Alkoholprävention als Bestandteil der internen Unternehmenskommunikation


Diplomarbeit, 1998

128 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 EINLEITUNG
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Methodik und Aufbau der Arbeit

2 ALKOHOLKONSUM UND ALKOHOLISMUS: BESTANDTEIL UNSERER GESELLSCHAFT
2.1 Geschichtliche Entwicklung
2.2 Der Alkoholkonsum in Deutschland
2.3 Alkoholmißbrauch, Alkoholabhängigkeit, Alkoholismus und ihre Ursachen
2.4 Alkoholismus - zwischen Krankheit und sozialem Problem
2.5 Alkohol und Arbeit
2.6 Zwischenfazit: Bedeutung für die betriebliche Alkoholprävention

3 DIE MÖGLICHKEITEN INNERBETRIEBLICHER HILFSMAßNAHMEN
3.1 Entwicklung der Suchtvorbeugung
3.2 Rechtliche Aspekte der Suchtvorbeugung im Betrieb
3.3 Handlungsmöglichkeiten in Betrieben und Unternehmen
3.4 Prävention als Bestandteil innerbetrieblicher Hilfsmaßnahmen
3.5 Zwischenfazit: Bedeutung für die betriebliche Alkoholprävention
3.6 Betriebliche Praxis - Alkoholpräventionsprogramme in deutschen Unternehmen
3.6.1 Aufbau und Wirkungsweise von Alkoholpräventionsprogrammen
3.6.2 Das Alkoholpräventionsprogramm der Berliner Stadtreinigung (BSR)
3.6.3 Das Alkoholpräventionsprogramm der Schering AG
3.6.4 Zusammenfassung und kritische Betrachtung der Alkoholpräventionsprogramme
3.7 Zwischenfazit: Bedeutung für ein integriertes Alkoholpräventionskonzept

4 UNTERSUCHUNG
4.1 Ziel der Befragungen innerhalb der Diplomarbeit
4.2 Methodik/Befragungsdesign
4.3 Auswertung der Befragungen
4.4 Zwischenfazit

5 ANSATZMÖGLICHKEITEN UND EMPFEHLUNGEN ZUR IMPLEMENTIERUNG EINES BETRIEBLICHEN ALKOHOLPRÄVENTIONSPROGRAMMES IN DIE INTERNE UNTERNEHMENSKOMMUNIKATION
5.1 Theoretischer Diskurs und Erscheinungsformen der internen Unternehmenskommunikation
5.2 Anforderungen an die interne Unternehmenskommunikation
5.3 Ansatzpunkte zur Einbindung der Alkoholprävention in die interne Unternehmenskommunikation

6 FAZIT UND ZUSAMMENFASSUNG

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Vergleich von Alkoholmißbrauch und Alkoholabhängigkeit/ Alkoholkrankheit

Abbildung 2: Soziales Umfeld und Alkoholabhängigkeit

Abbildung 3: Entwicklungsphasen des Alkoholikers im Betrieb

Abbildung 4: Arbeiter mit hohem Alkoholkonsum (Viel-Trinker) in Prozent, im Alter von 18-49

Abbildung 5: Zusammenspiel von Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention in der betrieblichen Suchtprävention

Abbildung 6: Handlungsfolge der Vorgesetzten vor einer Interventions- entscheidung

Abbildung 7: Aufgabenverteilung von Vorgesetzten und Suchtkrankenhelfern

Abbildung 8: Suchtprävention als Prozeß

Abbildung 9: Hauptziele der lernenden Organisation und der lernenden Person

Abbildung 10: 5-Lücken Modell

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Zielsetzung

Vor dem Hintergrund einer immer schneller werdenden und sich wandeln- den Gesellschaft stehen Worte wie Komplexität und Globalisierung im Mit- telpunkt der Unternehmensführung. Unternehmensleitlinien sind darauf ausgerichtet, langfristige Konzepte zur Zukunftssicherung des Unterneh- mens zu entwickeln. Effizientes Handeln, konzeptionelle Planung, Pro- zeßorientierung und Implementierungsprobleme werden zu Schlüsselbe- griffen des internen Marketings. Kunden- und mitarbeiterorientiertes Mar- keting werden als wichtige Bestandteile für eine erfolgreiche Unterneh- mensführung erkannt. Konflikt- und Krisenmanagement werden als erfolg- reiche Modelle zur Bewältigung von Problemsituationen im Unternehmen diskutiert. Doch inhaltlich beschränken sich diese Modelle auf externe Kri- sen- und Konfliktsituationen und Kommunikationsprobleme zwischen den Hierarchieebenen.1 Was geschieht, wenn ein Problem persönlicher wie gesellschaftlicher Natur ist, teilweise gar nicht als Problem erkannt wird und alle Hierarchieebenen gleichermaßen betrifft, ist weitgehend unge- klärt.

Seit Menschengedenken gibt es Alkohol. Seit dieser Zeit ist es auch ein umstrittenes Getränk. Wurde in der Antike noch das Heilmittel Alkohol ge- priesen, so ist seit langer Zeit auch die Droge Alkohol bekannt. Die Wir- kung von Alkohol ist inzwischen wohl bekannt und häufig geliebt und macht auch vor dem Arbeitsplatz nicht halt. Daß das Schlückchen Sekt zum Einstand, Ausstand oder Aufstieg für manche auch ein Abstieg be- deuten kann, wird oft vergessen, verdrängt oder nicht wahrgenommen. In Deutschland gibt es nach Aussagen der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) rund 2,5 Millionen Alkoholkranke, das entspricht rund 3 % der Bevölkerung und einer Größenordnung von 5-7 % der Ar- beitnehmer.2 Menschen mit Alkoholproblemen sind überall in der Arbeits- welt und auf allen Hierarchieebenen zu finden. Die Unsicherheit, vor allem bei Vorgesetzen, ob es sich bei diesem oder jenem Mitarbeiter wirklich um einen Alkoholkranken handelt, führt häufig dazu, daß das Thema gar nicht erst erwähnt wird, verbunden mit der Hoffnung, daß es sich irgendwann von alleine löst. Warum sich Vorgesetzte damit zum Komplizen oder Co- Abhängigen des Alkoholkranken machen, soll eine Problemstellung dieser Arbeit sein. Da Trinken zu allen möglichen Anlässen in unserer Gesell- schaft völlig normal ist und Abstinenz eher belächelt wird, ist das Thema Alkoholprävention schwer greifbar und wird oft zu einem Problem, das keiner so gern sehen will. Wie man das Thema Alkohol im Betrieb entabu- isieren kann, und welche Rolle dabei der internen Unternehmenskommu- nikation zukommt, soll ein weiterer Bestandteil dieser Arbeit sein.

Umstritten ist der Einfluß der Arbeitssituation auf den Alkoholkonsum und die Entstehung von Alkoholproblemen.3 Unumstritten ist und das beweisen zahlreiche statistische Erhebungen, daß mißbräuchlicher Alkoholkonsum einen volkswirtschaftlichen Schaden (z.B. durch Krankheiten, Unfälle, Renten, Produktionsausfall) von jährlich zwischen 50 und 80 Milliarden DM verursacht.4 Diesen Kosten stehen vergleichsweise geringe Einnah- men von rund 7,8 Milliarden DM aus den alkoholbezogenen Steuern ge- genüber. Aus einzelwirtschaftlicher Sicht wirft Alkoholismus für Betriebe neben sozialen auch finanzielle Probleme auf.5 Viele Unternehmen (vor al- lem Großunternehmen) haben das bereits erkannt und inzwischen Sucht- präventionsprogramme, häufig in Form von Betriebsvereinbarungen, ein- geführt.6 Diese Vereinbarungen besitzen häufig eine Alibi-Funktion, die in der vorliegenden Arbeit genauer hinterfragt werden soll. Weiterhin kann davon ausgegangen werden, daß der Aufklärung und der Trinkkultur am Arbeitsplatz zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Diese Arbeit fußt auf der Überzeugung, daß dem Alkoholproblem im Rahmen einer mitar- beiterorientierten Unternehmenskommunikation frühzeitig entgegen ge- wirkt werden kann und daß Betriebsvereinbarungen nur als i-Tüpfelchen der betrieblichen Präventionspolitik angesehen werden können.7 Ebenfalls bin ich der Überzeugung, daß Betriebsvereinbarungen zu einem Zeitpunkt eingreifen, an dem die Alkoholgefahr schon zu weit fortgeschritten ist. Ziel dieser Arbeit ist es, das Problem Alkohol im Rahmen der Unternehmens- kommunikation anzusiedeln und zu positionieren, sowie Ansätze für ein integriertes Suchtpräventionsprogramm zu diskutieren. Alkoholprävention als Bestandteil der internen Unternehmenskommunikation bedeutet, die Themen Alkohol, Alkoholgefährdung, Alkoholkranke und Alkoholismus im Unternehmen so zu thematisieren, daß sie zum normalen Kommunikati- onsbestandteil aller Mitarbeiter werden. Hierzu wird die Arbeit nach neuen Lösungsansätzen in der betrieblichen Suchtarbeit suchen. Bewußt sollen die Notwendigkeit, die Chancen aber auch die Schwierigkeiten eines sol- chen Ansatzes diskutiert werden.

