Wege aus der Beschäftigungskrise durch eine Neuverteilung der Arbeit


Diplomarbeit, 1998
82 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Die Krise am Arbeitsmarkt
1.1 Problem- und Fragestellungen
1.2 Ziel der Arbeit und Themaabgrenzung
1.3 Aufbau der Arbeit
1.4 Quellen- und Literaturlage

2. Arbeit im Wandel der Zeit
2.1 Was ist Arbeit?
2.1.1 Unterschiedliche Bewertung identischer Tätigkeiten
2.1.2 Der Stellenwert der Erwerbsarbeit
2.1.3 Wesentliche Eigenschaften von Arbeit
2.2 Erwerbsformen im Umbruch
2.2.1 Der Umbruch in der Statistik
2.2.2 Ursachen des Umbruchs
2.3 Einbeziehung der Ressource Zeit: Mangel an Zeit statt Mangel an Geld
2.4 Arbeitszeit und Arbeitszeitpräferenzen
2.4.1 Gesetzliche Bestimmungen
2.4.2 Geschichtlicher Überblick über die Entwicklung der Arbeitszeit
2.4.3 Arbeitszeitwünsche

3. Neuverteilung der Arbeit durch Arbeitszeitver- kürzung und -flexibilisierung
3.1 Tarifliche Arbeitszeitverkürzung
3.1.1 Generelle Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich
3.1.2 Generelle Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich
3.2 Freiwillige Arbeitszeitverkürzung: Ungenutzte Potentiale bei Teilzeitbeschäftigung
3.2.1 Schwierigkeit einer exakten Abgrenzung
3.2.2 Struktur der Teilzeitarbeit in Deutschland
3.2.3 Teilzeitquoten im internationalen Vergleich
3.2.4 Schätzansätze für die Erhöhung der Teilzeitquote
3.2.5 Bewertung der Schätzansätze
3.3 Formen flexibler Arbeitszeitgestaltung
3.3.1 Modelle zur Flexibilisierung der Arbeitszeit
3.3.2 Telearbeit
3.4 Vor- und Nachteile reduzierter und flexibler Arbeitszeitbudgets

4. Mehr Beschäftigung durch Überstundenabbau
4.1 Geleistete Überstunden in Deutschland
4.1.1 Überstundenarbeit seit 1960
4.1.2 Verteilung des Überstundenvolumens
4.2 Gründe für Überstundenarbeit
4.3 Schätzansätze für einen beschäftigungsorientierten Abbau von Überstunden
4.4 Bewertung der Schätzansätze

5. Aufwertung unbezahlter Arbeit
5.1 Unbezahlte Arbeit der privaten Haushalte
5.2 Ehrenamtliches Engagement
5.2.1 Definition des Begriffs “Ehrenamt”
5.2.2 Ehrenamtliches Engagement im Überblick
5.2.2.1 Verteilung nach ausgewählten Merkmalen
5.2.2.2 Strukturwandel beim Ehrenamt
5.2.3 Entlastung des Arbeitsmarktes durch Erhöhung der Attraktivität von Ehrenämtern
5.2.3.1 Die Idee der Bürgerarbeit
5.2.3.2 Beurteilung der Chancen von Bürgerarbeit
5.3 Modell eines Erziehungsgehaltes
5.3.1 Benachteiligung von Erziehenden
5.3.2 Vorschläge zur Einführung eines Erziehungsgehaltes
5.3.3 Beschäftigungseffekte bei Einführung eines Erziehungs- gehaltes
5.3.4 Kritische Würdigung der Vorschläge

6. Anreize für Arbeitslose zur Aufnahme von Arbeit
6.1 Die Entwicklung des “klassischen” zweiten Arbeitsmarktes
6.2 Eine negative Einkommensteuer
6.2.1 Mangelnder Anreiz zur Arbeitsaufnahme
6.2.2 Das Modell der negativen Einkommensteuer
6.2.3 Einwände gegen die negative Einkommensteuer
6.3 Ein dritter Sektor für Gemeinschaftsaufgaben
6.4 Übernahme von Ehrenämtern
6.4.1 Zeitliche Beschränkung kraft Gesetzes
6.4.2 Geringes Interesse von Arbeitslosen
6.4.3 Qualifizierung durch Ehrenamt
6.4.4 Keine Alternative zum ersten Arbeitsmarkt
6.5 Ausblick auf die zukünftige Eingliederung von Arbeitslosen ins Arbeitsleben

7. Fazit: Plädoyer für ein neues Arbeitsverständnis

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

“Eine Lösung finden wir nur, wenn wir die menschliche Arbeit im Ganzen ins Auge fassen.

Menschliches Leben ist mehr als Wirtschaft.

Und menschliche Arbeit ist mehr als diejenige Arbeit, die am Arbeitsmarkt angeboten wird.”

