Empirische Untersuchung über jugendliche, inhaftierte Gewalttäter/Leitfadeninterviews auf der Grundlage der theoretischen Kategorien von Ferdinand Sutterlüty (Gewaltkarrieren/2003)Schwerpunkte sind Auswertung und Interpretation von fünf Einzelfällen und das Herausarbeiten intrinsischer Gewaltmotive sowie die Rekonstruktion individueller Biographien und der Nachvollzug der subjektiven Entwicklung zum Gewalttäter/vollständige Transkription der fünf Interviews im Anhang Empirische Untersuchung in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf/ Abteilung offener Jugendvollzug Göttingen mit Genehmigung des niedersächsischen Justizministeriums Celle
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung: Schlüsselbegriffe und Aktualität von Jugendgewalt
3. Jugendgewalt und Sozialisation
4. Theoretische Ansätze zur Erklärung von Gewalthandeln Jugendlicher
5. Beschreibung des Untersuchungsbereichs
5.1. Das Forschungsinteresse
5.2. Theoretische Grundlagen: „Kreislauf von Gewalt und Missachtung“ – Die Herausbildung intrinsischer Gewaltmotive“ nach Ferdinand Sutterlüty (2003)
5.3. Schaubild zur Theorie: „Kreislauf von Gewalt und Missachtung“/ Ferdinand Sutterlüty (2003)
5.4. Zur Vorgehensweise und Zielsetzung der Untersuchung
6. Das methodische Vorgehen im Forschungsprozess
6.1. Zum Grundverständnis qualitativer Sozialforschung
6.2. Abgrenzung: Narratives Interview – Leitfaden-Interview
6.3. Das fokussierte Interview/ Leitfaden-Interview
6.3.1. Kriterien für die Interviewführung
6.3.2. Probleme bei der Interviewführung
7. Die Datengewinnung im offenen Jugendvollzug Göttingen der JVA Rosdorf
7.1. Kontaktherstellung und Anbahnung der Untersuchung
7.2. Konzeption der Anstalt
7.3. Das Klientel der JVA Rosdorf
7.4. Auswahl der Interviewpartner und erster Kontakt
7.5. Der Ablauf der Interviewführung
7.6. Die Transkription
8. Fall I: Mohammed – „Das is´ für mich kein Vater mehr“
8.1. Tatbestandssicherung
8.2. Fallrekonstruktion Mohammed: Wie aus Opfern Täter werden
8.2.1. Interaktionsmuster im sozialen Umfeld
8.2.2. Entwicklungsstränge von Gewaltkarrieren
8.2.3. Gewaltausübung und intrinsische Gewaltmotive
8.2.4. Gesamtbetrachtung: Fall Mohammed
9. Fall II: Samir – „Immer Schreie gehört und...das Geheule von meiner Mutter...aber wir konnten nix machen...“
9.1. Tatbestandssicherung
9.2. Fallrekonstruktion Samir: Der Stiefvater als Gewalttäter – direkte und indirekte Viktimisierung in der Familie
9.2.1. Interaktionsmuster im sozialen Umfeld
9.2.2. Entwicklungsstränge von Gewaltkarrieren
9.2.3. Gewaltausübung und intrinsische Gewaltmotive
9.2.4. Gesamtbetrachtung: Fall Samir
10. Fall III: Deniz – „Mein Vater hat immer gesagt, wenn einer aufmuckt: schlag ihn einfach!“
10.1. Tatbestandssicherung
10.2. Fallrekonstruktion Deniz: Alltägliche Präsenz von Kriminalität und Gewalt als „Normalität“ und ihre Vorbildfunktion
10.2.1. Interaktionsmuster im sozialen Umfeld
10.2.2. Entwicklungsstränge von Gewaltkarrieren
10.2.3. Gewaltausübung und intrinsische Gewaltmotive
10.2.4. Gesamtbetrachtung: Fall Deniz
11. Fall IV: Erik – „ ...provozieren, warten bis der was macht und dann drauf hauen..“
11.1. Tatbestandssicherung
11.2. Fallrekonstruktion Erik: Die Suche nach dem Kick der Gewalt und das Machtgefühl
11.2.1. Interaktionsmuster im sozialen Umfeld
11.2.2. Entwicklungsstränge von Gewaltkarrieren
11.2.3. Gewaltausübung und intrinsische Gewaltmotive
11.2.4. Gesamtbetrachtung: Fall Erik
12. Fall V: Sergij – „...halb tot haben wir die geschlagen! Richtig in die Fresse mitm Totschläger...“
12.1. Tatbestandssicherung
12.2. Fallrekonstruktion Sergij: Faszination der “Gangsterkultur“: Drogen, Waffen und Gewalt
12.2.1. Interaktionsmuster im sozialen Umfeld
12.2.2. Entwicklungsstränge von Gewaltkarrieren
12.2.3. Gewaltausübung und intrinsische Gewaltmotive
12.2.4. Gesamtbetrachtung: Fall Sergij
13. Abschließende Gesamtbetrachtung und Kritik
14. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Magisterarbeit ist die handlungstheoretische Untersuchung jugendlicher Gewaltkarrieren im Kontext der Theorie intrinsischer Gewaltmotive nach Ferdinand Sutterlüty. Die Arbeit verfolgt die Forschungsfrage, welche Motive und Gefühle bei Gewalttaten Jugendlicher ausgelöst werden und wie diese durch biographische Sozialisationserfahrungen, insbesondere familiäre Ohnmachts- und Missachtungserfahrungen, entstanden sind.