1.2 Methodik und Aufbau der Arbeit

Zu Beginn der Arbeit (Kap. 2) werden die Grundlagen, Erfahrungen und Meinungen zum Thema Alkoholkonsum und Alkoholismus als Bestandteil unserer Gesellschaft dargestellt und diskutiert.

Weiterhin werden verschiedene Ansatzweisen der Suchtentwicklung un- tersucht sowie die Entwicklung der allgemeinen Alkoholproblematik in der Gesellschaft und die Zusammenhänge von Alkohol und Arbeit betrachtet.

Im 3. Kapitel wird auf die Notwendigkeit und die theoretischen Grund- lagen innerbetrieblicher Hilfsmaßnahmen aufmerksam gemacht. Durch die Betrachtung bestehender Präventionsprogramme an ausgewählten Beispielen wird in diesem Kapitel die momentane Situation der betrieb- lichen Suchtprävention untersucht und Vor- und Nachteile diskutiert.

Neben der Literatur- und Dokumentenanalyse sowie Expertengesprächen werden in Kapitel 4 qualitative Befragungen von Sozialberatern zweier Berliner Großbetriebe, sowie „Suchtpräventionsprogrammnehmern“ (trockene Alkoholiker) durchgeführt, die vor allem die Vor- und Nachteile der bestehenden Alkoholprävention zum Thema haben werden. Weiterhin wird eine telefonische Blitzumfrage unter Personalleitern Berliner Be- triebe durchgeführt, um einen Überblick über die momentane Situation und die Bestandteile der Alkoholprävention in Berliner Unternehmen zu be- kommen und speziell den Informationsstand und die Einstellung der Per- sonalleiter zu erforschen. Alle Befragungen sollen Hinweise für erste neue Ansatzmöglichkeiten liefern. Alle Interviews haben explorativen Charakter und lassen aufgrund der geringen Stichprobengröße keine repräsentativen Aussagen zu.8

Die Ergebnisse der analytischen und empirischen Betrachtungen stellen den konzeptionellen Rahmen für Ansatzmöglichkeiten und Empfehlun- gen zur Implementierung eines betrieblichen Alkoholpräventionspro- grammes in die interne Unternehmenskommunikation im abschlie- ßenden 5. Kapitel dar.

Vom theoretischen Diskurs zur internen Unternehmenskommunikation werden die Anforderungen an die interne Unternehmenskommunika- tion untersucht. Dabei wird der Hauptschwerpunkt auf dem Zusammen- hang von interner Unternehmenskommunikation, Unternehmenskultur und Alkoholprävention liegen. Ausgehend von der Kritik der momentanen be- trieblichen Präventionspolitik, sollen Einflußfaktoren eines Kommunikati- onskonzeptes erarbeitet werden, um Alkoholprävention im Bereich der in- ternen Unternehmenskommunikation ansiedeln zu können. Hierbei wer- den die allgemeinen Strukturen der Unternehmenskommunikation sowie die Kommunikationswege eine besondere Rolle spielen. Dieses Kapitel wird über Ansatzmöglichkeiten berichten und einige Empfehlungen für Entwicklung und Umsetzung solcher integrierten Alkoholpräventionspro- gramme geben.

2 Alkoholkonsum und Alkoholismus: Bestandteil unserer Gesellschaft

2.1 Geschichtliche Entwicklung

Schon von den Sumerern und Akkadern war bekannt, daß Bier neben Wasser ein übliches Getränk war.9 Brotbacken und Bierbrauen hingen auch bei den Ägyptern eng miteinander zusammen, der Weinkonsum war eher wohlhabenden Kreisen vorbehalten. Pharaonen der ersten Dynastien besaßen bereits eigene Weingüter. Das alte Testament berichtet nach der Sintflut erstmalig von Weinanbau und Weinkonsum und erzählt von Noah, der mit den negativen Folgen des Alkohols zu kämpfen hatte.10 Im antiken Griechenland war es Odysseus, der dem Kykloden unverdünnten Wein gab, um ihn im berauschten Zustand zu überwältigen. Auch im alten China war das Weintrinken seit der Hsia-Dynastie (vor rund 4000 Jahren) unter Kaiser Yü bekannt und beliebt.11 Dieses Bewußtsein für Alkohol und seine Folgen zieht sich durch die gesamte Geschichtsschreibung. Mit der Zeit entwickelten sich regional unterschiedliche Einstellungen zum Alkohol. Nach Bales unterscheidet man 4 Kulturformen12:

- Abstinenzkulturen: Verbot jeglichen Alkoholgenusses (das betrifft bspw. die islamische und hinduistische Kultur)
- Ambivalenzkulturen: Konflikt zwischen koexistenten Wert- strukturen gegenüber Alkohol (Alkoholvertrieb und -gebrauch ist verschiedenen Beschränkungen temporärer und lokaler Art unterworfen, basiert auf asketisch-puritanischen Auffas- sungen des englischen Protestantismus.)
- Permissivkulturen: Alkoholgenuß ist erlaubt und meist auf bestimmte Situationen, besonders die Mahlzeiten be- schränkt. Als Prototyp galten die mediterranen Staaten.
- Permissiv- (funktionsgestörte) Kulturen: hier wird nicht nur das „normale“ Alkoholtrinken, sondern auch der Exzeß gebil- ligt. Diese Kulturform existiert in keiner reinen Ausprägung, kommt aber in manchen Ländern, insbesondere in südame- rikanischen Ländern, vor. Eine andere Unterform dieser Kul- turform ist exzessives Trinken bei bestimmten Anlässen (z.B. Festen, kürzeren oder längeren Freizeitperioden), bei der bestimmte Bevölkerungsgruppen innerhalb kurzer Zeit große Alkoholmengen mit dem sozial akzeptierten Ziel des Rausches konsumieren.

Es ist leicht zu erkennen, in welche Kulturformen Deutschland einzuord- nen ist. Der Konsum von Alkohol wird gebilligt und in manchen Situationen sogar erwartet, selbst das exzessive Trinken zu bestimmten Gelegenhei- ten wird meist toleriert oder entschuldigt. Die „Griffnähe“13 des Alkohols spielt dabei eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Führt Alkoholverkaufs- verbot oder -beschränkung auch nicht zur Beseitigung des Alkoholismus (siehe bspw. Schweden), so hat die „Griffnähe“ des Alkohol doch einen Einfluß auf den Alkoholkonsum, das zeigen u.a. die Ergebnisse einiger restriktiver Maßnahmen (z.B. Steuererhöhungen).14 Ebenso kommt der Bezugsquelle am Arbeitsplatz, durch Kantinen und Automaten, eine große Bedeutung bei, worauf im Kapitel 5.2 noch weiter eingegangen wird.

2.2 Der Alkoholkonsum in Deutschland

Der Alkoholverbrauch wird allgemein in Pro-Kopf-Verbrauch an Liter rei- nem Alkohol pro Jahr angegeben15. Seit 1950 ist der Verbrauch alkoholi- scher Getränke um über das Dreifache gestiegen, von 3,3 Liter reinen Al- kohol 1950 auf 10,9 Liter 1996.16 Die World Health Organization (WHO) nennt als Grenzwert für einen gesundheitsgefährdenden Konsum eine täg- liche Alkoholmenge von 20g für Frauen und 40g für Männer.17 Untersu- chungen, die davon ausgehen, daß Männer ungefähr zweieinhalbmal mehr Alkohol trinken als Frauen ergaben einen täglichen Alkoholkonsum von rund 42g Alkohol bei Männern und 17g bei Frauen.18 In der Berech- nung sind ebenfalls abstinent Lebenden, sowie „Wenig-Trinker“ enthalten, dadurch „...dürfte eine wesentlicher Teil der Bevölkerung bereits über der kritischen Grenze hinsichtlich des Alkoholkonsums liegen.“19 Nach neues- ten repräsentativen Erhebungen bei der erwachsenen Wohnbevölkerung konsumieren täglich 17,8 % der Männer im Alter von 18 bis 59 Jahren mehr als 40g reinen Alkohol und 10,5 % der Frauen mehr als 20 g reinen Alkohol.20 Wenn auch der Pro-Kopf-Verbrauch mit knapp 11 Litern 1996 etwas geringer ist als in den 80iger Jahren (da lag er bei durchschnitt-lich12 Litern), nimmt Deutschland im Weltmaßstab immerhin Platz 8 ein. Beim Bierkonsum liegt Deutschland mit 137,7 Litern pro Kopf und Jahr sogar auf Platz 3 der Weltrangliste, nach Tschechien und Irland.21

Der Alkoholkonsum der Bevölkerung hat sich in den letzten 20 Jahren kaum geändert. Daher bleibt zu erwarten, daß er sich auch in den nächs- ten Jahren nicht bedeutend ändern wird. Diese Behauptung fußt auf der Untersuchung, daß der Kauf und Konsum von Alkohol in erster Linie vom Preis abhängt. Alkoholische Getränke besitzen eine erhebliche Preiselas- tizität, was bedeutet, daß im allgemeinen bei niedrigen Preisen mehr, bei höheren Preisen weniger gekauft wird.22 Insgesamt gesehen hat sich das Preisniveau für Alkoholgetränke im Vergleich zu den Lebenshaltungskos- ten in den letzten Jahren sogar relativ verbilligt.23 Da für das Jahr 1998 bisher keine Preis- oder Steuererhöhungen für den Alkoholmarkt ange- kündigt sind, ist auch mit keinem erheblichen Rückgang, ausgenommen der konjunkturell bedingten Nachfrageschwäche, des Alkoholverbrauchs zu rechnen. Allerdings ist ein leichter Abwärtstrend (11,4 Liter reiner Alko- hol 1994 auf 10,9 Liter 1996) zu beobachten und nicht zu vernachlässigen. Dies könnte seine Ursachen vor allem in einem Wertewandel, insbesonde- re der Wellness- und Fitnessbewegung, der Gesellschaft haben, das zeigt sich besonders daran, daß der Wein-, Bier- und Spirituosenverbrauch seit 1993 rückläufig ist und ein Trend zu alkoholfreien Getränken zu beobach- ten ist.24 Ob das Tabakwerbeverbot ein Alkoholwerbeverbot nach sich zie- hen und sich auf den Alkoholkonsum auswirken wird, bleibt abzuwarten.25

2.3 Alkoholmißbrauch, Alkoholabhängigkeit, Alkoholismus und ihre Ursachen

Die Zahlen des Alkoholverbrauchs und Alkoholmißbrauchs (über 20g bzw. 40g reinen Alkohol pro Tag) sprechen für sich und doch stellt sich damit die Frage nach dem „Warum?“. Warum wird soviel Alkohol getrunken? Warum soll das gefährlich sein, wenn die meisten Menschen (97%) davon nicht abhängig werden? Warum sind 3% der Bevölkerung so wichtig, daß ihnen Konferenzen, Bücher, Beratungsstellen und Forschungen gewidmet werden? Dafür sind zunächst begriffliche Erklärungen und Abgrenzungen erforderlich.

Unter Alkoholmißbrauch versteht man „...ein gegenüber den jeweiligen soziokulturellen Normen überhöhten Konsum von Alkohol“26 (siehe Emp- fehlungen der WHO). Ein Alkoholmißbrauch kann aber auch dann vorlie- gen, wenn er bei unpassenden Gelegenheiten (z.B. im Straßenverkehr) getrunken wird, wenn regelmäßig eine größere Menge Alkohol konsumiert wird (z.B. wegen der bewußt erwarteten Wirkung), oder wenn man durch das Trinken von Alkohol sich selbst oder andere körperlich, seelisch oder sozial schädigt.27

Zur Erklärung von Alkoholabhängigkeit empfiehlt die WHO den Begriff „Abhängigkeit“ in Abgrenzung zum mehrdeutigen Begriff der „Sucht“28 und die Unterscheidung zwischen psychischer und physischer Abhängigkeit. Die psychische (seelische) Abhängigkeit zeigt sich in einem unwiderstehli- chen Verlangen nach einer weiteren Drogeneinnahme, entweder um Un- lust zu vermeiden oder Lust zu erzeugen. Die physische (körperliche) Ab- hängigkeit äußert sich in einer Reihe von Mißempfindungen, die nach Drogenentzug auftreten.29

Das Krankheitskonzept des Alkoholismus, geht auf die Arbeiten des englischen Arztes Trotter (Ende des 18. Jh.) und später auf den amerikanischen Forscher Jellinek zurück, der 1960 Alkoholismus als „jeglichen Gebrauch von alkoholischen Getränken, der dem Individuum oder der Gesellschaft oder beiden Schaden zufügt“ definiert.30 Später nahm Jellinek eine Differenzierung durch eine Einteilung in Alkoholikertypen vor. Zwei charakteristische Merkmale stehen dabei im Vordergrund:

- der Kontrollverlust und
- die Unfähigkeit, sich des Alkohols zu enthalten.

Demnach sind nur diejenigen Trinker krank, bei denen mindestens eines der beiden Elemente vorliegt.31 Dieses Krankheitskonzept wird oft von verschieden Seiten angezweifelt. Verhaltenstherapeuten sehen im Alko- holmißbrauch32 ein erlerntes Fehlverhalten, das wieder „verlernt“ werden kann. Die „Anti-Psychiater“, wie bspw. Szasz33 , sehen im Alkoholismus ei- ne „schlechte Angewohnheit“ und die Soziologen weisen auf die Kranken- rolle und die damit verbundene Enthebung aus seiner Verantwortung hin. In der Praxis der betrieblichen Alkoholprävention hat sich das Krankheits- modell Jellineks bewährt.

Zum besseren Verständnis sollen besonders die Unterschiede zwischen Alkoholmißbrauch und Alkoholabhängigkeit/Alkoholkrankheit noch einmal tabellarisch zusammengefaßt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Vergleich von Alkoholmißbrauch und Alkoholabhängigkeit/Alkoholkrankheit

Die vorliegende Arbeit basiert auf der Annahme Jellineks, daß Alkoholis- mus eine Krankheit ist, bezieht aber verschiedene theoretische Ansätze der Alkoholismusforschung mit ein. Weiterhin werden in der Arbeit die Be- griffe Alkoholabhängigkeit und Alkoholkrankheit, sowie die Begriffe Alko- holabhängiger und Alkoholkranker synonym verwendet, da der Krank- heitsansatz des Alkoholismus eine physische und psychische Abhängig- keit voraussetzt.

Worin liegen aber die Ursachen für den vermehrten Alkoholkonsum und die Zunahme der Alkoholkranken in unserer Gesellschaft?

Die auf den ersten Blick plausibel erscheinende Aussage: „Ohne Alkohol kein Alkoholismus“ entspringt einer Milchmädchenrechnung und verfehlt die Wahrheit, denn nicht alle Alkoholkonsumenten werden abhängig. Al- kohol gehört inzwischen zu unserer Gesellschaft und Kultur und ist aus dieser nicht mehr wegzudenken. Bei der Ursachenforschung muß zwi- schen Ursachen für vermehrten Alkoholkonsum und Ursachen der Al- koholkrankheit differenziert werden. Im ersten Fall wird nach Gründen gefragt, die zu veränderten Wertsystemen, Verhaltensweisen und damit zu veränderten Trinksitten führen. Diese sind in erster Linie auf gesellschaftli- che Gründe zurückzuführen. Im zweiten Fall wird nach Ursachen gefragt, die dazu führen, daß der Betroffene nicht mehr in der Lage ist, seinen Al- koholkonsum zu kontrollieren, welches vor allem personenbezogene Gründe hat.35 Der zweite Fall wird durch den ersten Fall bedingt, denn ei- ne Alkoholkrankheit entwickelt sich über mehrere Jahre und unter ver- schiedenen Einflüssen. Keiner wird als Alkoholiker geboren. Es gibt einige neue Ansätze zur Ursachenforschung des Alkoholismus. Der von Schmidt vertretende Ansatz erscheint mir, der am besten nachvollziehbare und der für die betriebliche Alkoholprävention geeignetste zu sein.36 Beim ver- mehrten Alkoholkonsum geht Schmidt davon aus, das zahlreiche Men- schen sich in der immer schneller verändernden Welt nicht mehr zurecht- finden. Das bedeutet, sie kommen mit den Grenzen ihrer Fähigkeiten, den sich ständig wandelnden Sitten und Normen der Gesellschaft und der Er- lebnisüberflutung und -verarbeitung nicht mehr klar. Es kommt zu einer Diskrepanz zwischen unserem Ich und unserer Umwelt. Während die Ver- schmutzung der Umwelt inzwischen erkannt und schon einiges dagegen unternommen wurde, wird die Verschmutzung der Innenwelt nicht erkannt. Mit dem aus der Glaubenslosigkeit eintretenden Verlust der Verantwortung vor Gott oder einer übergeordneten Kraft, scheint auch der Sinn für die Verantwortlichkeit gegenüber seinen Mitmenschen und gegenüber sich selbst verloren gegangen zu sein, so Schmidt. Die Schriftstellerin Mar- guerithe Duras hat denselben Sachverhalt unübertrefflich formuliert:

„ Es fehlt einem ein Gott. Diese Idee, die man eines Tages als Heran- wachsender entdeckt, l äß t sich durch nichts verdrängen. Der Alkohol ist erschaffen worden, damit man die Leere des Universums ertragen kann, die Bewegung der Planeten, ihre unerschütterliche Rotation im Raum, ihre stille Gleichgültigkeit am Ort unseres Schmerzes. “ 37

Auch Bateson ist der Meinung, daß der zukünftige Alkoholiker mit sich selbst und mit der Welt uneins ist.38 Diese Überlegungen sind in dem Sin- ne nachvollziehbar, daß auch in Betrieben und Unternehmen darauf zu- rückgegangen wird, den einzelnen Menschen wieder mehr Verantwortung zu übergeben, um die Produktivität zu steigern. Durch den Verlust der Verantwortung sind für viele Menschen bisher gültige Maßstäbe, Werte und Sinngebungen verlorengegangen Sätze wie: „Ist doch egal was ich mache, interessiert ja sowieso niemanden,“ hört man immer öfter, was auf eine Sinnlosigkeit des eigenen Lebens und eine Schwierigkeit der Frei- zeitbewältigung schließen läßt. In diesen Situationen entdecken viele Menschen die erleichternde, entspannende und ausgleichende Wirkung des Alkohols und damit der Möglichkeit, der Wirklichkeit für eine Weile zu entfliehen. Nach einer Repräsentativbefragung der Bundeszentrale für ge- sundheitliche Aufklärung (BZGA) sind die Aussagen: „Alkohol macht das Gefühl von Einsamkeit und Unverstandensein erträglicher“, „Alkohol stärkt das Selbstvertrauen“ und „Alkohol vertreibt die Langeweile“ die mit am häufigsten genannten Alkoholkonsummotive.39 In unserer alkoholpermissi- ven Gesellschaft sind alkoholische Getränke immer in Griffnähe und der Konsum fällt nicht sonderlich auf. Im Gegenteil ist es eher schwer, absti- nentes Leben zu erklären. Auch am Arbeitsplatz wird Alkohol immer mehr zum normalen Begleiter. So konsumieren bereits 52% der Erwerbstätigen zumindest gelegentlich Alkohol am Arbeitsplatz, 11% trinken täglich oder fast täglich Alkohol am Arbeitsplatz.40

Um mit Hilfe von Präventionsprogrammen erfolgreich gegen den Alkoho- lismus vorgehen zu können, ist es erforderlich, seine Entstehungsbedin-gungen bzw. mögliche Ursachen des Alkoholismus zu kennen. Verschiedene Wissenschaften haben ihre eigenen Ansätze, die hier kurz skizziert werden sollen.41

1. Der psychoanalytische Zugang zum Alkoholismus

Die Psychoanalyse hat sich mit einer verwirrenden Vielzahl von Theorien versucht, dem Phänomen „Sucht“ zu nähern. Alle gehen von einem ideal- typischen frühkindlichen Entwicklungsprozeß aus, der an verschiedenen Stellen seines Verlaufs gestört werden kann. Für den Psychoanalytiker ist nicht der Alkohol das Entscheidende bei der Suchtentstehung, sondern die Persönlichkeitsstruktur des Süchtigen.42 Auch Freud hat sich wiederholt zur Sucht geäußert, ohne über sie eine spezielle Arbeit zu schreiben. Zu- nächst sah er das Trinken als Ersatz für den Sexualakt, als eine Form der Onanie und somit als Mittel zur Lustgewinnung an. Später betonte er die Rolle der Oralität für die Genese des Alkoholismus und schließlich die Be- deutung der Unlustvermeidung durch das Suchtmittel. Auch andere Psy- choanalytiker (u.a. Rost, Rado, Fenichel) gehen u.a. von einem Grund- prinzip der Unlustvermeidung und triebhaften Suche nach oraler Befriedi- gung aus. Sie sprechen von einer oralen Fixierung, behaupten, die Aus- gangspersönlichkeit des Alkoholikers würde Belastungen schwerer ertra- gen und Frustrationen mit gespannt-dysphorischer Verstimmung beant- worten. Für die Entwicklung einer suchtanfälligen Persönlichkeit werden vordergründig Störungen der Mutterbeziehung gesehen.43

2. Der sozialpsychologische Zugang zum Alkoholismus

Das Trinken wird (nach Skinner u. Bandura) als eine soziale Interaktions- und Kommunikationsform definiert, wobei Alkoholismus als eine extreme Entwicklung des normalen Trinkens dargestellt wird. McClelland geht da- von aus, daß das Bedürfnis nach Macht das Hauptmotiv für den Alkoho- lismus ist.44

„ In Gesellschaften mit starkem Alkoholkonsum zeigten Volkserzäh- lungen besonders häufig Beziehungen zu impulsiv ausgelegter Macht. Testuntersuchungen bestätigen die Verstärkung von Macht-phantasien unter Alkoholeinwirkung und den vermehrten Alkoholkon sum bei Männern mit gesteigerten Bedürfnis nach Macht. Durch ge steigerten Alkoholkonsum gelingt es ihnen, das Bedürfnis nach Be herrschung anderer in der Phantasie zu befriedigen. Somit sind nach McClelland exzessive Trinker durch ein ausgeprägtes Bedürfnis nach personalisierter Macht charakterisiert, das sie statt durch andere Al ternativen durch Trinken befriedigen. “ 45

Vor allem gesellschaftliche Trinknormen werden für das Entstehen süchtigen Verhaltens verantwortlich gemacht.

3. Der medizinisch - biologische Zugang zum Alkoholismus

Jellinek, einer der Begründer der Alkoholtheorie, und Biologen wie Olds u. Milner gehen vorwiegend vom physiologischen und genetischen Entste- hen von Alkoholismus aus. Sie beschränken sich auf den Stoff Alkohol und das Alkohol konsumierende Individuum. Sie sprechen von dem be- reits erwähnten Merkmalen des Kontrollverlustes (keine Kontrolle über die konsumierte Alkoholmenge) und der Unfähigkeit, sich dem Alkohol zu ent- halten. Soziale und psychologische Aspekte werden weitgehend außer Acht gelassen.

4. Der lern- und verhaltenstheoretische Zugang zum Alkoholismus

Die Lernpsychologie (u.a. Pawlow u. Hull) fragt nach der Funktion des Al- kohol und den Mechanismen des Suchtprozesses. Sie geht nicht vom Un- bewußten, sondern vom Erkennbaren und Meßbaren aus. Lernpsycholo- gen sprechen von einem Bedürfniszustand, der beendet werden muß. Ein Bedürfnis entsteht durch Veränderungen im Organismus oder Umweltein- flüsse, z.B. Nahrungsentzug und führt zu einem Trieb und zu Triebreizen, einem Muster an innerer Stimulierung. Der Organismus reagiert nach ei- nem S-O-R, einem Stimuli-Organismus-Response -Modell, bzw. nach Skinner nach einem S-R-R, einem Stimuli-Response-Reinforcement- Modell (Reiz-Reaktion-Verstärkung). Lerntheoretisch wird Alkoholismus vorwiegend durch Wegfall negativer Verstärkungsprozesse erklärt.

„ Je häufiger und unmittelbarer nach Alkoholkonsum eine Belohnung durch Minderung oder Wegfall von Hemmungen, Angst, Spannungen, Minderwertigkeitsgefühlen, Langeweile, Unlustgefühlen und auch Entzugssymptomen erlebt wird, um so mehr wird Alkoholtrinken kon-ditioniert, wenn keine anderen Alternativen zur Verfügung stehen o- der gesehen werden. “ 46

Für sie ist Alkoholabhängigkeit keine Krankheit, sondern ein erlernbares Verhalten, das den Lerngesetzen unterliegt und von Lebens- und Soziali- sationsbedingungen mitbestimmt wird. Wird das Trinken allerdings exzes- siv betrieben, wird es zum Problem und somit auch für die Lerntheoretiker zur Krankheit.

5. Der transaktionsanalytische Zugang zum Alkoholismus

Berne beschrieb Alkoholismus als psychologisches Spiel mit „Verfolgern (Nörgler, z.B. die Ehefrau)“, „Rettern (z.B. der Hausarzt), „Stummen Hel- fern (z.B. Besitzer der Imbißstube, der den Kredit einräumt oder die Mut- ter, die mit Geld aushilft)“ und „Verbindungsmann (Versorgungsquelle, z.B. Wirt, Barmixer)“.47 Er verstand unter Spielen komplexe Verhaltensweisen, die genutzt werden, um Realitäten zu umgehen oder ihnen zu entfliehen, Forderungen auszuweichen, Verantwortung und Intimität zu meiden und eigene in der Regel in der Kindheit bezogene Positionen zu bestätigen. Dieser Ansatz ist deshalb so interessant, weil er das soziale Umfeld direkt in das Spiel mit einbezieht, d.h. jeder hat seine zugewiesene Rolle (in der Alkoholismustherapie wird hier auch von Co-Alkoholikern gesprochen).

Für die Entstehung der Alkoholabhängigkeit sind nach heutiger Erkennt- nis, darüber herrscht in der Literatur weitgehend Übereinstimmung, Ursa- chenbündel aus körperlichen, seelischen, sozialen und spirituellen Berei- chen verantwortlich.48 Ein Zusammenspiel von verschiedenen Alkoho- lismustheorien erklärt die Sucht. Auch ich bin der Meinung, daß man die Ursachen der Alkoholabhängigkeit nur erklären kann, wenn man alle Theorien berücksichtigt, denn sie alle liefern verschiedene Sichtweisen, die durch ihre Komplexität wertvolle Ansätze geben. Allerdings möchte ich an dieser Stelle schon einmal darauf hinweisen, daß die Ursachenfor- schung zwar einige interessante Ansätze für die betriebliche Alkoholprä- vention bietet, daß die Gesundheitsförderung jedoch eher davon ausgeht, die gesunderhaltenden Faktoren, weniger die krankmachenden Faktoren zu untersuchen.49

2.4 Alkoholismus - zwischen Krankheit und sozialem Problem

Durch die Anerkennung des Alkoholismus als Krankheit50 wurde der Alko- holkranke theoretisch vom Makel Asozialität befreit. Es ist jedoch zu be- zweifeln, ob dadurch die Bekämpfung des Alkoholismus beschleunigt wird. Dieses Modell hat jedoch entscheidend dazu beigetragen, die Behandlung der Alkoholfolgekrankheiten voranzutreiben. Mit Leberzirrhosen, Kor- sakow-Syndromen mit Gedächtnis- und Sprachstörungen, Konfabulatio- nen und gestörter Orientierung hat Alkoholismus zweifelsohne eine medi- zinische Dimension.51 Lundquist bringt es auf den Punkt: „Ein Mensch, der Alkohol mißbraucht, braucht keineswegs krank zu sein, aber trinkt er ge- nügend, so wird er krank.“52 Häufig wird ein Übergang von gelegentlichem Alkoholkonsum zum Alkoholmißbrauch und zur Alkoholabhängigkeit beo- bachtet.53 Das bedeutet, daß neben einer medizinisch-biologischen Dispo- sition auch der soziale und psychische Bereich eine Rolle spielt. Hier liegt eine Gefahr für die Behandlung durch die Einseitigkeit der verschiedenen Wissenschaften. Während die medizinische Betrachtung einzelfallbezogen ist und die Erkrankung des Individuums nicht der Gesellschaft angelastet wird, beziehen sich die Soziologen ausschließlich auf ein soziales Prob- lem, das sich wiederum nicht als Einzelfall behandeln bzw. kurieren läßt.54 Wie schon in Kapitel 2.3 beschrieben, spielen beim Alkoholismus viele Faktoren zusammen. Darin liegt die Schwierigkeit, das Problem allgemein verständlich zu beschreiben und zu kommunizieren. Für den Fall der be- trieblichen Alkoholprävention würde das überspitzt bedeuten: Wird Alkoho- lismus als Krankheit verstanden, liegt es am Einzelfall der Person und Be- triebsleitung sowie Mitarbeiter können nichts dagegen tun. Liegt die Ursa- che allerdings auch im sozialen Umfeld, ist die Arbeitsstelle mit einbezo- gen und dem Betrieb kommt sehr wohl eine Aufgabe zu. Da allein der fi- nanzielle Schaden, den der Betrieb durch den Alkoholismus erleidet, im- mens hoch ist, ist den meisten Betrieben inzwischen klar, daß sie etwas unternehmen müssen. Um zu wissen, was, wann und wie etwas getan werden muß, müssen u.a. Ursachen und Entstehung des Alkoholismus geklärt werden.

Trinksitten wachsen historisch, viele wandeln sich, andere ritualisieren sich. Nach der Überlieferung mußte schon Jesus von Nazareth bei der Hochzeit zu Kana55 durch ein Wunder aushelfen, indem er Wasser zu Wein verwandelte, damit der Durst der Gäste gestillt werden konnte. In unserer Gesellschaft sind wir von Wundern nicht mehr abhängig, Alkohol ist immer in Griffnähe und bestimmte Anlässe sind automatisch mit Alko- hol verbunden. Beim Toast auf die Geburt des Kindes, auf das Brautpaar, zum Jahreswechsel, zum Einstand oder Ausstand würde wohl keiner die Wasser- oder Saftgläser heben. Alkohol ist ein lebenslanger Begleiter und die unerschöpflichen Anlässe von Trinksitten lassen Alkohol zum Ritual werden. Das Trinken ist ein sozialer Akt, Alkohol ein kulturelles Objekt, ei- ne legale und sozial integrierte Droge. Alkohol und vermehrter Alkohol- konsum hat in unserer Permissivkultur56 einen positiven sozialen Wert. Der gesteigerte Alkoholkonsum wird verniedlicht und das damit verbunde- ne Alkoholproblem unterschätzt. Diese positive Einstellung zieht sich durch alle Schichten.57 Alkohol ist so teilweise zur ritualisierten Verpflich- tung geworden, der man sich nur schwer und mit negativer Verhaltens- sanktionierung entziehen kann. Abstinenz von Alkohol wird bereits leicht negativ sanktioniert.58 Oft wird es sogar als Beleidigung angesehen, wenn einer das Mittrinken oder die Einladung zum Trinken verweigert. Untersu- chungen ergaben, daß 83 % der befragten Personen es für außergewöhn- lich halten, wenn in geselliger Runde der Genuß von Alkohol abgelehnt wird.59 Andere Untersuchungen zeigten, daß 51 % der Befragten jeman- den, der „auf einer Geselligkeit nichts Alkoholisches trinkt, obwohl er es durchaus vertragen könnte, als etwas komisch und deshalb störend emp- fanden.60 Der Konsum von Alkohol unterliegt sehr deutlich einem Konfor- mitätsdruck, der in bestimmten Altersgruppen, besonders unter Jugendli- chen und jungen Erwachsenen, und in bestimmten Berufsgruppen, wie dem Bau- und Brauereigewerbe, besonders ausgeprägt ist, aber letztend- lich alle sozialen Schichten durchzieht. Außer der Geselligkeit und des „dazu-gehören-wollens“ werden dem Alkohol aber noch andere Eigen- schaften zugeschrieben. Eine Saarbrücker Untersuchung ergab, daß ne- ben negativen ein großes Maß an positiven Wertverknüpfungen mit dem Alkoholkonsum verbunden werden.61 Wichtige Zuschreibungen dabei sind Befreiung von Müdigkeit, Spannungen, Apathie und Isolationsgefühlen, die Hebung der Stimmung, der Abbau von Distanz, die Förderung von sozialer Nähe, Geselligkeit und Vertrautheit. Bei der konnotativen Befragung nach assoziierten Eigenschaften des Alkohol, lagen bei 80 % der Befragten die Eigenschaften offen, gesellig, spaßig und gefühlvoll an erster Stelle. Das ist nicht verwunderlich, kennt doch jeder die Sätze wie: „Jetzt trink ich erst einmal ein Schlückchen und dann kann ich auch reden.“ oder „Nachdem der etwas getrunken hatte, kam er endlich mal aus sich heraus.“ Das sind nun einmal einige der geliebten und erwarteten Eigenschaften des Alko- hols. Es gibt aber auch eine Vielzahl von negativen Eigenschaften, die theoretisch genauso bekannt sind. In der Saarbrücker Untersuchung wur- den als negative Eigenschaften vor allem gefährlich, leichtsinnig, krank, schwach, verschwenderisch und stur assoziiert. Bei einer genaueren Un- tersuchung ließe sich meines Erachtens feststellen, daß Alkoholkonsum genau so viele positive wie negative Eigenschaften besitzt. Mehr noch, man würde sicher zu dem Ergebnis kommen, daß die Eigenschaften, die als Grund für das Trinken angegeben würden genau so gegen das Trinken sprechen. Bsp.: So wie Alkohol zum Abbau von Distanzen führt, so führt er auch zum Aufbau von ihnen. So wie er die Befreiung von Isolationsgefüh- len fördert, so führt er auch zur Isolation usw. Diese Theorie ist nicht be- wiesen, doch es ist davon auszugehen, daß Alkoholkonsum auf andere (nüchterne) Personen einen eher abstoßenden Charakter hat und daß die hier genannten positiven Eigenschaften von den anderen nur als solche empfunden werden können, wenn sie sich selber auf dem gleichen „Ni- veau“ befinden. Nicht selten hört man den Satz: „Warte mal einen Mo- ment, ich muß erst mal aufholen, um mit Dir mithalten zu können.“ Was nichts anders bedeutet als bspw.: „In meinem momentanen (nüchternen) Zustand verstehe ich weder Deine Witze noch akzeptiere ich deine Annä- herungsversuche.“ Es wird deutlich, daß immer verschiedene Gründe, An- lässe und Erklärungen für das Trinken von Alkohol gefunden werden Die- ser Prozeß kann nicht verhindert werden. Es kommt nicht darauf an, diese Gründe zu hinterfragen, sondern Alternativen anzubieten und eine Unter- nehmenskultur zu schaffen, die auf eine Kommunikation setzt, die Spiel- räume und Meinungsfreiheiten für alle Mitarbeiter schafft. Alkoholismus wird man damit nicht beseitigen können, der Weg dahin wird um einiges schwieriger sein.

„ Jeder sieht das ich betrunken bin, aber keiner das ich krank bin. “ 62

Die Öffentlichkeit hat ihr eigenes Bild von der Sucht, demnach sind Süchtige Randgruppen, Versager und leben auf Kosten der Gemeinschaft.63 Diese Meinung ist in der Bevölkerung noch immer weit verbreitet und spielt insbesondere beim Thema betriebliche Alkoholprävention und hier vor allem bei Hilfsangeboten seitens des Betriebes eine wichtige Rolle. Sind es doch neben den Vorgesetzten vor allem die Mitarbeiter, die von Präventionsprogrammen überzeugt werden müssen.

Zwar ist, wie im vorangegangenen Teil beschrieben, Alkohol eine sozial akzeptierte Droge, doch der ständige Mißbrauch oder gar die Alkoholab- hängigkeit finden auf keinen Fall Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Gelegent- liche „Ausrutscher“ sind erlaubt, aber bitte nicht auf jeder Feier und jedem Betriebsfest. Fällt ein Mitarbeiter durch seine ständige Trunkenheit negativ auf, so wird er schnell vom „lustigen Gesellen auf jeder Feier“ zum nicht tolerierten Außenseiter. Für abweichendes Verhalten existieren in unserer Gesellschaft verschiedene Instanzen:

- Polizei und Strafvollzug kontrollieren abweichendes Verhal- ten in Form von Kriminalität,
- Psychiatrische Kliniken kontrollieren abweichendes Verhalten in Form von Irresein, psychisch krank sein usw. und
- Ärzte und Suchtabteilungen kontrollieren abweichendes Ver- halten in Form von Sucht.64

Aus der Vielzahl der Verantwortungsträger ergibt sich auch der Rechtfertigungsgrund für eine Unzuständigkeit der Betriebsleitung.

Doch es gibt nicht nur Negatives aus der Bevölkerung zu berichten. In der schon erwähnten Saarbrücker Befragung sprachen sich mehr als die Hälf- te der Befragten dafür aus, daß Alkoholismus eine Krankheit ist, Alkoholi- kern geholfen werden muß und die Gesundheitsministerien mehr über die Gefahren des Alkoholismus aufklären müßten. Allerdings sind immer noch fast die Hälfte der Befragten davon überzeugt, daß Alkoholiker an ihrem Unglück selber schuld sind. Der Nachteil an quantitativen Befragungen ist, daß nicht konkret auf die einzelnen Meinungen eingegangen werden kann. Deshalb erscheint es nicht sinnvoll, sich zu sehr an diesen Aussagen fest- zuhalten. Sie sollen nur widerspiegeln, daß in der Öffentlichkeit noch im- mer ein sehr diffuses Bild vom Alkoholismus besteht, was dringend der Änderung bzw. der Aufklärung bedarf, wozu auch meine Arbeit beitragen soll.

Es geht nicht darum, Alkohol aus der Welt zu schaffen, sondern darum, einen selbstkritischen Umgang mit Alkohol zu fördern. In der Öffentlichkeit und damit auch in den Betrieben muß es vor allem darum gehen, den Konformitätsdruck zu senken, d.h. die Mitmenschen nicht mehr zum Alko- hol zu nötigen. Hier besteht die Chance zu einer Neudefinierung der Ge- sundheitsförderung. Es soll nicht mehr darum gehen, auf die negativen Folgen des Trinkens aufmerksam zu machen, sondern vielmehr um die Aufwertung des Nicht-Trinkens.

Häufig wird die Auffassung vertreten, das Werbung für alkoholische Ge- tränke den Zustand des Alkoholismus in der Gesellschaft noch ver- schlimmert. Sie propagiert das positive Image der alkoholischen Getränke und kehrt nur die positiven Seiten, wie Geselligkeit und Gemeinschaftsge- fühl, heraus. Für den Anstieg des Alkoholismus ist die Werbeindustrie nicht verantwortlich, denn Untersuchungen und die Geschichte zeigen, daß Alkoholismus auch ohne Werbung entsteht. Natürlich ist eine gewisse Beeinflussung der Bevölkerung nicht auszuschließen und eine Stereoty- penbildung (bspw. besondere Männlichkeit) genauso klar erkennbar, wie die Außenseiterrolle, in die man bei Nicht-Konsum geschoben wird.65 Doch das gleiche würde für das schlechte Gewissen der Mutter, die ihre Kinder nicht mit „Fruchtzwergen“ und „Kindermilchschnitten“ füttert, eben- so gelten wie für Diabetiker, die sich die „Coppenrath und Wiese-Torten“ ansehen müssen. Es sind die Methoden der Werbung und Werbung ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Wichtig wäre allerdings der Hinweis auf die möglichen Schädigungen und Abhängigkeiten bei Alkohol- konsum (besonders in der Schwangerschaft, sowie bei Kindern und Ju- gendlichen) und dem frühzeitigen Erstkonsum Jugendlicher entgegenzu- wirken. Dadurch wäre auf die gefährliche Wirkung von Alkohol hingewie- sen und der Zuschauer/Zuhörer würde aus seiner Unmündigkeit befreit werden. Weiterhin sollte auf Werbung, welche die Menge und Häufigkeit des Konsums alkoholhaltiger Getränke propagiert, verzichtet werden. Statt nur auf die Werbung zu schimpfen und sie für alles verantwortlich zu ma- chen, sollte sie lieber für Gegenkampagnen genutzt werden. Bei den volkswirtschaftlichen Kosten, die Alkohol und Alkoholtherapien verursa- chen, sollte sich doch eine Lobby finden lassen.

Neben den bereits erwähnten körperlichen Schäden (siehe Kapitel 2.4), die Alkoholkonsumenten bei längerem Alkoholkonsum erleiden, gibt es noch eine ganze Reihe weiterer körperlicher Folgekrankheiten. Diese sollen aber kein weiterer Bestandteil dieser Arbeit sein.66 Vielmehr soll an dieser Stelle auf Schäden durch Alkoholkonsum im sozialen und volkswirtschaftlichen Bereich eingegangen werden.

In einem sozialen System erfüllt jedes Individuum eine bestimmte Aufgabe und Funktion. Einzelhandlungen greifen so ineinander, daß eine Stabilität der Verhältnisse gewährleistet ist. In einem Betrieb hat jeder Mitarbeiter seine ihm zugeteilte Arbeit, so das ein Betriebszweck erfüllt werden kann.

67 Parallelen finden sich in Familienstrukturen, in denen jedes Mitglied eine bestimmte Rolle und Funktion übernimmt.

Durch abhängigen aber auch schon durch mißbräuchlichen Alkoholkon- sum können diese Rollen und Funktionen nicht mehr vollständig wahrge- nommen werden. Es kommt zu Funktionsstörungen im sozialen Sys- tem und das unmittelbare Umfeld des Alkoholkranken wird meistens in das Krankheitsgeschehen mit einbezogen. Partner, Kinder und Angehöri- ge, aber auch Vorgesetzte und Arbeitskollegen verändern ihr Verhalten gegenüber dem Alkoholkranken, verheimlichen, bagatellisieren, werden verunsichert, aggressiv, drohen und entschuldigen immer wieder. Schmidt spricht hier genauso wie beim Alkoholkranken von einem „Rückfall“, da bspw. Drohungen nicht verwirklicht werden und sich u.a. Vorgesetzte im- mer wieder davon überzeugen lassen, daß es jetzt besser wird.68 Das fol- gende Schema von Wilke/Ziegler soll diesen Zusammenhang zwischen Alkoholabhängigkeit und sozialem Umfeld etwas deutlicher machen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Soziales Umfeld und Alkoholabhängigkeit69

Neben Schäden, die vor allem den Betroffenen selbst betreffen, richtet Al- koholismus und mißbräuchlicher Alkoholkonsum einen erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden an. Die genauen Kosten lassen sich schwer quantifizieren, doch allgemein geht man von bestimmten Indikato- ren (Todesfälle, Fehlzeiten im Betrieb, Betriebsunfälle und Krankmeldun- gen) aus, die in eine indirekte Berechnung eingehen.70 Die Erfahrungen zeigen, daß Alkoholkranke 16-mal häufiger am Arbeitsplatz fehlen, 3-5- mal häufiger in Betriebsunfälle verwickelt werden und 2,5-mal häufiger er- kranken als Nicht-Alkoholiker. Davon ausgehend rechnet man mit Kosten von 150.000 bis 180.000 DM auf 1000 Beschäftigte pro Jahr. Bühringer und Simon schätzten für das Jahr 1990 für die Bundesrepublik einen volkswirtschaftlichen Aufwand von 80 Milliarden Mark.71 Diese giganti- schen Kosten können auch von den Kritikern nicht übersehen werden, die davon ausgehen, daß sich aus der Produktion und dem Handel mit Alko- hol Einkommens- und Beschäftigungseffekte für die Volkswirtschaft ergeben.72 Außerdem stehen dem Aufwand von rund 80 Milliarden DM nur rund 8 Milliarden Mark aus alkoholbezogenen Steuern gegenüber.73

Neben diesen hohen volkswirtschaftlichen Kosten entstehen durch Alko- holismus auch erhebliche betriebswirtschaftliche Kosten. Nach zahlreichen Untersuchungen kann man davon ausgehen, daß alkoholkranke im Ver- gleich zu nicht-alkoholkranken Mitarbeitern etwa doppelt so hohe be- triebswirtschaftliche Kosten verursachen.74 Dabei wird u.a. von Kosten durch verminderte Leistung, Fehlleistungen, Arbeitsunfälle und erhöhte Krankenstände ausgegangen. Bei der Berechnung der verursachten Kos- ten durch verminderte Leistung wird davon ausgegangen, daß ein Alko- holkranker nur etwa 75 % der Leistung bei vollem Lohn erbringt.75