(Oswald von Nell-Breuning)

Darstellungsverzeichnis

Diagramm 1: Anteile von Erwerbsformen 1985 und

Diagramm 2: Gewünschte Wochenarbeitszeit der Beschäftigten unter der Voraussetzung, daß sich ihr Verdienst entsprechend erhöht/verringert

Diagramm 3: Teilzeitquote in Westdeutschland

Diagramm 4: Normalerweise von Teilzeitbeschäftigten im Jahr 1992 geleistete Stunden pro Woche (Anteile in vH)

Diagramm 5: Internationaler Vergleich von Teilzeitquoten (1992)

Diagramm 6: Durchschnittliche Überstunden der beschäftigten Arbeitnehmer in Westdeutschland

Diagramm 7: Einteilung der Überstunden nach Abbaupotentialen

Diagramm 8: Durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen vermiedene Fälle von Arbeitslosigkeit (in 1000)

Diagramm 9: Erwerbseinkommen und Transfereinkommen in einem System sozialer Grundsicherung

Tabelle 1: Verteilung der Wochenarbeitszeit - Anteil der tariflich erfaßten Arbeitnehmer in vH -

Tabelle 2: Ehrenamtliche Tätigkeit in Deutschland 1985 und 1996

Tabelle 3: Finanzierungsrechnung für ein erwerbszeitunabhängiges Erziehungsgehalt - 1. Phase: für Familien mit Kindern von 0 bis 3 Jahren, 2000 DM für das jüngste Kind (in Mrd. DM; 1996)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Die Krise am Arbeitsmarkt

1.1 Problem- und Fragestellungen

Am Ende des 20. Jahrhunderts wird Deutschland von einer tiefgreifenden Be- schäftigungskrise heimgesucht. Die Themen Arbeit und Arbeitslosigkeit bestim- men mit weitem Abstand die Diskussion in Politik und Gesellschaft.

Zwar sank die Zahl der Arbeitslosen im September 1998 erstmals nach zwei Jah- ren wieder unter die Vier-Millionen-Marke, eine grundlegende Verbesserung ist dennoch nicht in Sicht. Eine Abkoppelung der Arbeitsmarktentwicklung von der Beschäftigungsentwicklung läßt sich empirisch nicht nachweisen.1 Ein angemes- senes Wirtschaftswachstum ist für einen Abbau von Arbeitslosigkeit weiterhin notwendig. Ist es aber auch hinreichend? Immerhin bleibt von Rezession zu Re- zession ein höherer Sockel an Arbeitslosen zurück. “Geht den Deutschen (folg- lich) die Arbeit aus?”2.

Andererseits steht für viele Erwerbsfähige immer noch ausschließlich die Alterna- tive Vollzeitarbeit zur Verfügung, obwohl sie weniger Erwerbsarbeit präferieren würden. Zugleich werden nach einer Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Jahr 1998 fast 1,85 Milliarden Überstunden geleistet. Im Durchschnitt entspricht dies einer Zahl von 61,3 Überstunden je Beschäftig- tem, eine Erhöhung im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Jahren3. Für zahlreiche Arbeitnehmer scheint folglich ein Mangel an Arbeit nicht zur Debatte zu stehen.

Werden in Zukunft immer weniger Arbeitskräfte benötigt, um die Wirtschaft in Schwung zu halten, wie es zwei Spiegel-Redakteure in ihrem Buch “Die Globali- sierungsfalle”4 prophezeien, wonach 80 vH der Weltbevölkerung am Tropf der 20 vH Produktiven hängen? Oder ist es denkbar, daß mehr Beschäftigte weniger ar- beiten und jeder in den Arbeitsprozeß integriert werden kann, der dazu bereit ist?

1.2 Ziel der Arbeit und Themaabgrenzung

Im Rahmen dieser Diplomarbeit soll untersucht werden, inwieweit ein Interessen- ausgleich zwischen Arbeitslosen und Arbeitnehmern, die ihre Arbeitszeit verkür- zen wollen, mit dem Ziel einer höheren Beschäftigungsquote erreicht werden kann. Dabei werden unter dem Begriff “Beschäftigung” explizit auch Formen jenseits der Erwerbsarbeit miteinbezogen und wird geprüft, welche Beschäfti- gungsformen zu einer Entlastung des Arbeitsmarktes beitragen können. Einen zentralen Stellenwert nimmt die Berücksichtigung der Arbeitszeitpräferenzen von erwerbsfähigen Personen ein. Durch die Prämisse der Freiwilligkeit, eine Arbeit aufzunehmen bzw. die Arbeitszeit zu reduzieren, soll erreicht werden, daß alle daran beteiligten Personen (derzeitige Arbeitnehmer, derzeitige Arbeitslose, Ar- beitgeber) im ökonomischen Sinne bessergestellt (bzw. zumindest nicht schlechter gestellt) werden.

1.3 Aufbau der Arbeit

Zunächst wird im nachfolgenden Kapitel versucht, sich näher mit dem Begriff “Arbeit” auseinanderzusetzen und sie unter dem Aspekt der geschichtlichen Ver- änderungen hinsichtlich Wertvorstellungen, Erwerbsformen und Zeit zu beleuch- ten. Das dritte Kapitel befaßt sich mit der Frage, inwiefern reduzierte und flexib- lere Arbeitszeitbudgets einen Beitrag zu mehr Beschäftigung leisten können, wäh- rend im vierten Kapitel die Wirkung eines Abbaus von Überstunden untersucht wird. Kapitel fünf beschäftigt sich mit Ansätzen zur Aufwertung bisher unbezahlter Arbeit und prüft, ob durch eine erhöhte Anerkennung von Arbeitsformen außerhalb der Erwerbsarbeit Druck vom Arbeitsmarkt genommen werden kann. Im sechsten Kapitel werden Überlegungen zusammengefaßt, die sich mit der Wiedereingliederung von Arbeitslosen ins Arbeitsleben befassen.

