Kaffeetrinken in der DDR war nicht nur Bestandteil des täglichen Lebens, sondern stellte auch den kleinen Luxus im sozialistischen Alltag dar. Die Arbeit beschäfigt sich mit der Darstellung der Verzehrweise von Kaffee, dem Portrait der Kaffeetrinker, dem Vertrieb von Kaffee und der Kaffeekrise von '77 - die Rolle des Kaffees wird außerdem mit Hilfe von DDR-Belletristik rekonstruiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Einfluss des Kaffeegetränks im historischen Rückblick
3. Bohnenkaffee heißt die Devise
3.1 Definition des Untersuchungsgegenstands
3.2 Kaffee im Alltag – Alltag mit Kaffee
4. Ein Profil zum Kaffeeverbrauch der DDR-Bevölkerung
4.1 Das Motiv Pause – Kaffeetrinken am Arbeitsplatz
4.2 Der private Genuss
4.3 Geografie des Bedarfs
5. Zur Struktur zur Kaffeeversorgung
5.1 Das sozialistische Kaffeeangebot
5.2 Wie der Verbraucher zum Kaffee kam
5.3 Im Interesse des Empfängers – Pakete aus dem Westen
6. Einsparungen in der Kaffeekasse – Das Jahr 1977 als Indikator für den Stellenwert von Kaffee
7. Neubesinnung statt Nostalgie – zum Erfolg des Ostkaffees nach 1989
8. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung des Kaffeekonsums in der DDR, wobei sie insbesondere die Diskrepanz zwischen dem hohen Stellenwert des Getränks als Identitätsmerkmal und dem häufigen Mangel unter den Bedingungen der sozialistischen Planwirtschaft beleuchtet. Dabei wird analysiert, wie Kaffeemangel als Krisenindikator fungierte und den privaten Alltag sowie die gesellschaftliche Struktur beeinflusste.
- Kulturgeschichte und soziale Distinktionsfunktion des Kaffeetrinkens
- Analyse der Mangelmentalität und staatliche Konsumsteuerung
- Bedeutung von privatem Tauschhandel und Westpaketen
- Reaktionen der Bevölkerung auf die „Kaffeekrise“ des Jahres 1977
- Transformation des Konsumverhaltens von der DDR zur Nachwendezeit
Auszug aus dem Buch
3.2 Kaffee im Alltag – Alltag mit Kaffee
Die wohl prägnanteste Schilderung zum Stellenwert der braunen Bohne im Leben der DDR-Bürger bietet Paul Gratzik in seinem Roman „Transportpaule“:
„Der Lebensrhythmus der Menschen zwischen ihren alten und neuen Mauern richtet sich nach ihren Kaffeepausen. Sie trinken ihn süß, heiß und in ziemlichen Mengen. Man könnte, wäre man Anarchist, die Menschen allesamt demoralisieren, würde man die Zufuhr des geliebten Kaffees sperren. Die Arbeitermacht bei uns darf sich Fehler erlauben, nur den nie, das Herbeischaffen des Kaffees auch nur einen Moment lang zu vergessen.“
Dieser Buchauszug aus dem Jahr 1977 beschreibt mit wenigen Worten, was Kaffee den Menschen in der DDR bedeutete und dass seine Wegnahme gewissermaßen einen Zustand der Gesetzeslosigkeit auslösen würde. Der tägliche Kaffeegenuss kann als moralisierende Instanz, als Halt, der den Menschen Struktur und Kraft für den Alltag verleiht, verstanden werden. Sicher entspricht diese Interpretation der Realität nicht in gleichem Maße, doch ist sie auch nicht weit davon entfernt. Kaffee war unbestritten ein täglicher Bestandteil im Leben der DDR; war er nicht vorhanden, fehlte etwas. Wenn er vorhanden war, war gleichsam auch das Bewusstsein, ein Leben mit materiellem Verzicht zu führen, ein wenig verblasst.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Thema Kaffeekonsum als allgegenwärtiges, kulturgeschichtlich tief verwurzeltes Attribut des DDR-Alltags und wirft Fragen nach der Versorgung unter Mangelbedingungen auf.