2.5 Alkohol und Arbeit

Rund 5 % der Erwerbstätigen in den bundesdeutschen Betrieben gelten als alkoholkrank, weitere 10 % als gefährdet.76 Das bedeutet, daß auch am Arbeitsplatz mit schwerwiegenden Folgen bei Alkoholmißbrauch und Alkoholabhängigkeit zu rechnen ist. Arbeitsun- und ausfälle, Abnahme der Qualität der Arbeit und verminderte Leistung führen zu erheblichen wirt- schaftlichen Belastungen in der Arbeitswelt aber auch zur Verschlechte- rung des Arbeitsklimas und der Beziehung unter den Mitarbeitern.77 Die Folge ist eine Verschlechterung der gesamten Unternehmenskultur. Auf der anderen Seite scheint Alkohol auch zur Verbesserung der Unterneh- menskultur beizutragen, er ist aus den Betrieben kaum noch wegzuden- ken. Alkohol gehört einfach zu fast allen feierlichen Gelegenheiten im Be- trieb. Er ist immer in Griffnähe, fester Bestandteil jeder Betriebsfeier, jedes Ein- oder Ausstandes, ein Aufmunterungstropfen, ein Erfolgstropfen usw. Es würden sich noch mehr Möglichkeiten finden lassen, die zeigen, daß Alkohol genauso ins Arbeits- wie ins Freizeitleben gehört. Die positiv er- lebten Eigenschaften des Alkohols (siehe Kapitel 2.4) machen sich vor al- lem auch Führungskräfte gern zu Nutzen, denn mit einer Flasche Sekt ließ sich schon so mancher Mitarbeiter motivieren und so manche Gunst gewinnen. Da man davon ausgeht, daß rund 95 % der Erwerbstätigen auch kontrolliert mit Alkohol umgehen können, stellt sich die Frage, ob diese Angewohnheit wirklich aufgeben werden muß. Bei dieser Frage geht es vor allem um den Konformitätsdruck, nicht um die allgemeine Frage nach dem Ja oder Nein.

Merkmale, die auf eine Erkrankung an Alkoholismus hinweisen, sind schwer und nicht eindeutig zu diagnostizieren, denn obwohl eine über 30jährige Erfahrung mit der Krankheit vorliegt, sind die Ursachen noch immer nicht hinreichend geklärt. Das bedeutet, Alkoholismus kann nicht wie bspw. eine Infektionskrankheit an bestimmten Symptomen erkannt werden. In vielen Büchern und Ratgebern zum Thema Alkoholismus78 werden dennoch Symptome und Anzeichen für eine Alkoholabhängigkeit beschrieben. Sie dienen dazu, das Erkennen von Alkoholismus im Betrieb zu erleichtern und die Unsicherheit bei Vorgesetzten („Ist Mitarbeiter XY nun Alkoholabhängig oder nicht“) zu mindern. Die vorliegende Arbeit nimmt Abstand von diesen Symptombeschreibungen, denn bei Anzeichen wie häufige Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, Konzentrationsschwäche, mangelndem Durchhaltevermögen und Selbstüberschätzung läßt sich auch auf verschiedene andere psychische wie physische Erkrankungen schließen. Es handelt sich um wenig suchtspezifische Symptome und das Mißbrauchpotential liegt somit sehr hoch. Selbst bei Symptomen wie Vor- ratshaltung von Alkohol, Erfinden von Alibis für den Alkoholkonsum oder Präsenz bei allen Gelegenheiten, zu denen Alkohol getrunken wird, lassen nicht unabdingbar auf eine vorliegende Alkoholkrankheit schließen. Auch wenn die Autoren dieser Alkoholabhängigkeitsanzeichen betonen, daß es sich nicht um einen eindeutigen Diagnoseschlüssel handelt, so bin ich der Ansicht, daß solche Beschreibungen die Unsicherheit bei Mitarbeitern und Vorgesetzten eher verstärken, und das wachsende Mißtrauen eher zur Verschlechterung als zur Verbesserung der Unternehmenskultur beitragen würde.

Alkoholismus ist eine Krankheit, die sich über einen sehr langen Zeitraum entwickelt und genauso spiegelt sie sich auch in verschiedenen Entwick- lungsphasen im Betrieb wider. Zur Verdeutlichung der Entwicklung des Al- koholismus im Betrieb soll hier die Arbeit von Helmut Mühlbauer kurz vor- gestellt werden, der die Entwicklungsphasen des Alkoholikers im Betrieb beschreibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Entwicklungsphasen des Alkoholikers im Betrieb 79

Das Erkennen dieser Entwicklungsphasen schafft ein genaueres Bild für die Einbindung in die betrieblichen Suchtprävention, setzt jedoch eine lange Beobachtungszeit und eine Sensibilisierung für das Problem Alkoholismus im Betrieb voraus.

Der Begriff der Co-Abhängigkeit80 stammt aus dem Bereich der Familien- therapie, die auch das Umfeld des Erkrankten in die Behandlung mitein- bezieht. Schon vor der Einführung des Begriffes des Co-Abhängigen sprach man von Mitspielern bei der Suchterkrankung.81 Kellermann (1968) nennt bspw. folgende beteiligten Personengruppen: „die Hilfreichen (Seelsorger, Ärzte, Anwälte, Fürsorger), die Leidtragenden (Chef, Arbeit- geber, Vorarbeiter, Aufseher, militärische Vorgesetzte, Geschäftspartner und Kollegen) und als dritte Personengruppe Ehefrauen, Eltern und Fami- lienangehörige.“82 Alle vermeidlichen Helfer werden dabei schnell zum Komplizen des Alkoholkranken. Pursh drückt es folgendermaßen aus:

„ Ich mußte lernen, daßneben Rauschmitteln du und ich als helfende Komplizen (Enabler) das gr öß te Problem der Abhängigen sind. Weil wir sie nicht verstehen, schaden wir ihnen oft mehr als wir nützen, und das in allerbester Absicht. “ 83

Auch am Arbeitsplatz gibt es Co-Abhängige, die eigentlich helfen wollen aber das Gegenteil erreichen, oder die Folgen des Fehlverhaltens von Kol- legen beseitigen und decken, um kein Aufsehen zu erregen. Dazu folgen- des Beispiel:

„ Bei der Suche eines Aktenvermerks im Zimmer seiner Sekretärin entdeckt der Vorgesetzte hinter einem Ordner eine angebrochene Flasche Kognak. Von Zeit zu Zeit ist ihm bei seiner Mitarbeiterin eine leichte Alkoholfahne bereits aufgefallen. Er stellt den Ordner wieder an seinen Platz. Führt er kein Gesprächüber seinen Verdacht mögli- cher Alkoholprobleme mit seiner Sekretärin, ist er „ Co-Alkoholiker “ . Diese Rolle würde er schon dadurch verweigern, daßer den Ordner nicht mehr an seinen Platz zurückstellt. Der Sekretärin wird dadurch klar, daßjemand nicht bereit ist, den offensichtlichen Gebrauch von Alkohol während der Dienstzeit zuzudecken. “ 84

Dieses Beispiel zeigt, daß man schnell zum Co-Abhängigen werden kann und das es sehr schwer wird, diese Abhängigkeit zu durchbrechen. Der Arzt und Psychologe Hambrecht unterscheidet vier Arten der Komplizen- schaft:

- Den „mütterlichen Co“, der den Symptomträger umhegt und in Sorge für ihn aufgeht, denn er hält ihn für schwach und schutzbedürftig gegenüber der „bösen Welt“.
- Der „väterliche Co“ übernimmt die Aufgaben und Pflichten für den Partner, weil er ihn für unfähig hält, selbst Verantwortung zu übernehmen; er will den Partner verändern, ihn belehren und als Vorbild auf ihn einwirken.
- Der „kumpelhafte Gott“ drückt ein Auge zu, macht um der Freundschaft und des lieben Friedens willen alles mit; von ihm kommen allenfalls aufmunternde und beruhigende Flos- keln.
- Der „berufliche Co“ schließlich will sozial sein und fühlt sich in seiner Berufsrolle - vor allem im Gesundheits- oder Sozial- bereich - verpflichtet.

Alle diese beschriebenen Cos sind auch in der Arbeitswelt der Betroffenen zu finden und sie verhindern, daß der Alkoholabhängige seine Realität wahrnimmt und Konsequenzen zieht, die seine Gesundheit und sein Le- ben retten.

[...]


1 Vgl. u.a. Beger/Gärtner/Mathes 1989, S. 143 ff. und Hasitschka 1994, der als Krise die Exis- tenzgefährdung eines Unternehmens bedingt durch nicht erreichen bestimmter Zielwerte (z.B. Gewinn, Liquidität) versteht, sowie Zentes 1996, S. 211 f., der zwischen intra- und interinstituti- onellen Konflikten unterscheidet.

2 Vgl. Junge 1993. Ich bin von einer Bevölkerungszahl von 81 Mio. und einer Erwerbstätigenzahl von 36 Mio. ausgegangen. (vgl. Statistisches Bundesamt).

3 Vgl. Rummel 1995.

4 Vgl. Wünschmann 1992.

5 Die Ausfallzeiten bei Mitarbeitern mit Alkoholproblemen sind mindestens doppelt so hoch. 25 % aller Arbeitsunfälle - einschließlich Wegeunfälle - sind alkoholbedingt (vgl. Lenfers, 1993, S. 23). Alkoholkranke erbringen nur 75 % der Leistung bei vollem Lohn (vgl. Springer 1993).

6 Nach Informationen des IBSB verfügen inzwischen etwa 2000 Betriebe in der Bundesrepublik über Präventionsprogramme mit unterschiedlichem Ansatz und unterschiedlicher Reichweite. Im Vergleich hierzu stehen 45.692 Groß- und Mittelständische Berliner Unternehmen (IHK, Stand Februar 1997).

7 Dieser Ansatz wird auch in Referaten von Pegel-Rimpl (1996) und Solinger (1994) deutlich, die von einer „Füllung der Betriebsvereinbarungen mit Leben“ sprechen.

8 Nähere Angaben zu Zielsetzung und Methodik der Interviews sind den entsprechenden Abschnitten des Kapitels 5.1 zu entnehmen.

9 „Enkidu aß Brot, bis er satt wurde, er trank 7 Krüge Bier. Da wurde er entspannt und heiter, er wurde glücklich und sein Gesicht strahlte. Er badete seinen zottigen Leib in Wasser, salbte sich mit Öl - und wurde zum Menschen“.Gilgamesch-Epos, Taf. II, Z. 95-105.

10 Altes Testament, 1. Moses 9.20 ff.

11 Vgl. Schmidt 1997, S. 21 ff.

12 Zitiert nach Feuerlein 1989, S. 62 ff.

13 Als „Griffnähe“ bezeichnet man die Nähe des zur Verfügung stehenden Alkohols.

14 Vgl. Feuerlein 1989, S. 63.

15 Bsp.: 0,2 Liter Bier oder 0,1 Liter Wein/Sekt enthalten 10 g reinen Alkohol.

16 Jahrbuch Sucht ’98, S. 11.

17 Jahrbuch Sucht ’97, S. 17.

18 Jahrbuch Sucht ’98, S. 13. Es wird von Einwohnern ab 15 Jahre ausgegangen.

19 Jahrbuch Sucht ’98, S. 15.

20 Aktionsplan Alkohol, November 1997, S. 4.

21 Jahrbuch Sucht ’98, S. 14 f.

22 Vgl. Jahrbuch Sucht ’97, S.13.

23 Nach Angaben des Statistischen Bundesamt stieg der Lebenshaltungsindex von 1991-1996 um 16,5, bei Bier um 14,1, bei Spirituosen nur um 5,4 und bei Weinen um 6,9.

24 Vgl. Jahrbuch Sucht ’98, S.11.

25 Edgar Jörg (1974) geht in seinem Buch „Alkoholismus und Alkoholwerbung“ davon aus, daß Al- koholismusprobleme auch da entstehen, wo überhaupt keine Werbung betrieben werden kann und darf.(Bsp. ehem. Sowjetunion und DDR). Siehe dazu auch Lindemann (1995), S. 8/23.

26 Feuerlein 1989, S.4.

27 Ebd., S.4.

28 U.a. Krause und Oehme (1992) weisen darauf hin, daß „Sucht“ von „siech“. also krank, nicht von „suchen“ kommt. So wurde es schon im 17.Jh. in seiner heutigen Bedeutung von krankhaftübersteigerter Trieb gebraucht (Grüner, 1992).

29 Vgl. WHO 1974, S. 14.

30 Jellinek 1960, S. 35.

31 Jellinek (1960), S. 41 stellte eine der wichtigsten Orientierungshilfen auf, indem er eine Typolo- giesierung des Alkoholismus vornimmt. Nach Jellinek können vier Typen unterschieden werden, Alpha-, Beta-, Gamma- und Delta-Alkoholismus, denen er später noch einen fünften Typ, den Epsilon-Alkoholismus, hinzufügte. (Dabei zählen Alpha- und Beta-Trinker noch nicht als alko- holabhängig).

32 Das Wort Alkoholismus wird in der Verhaltenstherapie möglichst vermieden.(vgl. Feuerlein, 1984, S. 9).

33 Siehe Szasz 1972.

34 In neueren wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich nach dem DSM III R (revidierte Aus- gabe des Diagnostic and Statistical Manual der American Psychiatric Association) richten, wird nicht mehr zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit unterschieden. Vgl. Feuerlein 1989, S. 6.

35 Vgl. Schmidt 1997, S. 55 f.

36 Ebd., S.57 ff.

37 Zitiert nach Guntern 1992, S.60.

38 Vgl. Bateson 1981.

39 Vgl. BZGA 1990.

40 Vgl. Ziegler 1991, S. 9

41 Diese Übersicht legt kein Wert auf Vollständigkeit, das würde den Rahmen dieser Arbeit spren- gen und ist auch nicht Anlieger dieser, deshalb wurden die für diese Arbeit relevanten Ansätze herausgesucht.

42 Vgl. Lürssen 1974, S. 145.

43 Vgl. Rost 1983, S. 412 (Die Genese der Sucht ließ sich aber aus ödipalen Konflikten nicht be- friedigend ableiten).

44 Vgl. Stein 1985, S.70, Schmidt 1997, S.75.

45 Schmidt 1997, S. 75.

46 Ebd., S. 71.

47 Vgl. Berne 1991, S. 88 ff.

48 Vgl. Schmidt 1997, S. 59.

49 Siehe dazu auch Kapitel 3.6.1

50 1968 wurde Alkoholismus vom Bundessozialgericht als Krankheit anerkannt.

51 Vgl. Feuerlein 1989, S. 106 ff. Hier wurden nicht alle Alkoholfolgekrankheiten aufgeführt.

52 Lundquist 1951, S.373.

53 Vgl. Schmidt 1997, S. 59.

54 Vgl. Stein 1985, S. 35.

55 Johannes Ev. 2.Kapitel Vers 1-12.

56 Siehe Kapitel 2.1.

57 Prokop 1978, S. 74.

58 Vgl. Legnaro 1973, S.403.

59 Vgl. Stein 1985, S. 148.

60 Vgl. Legnaro 1973, S.403.

61 Vgl. Stein 1985, S. 154 ff. In den Monaten November u. Dezember des Jahres 1981 wurde in der Stadt Saarbrücken eine Repräsentativerhebung zur „Erfassung der Trinkgewohnheiten in der saarländischen Bevölkerung“ durchgeführt.

62 Zitiert nach „Sucht und Öffentlichkeit“ 1992.

63 Sucht und Öffentlichkeit 1992, S.7.

64 Vgl. Stein 1985, S.120.

65 Gabriele Mieth (1982) geht in ihrer unveröffentlichten Diplomarbeit zum Thema „Alkoholische Getränke und deren gesellschaftliche Zusammenhänge mit dem Schwerpunkt Werbung“ noch näher auf die Stereotypenbildung in der Werbung und auf den Zusammenhang zwischen Alko- hol und Werbung ein.

66 Hinweise und Erläuterungen zu Folgekrankheiten sind bei Feuerlein 1989, S.106 ff. nachzule- sen

67 Vgl. dazu auch Bahrdt 1994, S.117.

68 Vgl. Schmidt 1997, S. 164 f.

69 Wilke/Ziegler 1984, S. 14.

70 Vgl. Springer 1993, S. 5.

71 Ders. und Bühringer, Simon 1992, S.156-162.

72 Vgl. Meise 1993, S. 284 f. und Leu 1990, der davon ausgeht, daß durch die Erhebung von Steuern die Gesellschaft als Ganzes nicht reicher wird und ein großer Teil der alkoholischen Getränke importiert wird. D.h. von einem Beschäftigungseffekt kann nicht als ein spezifischer Nutzen gesprochen werden. Die 8 Mrd. Mark aus Steuereinnahmen werden nicht gezielt für Prävention genutzt.

73 Vgl. Jahrbuch Sucht ’98, S. 12.

74 U.a. Feuerlein 1989, S. 152, Winslow 1966, S. 213.

75 Vgl. Springer 1993, S. 6.

76 Vgl. Laußer u.a. 1986.

77 Vgl. Schmidt 1997, S. 169 ff.

78 U.a. Ziegler (Das blaue Wunder), HLS (1993), Lenfers (1993)

79 Mühlbauer (1992), S. 32 ff.

80 In der Literatur wird auch der Begriff Co-Alkoholiker verwendet. Ich verwende den Begriff Co- Abhängiger, weil er die eigene Abhängigkeit vom Alkoholproblem des Anderen besser be- schreibt.

81 Vgl. Appel 1992, S.494 ff.

82 Zitiert nach Appel, 1992, S. 496.

83 Zitiert nach Zocker (1991), S. 122.

84 Mühlbauer, H. (1986), S. 60.

Ende der Leseprobe aus 128 Seiten

Details

Titel
Alkoholprävention als Bestandteil der internen Unternehmenskommunikation
Note
1
Autor
Jahr
1998
Seiten
128
Katalognummer
V185288
ISBN (eBook)
9783656998969
ISBN (Buch)
9783867462242
Dateigröße
1097 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alkoholprävention, bestandteil, unternehmenskommunikation
Arbeit zitieren
Anja Bezocd (Autor), 1998, Alkoholprävention als Bestandteil der internen Unternehmenskommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185288

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