Mit einer zusammenfassenden Schlußbetrachtung der gewonnenen Erkenntnisse im siebten Kapitel endet die Arbeit.

1.4 Quellen- und Literaturlage

In den letzten Jahren war eine wahre Publikationsflut zum Thema Arbeit und Ar- beitsverteilung zu beobachten. Von wissenschaftlicher Seite sind besonders die Beiträge des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundes- anstalt für Arbeit zu nennen, außerdem die Gutachten führender Wirtschaftsfor- schungsinstitute (DIW, Ifo). Des weiteren machen Arbeitgeberverbände und Ge- werkschaften regelmäßig mit neuen Vorschlägen auf sich aufmerksam. Einen ge- wissen Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit erreichten der Bericht an den Club of Rome “Wie wir arbeiten werden” von Giarini/Liedke und die Stellungnahme der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen. Zu Fra- gen der Zeitverwendung der Bevölkerung bieten vor allem Schriften des Bundes- ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), des Statisti- schen Bundesamts und des IAB-Mitarbeiters Teriet eine aufschlußreiche Grund- lage.

2. Arbeit im Wandel der Zeit

2.1 Was ist Arbeit?

2.1.1 Unterschiedliche Bewertung identischer Tätigkeiten

Bei einem Werkstattgespräch im Juli 1983 zum Thema “Die Zukunft der Arbeit” stellte der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, die Frage: “Was ist das überhaupt, Arbeit?”.5

Rau vertrat den Standpunkt, in Deutschland gehe die Arbeit nicht aus, da es offen- sichtlich genug zu tun gebe, darunter vieles, was uns Roboter und Mikrochips nicht abnehmen könnten. Als Beispiele führte er u.a. Zeit und Aufwendungen für die Familie, Kindererziehung, Integration älterer Menschen in die Gesellschaft, Einsatz für mehr Demokratie oder für Kultur und Bildung an. Diese Tätigkeiten werden jedoch in der Regel nicht als Arbeit verstanden. Offenbar liegt aber darin ein Widerspruch. Während ein Büroangestellter, der nach Dienstschluß mit Ju- gendlichen Sport trainiert, eine Freizeitbeschäftigung ausübt, stellt die gleiche Aktivität für einen Profisportler Arbeit dar. Das Putzen und Kochen zählt nur bei einer Anstellung in einem anderen Haushalt als Arbeit, nicht, wenn es für die ei- gene Familie verrichtet wird.6

Zu einem ähnlichen Schluß kommen die Autoren eines Berichts an den Club of Rome, wenn sie zur Debatte stellen, warum die Arbeit, die von darauf speziali- sierten Leuten in den Kindergärten geleistet wird, Teil der produktiven Arbeit ist, die gleichwertige Betätigung der Großmütter und Großväter dagegen nicht.7 Kann aber die Definition von Arbeit auf Tätigkeiten verkürzt werden, für die eine Bezahlung erfolgt?

2.1.2 Der Stellenwert der Erwerbsarbeit

In der griechischen und römischen Antike und im Mittelalter herrschten noch Vorstellungen von einem “guten Leben” außerhalb der Arbeit vor. Dieses der geistigen Reflexion und Beschaulichkeit gewidmete Leben wurde als “vita con- templativa” bezeichnet. Mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und in der sich herausbildenden politischen Ökonomie, insbesondere im Calvinismus, änderte sich diese Auffassung grundlegend. Johannes Calvin betrachtete die Ar- beit als Hauptzweck des Lebens und gab der “vita activa” - dem tätigen Leben - absoluten Vorrang vor der “vita contemplativa”. Die zentrale Stellung der Er- werbsarbeit heute geht auf diese calvinistischen Vorstellungen zurück.8

Mit der industriellen Revolution stiegen die täglichen Arbeitszeiten, und das Le- ben der meisten Menschen wurde weitgehend zum Arbeitsleben. Mensch und Gesellschaft wurden von der Arbeit und der ökonomischen Leistung her definiert. Erwerbsarbeit stand als Symbol für gesellschaftlichen Erfolg und sinnerfülltes Leben.9

Durch die schrittweise Verkürzung der Arbeitszeit entwickelte sich die Industrie- gesellschaft immer mehr zu einer Gesellschaft, die vielfach als Konsum- oder Freizeitgesellschaft bezeichnet wird. Zweifellos kam es durch die Aufspaltung des Lebens in Arbeit und Freizeit zu einer Änderung der Wertvorstellungen. Der Sinn des Lebens wird häufig nicht mehr in der Arbeit, sondern im Freizeitbereich ge- sucht. Vielmehr noch wird der Arbeit oftmals gar keine identitätsstiftende Funkti- on mehr zugeschrieben, sie dient nur noch zum Erwerb der finanziellen Mittel, damit man in der arbeitsfreien Zeit Konsummöglichkeiten wahrnehmen kann. Viele Menschen, besonders Beschäftigte, die keiner verantwortungsvollen, selb- ständigen, ihre Phantasie und Kreativität fordernden Arbeit nachgehen können, trennen das Leben in “Anstrengung und Arbeit” einerseits und “Lust und Freizeit” andererseits.10

