Handreichung für den Deutschunterricht zu Hans Georg Noack: "Rolltreppe abwärts"


Unterrichtsentwurf, 2012

85 Seiten


Leseprobe

I n h a l t

Hans-Georg Noack und Tendenzen der Jugendliteratur

Zum Inhalt

Didaktische Überlegungen

Stundenskizzen
Sequenz I Einführung in die Ganzschrift
Sequenz II Die Rolltreppe – Ort der Handlung und Symbol
Sequenz III Jochens Beziehung zu den anderen Personen
Sequenz IV Frau Jäger und Herr Hamel
Sequenz V Die Schuldfrage
Sequenz VI Alternatives Handeln
Sequenz VII Die Heimordnung
Sequenz VIII Das Gespräch zwischen Winkelmann und Hamel
Sequenz IX Erzähltechnische Mittel

Anregungen für handlungs- und produktionsorientierten Unterricht

Materialien
Auszug aus dem Jugendwohlfahrtsgesetz von 1961
Auszug aus dem Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1990
„Das Ziel lautet: Wieder runter von der schiefen Bahn“

Hinweise auf audiovisuelles Material und Sekundärliteratur

Normal gedruckte Seitenangaben beziehen sich auf ältere, kursiv gedruckte auf neuere Auflagen bzw. Nachdrucke von Rolltreppe abwärts.

Diese Handreichung ist die überarbeitete und erweiterte Fassung einer erstmals 1984, in 2. Auflage 1987 im Hirschgraben Verlag erschienenen Veröffentlichung.

Hans-Georg Noack und Tendenzen der Jugendliteratur

Für die deutsche Kinder- und Jugendliteratur bedeutete das Jahr 1945 keinen Neubeginn. In der Stunde größter Not blickte man zurück; eine Möglichkeit zur Weiterarbeit sah man im Rückgriff auf die erfolgreichen Bücher der Vergangenheit, auf internationale Klassiker, z. B. auf Defoes Robinson Crusoe, Stevensons Schatzinsel, Spyris Heidi, die Märchen der Brüder Grimm. Der demokratische Neubeginn in den Kommunen und deutschen Ländern sowie die Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 fanden keinen Widerhall in der Kinder- und Jugendliteratur, was jedoch den rückwärtsgewandten Strömungen der Zeit entsprach. „Gefordert wurden Werke, die Lebenshilfe boten, positive Grundhaltungen und ein intaktes Weltbild vermittelten, von inhaltlicher und formaler Geschlossenheit zeugten und keine Fragen offen ließen.“[1] Es ging vor allem um Anpassung, kaum um Auseinandersetzung.

In nur wenigen Büchern wurden die Gräuel der nationalsozialistischen Zeit oder gesellschaftliche Probleme der Gegenwart behandelt. Zu den Ausnahmen gehören das Tagebuch der Anne Frank (1950) und Bücher von Clara Asscher-Pinkhof und Lisa Tetzner. Ein deutliches Umdenken zeigt auch Erich Kästner in seiner Tierparabel Die Konferenz der Tiere (1949); sie lehrt, dass die Abschaffung von Krieg und Not möglich ist.

In der zweiten Hälfte der 50er-Jahre haben Autoren wie z. B. Otfried Preußler (Die kleine Hexe, 1957), James Krüss (Timm Thaler,1962) und Michael Ende (Jim Knopf, 1960) mit ihren fantastischen Geschichten die Vorstellung einer autonomen Kindheit vertreten, ohne ihre jungen Leser mit der gesellschaftlichen Realität direkt zu konfrontieren. Erst in einem zweiten Schritt sollte diese Literatur wieder zurück in die Wirklichkeit führen, was in Timm Thaler deutlicher als in den beiden anderen Titeln zu erkennen ist. In späteren Werken, z. B. in Preußlers Krabat (1971) und Endes Momo (1973), ist dies in besonderer Weise gelungen.[2]

Allmählich entstand daneben eine realistische und gegenwartsbezogene Kinder- und Jugendliteratur, in der auch die schuldbeladene deutsche Vergangenheit thematisiert wurde. Herausragende Beispiele sind Hans Peter Richters Damals war es Friedrich (1961) und Willi Fährmanns Das Jahr der Wölfe (1962) und Es geschah im Nachbarhaus (1968).

Hans-Georg Noack gehört in die Reihe der Jugendbuchautoren, die als erste gegenwartsbezogene sozialkritische Themen behandelten. Bereits 1960 erschien sein Buch Das große Lager, in dem es um Freundschaft und Völkerverständigung von Jugendlichen verschiedener Nationalitäten geht. Im gleichen Jahr wurde das Buch Hautfarbe Nebensache veröffentlicht. In diesem Buch wird Rassismus von Jugendlichen im Alltag dargestellt. Den Anstoß gab eine „Zeitungsmeldung, nach der in einem deutschen Sportverein ein ‚Mischlingsjunge‘ nicht Hockey spielen durfte, weil die jungen Sportler keinen ‚Farbigen‘ in ihrer Mannschaft duldeten. Noack empörte sich darüber und schrieb sein erstes wichtiges Jugendbuch …“[3].

