Theoretische Verhandlung über sprachliche Schwierigkeiten von Dialektsprechern in der Schule


Hausarbeit, 2011

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorbetrachtungen, Definitionen, Grundannahmen
2.1 Arbeitsbegriff Dialekt - Mundart
2.2 Einige Merkmale des Gesamtphänomens Mundart
2.2.1 Mundart als Instrument zur Kommunikation
2.2.2 „Intime Lebensgemeinschaft“
2.2.3 Regionaler Geltungsbereich
2.2.4 Soziale Akzeptabilität
2.2.5 Restringierter Code
2.3 Bewertung des Dialektes
2.4 Was ist Sprachbarriere!?

3 Probleme mundartgeprägter Kinder in der Schule
3.1 Standardsprachenerwerb
3.1.1 Transfer
3.1.2 Orthographie
3.1.3 Schreiben - Morphologie, Lexik, Syntax
3.1.4 Lesen
3.1.5 Sprechen - Phonetik
3.2 Fremdsprachenerwerb
3.3 Schüler-Lehrer-Verhältnis

4 Zusammenfassung, Ansätze und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Dialekt und Schule. Menschen, meist Wissenschaftler, die sich mit diesem Thema, welches germanistische Linguistik und Didaktik zur Zusammenarbeit zwingt, auseinandersetzen, hatten Probleme diesbezüglich meist nicht - mich eingeschlossen. Liest man jedoch Aufsätze, Diktate oder sonstige Zeugnisse schülerischer Tätigkeit, so benötigt man oft ein wenig Fantasie, genauer gesagt Dialekterfahrung (lässt man das Schriftbild einmal beiseite). Am Anfang des Spracherwerbs mag das für den Rezipienten teilweise noch erheiternd sein, doch kann der Dialekt auch dauerhaft zu einem großen Problem für Schüler werden? Und in welcher Weise gestalten sich diese Probleme? Wie kann man diese Mängel in der Hochsprache begründen und auf welchen Ebenen können Schwierigkeiten auftreten?

Im Folgenden möchte ich eine kritische Auseinandersetzung darüber darlegen, welche die grundlegenden Probleme von mundartgeprägten Kindern beim Erlernen der Hochsprache sind und Ansatzpunkte für die weiterführende Methodik und Didaktik liefern.

2 Vorbetrachtungen, Definitionen, Grundannahmen

2.1 Arbeitsbegriff Dialekt - Mundart

Selbstverständlich stellt jeder Einzeldialekt ein eigenes Sprachsystem dar, „das bezüglich Laut- und Formensystem eindeutig beschrieben werden kann“1, welches aber insofern Ähnlichkeiten mit anderen Sprachsystemen aufweist, als dass die Verstehbarkeit in beide Richtungen gegeben ist.2 Hier sollen jedoch die beschreibenden Charakteristika von Dialekten in ihrer Gänze betrachtet werden, also nicht spezifisch, sondern allgemein. Dabei dient der Begriff Mundart als Synonym, ist aber im thematischen Zusammenhang meist als „mundartgeprägt“ zu verstehen.

2.2 Einige Merkmale des Gesamtphänomens Mundart

2.2.1 Mundart als Instrument zur Kommunikation

In vielen Lebenssituationen ist die Mundart das bevorzugte Mittel zur Kommunikation. Sie wird von Kindern in der Familie gesprochen, aber auch gegenüber anderen Gleichaltrigen oder auch Erwachsenen angewandt. Besonders in ländlichen Gebieten gilt die Mundart als Primärsprache.

2.2.2 „Intime Lebensgemeinschaft“

Sprechen Deutsche im fremdsprachigen Ausland miteinander, so entsteht ein Gefühl der Verbundenheit und Vertrautheit. Genauso verhält es sich mit Dialektsprechern innerhalb eines Sprachgebietes: Durch übereinstimmende Elemente im jeweiligen Einzelsystem entsteht ein Gefühl der gemeinsamen Gruppenzugehörigkeit. In der Literatur ist dann vom „intimen Charakter“ die Rede.3

2.2.3 Regionaler Geltungsbereich

Das wichtigste Merkmal von Mundarten ist der regionale Geltungsbereich. Der sinnstiftende Gebrauch solcher ist nur in Situationen reibungsfrei möglich, in denen eine Sprecher-Hörer-Übereinstimmung bzgl. ihrer sprachlichen Kompetenz vorhanden ist. Mundarten bedienen damit nur einen kleinen Teil des Gesamtsprachgebietes.4

2.2.4 Soziale Akzeptabilität

Die soziale Akzeptabilität ist von Dialekt zu Dialekt unterschiedlich, sogar von Person zu Person. Jeder schätzt anders ein, in welcher Situation Dialekt angebracht ist und wann eher die Hochsprache. Voraussetzung hierfür ist natürlich die Beherrschung beider.

2.2.5 Restringierter Code

Der Vollständigkeit halber erwähnt sei hier eine weitestgehend überwundene Einschätzung: die des Dialektes als restringierter Code, als defizitäre Sprache, im Gegensatz zum elaborierten Code, der Standardsprache.5 Besser ist es m.E., von zwei Sprachsystemen zu sprechen, einem Primär- und einem Sekundärsystem.6 Im Kapitel 2.4 werde ich noch einmal darauf zurückgreifen.

2.3 Bewertung des Dialektes

Die Bewertung des Dialektes im Vergleich zur Einheitssprache ist sehr unterschiedlich in den Dialektgebieten. Besonders im süddeutschen Sprachraum erfreuen sie sich einer großen Beliebtheit, während beispielsweise in Hamburg - möglicherweise aufgrund der großstädtischen Multikulturalität - viel weniger Dialekt gesprochen wird und man auch von einer geringeren Beliebtheit ausgehen kann. Klare Tendenzen sind trotzdem ersichtlich.

