Am 13.10.2010 publizierte die EU-Kommission das Grünbuch zur Abschlussprüfung, welches die Angemessenheit des derzeitigen rechtlichen Rahmens dahingehend hinterfragt, ob den Interessengruppen des Revisors ein ausreichend hohes Maß an Sicherheit gewährt wird. Als unabhängiger Experte soll der Wirtschaftsprüfer einerseits den Unternehmensinteressen durch die Unterstützung des Aufsichtsrats gerecht werden, andererseits dem Willen der Öffentlichkeit entsprechen. Dabei sind die Erwartungen beider Parteien zum Teil gegensätzlich. Folglich besteht für den Prüfer die Gefahr eines Interessenkonflikts. Daher stellt sich die Frage, wie dieser gemildert werden kann und, ob die im Grünbuch vorgeschlagene Stärkung staatlicher Berufsaufsicht, einen positiven Beitrag zur Lösung der Problematik leisten kann.
Zudem strebt die EU durch Interventionen das Fundamentalziel eines einheitlichen Binnenmarktes an. Auch im Bereich der Abschlussprüfung wird über kohärente Normen und Aufsichten diskutiert. Zu letzterem regt das Grünbuch eine umfassendere Harmonisierung auf paneuropäischer Ebene an. Hierzu ist zu analysieren, ob eine Konvergenzbestrebung für die Profession notwendig erscheint. Als kritisch wäre eine damit verbundene Souveränitätseindämmung von Länderbehörden anzusehen.
Als Ziel der vorliegenden Arbeit soll daher die Bedeutung der Berufsaufsicht vor dem Hintergrund des Interessenkonflikts und oben genannter Harmonisierung aufgezeigt werden. In diesem Zusammenhang werden die Empfehlungen des Grünbuchs bezüglich beider Problembereiche kritisch hinterfragt. Dies erfolgt u.a. durch Heranziehung der zum Grünbuch eingegangenen Comment Letter diverser Institutionen.
Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: Abschnitt ΙΙ würdigt die Revisoraufsicht vor dem Hintergrund des Interessenkonflikts sowie des EU-Harmonisierungsziels. Darauf aufbauend diskutiert Abschnitt ΙΙΙ konkret die im Grünbuch angeregten Überwachungsmaßnahmen unter besonderer Betrachtung der beiden aufgezeigten Problemfelder bevor in Abschnitt ΙV die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden.
Inhaltsverzeichnis
I Problemstellung
II Rolle von Abschlussprüferregulierung und -aufsicht vor dem Hintergrund der Doppelfunktion und der EU-Harmonisierungsbestrebung
1. Bedeutung von Abschlussprüferregulierung und -aufsicht im Hinblick auf den Interessenkonflikt
a) Würdigung der Doppelfunktion des Abschlussprüfers und des daraus resultierenden Interessenkonflikts
b) Diskussion der Stärkung der Abschlussprüferaufsicht und weiterer Möglichkeiten zur Lösung des Interessenkonflikts
2. Bedeutung einer Aufsichtsharmonisierung für die Abschlussprüfung und Darstellung am Beispiel des europäischen Finanzmarkts
a) Diskussion der Notwendigkeit und Umsetzung der Aufsichtsharmonisierung im Bereich der Abschlussprüfung
b) Diskussion der Gründe und Gestaltung der Aufsichtsharmonisierung am Beispiel des europäischen Finanzmarkts
III Kritische Würdigung der Vorschläge des Grünbuchs zur Revisoraufsicht vor dem Hintergrund des Interessenkonflikts und der Harmonisierung
1. Kritische Analyse der Stärkung der Berufsaufsicht im Hinblick auf den Interessenkonflikt des Abschlussprüfers
a) Gewährleistung von der Prüferbranche unabhängiger Berufsaufsichten
b) Integration nationaler Abschlussprüferaufsichten auf EU-Ebene
c) Intensiverer Dialog zwischen Abschlussprüfern und Aufsichtsbehörden
2. Kritische Analyse der Integration nationaler Abschlussprüferaufsichten auf EU-Ebene im Hinblick auf das Harmonisierungsziel
IV Thesenförmige Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Bedeutung der Berufsaufsicht bei Abschlussprüfern vor dem Hintergrund bestehender Interessenkonflikte sowie aktueller EU-Bestrebungen zur Harmonisierung der Aufsichtssysteme, um zu bewerten, ob eine strengere staatliche Regulierung zur Lösung dieser Problematik beitragen kann.
- Doppelfunktion des Abschlussprüfers als Revisor und Publizist.
- Lösungsansätze für den Interessenkonflikt durch staatliche Aufsicht.
- Harmonisierung der Aufsicht auf europäischer Ebene und ihre Grenzen.