- Analyse biographischer Sozialisationserfahrungen und deren Einfluss auf die Gewaltneigung.
- Untersuchung der psychologischen Dynamik von Ohnmachts- und Missachtungserfahrungen im familiären Umfeld.
- Erforschung der Attraktivität von Gewaltausübung durch das Konzept intrinsischer Motive (Machtgefühl, Schmerz des Opfers, Grenzüberschreitung).
- Empirische Fallrekonstruktionen von fünf inhaftierten Jugendlichen zur Überprüfung der theoretischen Annahmen.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem theoretischen Konzept von F. Sutterlüty unter Berücksichtigung pädagogischer Handlungsansätze.
Auszug aus dem Buch
Die Herausbildung intrinsischer Gewaltmotive nach Ferdinand Sutterlüty (2003)
F. Sutterlüty stellt in seiner Untersuchung „Gewaltkarrieren – Jugendliche im Kreislauf von Gewalt und Missachtung“ (2003) die konkrete Situation der Gewaltausübung von Jugendlichen ins Zentrum seiner Interpretation und kann so die motivierenden Auswirkungen der währenddessen erfahrenen Erlebnisse herausarbeiten. Er stellt die mögliche Eigendynamik des Gewalthandelns heraus und entwickelt anhand von Interviews mit Jugendlichen das Konzept der intrinsischen Gewaltmotive: „Diese Motive gehen aus den spezifischen Qualitäten von Erlebnissen hervor, mit denen jugendliche Täter bei der Gewaltausübung in Berührung kommen“ (Sutterlüty (2003), S. 77). Das heißt, dass die Gewalt um ihrer selbst wegen ausgeübt wird und sogar „von Anfang an das Agens des gewalttätigen Handelns“ darstellen kann (a.a.O.). In anderen Fällen können sich intrinsische Motive auch später in die Handlungssituation einschleichen und zu „extrinsischen“ Motiven hinzutreten (a.a.O.). Im Kern geht es um die besondere „Erlebnisqualität und -intensität“, die „eine eigene Motivationsquelle der Gewaltausübung darstellen und eine Eigendynamik gewinnen kann“ (ebd. S. 47).
Diese intrinsischen Gewaltmotive weisen drei Dimensionen auf: (ebd. S. 77). Der Triumph der physischen Überlegenheit, die Schmerzen des Opfers und die Überschreitung des Alltäglichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung erläutert den Aufbau der Untersuchung, definiert zentrale Begriffe wie „Gewalt“ und „Jugend“ und skizziert die empirische Vorgehensweise sowie das theoretische Fundament der Arbeit.
2. Einführung: Schlüsselbegriffe und Aktualität von Jugendgewalt: Dieses Kapitel beleuchtet den Gewaltbegriff in kriminologischer Perspektive und ordnet das Phänomen „Jugendgewalt“ in den aktuellen gesellschaftlichen und statistischen Diskurs ein.
3. Jugendgewalt und Sozialisation: Es wird der Begriff der Sozialisation im Kontext abweichenden Verhaltens definiert und diskutiert, wie ein Individuum in die Gesellschaft eingeordnet wird und welche negativen Folgen eine misslungene Sozialisation haben kann.
4. Theoretische Ansätze zur Erklärung von Gewalthandeln Jugendlicher: Das Kapitel bietet einen Überblick über diverse theoretische Ansätze, darunter den „labeling approach“ und die Anomietheorie, um die vielschichtigen Ursachen jugendlicher Gewalt zu beleuchten.
5. Beschreibung des Untersuchungsbereichs: Hier wird das spezifische Forschungsinteresse an „intrinsischen Gewaltmotiven“ begründet und die Theorie von Ferdinand Sutterlüty detailliert eingeführt.
6. Das methodische Vorgehen im Forschungsprozess: Es erfolgt die Begründung für die Wahl der qualitativen Sozialforschung und des fokussierten Leitfaden-Interviews als Instrument zur Erfassung subjektiver Sinnstrukturen.
7. Die Datengewinnung im offenen Jugendvollzug Göttingen der JVA Rosdorf: Dieses Kapitel beschreibt den empirischen Datenerhebungsprozess, einschließlich der Kontaktherstellung, des Anstaltskonzepts und der Interviewführung mit inhaftierten Jugendlichen.