2. Der Einfluss des Kaffeegetränks im historischen Rückblick: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung des Kaffees nach, wobei insbesondere der Übergang von der Ständedistinktion zum täglichen Genussmittel sowie die Wirkung der Verbote im 18. Jahrhundert beleuchtet werden.
3. Bohnenkaffee heißt die Devise: Es erfolgt die Definition des Untersuchungsgegenstands als Bohnenkaffee, wobei dessen mythischer Stellenwert und die Abgrenzung von Surrogaten sowie die Rolle im Alltag herausgearbeitet werden.
4. Ein Profil zum Kaffeeverbrauch der DDR-Bevölkerung: Die Analyse des Verbrauchsverhaltens verdeutlicht die hohe Bedeutung der „Kaffeepause“ im Arbeitsalltag und beleuchtet sowohl den privaten Genuss als auch regionale Unterschiede des Bedarfs.
5. Zur Struktur zur Kaffeeversorgung: Hier wird die planwirtschaftliche Problematik des Kaffeeimports und die Etablierung von Marken sowie die zentrale Rolle von Westpaketen und Intershops als Ersatzversorgungsquellen untersucht.
6. Einsparungen in der Kaffeekasse – Das Jahr 1977 als Indikator für den Stellenwert von Kaffee: Dieses Kapitel thematisiert die drastische Angebotsumstellung im Jahr 1977 und die massiven Proteste der Bevölkerung, die das fragile Verhältnis zwischen Staat und Konsument offenlegten.
7. Neubesinnung statt Nostalgie – zum Erfolg des Ostkaffees nach 1989: Der Fokus liegt auf der Entwicklung nach der Wende, wobei erklärt wird, warum ostdeutsche Kaffeemarken trotz anfänglicher Ablehnung als Identitätsanker wiedergewonnen wurden.
8. Schlussbetrachtungen: Die Arbeit resümiert, dass Kaffee weit mehr als ein Nahrungsmittel war und die Proteste gegen Mangelerscheinungen als ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Befindlichkeiten und der Legitimitätskrise des SED-Staates fungierten.
Schlüsselwörter
DDR, Bohnenkaffee, Konsumkultur, Mangelwirtschaft, Kaffeekrise 1977, Westpaket, Intershop, Genussmittel, Identität, Alltagsgeschichte, DDR-Belletristik, Versorgungsstruktur, Konsumentenprotest, Röstfein, Lebensqualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Bohnenkaffee in der ehemaligen DDR und analysiert, wie dieses Genussmittel den Alltag prägte und als Krisenindikator fungierte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Konsumkultur, der staatlichen Versorgungspolitik, der Rolle von Kaffee als Distinktionsmittel und der Bedeutung von privaten Beschaffungswegen wie Westpaketen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu ergründen, warum gerade das Fehlen von Bohnenkaffee eine solche gesellschaftliche Sprengkraft entfaltete und wie das Bedürfnis nach dem Getränk die DDR-Gesellschaft widerspiegelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer Auswertung von Sekundärquellen, wirtschaftshistorischen Analysen, Eingabenschreiben der Bevölkerung sowie einer diskursiven Analyse von DDR-Romanen als Zeugnisse des Alltags.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der historische Kontext, die Konsumgewohnheiten der DDR-Bevölkerung, das staatliche Angebotssystem, die einschneidende Kaffeekrise von 1977 sowie der Erfolg von Ost-Kaffeemarken nach der Wende analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Konsumkultur, Mangelwirtschaft, Identität, Westpaket, Kaffeekrise 1977 und DDR-Alltag.
Welche Rolle spielten Westpakete für die Kaffeeversorgung?
Westpakete waren essenziell und deckten zeitweise bis zu 25 % des gesamten Kaffeebedarfs, wodurch sie eine notwendige Parallelstruktur zur staatlichen Mangelverwaltung bildeten.
Was zeigt die „Kaffeekrise“ von 1977 über die DDR-Gesellschaft?
Sie zeigt die enorme Diskrepanz zwischen staatlichem Handeln und den Bedürfnissen der Bürger sowie die Grenzen der staatlichen Kontrolle, da die Bevölkerung auf das „Kaffeeverbot“ mit kollektivem Protest reagierte.
- Citation du texte
- Anne Hallbauer (Auteur), 2010, Kaffeetrinken im Sozialismus?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186751