- Kritische Würdigung der Grünbuch-Vorschläge der EU-Kommission.
Auszug aus dem Buch
a) Würdigung der Doppelfunktion des Abschlussprüfers und des daraus resultierenden Interessenkonflikts
Gesetzlicher Auftrag des Abschlussprüfers ist die Ordnungsmäßigkeit des Jahresabschlusses zu gewährleisten sowie unterschiedliche Interessengruppen über potenzielle Unternehmensfortführungsrisiken aufzuklären. Demzufolge nimmt der Wirtschaftsprüfer gleichzeitig eine Beglaubigungs- und Informationsfunktion wahr.
Beide Aufgaben des Revisors sind dabei einerseits für die Firmen, beispielsweise durch Milderung bestehender Prinzipal-Agenten-Probleme zwischen Vorstand und Aktionären, andererseits auch für die Öffentlichkeit durch Vertrauensbildung in die vom Unternehmen verfassten Quartals- und Jahresberichte von Interesse. In seiner Rolle als „Gatekeeper“ ist der Revisor in Deutschland nach § 321 HGB gezwungen, seine Erkenntnisse in Form eines ausführlichen Prüfungsberichts dem Aufsichtsrat zur Unterstützung bei der Vorstandsüberwachung mitzuteilen. Dieses Gesellschaftsorgan stellt aufgrund der umfassenden Verschwiegenheitspflicht des Prüfers, den einzigen Adressaten dieses privaten Informationsmediums dar.
Zusammenfassung der Kapitel
I Problemstellung: Einführung in die Thematik der Abschlussprüfung, die Problematik des Interessenkonflikts des Prüfers sowie die EU-Bestrebungen zur Harmonisierung der Aufsicht.
II Rolle von Abschlussprüferregulierung und -aufsicht vor dem Hintergrund der Doppelfunktion und der EU-Harmonisierungsbestrebung: Analyse der dualen Rolle des Abschlussprüfers und Diskussion über die Notwendigkeit einer Aufsichtsharmonisierung im europäischen Finanzmarkt.
III Kritische Würdigung der Vorschläge des Grünbuchs zur Revisoraufsicht vor dem Hintergrund des Interessenkonflikts und der Harmonisierung: Kritische Untersuchung der im Grünbuch vorgeschlagenen Maßnahmen zur Stärkung der Aufsicht und deren Auswirkungen auf die Unabhängigkeit des Prüfers.
IV Thesenförmige Zusammenfassung: Synthese der Kernergebnisse der Arbeit zu den Themen Interessenkonflikt und Aufsichtsharmonisierung.
Schlüsselwörter
Abschlussprüfung, Wirtschaftsprüfer, Interessenkonflikt, EU-Harmonisierung, Berufsaufsicht, Grünbuch, Prüfungsqualität, Aufsichtsharmonisierung, Corporate Governance, Finanzmarktstabilität, Prüfungshonorar, Transparenz, Aufsichtskommission.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle der Abschlussprüferregulierung und -aufsicht, insbesondere im Kontext von Interessenkonflikten und europäischen Harmonisierungsbestrebungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen die Doppelfunktion des Abschlussprüfers, die Herausforderungen durch Interessenkonflikte sowie die kritische Prüfung der Aufsichtsvorschläge der EU-Kommission aus dem Grünbuch.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, die Bedeutung der Berufsaufsicht vor dem Hintergrund des Interessenkonflikts und der EU-Harmonisierung darzulegen und die Empfehlungen des Grünbuchs kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der kritischen Auswertung von Comment Lettern diverser Institutionen zum Grünbuch der EU-Kommission.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Revisoraufsicht, diskutiert Maßnahmen zur Stärkung der Unabhängigkeit sowie die Integration nationaler Aufsichten auf EU-Ebene unter Berücksichtigung von Effizienz und Souveränitätsfragen.
Durch welche Schlagworte lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wirtschaftsprüfung, Aufsicht, Interessenkonflikt, EU-Harmonisierung und Finanzmarkt.
Wie bewertet der Autor die Rolle des „Gatekeepers“?
Die Arbeit beleuchtet die schwierige Position des Abschlussprüfers, der sowohl Unternehmensinteressen als auch das öffentliche Interesse an verlässlichen Informationen bedienen muss.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Harmonisierung der Aufsicht?
Der Autor befürwortet die Transformation der EGAOB in einen Level-3 Ausschuss und die Bildung von „Colleges“, um Aufsichtskonvergenz mit nationaler Souveränitätssicherung zu verbinden.
- Citation du texte
- B.A. Wirtschaftswissenschaften Daniel Schreiber (Auteur), 2011, Kritische Analyse der Erforderlichkeit einer umfassenderen Regulierung der Prüfung kapitalmarktorientierter Unternehmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185094