2.1.3 Wesentliche Eigenschaften von Arbeit

Unzweifelhaft bedeutet (Erwerbs-)Arbeit materielle Notwendigkeit zur Sicherung des Lebensunterhalts. Eine Verkürzung auf diesen Aspekt ist aber unangemessen. Beruf und Arbeit haben auch einen zentralen Stellenwert für die Persönlichkeit des Menschen und für seine Wertschätzung in der Gesellschaft. Aus der Sicht des einzelnen werden am Arbeitsplatz trotz monotoner Elemente menschliche Bedürfnisse nach Kommunikation und Wertschätzung erfüllt.11

Der Stellenwert der Arbeit im Erleben und Verhalten eines Menschen zeigt sich vor allem bei einem Verlust derselben:

? Der Verlust der Arbeitsstelle ist, auch wenn der Betroffene keine verantwor- tungsvolle, ein hohes Maß an Selbständigkeit erfordernde Tätigkeit auszufüh- ren hatte, in den meisten Fällen mit massiven negativen Konsequenzen, z.B. psychosomatischen Störungen (Depressionen etc.), verbunden.

? Arbeit vermittelt Selbstwertgefühl. Selbst bei nicht andauernder Arbeitslosig- keit leidet dieses Selbstwertgefühl darunter, anscheinend nicht gebraucht zu werden.

? Auch wenn die Familie dem Arbeitslosen in seiner schwierigen Situation Un- terstützung bietet, können sich die Probleme in bereits belasteten Beziehungen durch negative Zukunftserwartungen zuspitzen und zu deren Bruch führen.12

Empirische Studien bestätigen, daß Arbeitslosigkeit nicht nur einen Verlust an Einkommen bedeutet, sondern auch monetär nicht meßbare Wohlfahrtseinbußen bewirkt.13

Eine exakte Definition von Arbeit läßt sich vermutlich nicht aufstellen. Es scheint aber wichtig festzustellen, daß eine Reduzierung auf bezahlte Tätigkeiten abwegig ist. Arbeit umfaßt auch wesentliche Funktionen wie etwa Kommunikationsmöglichkeit und Kreativität, die auch bei unbezahlten Tätigkeiten zu finden und die für das menschliche Selbstwertgefühl elementar sind. Ferner ist mit der Bezahlung (bzw. Höhe der Bezahlung) einer Tätigkeit noch keine Aussage über deren tatsächlichen Wert für die Gesellschaft getroffen14.

2.2 Erwerbsformen im Umbruch

Interessant ist ein Blick auf die Struktur der Erwerbsarbeit in der Vergangenheit und die sich abzeichnenden Verschiebungen.

Ein Trend weg von den sogenannten Norm- bzw. Normalarbeitsverhältnissen, darunter versteht man unbefristete sowie arbeits- und sozialrechtlich abgesicherte Vollzeitbeschäftigungen (Arbeiter, Angestellte, Beamte, Soldaten und Auszubildende mit einer Wochenarbeitszeit von 36 Stunden15 und mehr, ohne Leiharbeit), ist in den letzten Jahren unübersehbar. Gleichzeitig wächst das Ausmaß der NichtNormarbeitsverhältnisse (auch als atypisch bzw. irregulär bezeichnet), zu denen befristete Arbeitsverhältnisse, Teilzeitarbeit, Leiharbeit, Heimarbeit, geringfügige Beschäftigung und Scheinselbständigkeit gezählt werden.16

2.2.1 Der Umbruch in der Statistik

Den Daten des Mikrozensus zufolge sank der Anteil der abhängig Vollzeitbe- schäftigten an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen von 76,9 vH im Jahr 1985 auf 65,9 vH im Jahr 1996. Die Quote der abhängig Teilzeitbeschäftigten (weniger als 36 Stunden Wochenarbeitszeit) verdoppelte sich dagegen von 11,3 vH in 1985 auf 22,9 vH in 1996. Der Anteil selbständiger Erwerbsformen (Selbständige und Mithelfende) blieb nahezu unverändert (1985: 11,8 vH; 1996: 11,2 vH), wobei die durchaus positive Entwicklung vom Strukturwandel in der Landwirtschaft überlagert wurde (vgl. Diagramm 1).17

Diagramm 1: Anteile von Erwerbsformen 1985 und 1996

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Mikrozensus; Berechnungen des IAB; Arbeitnehmer-Überlassungsstatistik der BA

Nach Angaben der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen schrumpfte das Verhältnis von Norm- und Nicht- Normarbeitsverhältnissen von fünf zu eins Anfang der siebziger Jahre auf zwei zu eins Mitte der neunziger Jahre. Bei anhaltender Tendenz wird es im Jahr 2010 bei eins zu eins liegen.18

2.2.2 Ursachen des Umbruchs

Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Analyse der Faktoren, die den Wandel der Erwerbsformen beeinflussen. So stellen Veränderungen des arbeitsrechtlichen Rahmens unbestreitbar eine wichtige Ursache des Übergangs von ei- ner Beschäftigungsform zu einer anderen dar. Das 1985 verabschiedete Beschäfti- gungsförderungsgesetz (BeschFG) etwa zielt auf eine prinzipielle Gleichbehand- lung von Voll- und Teilzeitbeschäftigten ab.19 Die Entscheidung über das Ar- beitsvolumen wird auf seiten der Betriebe durch die Höhe der Lohnstückkosten, auf seiten der Arbeitnehmer durch die Höhe der Arbeits- und Transfereinkommen mitbestimmt. Die nicht der Sozialversicherungspflicht unterliegenden “620-DM- Jobs” beispielsweise sind durch die Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge relativ attraktiver geworden. Die Aufnahme von Erwerbsarbeit im Niedriglohnbe- reich wird für viele Sozial- und Arbeitslosenhilfeempfänger erst attraktiv, wenn der zusätzliche Lohn nicht in zu hohem Ausmaß auf die Transferzahlung ange- rechnet wird. Ferner bleibt auch der Strukturwandel in Form von schwindender Arbeitskräftenachfrage im Industriesektor und der Entstehung neuer Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor nicht ohne Auswirkung auf die Entwicklung bestimmter Beschäftigungsformen. Für kleine Dienstleistungsbetriebe bietet z.B. der Einsatz befristeter Arbeitsverhältnisse oder Teilzeitbeschäftigung die Möglichkeit einer erhöhten Flexibilität.20

2.3 Einbeziehung der Ressource Zeit: Mangel an Zeit statt Mangel an Geld

Wie oben bereits erwähnt, wandelt sich unsere Gesellschaft hin zu einer Freizeit- bzw. Konsumgesellschaft. Dabei ergeben sich offensichtlich Probleme im Um- gang mit Zeit.

Heute scheint es vielerorts als Statussymbol zu gelten, keine Zeit zu haben21. Der moderne Wohlstandsmensch lebt unter chronischem Zeitdruck. Zeit und nicht Geld oder materielle Güter ist für einen Großteil der Bevölkerung d i e Mangelware am Ende des Jahrhunderts22.

Schon vor knapp 30 Jahren wies der Ökonom Staffan B. Linder 23 auf die zuneh- mende Zeitknappheit hin. Linder befaßte sich mit der Frage, warum trotz gestie- genen Wohlstands in den Industrieländern nicht Ruhe und Harmonie ins Leben vieler Menschen einkehrten, sondern das Leben immer hektischer wurde. Er kriti- sierte in diesem Zusammenhang die unter Wirtschaftswissenschaftlern vorherr- schende Meinung, Konsum sei eine Augenblickshandlung ohne zeitliche Konse- quenzen.

Dabei wird häufig vergessen, daß auch zum Konsumieren Zeit aufgewendet wer- den muß. So sind Theaterkarten nur von Nutzen, wenn der Besitzer auch über die notwendige Zeit verfügt, sich das Theaterstück anzusehen. Nach Linder stellt Zeit im wirtschaftlichen Sinn ein knappes Gut dar und ist somit den Gesetzen der Wirtschaft unterworfen. Die verfügbare Zeit muß auf allen verschiedenen Ver- wendungsgebieten so verteilt werden, daß man gleich viel von ihr hat, d.h. der Grenznutzen einer Zeiteinheit muß auf allen Verwendungsgebieten der gleiche sein. Aufgrund des wirtschaftlichen Wachstums wird aber die Arbeitszeit immer besser genutzt, die Produktivität pro Arbeitsstunde steigt, was bedeutet, daß das Gleichgewicht unserer bisherigen Zeitverteilung gestört ist.

Linder kommt zu dem Schluß, daß der Ertrag der auf allen anderen Tätigkeiten verwendeten Zeit dem Ertrag der Arbeitszeit angeglichen werden muß, was sich z.B. durch eine Erhöhung der Verbrauchsgüter, die pro Zeiteinheit konsumiert werden sollen, realisieren ließe. Durch die begrenzte Verfügbarkeit von Zeit und die höheren Ansprüche, die wir an sie stellen, ist unser Wohlstand also nicht tota- ler, sondern nur partieller Natur. Bei einer erhöhten Ausschöpfung von Kon- summöglichkeiten vermindert sich die Zeit, die wir für jede einzelne von ihnen aufwenden können.

Das Verlangen, mehr aus der Natur herauszuholen, mehr Wachstum zu erzielen, bedeutet zugleich Verknappung der Zeit. Durch die sich entwickelnde Dynamik zeichnen sich problematische Folgen ab, die sich schlimmstenfalls in Sinnentleerung, Naturzerstörung und auch im Verlust von Arbeitsplätzen ausdrücken.24

Im Gegensatz dazu gibt es auch das Phänomen, viel Zeit zu haben und es als Problem wahrzunehmen. Denn: ein Mehr an freier Zeit bedeutet nicht für alle ein Mehr an Lebensqualität25. “Für jeden Arbeitslosen wird die Arbeitszeit auf ‘null’ verkürzt”26. Daraus ergibt sich die Schwierigkeit, eine Antwort auf die Frage zu finden, was mit dem Zuwachs an freier Zeit sinnvoll anzufangen ist, auch ange- sichts der dann fehlenden finanziellen Möglichkeiten. Deutlich wird, daß eine Arbeitszeitverkürzung auf “null” im wahrsten Sinne des Wortes keinen Sinn macht.

Die Bewirtschaftung der Ressource “Zeit” stellt somit sowohl im individuellen als auch im betriebs- und volkswirtschaftlichen Kontext ein nicht zu unterschätzendes Problem dar.27

2.4 Arbeitszeit und Arbeitszeitpräferenzen

2.4.1 Gesetzliche Bestimmungen

Die gesetzlichen Bestimmungen zur Arbeitszeit in Deutschland sind im Arbeits- zeitgesetz (ArbZG) von 1994 festgeschrieben. Danach beträgt die maximale Nor- malarbeitszeit acht Stunden/Tag bzw. 48 Stunden/Woche. Die Normalarbeitszeit kann ausgedehnt werden, wenn über einen Zeitraum von 24 Wochen bzw. sechs Monaten eine durchschnittliche tägliche Arbeitszeit von acht Stunden nicht überschritten wird.28

2.4.2 Geschichtlicher Überblick über die Entwicklung der Arbeitszeit

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der deutschen Arbeitnehmer sank seit der Industrialisierungsphase deutlich. Lag sie 1825 noch bei 82 Stunden, so waren es zur Jahrhundertwende 60 Stunden pro Woche. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich allgemein der Achtstundentag (48-Stunden-Woche) durch. In der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre verminderte sich die Arbeitszeit weiter auf bis zu 42 Stunden im Durchschnitt, stieg aber wieder auf über 50 Stunden während der Kriegswirtschaft im Dritten Reich. Seit Mitte der 50er Jahre erreich- ten die Gewerkschaften schrittweise eine Herabsetzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Etwa zu Beginn der 80er Jahre setzten Überlegungen ein, die Ar- beitszeit, auch wegen des möglichen Beitrags zur Reduzierung der Arbeitslosig- keit, auf rund 35 Stunden zu verkürzen, einhergehend mit Forderungen nach Ver- längerung der Urlaubszeit und Senkung des Renteneintrittsalters von seiten der Gewerkschaften und des Einsatzes der Arbeitgeber für flexiblere Arbeitszeiten.29 So “ist die tarifvertraglich festgelegte regelmäßige Wochenarbeitszeit in West- deutschland im Durchschnitt aller (Vollzeit-)Arbeitnehmer von 40,0 Stunden in 1984 auf 37,4 Stunden im Jahr 1996 zurückgegangen.”30

Tabelle 1 zeigt einen Überblick über die Verschiebungen bei der Verteilung der Wochenarbeitszeit zwischen 1984 und 1996.

Tabelle 1: Verteilung der Wochenarbeitszeit - Anteil der tariflich erfaßten Voll- zeitarbeitnehmer in vH -

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung

Die 35-Stunden-Woche wurde bis dato hauptsächlich in der Metall-, Elektro- und Druckindustrie eingeführt, jenen Branchen, die sich 1984 massiv für eine Arbeitszeitverkürzung eingesetzt hatten. Drei Viertel der westdeutschen VollzeitBeschäftigten leisteten auch 1996 tarifliche Arbeitszeiten von 37 Stunden und mehr. In Ostdeutschland ist für mehr als die Hälfte der Vollzeit-Arbeitnehmer weiterhin die 40-Stunden-Woche die Regel.31

Einer Untersuchung des BDA32 zufolge betrug 1997 die tarifliche Jahressollarbeitszeit für Arbeiter des verarbeitenden Gewerbes in den alten Bundesländern durchschnittlich 1573 Stunden, international mit Abstand der niedrigste Wert33. Im Vergleich zu 1987 verringerte sich die Arbeitszeit um 8,3 vH, was nur von Portugal (10 vH) übertroffen wurde.

2.4.3 Arbeitszeitwünsche

Im Juli 1997 führte das EMNID-Institut im Auftrag des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln eine repräsentative Umfrage bei 1074 tarifvertraglich abgesicherten Arbeitnehmern durch.34

In Diagramm 2 sind die Antworten der Arbeitnehmer auf die Frage “Wieviel Stunden möchten Sie pro Woche arbeiten, unter der Voraussetzung, daß Ihr Mo- natseinkommen im gleichen Maße steigt bzw. sinkt wie ihre Arbeitszeit?” darge- stellt.

Das Ergebnis der Befragung läßt sich durch eine Aufteilung in drei Gruppen zusammenfassen:

? Ein gutes Drittel der Arbeitnehmer wünscht eine Arbeitszeit von 40 oder mehr Stunden pro Woche.

? Etwa 30 vH der Beschäftigten wollen zwischen 35 und 40 Stunden arbeiten.

? Immerhin ein Drittel bevorzugt Arbeitszeiten von unter 35 Stunden.35

Diagramm 2: Gewünschte Wochenarbeitszeit der Beschäftigten unter der Voraussetzung, daß sich ihr Verdienst entsprechend erhöht/verringert

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: EMNID-Umfrage bei 1074 Beschäftigten im Auftrag des Instituts der deutschen Wirt- schaft Köln im Juli 1997

Der Wunsch nach verminderten Arbeitszeiten tritt dabei bei Westdeutschen und bei Frauen stärker auf als bei Ostdeutschen bzw. Männern.