Der für diese Zeit kennzeichnende Optimismus, die dunkle Vergangenheit überstanden und die Demokratie erreicht zu haben, ist aber in Noacks Büchern „nur verhalten“ zu finden.[4] Ihn beschäftigt vielmehr die Frage, ob es möglich ist, aus der Vergangenheit zu lernen, und wie die gegenwärtigen und zukünftigen Probleme besser zu lösen sind. In seinem Buch Einmal eins der Freiheit (1967) zum Beispiel bleibt Noack nicht bei unverbindlichen, allgemeinen Klischees, sondern stellt die Begriffe „Freiheit“ und „Ordnung“ in einem Spannungsverhältnis dar. Vom Kampf um Menschenrechte handelt Streiten, Erben, Hüter (1964) und auch das Buch Extremisten – Schlafmützen ‒ Demokraten (1969) gehört in die Reihe seiner Bücher mit ausgeprägt politisch-soziologischen Sachverhalten.

Wesentlich für Noack ist die Wirklichkeit; er erkundet die realen Schauplätze seiner Bücher. Wichtig sind ihm Einzelschicksale, mit denen sich die jungen Leser identifizieren können.[5]

Eine neue Jugendliteratur begann etwa um 1970 parallel zur Studentenbewegung. Sie ist gekennzeichnet durch die „Abwendung vom formalen Demokratieverständnis, durch das Bemühen um Offenlegung und Klärung von Gegenwartsproblemen, sozialen Konflikten und gesellschaftlichen Widersprüchen“[6]. Ihre Themen sind z. B. Minderheiten, Arbeitswelt, Freizeit, Herrschaft, Dritte Welt, Judenverfolgungen und Holocaust, Flucht, Vertreibung, Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, Darstellung und Behandlung von Problemen, Wünschen und Erfahrungen von Jugendlichen, Drogen. Im Gegensatz zur vorangegangenen Epoche stand nicht der „Stolz über das Erreichte“ im Mittelpunkt, sondern das Unbehagen über die Menge der noch zu lösenden Probleme.[7]

Die Kinder- und Jugendliteratur „der 70er-Jahre überwand Tabus, stellte ihre Leser mitten hinein ins sogenannte ‚wirkliche Leben‘ und mutete ihnen auch die dunklen Seiten des Alltags in Familie und Gesellschaft zu“[8]. Als Beispiele können genannt werden: Ursula Wölfel: Die grauen und die grünen Felder (1970), Peter Härtling: Das war der Hirbel (1973), Christine Nöstlinger: Maikäfer, flieg! (1973), Leonie Ossowski: Die große Flatter (1977), Christiane F.: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1979).

Auch in dieser Phase der Jugendliteratur ist Noacks Beitrag beachtlich: Bücher wie Rolltreppe abwärts (1970), Trip (1971, Drogenproblematik), Benvenuto, heißt willkommen (1973, Integrationsprobleme) stehen am Anfang dieser sozialkritischen Wende innerhalb der Jugendliteratur.

Mit anderen Schriftstellern teilt Noack die Erfahrung, zu einer verführten Generation, zu den Opfern einer dunklen Epoche zu gehören. Sein Wissen will er den Jüngeren mitteilen. Er weiß aber auch, dass die folgende Generation vor andere Aufgaben und Probleme gestellt ist. Das bedeutet für ihn, einerseits den Jugendlichen seine Erfahrungen nahezubringen, andererseits den Lesern in ihren Problemen Orientierung und Hilfen zu geben. Noack hat immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig ihm dieses Anliegen ist: „Ich glaube, dass Bücher die Welt verändern und verbessern, dem einen oder anderen Leser Denkanstöße geben, und das scheint mir das einzig Wichtige zu sein.“[9] „Ein Buch kann nicht gut sein, wenn der jugendliche Leser nicht ein wenig klüger oder ein wenig besser geworden ist.“[10] „Ich stelle Schwierigkeiten des Einzelnen und der Gesellschaft nicht dar, um sie zu beklagen, sondern um mein Vertrauen in ihre Überwindbarkeit auszudrücken. Weil ich weiß, dass ich Missstände nicht allein überwinden kann, suche ich Verbündete. Ich hoffe, sie bei jungen Lesern hin und wieder zu finden.“[11]

Aus Noacks Büchern ist das Bekenntnis zur sozialen und liberalen Demokratie und zu allmählichen Veränderungen herauszulesen; nirgends vertritt er extreme Positionen, nirgends finden sich Beispiele für radikale Lösungen. In Extremisten ‒ Schlafmützen ‒ Demokraten (1969) will er Brücken bauen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, die sich in der Gesellschaft verständnislos gegenüberstehen. Seine Absicht ist es, Vorurteilen, Gedankenlosigkeiten und Feindschaften, die zwischen den Generationen bestehen, entgegenzuwirken. „Nie ergreift er einseitig Partei. Negatives Verhalten von Erwachsenen [wird in allen seinen Büchern] in einem Kontext geschildert, der seinen Ursachenzusammenhang deutlich macht.“[12]

Noack hat sich immer dazu bekannt, sich beim Schreiben von erzieherischen Absichten leiten zu lassen, auch als diese Intention des Schreibens verpönt war. „Ich meine, dass der Schriftsteller, dessen Bücher besonders für junge Menschen bestimmt sind, auch einen pädagogischen Beruf ausübt. Da er eine erzieherische Wirkung seines Buches selbst dann nicht verhindern könnte, wenn er es wollte, sollte er den gewünschten erzieherischen Effekt sorgfältig planen und bedenken.“[13] „Ich wollte Lehrer werden und bin es nicht geworden. Aber der Beruf des Autors scheint mir durchaus dem des Pädagogen verwandt zu sein. Ich möchte gern, dass meine Bücher den einen oder anderen Leser dazu bringen, über ein Thema, das ihn zuvor nicht sonderlich beschäftigt hat, anhand des Materials, das ich ihm dafür biete, einmal gründlich nachzudenken und dabei zu überprüfen, ob seine eigene Haltung und Einstellung zu bestimmten Problemkreisen richtig ist, ob sie der Veränderung bedarf, ob sie zur Lösung bestehender Probleme beitragen kann. Insofern sehe ich das Schreiben als pädagogische Aufgabe an, und was man möglicherweise hin und wieder mit einigem Recht als eine allzu enge Anpassung an gerade aktuelle Themen kritisieren mag, ist aus meiner Sicht der Versuch, in die Diskussion einzugreifen, meine Meinung zu sagen, vielleicht auch den einen oder anderen von meiner Meinung zu überzeugen. … Ich möchte beeinflussen, ich möchte helfen, Vorurteile nicht zu beseitigen, sondern sie bei möglichst vielen jungen Menschen gar nicht erst aufkommen zu lassen.“[14]

Mit der neuen Jugendliteratur, vor allem der, die sich an etwa 13- bis 16-Jährige wendet, an jugendliche Leser also, die sich in einem schwierigen Alter zwischen Kindheit und Erwachsensein befinden, soll ein Defizit von Literatur behoben werden, die den Jugendlichen in seiner konkreten Lebenssituation anspricht und seine Probleme schildert. Die Vorwürfe, die gegenüber dieser Literatur erhoben worden sind, dass sie keine Orientierung biete und Literatur auf bloße Beschreibung der Wirklichkeit durch besondere Betonung der Aktualität und des Dokumentarischen reduziere, zielen, was die Bücher Noacks betrifft, ins Leere.

Jugendliche erwarten zu Recht unterhaltsame und spannende Jugendliteratur, in der ihre spezifischen Probleme dargestellt werden. Eine wesentliche Aufgabe der Jugendliteratur kann darin bestehen, Jugendliche in die soziale Realität einzuführen, womit sie einen wichtigen Beitrag zu deren Sozialisation leistet. In Noacks Büchern findet man diese Verbindung von Unterhaltung, Spannung, Information, Aufklärung und Aufforderung zum Nachdenken.

Durch Lesungen in verschiedenen Fürsorgeheimen wurde Noack zum Schreiben des Jugendbuches Rolltreppe abwärts angeregt. Viele Gespräche mit Heimzöglingen haben ihm das Grundlagenmaterial zu diesem Buch geliefert. Noack erkannte in den jugendlichen Heimbewohnern eine Außenseitergruppe, über welche die von „draußen“ mehr wissen sollten, damit sich ihre Situation verbessert. Noack versucht, den Leser nachhaltig betroffen zu machen. In den Menschen, die Jochen in seinem Traum den Weg zurück versperren, soll sich auch der jugendliche Leser wiederfinden und überlegen, ob auch er in die Gruppe derer gehört, die sich aus Gleichgültigkeit und Angst vor schlechtem Einfluss von Jochen abwenden würden.

Trotz des offenkundig realen Bezugs möchte Noack dieses Buch nicht als einen Bericht, sondern als Erzählung verstanden wissen. Auch sei sein Buch keine Erzählung über Jugendkriminalität oder über Heimerziehung. „Für ihn liegt der Schwerpunkt bei der Vereinsamung des Jürgen Joachim Jäger und bei der Unfähigkeit anderer Menschen, dies zu erkennen.“[15]

Während die parallel zur sozialkritischen Jugendliteratur entstehende antiautoritäre Kinderliteratur, z. B. Das Nein-Buch für Kinder (1972) und Das Streit-Buch für Kinder (1973) von Kilian und Stiller oder Birne kann alles (1971) von Herburger, Episode blieben, konnte sich die sozialkritische Literatur für Jugendliche neben der fantastischen Literatur bis in die Gegenwart behaupten.

Hans-Georg Noack

wurde 1926 in Burg bei Magdeburg geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen: Sein Vater war Gärtner, die Mutter Kindergärtnerin. Wie die meisten seiner Altersgenossen war er im Jungvolk, später in der Hitlerjugend, in der er eine Führungsfunktion innehatte. Nach Beendigung der Schule begann er mit 17 Jahren eine Lehrerausbildung, die er aber nicht abschloss. 1944 wurde er als 18-Jähriger zur Wehrmacht einberufen, erhielt eine kurze Grundausbildung und wurde nach Bergen in Norwegen abkommandiert, wo er an einem Lehrgang für Reserveoffiziere teilnahm. Ab Februar 1944 war Noack als Soldat im Nordwesten Deutschlands eingesetzt; dort geriet er unmittelbar vor Kriegsende in amerikanische, dann in britische und schließlich in belgische Gefangenschaft. Von 1944 bis 1947 arbeitete er in einer belgischen Kohlegrube und in einer Glasfabrik. Nach dem Ende der Gefangenschaft blieb er in Belgien und war von 1948 bis 1953 Sekretär des YMCA (CVJM - Christlicher Verein Junger Männer) in Brüssel. Anschließend arbeitete er in einem internationalen Jugendlager, engagierte sich für die Verständigung zwischen den Völkern. Er kehrte nach Deutschland zurück, war Dolmetscher am Internationalen Jugendinstitut der UNESCO, wechselte als Privatsekretär in die Dienste der berühmten Pianistin Elly Ney und gründete eine eigene Konzert- und Gastspieldirektion. In dieser Zeit schrieb er seine ersten Bücher: 1955 Jürg. Die Geschichte eines Sängerknaben, 1960 den Roman Das große Lager, in dem er auf seine im Jugendlager gemachten Erfahrungen zurückgreifen konnte. Von 1960 bis 1973 arbeitete Noack als freier Schriftsteller und Übersetzer und wurde 1969 Sprecher des Ausschusses der Kinder- und Jugendbuchautoren. 1973 übernahm er die literarische Leitung des Schaffstein Verlags. 1980 wurde er Leiter des Arena Verlags. Noack übersetzte verstärkt englische, amerikanische, französische und niederländische Autoren ins Deutsche. 1996 gründete er für in Not geratene Kinder die „Jugendstiftung Hans-Georg Noack“.

Hans-Georg Noack starb 2005 in Eisingen bei Würzburg.

Er wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. für sein Gesamtwerk mit dem Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur (1978) und mit dem Friedrich-Bödecker-Preis (1990).

Zwei seiner eigenen Werke (Rolltreppe abwärts und Benvenuto heißt willkommen) standen auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, drei seiner über 240 übersetzten Bücher wurden mit dem deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet, 20 weitere Titel schafften es auf die Auswahlliste.

Zu seinen bekannteren Büchern zählen neben den bereits erwähnten Titeln Die Abschlussfeier (1972), Suche Lehrstelle, biete …. (1975), Die Webers, eine deutsche Familie (1980 ‒ Der Roman erzählt vom Schicksal der vierköpfigen Familie Weber in den Jahren 1932 – 1945. Die Familie wird einer Zerreißprobe ausgesetzt, weil der Vater Sozialdemokrat ist, verhaftet wird, sich nach seiner Entlassung am Widerstand beteiligt, während sich der ältere Sohn in der Hitlerjugend engagiert und sich für das Regime einsetzt.), Die großen Helfer (1983).

Zum Inhalt

Der dreizehnjährige Jürgen Joachim Jäger, die Hauptperson des Buches, zu Hause Jochen, im Heim Jojo und vom Erzieher Hamel Boxer genannt, fühlt sich nach der Schule einsam und alleingelassen, da seine seit zwei Jahren geschiedene Mutter berufstätig ist und er keine Freunde mit nach Hause bringen darf.

Seit Frau Jäger einen Bekannten hat, fühlt sich Jochen noch stärker vernachlässigt, er empfindet diesen Freund der Mutter, den Lebensmittelhändler Albert Möller, als Eindringling und Störenfried seines nach der Scheidung der Eltern guten Zusammenlebens mit der Mutter.

Seinen Vater vermisst er nicht, weil dieser, wenn er einmal zu Hause gewesen ist, sich der Mutter gegenüber oft aggressiv verhalten hat.

Als Jochen seinen Hausschlüssel verliert, bleibt ihm die Wohnung verschlossen und er vertreibt sich die Zeit bis zum Abend im Kaufhaus, wo er wegen Geldmangels seinen ersten kleinen Diebstahl (Mundraub) begeht. Dabei lernt er den 15-jährigen Axel kennen, der ihn zum Zigarettenrauchen und Biertrinken einlädt und ihn zum Stehlen verleiten kann, da Jochen sich dem neuen Freund verpflichtet fühlt.

Nachdem sich die beiden Jungen während ihrer Kaufhaustouren mit dem 14-jährigen Mädchen Elvira angefreundet haben, stiehlt Jochen für Elvira, die ihm ihre Zuneigung deutlich zeigt, als Freundschaftsbeweis zunächst eine Kette und zwei Tage später mit der gleichen Absicht ein Transistorgerät, wobei er erwischt wird. Die Tatsache, noch nicht 14 zu sein, schützt ihn vor Strafverfolgung.

Das ungewohnte eisige Schweigen seiner Mutter als Reaktion auf seine Vergehen bereitet ihm Angst und er reißt von zu Hause aus, wobei ihm Axel hilft. Nach seiner freiwilligen Rückkehr kommt es zu einer harten Auseinandersetzung mit Albert Möller, in deren Verlauf Jochen von dem Freund der Mutter geschlagen wird.

Als Jochen und Elvira sich zufällig begegnen, wendet sie sich von Jochen ab und informiert den sie begleitenden älteren Schüler über Jochens Diebstahl. Am nächsten Tag kreuzen sich die Wege der beiden Jungen auf dem Schulhof; der Ältere nennt Jochen einen Kaufhausdieb, Jochen ist außer sich, schlägt mit einer Milchflasche auf den anderen ein und verletzt ihn am Kopf. Am selben Nachmittag reißt Jochen Elvira bei dem Versuch, mit ihr zu sprechen, wozu sie aber nicht bereit ist, die Kette vom Hals.

In enger Anlehnung an das Protokoll der polizeilichen Vernehmung erstellt das Jugendamt eine Akte über Jochen, in der lapidar „Warenhausdiebstahl“, „schwere Körperverletzung“ und „versuchter Raub“ steht.

Auf Anraten des Jugendamtes und mit Zustimmung der sorgeberechtigten Mutter, die dabei Unterstützung von Herrn Möller erhält, wird Jochen in ein Erziehungsheim (Freiwillige Erziehungshilfe) eingewiesen.

Der für Jochens Gruppe von 16 Jungen zuständige 53-jährige Hamel erzieht die Jugendlichen nach strengen, autoritären, veralteten Grundsätzen, die nicht auf wissenschaftlichen Studien aufbauen, sondern auf Erfahrungen aus seiner Kindheits-, Jugend-, Wehrmachts- und Berufszeit beruhen. Er verlangt von seinen 16 Zöglingen Einordnung, Unterordnung und Gehorsam. Seine Anforderungen hinsichtlich Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit und die selbst bei geringen Auffälligkeiten angewandten Strafen werden Jochen nicht gerecht, helfen ihm nicht, sondern führen dazu, dass der Heimaufenthalt Jochen zur Qual wird. Hamel aber mag eigentlich die ihm anvertrauten Jungen und ist von der Richtigkeit seiner Erziehungsgrundsätze und –methoden überzeugt, die – so glaubt er ‒ eine spätere Eingliederung der Zöglinge in die Gesellschaft erst ermöglichen würden.

Schon frühzeitig zeichnet sich ein Konflikt mit dem Erzieher ab, weil Jochen auf Hamels Frage, warum er im Heim sei, antwortet, dass seine Mutter allein daran schuld sei. Mit dieser Antwort ist Hamel unzufrieden und er verlangt von Jochen eine schriftliche Ausarbeitung zu der Frage „Warum ich hier bin“. Jochen weigert sich, diesen Aufsatz zu schreiben, weil er meint, die Frage hinlänglich beantwortet zu haben. Zusammen mit den anderen Jungen seiner Gruppe probt Jochen den Aufstand gegen Herrn Hamel, weil er mit dessen Erziehungsmethoden nicht einverstanden ist, sich gegen falsche und unberechtigte Beschuldigungen des Erziehers wehrt und insbesondere erreichen möchte, dass Hamel die Jungen nicht mehr mit Hundenamen anspricht.

Trotz weiter bestehender Probleme bekommt Jochen zu einigen Personen im Heim ein gutes Verhältnis, sodass er die Heimsituation als erträglicher empfindet. Eine dauerhafte Freundschaft entsteht zwischen Jochen und dem Heimbewohner Sven. Zu Herrn Katz, dem Heimleiter, fasst er Vertrauen; Jochen verspricht ihm sogar, dass nichts mehr vorfallen wird. Auch mit dem Praktikanten Winkelmann, der im Gegensatz zu Hamel auf die individuelle Situation eines jeden Jungen eingehen und nicht den angepassten Zögling haben will, kommt er wie die anderen Jugendlichen gut aus. Besonders mag er die Krankenschwester Maria, die er oft besucht und mit der er sich gern unterhält. Als sie ihm eine Lehrstelle bei ihrem Bruder vermittelt, scheint sich alles noch zum Guten zu entwickeln.

Seine Versuche, Unterstützung von außerhalb des Heims zu bekommen, scheitern. Axel reagiert nicht auf Jochens Briefe, in denen er seine Situation schildert und ihn um Rat und Hilfe bittet, lässt aber durch seinen Vater ausrichten, dass er mit einem Heiminsassen nichts zu tun haben will.

Enttäuscht wird Jochen vor allem aber von seiner Mutter, die während eines Besuches auf seine eindringliche Bitte, ihn mit nach Hause zu nehmen, nicht reagiert und ihm weder Hilfe zu geben noch Trost zu spenden vermag. Als die Mutter ihn später zu ihrer Hochzeit mit Albert Möller einlädt, verletzt er sich mit einer Gabel, um nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen zu müssen.

Die endgültige Wende zum Abwärts ereignet sich, als Sven und Jochen es nicht mehr schaffen, nach einem Freigang pünktlich ins Heim zurückzukehren. Aus Angst vor Hamels Strafen stiehlt Sven den Dackelwelpen eines spielenden Mädchens, den sie mit der Bemerkung, sie hätten ihn vor dem Ertrinken bewahrt, dem Hundefreund Hamel übergeben und als Grund für ihr Zuspätkommen vorschieben.

Die Wahrheit erfährt Herr Hamel aus der Zeitung und er fühlt sich in der negativen Beurteilung Jochens bestätigt. Herr Katz ist enttäuscht darüber, dass Jochen nicht Wort gehalten hat. Schwester Maria zieht ihr Angebot, Jochen eine Lehrstelle zu vermitteln, zurück. Sven wird aus dem Heim zu Pflegeeltern entlassen, sodass Jochen wieder allein ist und als Alleinschuldiger abgestempelt wird.

Jochen flieht aus dem Heim nach Stuttgart zu seinem geschiedenen Vater, der Jochens Einschätzung der Situation nicht teilt, ihn dem heimischen Jugendamt übergeben will und nicht fähig oder willens ist, seinem Sohn beizustehen. Enttäuscht und resigniert lässt sich Jochen von der Polizei nach tagelangem Umherirren ins Heim zurückbringen. Im Heim angelangt, erhält Jochen als Strafe drei Tage Absonderung; er selbst isoliert sich freiwillig von allen anderen.

Noch einmal unternimmt er einen letzten verzweifelten Versuch, die für ihn unhaltbare Situation zu ändern, indem er in einem Brief seine Mutter bittet, ihn aus dem Heim herauszuholen. Mit einer Postkarte beschwichtigt ihn Frau Möller und fordert ihn unter Wiederholung längst bekannter Argumente auf durchzuhalten. Diese Antwort löst Jochens letzte Tat aus: Jochen flieht erneut. Bevor er wieder ausreißt, schreibt er den Aufsatz so, wie Hamel ihn verfasst haben möchte, nämlich mit dem völligen Eingeständnis seiner Schuld an allen Vorfällen, versehen mit der Einsicht, dass er nichts tauge. In falscher Einschätzung der Situation und seiner Erziehungsmethoden glaubt Hamel, dass nun aus Jochen doch noch etwas werden könnte.

Während seiner Flucht begeht Jochen in seiner Heimatstadt eine Reihe von Straftaten, die scheinbar sinnlos sind, mit denen er aber die Verantwortlichen auf sein Schicksal aufmerksam machen und mit denen er sich auf die ihm noch mögliche Weise gegen das ihm zugefügte Unrecht wehren und beweisen will, dass er - nun strafmündig - es doch erreicht hat, nicht mehr in das verhasste Heim zurückkehren zu müssen. Als man ihm anbietet, aus der Haft entlassen zu werden, lehnt er ab – mit der Begründung: „‘Behalten Sie mich mal lieber hier. Das ist wenigstens ein richtiges Gefängnis.‘“[16]

Der Schluss bleibt offen.

Didaktische Überlegungen

Rolltreppe abwärts, seit 1970 weit über 2 Millionen Mal verkauft, wendet sich an Leser, die im Alter der Hauptfigur sind, also an Dreizehn-, Vierzehnjährige. Die folgende Planung geht von der Annahme aus, dass der Roman in den Jahrgangsstufen 7/8 gelesen wird.

Da in den Vorspanntexten zu jeder Sequenz die didaktischen Begründungen zu den jeweiligen Themen im Einzelnen dargelegt werden, sollen an dieser Stelle lediglich einige allgemeine Überlegungen zur Auswahl gerade dieses Jugendbuches und zur unterrichtlichen Konzeption zur Sprache kommen.

Noack greift eine gesellschaftlich relevante Thematik auf. Der jugendliche Leser wird mit sozial signifikanten Fragestellungen konfrontiert, er kann seine eigenen Erfahrungen einbringen und sie mit der Darstellung im Roman vergleichen. Der Autor deckt ein ganzes Spektrum sozialkritischer Problemfelder ab, zentral aber steht die Situation eines Jugendlichen in einer modernen Gesellschaft mit sich verändernden Bedingungen menschlichen Zusammenlebens. Noack formuliert dies nicht so generalisierend und so allgemein kann es im Unterricht auch nicht angesprochen werden. Noack greift vielmehr Einzelaspekte dieser Thematik auf, unter anderem Schlüsselkinder, Scheidung, alleinerziehende Elternteile, Alkoholismus, Jugendkriminalität, Heimerziehung, private und öffentliche Erziehung. Dies sind Themen, die Jugendlichen aufgrund eigener Erfahrungen, durch Beobachtungen im Bekanntenkreis oder durch Vermittlung der Medien in aller Regel bekannt sind. Für die einen mag Rolltreppe abwärts Hilfe sein, Einsichten in die eigene Situation und Ansätze für eine Reflexion zu gewinnen, für die anderen mag das Buch Anlass sein, Verständnis für die Schwierigkeiten anderer zu entwickeln. Rolltreppe abwärts bedeutet in jedem Fall, dass sich der jugendliche Leser mit der eigenen Sozialisation und deren gesellschaftlichen Implikationen auseinandersetzen und über sein eigenes zukünftiges Verhalten nachdenken kann. Das Buch hat einen durchaus aufklärerischen und erzieherischen Impetus. Dagegen kann eingewandt werden, dass der Autor es versäumt hat, die gesellschaftlichen Verhältnisse der alten Bundesrepublik Deutschland stärker in den Blick zu rücken, das Figurenensemble um positive Handlungsträger als Identifikationsangebot zu erweitern oder eine Lösung der zahlreichen Konflikte zu bieten. Das mag stimmen, es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass in der unretuschierten Darstellung gesellschaftlicher Teilbereiche eine rational aufklärerische und erzieherische Absicht intendiert ist, ohne dass der Roman dadurch in die Näher pädagogischer Aufklärungsliteratur gerückt würde. Die Offenheit Noacks in Bezug auf das Ende des Romans schafft die Voraussetzung dafür, dass der Leser Spielräume für eine eigene Meinungsbildung, für eigene Entscheidungen gewinnt und dass die Kommunikationsbereitschaft zwischen den Schülern gefördert wird.

Für die Auswahl dieses Buches spricht also auch, dass es sich nicht um Tendenzliteratur handelt. Der Roman Rolltreppe abwärts klagt an, ohne vorschnell und einseitig Schuld zuzuweisen, er indoktriniert nicht, malt nicht schwarz-weiß, heroisiert nicht den Jugendlichen und verunglimpft nicht den Erwachsenen. Ganz gewiss ist der Roman nicht neutral; Jochen, die Hauptfigur, erscheint durchaus als Opfer und bemitleidenswert, aber Noack differenziert. Handlungen sind nicht eindimensional, gut und böse keineswegs so einseitig den Personen attribuiert, dass der Leser von vornherein festgelegt und der Notwendigkeit enthoben wird, über seine eigene Parteinahme für eine Person des Romans oder über gesellschaftliche Widersprüche nachdenken zu müssen.

Eine Stärke des Romans ist, dass individuelles Verhalten als Reflex zwischenmenschlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Bedingungsfaktoren begreifbar wird. Auch deshalb wird die Frage nach den Ursachen in mehreren Sequenzen unterschiedlich intensiv gestellt. Noack hat Widerstände eingebaut, die eine rein emotionale Betrachtung verhindern.

Die Sprache des Romans legt dem jugendlichen Leser keine großen Hindernisse in den Weg. Man kann sie in den erzählenden Passagen als gehobene, in den dialogischen zum Teil als jugendorientierte Umgangssprache charakterisieren. Nirgends wird sie zum Jargon. Sie ist so „normal“, dass darauf verzichtet wird, sie zum Thema einer Unterrichtssequenz zu machen.

Anders verhält es sich mit der Erzähltechnik (vgl. Ausführungen in Sequenz IX). Noack geht mit der (erzählten) Zeit und der Erzählperspektive souverän um. Er stellt damit Ansprüche, die einerseits gerade für die spezifischen Zielsetzungen des Deutschunterrichts relevant sind, die andererseits einen direkten Zugang des jugendlichen Lesers unter Umständen erschweren können und die möglicherweise in leistungsschwachen Lerngruppen einer besonderen Hilfestellung durch den Lehrer bedürfen.

Die Unterrichtsplanung, ausgewiesen in den Themen, Unterrichtszielen und methodischen Hinweisen, ist vor allem einer textorientierten und analytischen Leseweise verpflichtet. Maßgebend ist der Text, die Erschließung zum Beispiel seiner inhaltlichen Aussage, seiner Handlungsstruktur, der Personenkonstellation, der Erzähltechniken. Der Text dient nicht als Anlass, gesamtgesellschaftliche Zustände in den Blick zu nehmen, Selbsterfahrungsprozesse der Schüler zu initiieren oder ausschließlich die kreativen Fähigkeiten der Jugendlichen zur Entfaltung zu bringen. Die Unterrichtsplanung kommt jedoch anderen literaturdidaktischen Auffassungen insoweit entgegen, als in verschiedenen Sequenzen dem Lehrer Anregungen für einen über den Text und die reine Textanalyse hinausführenden Unterricht gegeben werden. Während die Form der szenischen Darstellung in Sequenz V (Die Schuldfrage) eine Dimension eröffnet, die über den Text hinausgeht und dem Schüler neue Handlungsfelder erschließt, aber doch in erster Linie methodisches Mittel ist, um das Textverständnis zu sichern und sich im Rahmen der Vorgaben des Romans sicher zu bewegen, gibt Sequenz VI (Alternatives Handeln) den Schülern weitaus größere Spielräume, den Roman lediglich als Folie zu nehmen, um eigene Erfahrungen und Wünsche zu äußern. Auch die auf S. 71 ff. unterbreiteten Schreibanlässe weisen in diese Richtung, nehmen den Roman als Medium, durch das sich die Subjektivität des Rezipienten zur Darstellung bringen kann.

Lehrer, die mit der folgenden Unterrichtsplanung arbeiten wollen, dürfen die Sequenzen nicht als ein Pflichtprogramm, sondern müssen sie als einen Satz von Bausteinen verstehen, wobei der Unterrichtende eigenverantwortlich zu entscheiden hat, welche Bausteine er auswählt und in welcher Reihenfolge er sie zueinander fügt. Der Wunsch nach didaktischer Offenheit und abwechslungsreichem Unterricht führt zu einem großen Angebot an Themenvorschlägen. Der zeitliche Rahmen, das Leistungsniveau und die Leseerfahrung der Lerngruppe und die allgemeine Auffassung des Lehrers vom Umgang mit Literatur werden Art und Umfang der Auswahl bestimmen.

Damit die Planung nicht nur anregend ist, sondern den Lehrer tatsächlich von Unterrichtsvorbereitung entlastet, sind häufig die möglichen Antworten der Schüler detailliert antizipiert und formuliert worden – dies zum Teil in einer Ausführlichkeit, die im Unterricht nicht annähernd zu realisieren sein wird. Der Lehrer sollte sich dadurch nicht abschrecken lassen. Tafelbilder zum Beispiel können gekürzt oder lediglich mündlich im Unterrichtsgespräch erarbeitet werden.

Die Konzeption der Unterrichtsplanung ist auch wesentlich durch den Wunsch bestimmt, Angebote für einen Unterricht mit Schülern unterschiedlicher Begabung zu machen, also Hilfen für eine Differenzierung zu geben. Darüber hinaus ermöglichen die in den neun Sequenzen behandelten Inhalte und vor allem die umfassend vorgegebenen Lösungsvorschläge dem Lehrer, die verschiedenen Formen von Frei-, Wahl- und Planarbeit einschließlich des Projektunterrichts einzusetzen.

Stundenskizzen

Vorbemerkung: Der Begriff „Sequenz“ als Bezeichnung für einen thematisch zusammenhängenden Unterrichtsabschnitt wurde gewählt, weil für die Durchführung die zeitliche Begrenzung auf jeweils eine Stunde kaum einheitlich und verbindlich festgelegt werden kann. Die Stundenangaben sind Annäherungswerte.

