedene Menschenwürdekonzeptionen ausdifferenziert.“( Enders 1997: 5). Festzustellen ist, dass drei Hauptdenkrichtungen, die formelle, materielle und die metaphysikalische herauszukristallisieren sind. Die formelle und die materielle unterscheiden sich lediglich in ihren Schlussgedanken, wogegen sich die metaphysikalische nur sehr schwer zuordnen lässt, da diese Denkrichtung das Vorhandensein von Menschenwürdekonzeptionen leugnet bzw. anzweifelt. Die materielle Konzeption, die bis heute noch spürbar vorhanden ist, geht davon aus, dass alles, was rechtlich in Bezug auf die Menschenwürde zu klären ist, direkt aus dem Begriff der Würde zu deduzieren ist. Christoph Maierhofer hat in „Rechtsstaat und menschliche Würde“ diese Thematik noch einmal in allen Zügen ausgeführt.

Der formale Ansatz setzt dem einen Mix aus rechtlichem Teilgehabe und Wirkungsweise, welche an den Artikel 1 des Grundgesetzes angelehnt sind, entgegen. Da solch strukturierten, normativen Funktionen, trotz der Anlehnung an andere Verfassungsstrukturen, dennoch fähig sind alleine zu stehen. Dies ist die Argumentationsgrundlage der formellen Befürworter und nicht der Begriff der Menschenwürde an sich, dessen Entstehung bereits vorrechtlich geprägt ist (vgl. Enders 1997: 7).

3. Autonomie

3.1. Historischer Exkurs

Der Autonomiebegriff war in der Antike ein zentral politisches Gebilde. Hier wurde festgesetzt, dass ein jeder das Recht hat „…die eigenen, inneren Angelegenheiten unabhängig von einer äußeren Macht bestimmen zu können“ (Honnefelder 2005: 167).

Das erste Schriftstück, das dieses Recht bezeugt ist der Friedensvertrag zwischen Athen und Sparta, der 445 vor Christi Geburt entstanden ist. Die Insel Aigina sollte von Athen an das spartanische Volk übergeben werden, jedoch stellte Sparta die Bedingungen, dass der Vertrag nur dann gültig ist, wenn die Insel eine Autonomie erhält (vgl. Honnefelder 2005: 167).

Freie Entscheidungen im Sinne freiwilliger Willenshandlungen, die einem bestimmten Zweck dienlich sind, werden als positiver Freiheitsbegriff verstanden. Hier wird davon ausgegangen, dass es nicht möglich ist, sich von allen Norm- und Wertvorstellungen oder allgemeinen Zielen frei machen zu können. Der negative Freiheitsbegriff behandelt die Freiheit als Möglichkeit des Handelns. So kann hier - muss jedoch nicht - gehandelt werden, um Ziele zu erreichen. Auch das willentliche Nichthandeln zählt hierbei als Handlung. Aus diesen beiden Begriffen ergeben sich die heute üblichen zwei Unterformen der Autonomie, die Handlungsautonomie und die Autonomie des eigenen Willens. Unter Handlungsautonomie wird daher die Freiheit der eigenen ausführenden Handlungen verstanden, wogegen es sich bei der zweiten Form um die Willensfreiheit handelt, die den Ursprung des Handelns darstellt (vgl. Meyer 2011: 155).

Der Begriff der Autonomie wurde durch die Moralphilosophie von Immanuel Kant und dessen Freiheitsgedanken während der Aufklärung weiter geprägt. Kant gibt dem Menschen die Möglichkeit, durch die Eigenschaften des Vernunftwesens über sich selbst zu bestimmen. Dadurch erlebte der Autonomiebegriff eine Renaissance. Nach Kant ist der autonome Wille nur dann frei, wenn dieser vernunftgeleitet ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Zusammenhang von Menschenwürde und Autonomie
Untertitel
Eine pflegerische Sichtweise
Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München
Veranstaltung
Einführung in den Begriff der Menschenwürde
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V184622
ISBN (eBook)
9783656094821
ISBN (Buch)
9783656094609
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zusammenhang, menschenwürde, autonomie, eine, sichtweise
Arbeit zitieren
Andreas Fraunhofer (Autor), 2011, Der Zusammenhang von Menschenwürde und Autonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184622

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Zusammenhang von Menschenwürde und Autonomie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden