Die den Zigeunern eigenständige Kultur wurde und wird durch die mehr oder weniger
starke Integration in unsere Gesellschaft entweder destruiert oder assimiliert.
Sehr stark betroffen von diesen unaufhaltsamen Vorgängen sind vor allem
die Kinder und Jugendlichen. Sie wachsen in einer sie beschützenden und liebenden
Welt der Sippe und Familie auf, sind aber gleichzeitig (spätestens zu Beginn
der Schulzeit) Einflüssen von außen ausgesetzt, die sie und ihre Eltern im
harmlosesten Fall verunsichern, oder - schlimmer noch - in den permanenten inneren
und äußeren Kampf um Anerkennung und materielle Versorgung zwingen.
Den Heranwachsenden muß deshalb vordringlich ermöglicht werden, ihren Wertund
Lebensvorstellungen entsprechend leben und arbeiten zu können, gleichzeitig
aber auch die Möglichkeit eröffnet werden, dies in einer Gesellschaft zu
tun, die nach anderen Werten lebt und handelt.
Die vorliegende Arbeit möchte zum einen aufzeigen, wie professionelle Hilfe bisher
mit diesem Problem umgegangen ist, und modellhaft ein konkretes Projekt in
Zusammenarbeit mit den Betroffenen entwickeln. Sie - die Arbeit - soll auch dazu
dienen, die "Welt des Zigeuners" ein wenig mehr verstehen und begreifen zu lernen,
und zeigen, daß ein Miteinander von verschiedenen Kulturen in einer Gesellschaft
nur durch Toleranz und intensive Auseinandersetzung möglich ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 Einleitung
3 Zigeuner - ihre Gesellschaftsform und Kultur
3.1 Historische Hintergründe
3.2 Die Enkulturation der Zigeuner - Der "andere Generationenvertrag"
4 Ausgrenzung und Stigmatisierung der Zigeuner
4.1 Zigeuner - eine ethnische Minderheit
4.2 Akkulturationsprozesse
4.2.1 Diskrepanzen zwischen Traditionen und Assimilation
4.2.2 Soziale Folgen der Assimilation - die Desintegration der Zigeuner
4.2.3 Psycho-soziale Folgen für jugendliche Zigeuner
5 Soziale Arbeit mit jugendlichen Zigeunern in Projekten in Köln und Düsseldorf
5.1 Entstehung und Entwicklung des Zigeuner-Projekts in Köln-Roggendorf
5.1.1 Sozialgeschichtliche Hintergründe
5.1.2 Sozialpädagogische Konzeptionen und sozialpädagogische Arbeit mit den Jugendlichen in Köln
5.2 Entstehung und Entwicklung des Zigeuner-Projekts in Düsseldorf-Eller
5.2.1 Sozialgeschichtliche Hintergründe
5.2.2 Sozialpädagogische Konzeptionen und sozialpädagogische Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen in Düsseldorf
5.3 Der Vergleich beider Projekte und eine kritische Würdigung
6 Projektentwicklung - sozialpädagogische Arbeit mit jugendlichen Zigeunern in Neuss
6.1 Sozialgeschichtliche Hintergründe der Zigeunersippe in Neuss
6.2 Die Sozialisation der Jugendlichen
6.2.1 Sozialisation in der Familie
6.2.2 Die schulische und berufliche Entwicklung der Jugendlichen
6.3 Konsequenzen aus der spezifischen Sozialisation von jugendlichen Zigeunern
6.4 Entwicklung einer möglichen beruflichen Förderung und Ausbildung - Bestandsanalyse
6.4.1 Die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Jugendlichen
6.4.2 Wünsche und Vorstellungen der Jugendlichen
6.5 "Zigeunerwerkstatt" - ein Projekt zur beruflichen Entwicklung und wirtschaftlichen Absicherung der Jugendlichen, unter Einbeziehung der Erfahrungen in Köln und Düsseldorf
6.5.1 Die sozial-didaktische Konzeption des Projekts
6.5.2 Die räumliche Ausstattung
6.5.3 Personelle Besetzung
6.6 Projektfinanzierung
6.6.1 Hilfe auf Grundlage des BSHG
6.6.2 Konkrete Hilfsangebote des Sozialamts Neuss
6.6.3 Hilfen auf Grundlage des Arbeitsförderungsgesetzes
6.7 Kritische Stellungnahmen der am Projekt teilnehmenden Zigeuner
7 Resümee - zukünftige Entwicklungen und mögliche Wege der konkreten Umsetzung des Projekts "Zigeunerwerkstatt"
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, basierend auf einer Analyse bestehender sozialpädagogischer Projekte in Köln und Düsseldorf, ein Modell für eine berufliche Förderung und wirtschaftliche Absicherung für jugendliche Zigeuner in Neuss zu entwickeln. Dabei steht die Forschungsfrage im Vordergrund, wie professionelle Hilfe unter Wahrung der ethnischen Identität und Kultur der Zigeuner realisiert werden kann, anstatt durch Zwang zur Assimilation eine Desintegration zu fördern.
- Kulturelle Identität und Generationenvertrag der Zigeuner
- Stigmatisierungsprozesse und Folgen der Schulausbildung
- Vergleich bestehender Integrationsprojekte (Köln und Düsseldorf)
- Projektentwicklung "Zigeunerwerkstatt" unter Berücksichtigung der Eigenarten
- Rechtliche Grundlagen der Finanzierung (BSHG und AFG)
Auszug aus dem Buch
4.2.3 Psycho-soziale Folgen für jugendliche Zigeuner
Aus dem oben genannten, läßt sich bereits entnehmen, welch teil weise belas tenden Prozessen heranwachsende Zigeuner ausgeliefert sein können. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, daß ihr eigener Generationenvertrag volle Gül tigkeit hat, und die Probleme der Eltern und Großeltern automatisch auch zu Problemen der Kinder werden.
Ich möchte an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, daß ich die Problemstel lung dieses Abschnitts nicht untergliedern und nicht hierarchisieren möchte. Alle psycho-sozialen Folgen sind nur im Kontext zu sehen und zu verstehen.
Zurückkommend auf den besonderen Generationenvertrag der Zigeuner, muß man sich vor Augen halten, daß die besondere Erziehung und Sozialisation, die ein Zigeunerkind erfährt, durch Eingriffe von außen direkte Folgen für die Psyche des Kindes hat. "Wenn man sich der Bedeutung bewußt wird, daß ein Zigeuner nicht volljährig - in unserer Rechtsauffassung - wird, solange sei ne Eltern leben und wenn im Schul- und Jugendamt erlebt wird, daß ein 14jähriger, schulpflichti ger Zigeunerjunge, sobald er geheiratet hat, nicht mehr in die Schule zu zwingen ist, weil er, wenn er es denn täte, damit sein Gesicht verlieren würde vor der Fa milie - denn jetzt ist er weder Kind noch Jugendlicher, sondern Mann, dann muß man erkennen, daß der Gesellschafts- und Generationenvertrag dieser ethni schen Minderheiten in jeder Hinsicht von dem unserer Gesellschaft abweicht, aber ebenso wirksam seinen Zweck erfüllt, nämlich das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Unordnung herzustellen, um die Entwicklung des Einzelnen zu ge währleisten und das Bestehen der Gesamtheit durch ein aus reichendes Maß an Ordnung zu sichern. Eingriffe von außen, nämlich durch uns, verursachen bei ihnen Chaos, weil sie das natürliche Gleichgewicht erschüttern, welches darin besteht, daß allen ihren Angehörigen die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten ein geräumt werden und sie zugleich dabei in der Lage sind, als Gemeinwesen die ungleichen Lebensansprüche der einzelnen Mitglieder zu schützen. Denn nur dadurch erreichen sie eine einigermaßen gerechte Gesellschaft ihrer Ethnien, nämlich das faire, unvoreingenommene, loyale, vorurteilslose Miteinander; unpar teiisches Verhalten ohne Ansehen der Person, was ja an sich das Ziel einer je-
Zusammenfassung der Kapitel
1 Vorwort: Der Autor erläutert seine Motivation für die Themenwahl, die auf seiner sechsjährigen beruflichen Erfahrung in der Betreuung von Zigeunerkindern in Neuss basiert.
2 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die prekäre Situation der Zigeuner in der Mehrheitsgesellschaft, das Spannungsfeld zwischen eigener Identität und Assimilationsdruck sowie das Ziel der Arbeit, ein tolerantes Förderkonzept zu entwerfen.
3 Zigeuner - ihre Gesellschaftsform und Kultur: Es wird die Kultur der Zigeuner als schriftlose Gemeinschaft beschrieben, die durch Tradition und mündliche Überlieferung sowie durch einen spezifischen Generationenvertrag innerhalb der Großfamilie geprägt ist.
4 Ausgrenzung und Stigmatisierung der Zigeuner: Dieses Kapitel behandelt die historischen und gegenwärtigen Auswirkungen von Verfolgung, Diskriminierung und Assimilationsdruck auf die psycho-soziale Entwicklung der Zigeuner.
5 Soziale Arbeit mit jugendlichen Zigeunern in Projekten in Köln und Düsseldorf: Der Autor vergleicht bestehende Projekte in Köln und Düsseldorf hinsichtlich ihrer Konzeption, der Einbeziehung der Betroffenen und der Rolle der Sozialpädagogen.
6 Projektentwicklung - sozialpädagogische Arbeit mit jugendlichen Zigeunern in Neuss: Dies ist der praktische Hauptteil, in dem ein konkretes Modell der "Zigeunerwerkstatt" für Neuss geplant wird, inklusive Finanzierungsmöglichkeiten und Anforderungen an das Personal.
7 Resümee - zukünftige Entwicklungen und mögliche Wege der konkreten Umsetzung des Projekts "Zigeunerwerkstatt": Abschließend wird an die Verantwortlichen appelliert, bei der Projektumsetzung Handlungskompetenz und Toleranz zu wahren, um den kulturellen Erhalt der Ethnie zu fördern.
Schlüsselwörter
Zigeuner, Sozialpädagogik, Integration, Assimilation, Identität, Generationenvertrag, Berufliche Förderung, Zigeunerwerkstatt, Stigmatisierung, Sozialarbeit, Minderheitenschutz, Lebensgestaltung, Koexistenz, Kulturerhalt, Jugendsozialarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation von Zigeunern in Deutschland, insbesondere im Hinblick auf soziale Arbeit und die Entwicklung beruflicher Förderperspektiven für Jugendliche unter Wahrung kultureller Eigenarten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Themen umfassen die kulturellen Grundlagen der Zigeuner, die Auswirkungen von Ausgrenzung, das Scheitern klassischer Integrationsansätze und die Entwicklung von Projekten wie der "Zigeunerwerkstatt".
Welches ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, ein sozialpädagogisches Modell für Neuss zu entwickeln, das Zigeuner Jugendlichen eine berufliche Perspektive ermöglicht, ohne ihre Identität durch erzwungene Assimilation zu zerstören.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eigene berufliche Erfahrungen, führt eine vergleichende Analyse bestehender Projekte in Köln und Düsseldorf durch und wertet einschlägige Fachliteratur sowie Gesprächsprotokolle mit Experten und Betroffenen aus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Situation in Köln und Düsseldorf, erarbeitet die Voraussetzungen für ein Projekt in Neuss und prüft rechtliche Finanzierungsmöglichkeiten basierend auf dem BSHG und dem Arbeitsförderungsgesetz.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ethnie, Desintegration, kulturelle Identität, Selbstbestimmung, Dialog-Modell und soziale Betreuung.
Warum ist das "Dialog-Modell" für den Autor so wichtig?
Es ist zentral, weil es eine gleichberechtigte Interaktion zwischen Zigeunern, Sozialbetreuern und der Majoritätsgesellschaft fordert, um Fremdbestimmung und destruktive Betreuungsformen zu vermeiden.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Schule für Zigeunerkinder?
Der Autor kritisiert das aktuelle Schulsystem, da es die kulturellen Besonderheiten der Zigeuner ignoriert und oft zur Ausgrenzung sowie Identitätsverlust bei den Kindern führt.
Warum lehnt der Autor erzwungene Berufsausbildungen nach klassischem Muster ab?
Solche Ausbildungen zwingen Zigeuner in Strukturen, die ihren familiären Lebensentwürfen und dem Wunsch nach Autonomie widersprechen, was oft zu Desintegration führt.
Was bedeutet der Begriff "Zigeunerwerkstatt" in diesem Kontext?
Es ist ein Arbeitstitel für ein praxisnahes, handwerkliches Projekt, das Fähigkeiten der Jugendlichen nutzt, Autodidaktik zulässt und primär auf berufliche Selbstständigkeit und wirtschaftliche Absicherung ausgerichtet ist.
- Citar trabajo
- Helmut Zilliken (Autor), 1990, Soziale Arbeit mit jugendlichen Zigeunern , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185681