So ist jemand, der nur Hochdeutsch spricht, dem Dialekt eher abgeneigt als ein Dialektsprecher. Zudem werden Dialektsprecher immer als sozial niedriger eingeordnet und in die Schublade der handwerklichen Berufe gesteckt, bei denen mehr körperliche als geistige Tätigkeit gefragt ist. Demnach werden Dialektsprecher schon von vornherein als weniger intelligent und schulisch leistungsfähig gehalten, wodurch ein Kampf an zwei Fronten entsteht: gegen Vorurteile auf der einen und die Sprachbarriere (siehe 2.4) auf der anderen Seite. Neben dem Intelligenzaspekt gibt es jedoch noch den menschlich-sozialen Faktor. Und bei diesem werden Dialektsprecher als freundlicher und gutmütiger eingestuft, ohne Wichtung des Geschlechts.7 Im alemannischen Sprachraum wird diese Bewertung auf die Spitze getrieben: Der Dialekt genießt auf nahezu allen Ebenen ein hohes Ansehen. „Die Mundart gilt als persönlich und vertraut, als frei und locker, als sympathisch, einfach und ausdrucksstark, die Standardsprache […] als unpersönlich und unvertraut, als steif und gehoben, als emotionsarm und kompliziert.“8 Das Schweizerdeutsche nimmt eine Extrem- und damit eine Sonderstellung ein, die sich auch nach Norden hin erst langsam auflöst. Meine Ausführungen können sich also nur eingeschränkt darauf beziehen.

2.4 Was ist Sprachbarriere!?

Gibt man als Ziel von Bildung und allen Mitteln ihrer Verbesserung die Chancengleichheit an, so kommt man unweigerlich auf das Problem der Bildungsbarrieren. Und da Lernen - zumindest in der Schule - meist als soziale Interaktion stattfindet, ist ein Mindestniveau an kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten dafür unabdingbar, anderenfalls ist von einer Lernbarriere die Rede. Weiterhin steht das Sprachvermögen in Beziehung sowohl zur Kognition als auch zum Sozialstatus. Heinrich Löffler spricht deshalb von Sprachbarriere als den „[…] gesamte[n] Bereich der schichtenspezifischen Chancenungleichheit innerhalb der Schul- und Berufswelt erfaß[end].“9 Unter linguistischen Gesichtspunkten (neben soziologischen und pädagogischen) schließe ich mich der Arbeitsansicht an, von oben erwähnten Sprachsystemen zu sprechen, dem Primär- und dem Sekundärsystem. Hierbei beschreibt Sprachbarriere das „[…] Phänomen der Umsetzungsschwierigkeit von System1 zu System2 in beiden Richtungen […].“10

In der Sprachbarrierendiskussion, von Basil Bernstein angefacht, wurde lange Zeit nur von der Sozialschicht und ihrem Einfluss auf die sprachliche Minderausstattung ausgegangen, woraus besagte Begrifflichkeiten des restringierten und elaborierten Sprachvermögens resultierten, welche von mir abgelehnt werden, setzt man sie mit Dialekt und Standardsprache gleich. Der dialektologische Aspekt blieb hier weitestgehend zugunsten des schichtenspezifischen auf der Strecke. So betrachtet stellt Mundart ein Phänomen der Andersausstattung dar, welches besonders für Kinder eine Barriere im Standardsprachenerwerb bildet und sie dementsprechend gegenüber weniger dialektal geprägten Mitschülern benachteiligt.

[...]


1 Reitmajer, Valentin: Die Bedeutung des Dialekts im schulischen Kommunikationsprozess. In: Linguistische Berichte 67 (1980), S. 70.

2 Vgl. Scheutz, Hannes: Dialekt. In: Lexikon der Sprachwissenschaft. Hrsg. v. Hadumod Bußmann. Stuttgart 42008, S. 131.

3 Vgl. Reitmajer 1980, S. 71.

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. ebd., S. 72.

6 Vgl. Löffler, Heinrich: Mundart als Sprachbarriere. In: Wirkendes Wort 1 (1972), S. 24.

7 Vgl. Ammon, Ulrich: Soziale Bewertung des Dialektsprechers: Vor- und Nachteile in Schule, Beruf und Gesellschaft. In: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Hrsg. v. Werner Besch u.a. Berlin, New York 1983 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 1.2), S. 1500 f. Ulrich Ammon bezieht sich hier auf verschiedene empirische Studien und zieht aus diesen die Quintessenz.

8 Sieber, Peter und Horst Sitta: Mundart und Standardsprache als Problem der Schule. Hrsg. v. Robert Schläpfer und Rudolf Schwarzenbach. Aarau, Frankfurt am Main, Salzburg 1986 (Sprachlandschaft, Bd. 3), S. 30.

9 Löffler, S. 23 f.

10 Ebd., S. 24.

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Details

Titel
Theoretische Verhandlung über sprachliche Schwierigkeiten von Dialektsprechern in der Schule
Hochschule
Universität Leipzig  (Germanistik)
Veranstaltung
Sprachliche Variation: Dialektologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V184932
ISBN (eBook)
9783656097853
ISBN (Buch)
9783656097679
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theoretische, verhandlung, schwierigkeiten, dialektsprechern, schule
Arbeit zitieren
Willy Schlegel (Autor), 2011, Theoretische Verhandlung über sprachliche Schwierigkeiten von Dialektsprechern in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184932

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