8. Fall I: Mohammed – „Das is´ für mich kein Vater mehr“: Die erste Fallstudie rekonstruiert Mohammeds Biographie, die durch häusliche Gewalt und Ohnmachtserfahrungen geprägt war, und zeigt den Übergang vom Opfer zum Täter.
9. Fall II: Samir – „Immer Schreie gehört und...das Geheule von meiner Mutter...aber wir konnten nix machen...“: Diese Fallstudie untersucht die Auswirkungen von Gewalt in der Familie durch einen Stiefvater auf Samirs Entwicklung zur Straffälligkeit.
10. Fall III: Deniz – „Mein Vater hat immer gesagt, wenn einer aufmuckt: schlag ihn einfach!“: Die Fallstudie beleuchtet, wie das Vorleben des Vaters und die Erziehung zur Gewalt bei Deniz ein kriminelles Weltbild und gewaltaffines Verhalten etablierten.
11. Fall IV: Erik – „ ...provozieren, warten bis der was macht und dann drauf hauen..“: Erik, der aus einem scheinbar intakten Elternhaus stammt, wird als Fall analysiert, in dem die Suche nach dem „Kick“ und Machtgefühl durch Gewalt im Vordergrund steht.
12. Fall V: Sergij – „...halb tot haben wir die geschlagen! Richtig in die Fresse mitm Totschläger...“: Die letzte Fallstudie untersucht die Faszination für Gangsterkulturen und wie Drogen und Gewalt bei Sergij zusammenwirken.
13. Abschließende Gesamtbetrachtung und Kritik: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Einzelfallanalysen zusammen und übt konstruktive Kritik an der Theorie von Ferdinand Sutterlüty im Hinblick auf ihre Anwendbarkeit und Vollständigkeit.
14. Ausblick: Der Ausblick diskutiert pädagogische Lösungsansätze und Handlungsempfehlungen für die Arbeit mit straffälligen Jugendlichen.
Schlüsselwörter
Jugendgewalt, Sozialisation, intrinsische Gewaltmotive, Jugendstrafvollzug, qualitative Sozialforschung, Ohnmachtserfahrung, Missachtungsdynamik, Gewaltkarrieren, pädagogische Intervention, Täter-Opfer-Ausgleich, Bindungstheorie, Delinquenz, Gewaltmythologien, Gewaltprävention, biographische Genese.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Ursachen und Hintergründe für massive Gewaltkriminalität bei Jugendlichen. Dabei steht nicht die Tat an sich, sondern die biographische Entstehung von Motiven für Gewalttätigkeit im Fokus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Sozialisation, familiäre und außerfamiliäre Gewalt, das Entstehen von Gewaltkarrieren sowie die psychologische Verarbeitung von Ohnmacht und Missachtung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, mittels qualitativer Interviews zu rekonstruieren, warum Jugendliche massive Gewalt ausüben, die über instrumentelle Motive (z.B. Raub) hinausgeht, und dabei das Konzept der „intrinsischen Gewaltmotive“ auf Anwendbarkeit zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine qualitative Forschungsmethode angewandt, primär das fokussierte Leitfaden-Interview, um subjektive Sinnstrukturen der inhaftierten Jugendlichen zu erfassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Fallrekonstruktion von fünf inhaftierten Jugendlichen. Anhand dieser Fälle werden individuelle Gewaltkarrieren, familiäre Interaktionsmuster und die Entwicklung zur Gewalttätigkeit analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Jugendgewalt, Sozialisation, intrinsische Gewaltmotive, Ohnmachtserfahrung, Gewaltkarrieren und Gewaltprävention charakterisiert.
Wie beeinflusst eine „nicht-gelungene“ Sozialisation die Gewaltneigung?
Laut der Arbeit führt eine nicht-gelungene Sozialisation, oft begleitet durch Ohnmachts- und Missachtungserfahrungen in der Familie, zu einem negativen Selbstbild und Anerkennungsproblemen, was die Jugendlichen anfällig für gewaltbereite Gruppen und eine Laufbahn als Gewalttäter macht.
Kann durch die Arbeit eine Verbesserung der pädagogischen Betreuung im Vollzug abgeleitet werden?
Ja, die Arbeit empfiehlt eine verstärkte biographisch orientierte Einzelfallarbeit. Durch das Verstehen der eigenen Gewordensein-Prozesse und die Arbeit an Identitätsproblemen sowie Empathie-Förderung können Täter eine bessere Chance zur Resozialisierung erhalten.
- Citar trabajo
- Magistra Artium Julia Elisabeth Teuber (Autor), 2007, Intrinsische Gewaltmotive und ihre biographische Genese am Beispiel von jugendlichen Inhaftierten, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186464