Bei einem in derselben Umfrage angestellten Vergleich zwischen gewünschter und tariflicher Arbeitszeit zeigte sich, daß rund ein Drittel der Befragten eine kür- zere Arbeitszeit wünscht, als für sie per Tarifvertrag festgelegt ist.36

Das Ergebnis der EMNID-Umfrage wird von anderen Untersuchungen bestätigt. Bei einer 1990 durchgeführten Befragung gaben 27 vH der männlichen Vollzeit- beschäftigten und 44 vH der weiblichen Vollzeitbeschäftigten an, eine kürzere Arbeitszeit zu bevorzugen. 20 vH der Männer und 29 vH der Frauen erklärten, sie hätten Probleme bei der Vereinbarung der Anforderungen im Beruf mit den Auf- gaben in der Familie und/oder im Haushalt.37

Detailliertere Analysen erforschen die Differenzen zwischen den tatsächlichen, den vertraglichen und den gewünschten Arbeitszeiten. Im Jahr 1995 betrugen die tatsächlichen Wochenarbeitszeiten in Westdeutschland im Durchschnitt 38,1 Stunden (in Ostdtl. 41,3), die vertraglichen 35,1 Stunden (in Ostdtl. 38,5) und die gewünschten 34,1 Stunden (in Ostdtl. 37,2). Rein rechnerisch entspricht der Ab- stand zwischen tatsächlichen und gewünschten Arbeitszeiten im gesamten Bun- desgebiet einem Arbeitsplatzäquivalent von 3,2 Millionen Vollzeitarbeitsplätzen und der Abstand zwischen vertraglichen und gewünschten Arbeitszeiten einem Arbeitsplatzäquivalent von 850 000 Vollzeitarbeitsplätzen. Besonders die be- trächtliche Diskrepanz zwischen tatsächlichen und vertraglichen Arbeitszeiten läßt auf das enorme Vorhandensein von Wünschen nach Überstundenabbau schließen.38

Eine auf Basis derselben Einteilung der Arbeitszeiten im Jahr 1993 durchgeführte Erhebung kam zu dem Ergebnis, daß 48 vH der westdeutschen und 57 vH der ostdeutschen Arbeitnehmer eine Verkürzung der Arbeitszeit um mindestens drei Stunden wünschten.39

An diesen Resultaten ist ablesbar, daß ein Potential für eine Reduktion der Ar- beitszeit vorhanden ist. In den folgenden beiden Kapiteln soll im einzelnen auf die Möglichkeiten der Verkürzung der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit und der Verminderung der tatsächlichen Arbeitszeit durch Überstundenabbau eingegan- gen werden.

3. Neuverteilung der Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung und -flexibilisierung

Es gibt kein natürliches Bedürfnis nach “acht Stunden Erwerbsarbeit pro Tag, an fünf Tagen, möglichst von Montag bis Freitag und das rund 45 Wochen pro Ar- beitsjahr mit zweimal drei Wochen Jahresurlaub, innerhalb einer Spanne zwi- schen 15 und 65 Jahren”.40 Folglich erscheint es mit Rücksicht auf Millionen von Arbeitslosen angebracht, die Realisierbarkeit von Modellen mit reduzierten und flexiblen Arbeitszeitbudgets unter der Berücksichtigung von Arbeitszeitwünschen zu prüfen.

3.1 Tarifliche Arbeitszeitverkürzung

Von seiten der Gewerkschaften wurden in den letzten Jahren wiederholt Vor- schläge zu einer weiteren Verkürzung der tariflichen Wochenarbeitszeit unterbrei- tet. So forderte etwa der IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel Anfang 1997 die Einführung der 32-Stunden-Woche ab 1999. Ein Jahr später leistete ihm ÖTV- Chef Herbert Mai mit einem Vorstoß für die 30-Stunden-Woche Gesellschaft. Die Vorsitzenden der beiden größten deutschen Gewerkschaften begründeten ihre Konzepte u.a. mit dem Ziel einer gerechteren Verteilung der Arbeit. Wie sinnvoll ist aber eine generelle Verkürzung der tariflichen Arbeitszeit tatsächlich und wie realistisch sind ihre Durchsetzungschancen?

3.1.1 Generelle Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich

Die Chancen einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich stehen derzeit denkbar schlecht. Selbst in Gewerkschaftskreisen ist eine Forderung danach sehr umstritten. Immerhin können die Arbeitgeber auf die weltweit niedrigsten Arbeitszeiten und die hohen Arbeitskosten verweisen. Eine absehbare Schwächung der Konkurrenzfähigkeit deutscher Unternehmen bei einem weiteren Anstieg der Arbeitskosten pro Stunde ist nicht von der Hand zu weisen.

Interessanter und realistischer ist dagegen die Überlegung einer Arbeitszeitverkürzung mit einem Einkommensverzicht der Arbeitnehmer.

3.1.2 Generelle Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich

Ein Lohnverzicht proportional zur Verkürzung der Arbeitszeit würde die Begrün- dung der Arbeitgeber, wonach eine pauschale Arbeitszeitverkürzung wegen der hohen Kosten abzulehnen sei, entkräften. Dennoch spricht einiges gegen diesen Ansatz.

Vor allem Klein- und Mittelstandsbetriebe tun sich aus technischorganisatorischen Gründen mit der Umsetzung einer Arbeitszeitverkürzung schwer, da die Arbeitszeiten in diesen Betrieben sehr stark an die Betriebszeiten gekoppelt sind. Folglich müßte bei einer Verminderung der Arbeitszeit entweder die Laufzeit der Maschinen ebenfalls reduziert werden oder müßten bei einer Beibehaltung der alten Arbeitszeit Überstundenzuschläge gezahlt werden, was wiederum negative Auswirkungen auf Aufträge und Produktion im ersten Fall oder steigende Arbeitskosten im zweiten Fall zur Folge hätte.41

Hauptargument gegen eine generelle Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich ist aber die mangelnde Bereitschaft der Arbeitnehmer, bei einer reduzierten Ar- beitszeit auch weniger zu verdienen. Wie in Kapitel 2.4.3 bereits erwähnt, wünscht sich etwa ein Drittel der deutschen Arbeitnehmer eine Arbeitszeit von weniger als 35 Stunden bei gleichzeitiger Senkung des Einkommens. Es ist aber nicht nachvollziehbar, warum die restlichen zwei Drittel Einkommenseinbußen hinnehmen sollten, wenn dies nicht ihren Präferenzen entspricht.

[...]


1 Vgl. Autorengemeinschaft, Arbeitsmarkt, 1998, S. 57; auch Hoffmann, V., Einführung, 1998, S. 58.

2 So der Titel eines Buches des Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft: Siebert, H., Geht den Deutschen die Arbeit aus, 1994.

3 Vgl. Autorengemeinschaft, Arbeitsmarkt, 1998, S. 57.

4 Martin, H.-P., Schumann, H., Globalisierungsfalle, 1997, S. 9-24.

5 Rau, J., Zukunft, 1984, S. 20.

6 Vgl. Rau, J., Zukunft, 1984, S. 20.

7 Vgl. Giarini, O./Liedtke P., Bericht, 1998, S. 143.

8 Vgl. Rau, J., Zukunft, 1984, S. 21; auch Giarini, O./Liedtke P., Bericht, 1998, S. 32 f.

9 Vgl. Rau, J., Zukunft, 1984, S. 21.

10 Vgl. Heckmann, R., Dauerfrust, in: Das Parlament, 45. Jahrgang, Nr. 35, 1995, S. 4; auch Rau, J., Zukunft, 1984, S. 21 f.

11 Vgl. Hoffmann, V., Beschäftigung, 1997, S. 1.

12 Vgl. Hoffmann, V., Beschäftigung, 1997, S. 1 f.

13 Vgl. Winkelmann, L./Winkelmann, R., Unemployment, 1995, S. 293-307.

14 Vgl. hierzu Kapitel 5.

15 Die in den nachfolgenden Kapiteln zitierten Befragungen und Untersuchungen verwenden teil- weise verschiedene Definitionen von Vollzeitarbeit mit einer Schwankungsbreite zwischen 34 und 36 Stunden. Für den allgemeinen Trend spielt dies jedoch keine Rolle.

16 Vgl. Kommission für Zukunftsfragen, Entwicklung, Teil I, 1996, S. 56 f.

17 Vgl. Hoffmann, E./Walwei, U., Formenvielfalt, 1998, S. 3-8.

18 Vgl. Kommission für Zukunftsfragen, Entwicklung, Teil I, 1996, S. 62.

19 Vgl. Artikel I § 2 Beschäftigungsförderungsgesetz 1985 (BeschFG) idF vom 26.4.1985, (BGBl I, S. 710).

20 Vgl. Walwei, U., Bestimmungsfaktoren, 1998, S. 4-7.

21 Vgl. International Partnership Initiative e.V., Freizeit, 1996, S. 2.

22 Vgl. BUND/Misereor (Hrsg.), Entwicklung, 1998, S. 221.

23 Vgl. Linder St., Linder-Axiom, 1971, S. 11-22.

24 Vgl. International Partnership Initiative e.V., Freizeit, 1996, S. 3.

25 Vgl. International Partnership Initiative e.V., Freizeit, 1996, S. 3.

26 Teriet, B., Sinnzeit, 1996, S. 2831.

27 Teriet, B., Ressource Zeit, 1996, S. 97.

28 Vgl. § 3 Arbeitszeitgesetz 1994 (ArbZG) idF vom 6.6.1994, (BGBl I, S. 1170).

29 Vgl. Der Brockhaus, Band (A-Eis), 1993, S. 130; auch Rau, J., Zukunft, 1984, S. 16.

30 Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), Unternehmerfragen, Nr. 9/1997, S. 1.

31 Vgl. Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), Unternehmerfragen, Nr. 9/1997, S. 1.

32 Vgl. BDA, Jahressollarbeitszeit, 1997, S. 2 und 4.

33 Am längsten wird dieser Statistik zufolge in Japan (1990 Stunden im Jahr 1996) und in den USA (1904 Stunden) gearbeitet.

34 Vgl. Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), Unternehmerfragen, Nr. 9/1997, S. 1.

35 Vgl. Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), Unternehmerfragen, Nr. 9/1997, S. 1.

36 Vgl. Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), Unternehmerfragen, Nr. 9/1997, S. 2.

37 Vgl. Weick, St., Familie und Arbeit, 1993, S. 11.

38 Vgl. Schilling, G. / Bauer, F./Groß, H., Zeitverwendung, 1996, S. 438.

39 Vgl. Schulze-Buschoff, K., Diskrepanzen, 1995, S. 11 ff.

40 Teriet, B., Arbeitszeitregelungen, 1995, S. 214.

41 Vgl. Arbeitgeberverband GESAMTMETALL (Hrsg.), Argumente, Nr. 2/1997, S. 4.

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Wege aus der Beschäftigungskrise durch eine Neuverteilung der Arbeit
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1.3
Autor
Jahr
1998
Seiten
82
Katalognummer
V185289
ISBN (eBook)
9783656998662
ISBN (Buch)
9783867462259
Dateigröße
923 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wege, beschäftigungskrise, neuverteilung, arbeit
Arbeit zitieren
Michael Moritz (Autor), 1998, Wege aus der Beschäftigungskrise durch eine Neuverteilung der Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185289

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