Der Abfolge der Sequenzen liegt ein roter Faden zugrunde. Einzelne Sequenzen können dennoch herausgelöst werden. Auch steht es dem Unterrichtenden frei, auf die eine oder andere Sequenz ganz zu verzichten. Das Angebot an Stundenskizzen ist bewusst breiter angelegt, als es üblicherweise im Unterricht verwirklicht werden kann.

Sequenz I
Einführung in die Ganzschrift

1 Unterrichtszusammenhang

Das Problem: Wie Schüler sich am besten eine Ganzschrift aneignen, kann nicht ohne Kenntnis der konkreten Lernsituation bestimmt werden. Viele Faktoren werden die Entscheidung des Lehrers für die eine oder andere Methode beeinflussen; so unter anderem die Leseerfahrung, die Erfahrung der Schüler im Umgang mit Ganzschriften, die Aufnahmefähigkeit und -bereitschaft, die jeweils angestrebten Unterrichtsziele. Wenn von Schülern aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit und ihres soziokulturellen Hintergrunds erwartet werden darf, dass sie ein Buch dieses Umfangs innerhalb einer Woche zu Hause lesen, erscheinen Hin- und Einführung unproblematisch. Schwieriger ist die Frage nach der angemessenen Einführung zu beantworten, wenn die Lektüre für stark leistungsheterogen zusammengesetzte Lerngruppen, die einen binnendifferenzierten Unterricht erfordern, geplant ist. Hier bietet sich ein überwiegend sukzessives Lesen des Textes in der Unterrichtsstunde an, doch setzt der Umfang des Romans dieser Methode Grenzen. Der Unterricht würde sich zwangsläufig auf das Lesen des Textes beschränken, andere Zielsetzungen müssten vernachlässigt werden.

Lösungsvorschlag: Die Schüler haben während der Zeitspanne von vier bis sechs Unterrichtsstunden Gelegenheit, den Roman zu Hause zu lesen. Von Unterrichtsstunde zu Unterrichtsstunde müssen sie jeweils zwei bis drei Kapitel lesen. Die häusliche Lektüre wird mit folgenden Aufgabenstellungen verknüpft:

‒ Formuliert zu jedem Kapitel mehrere Kapitelüberschriften.
‒ Streicht Textstellen an (bzw. schreibt Textstellen heraus), die euch besonders wichtig erscheinen (in Bezug auf die Handlung, das Verhalten einzelner Personen, die Erzähltechnik).
‒ Übt euch darin, die Handlung der einzelnen Kapitel zusammenfassend nachzuerzählen.

Der Vorteil: Die Schüler bestimmen im vorgegebenen Rahmen selbst das Lesetempo. Der Text kann nach dieser Phase tatsächlich bei allen Schülern, auch den leseschwachen, als bekannt vorausgesetzt werden. Die Aufgabenstellungen verhindern ein nur auf die Handlung und das Ende gerichtetes Lesen und sie ermöglichen, dass die Schüler in Gruppen arbeiten können

2 Unterrichtsziele

Die Schüler

- lesen den Roman abschnittweise,
- haben den Inhalt der einzelnen Kapitel in den jeweils folgenden Unterrichtsstunden präsent,
- erkennen jene Ereignisse und Textstellen, die für den Gang der Handlung, für die Einschätzung der Personen und für die Aussageabsicht des Romans wichtig sind,
- tauschen sich über ihre Kenntnisse aus und, sofern nötig, informieren sich gegenseitig.

3 Unterrichtsverlauf

In der ersten Stunde erfolgt eine allgemeine Einführung. Der Lehrer informiert über den Autor und umreißt knapp die Thematik des Romans. Die Schüler berichten, ob sie Bücher mit ähnlicher Thematik schon gelesen haben, ob sie andere Romane von Noack kennen, ob und gegebenenfalls welche Bücher aus der Buchreihe ihnen bekannt sind. Am Schluss der Stunde erläutert der Lehrer, welches Verfahren für die Aneignung des Buches geplant ist. Die oben angeführten Aufgabenstellungen werden mitgeteilt.

Die folgenden Stunden verlaufen nach gleichem Schema: In den ersten 20 bis 25 Minuten jeder Stunde vergleichen die Schüler in Gruppenarbeit, welche Überschriften für die Kapitel sie herausgefunden und welche Textstellen sie angestrichen haben. Die Gruppenmitglieder einigen sich auf wenige Überschriften und vier bis sechs Textstellen, die dann als Vorschläge der Gruppe von einem Gruppenmitglied vorgetragen werden. Alle Vorschläge müssen begründet werden können. Die Forderung, dass jede Gruppe Vorschläge unterbreitet, die von allen Mitgliedern akzeptiert worden sind, und die zahlenmäßige Beschränkung auf wenige Überschriften und Textstellen sind wichtig, weil dadurch ein intensives Gespräch in den Gruppen gefördert wird.

Während des zweiten Teils jeder Stunde tragen die Gruppen ihre Ergebnisse vor. Die Erfahrung zeigt, dass alle Gruppen aufmerksam zuhören, um zu sehen, in welchem Maße ihre eigenen Ergebnisse mit den jeweils vorgetragenen übereinstimmen. Der Lehrer leitet die Schüler an, sich bei Wiederholungen kurz zu fassen oder ganz auf sie zu verzichten.

Kapitelüberschriften

Die Festlegung auf nur eine Überschrift ist schwierig, wenn nicht ausgeschlossen, weil es in den Romankapiteln mehrere Handlungsebenen gibt. Wenn die Funktion der Kapitelüberschriften so verstanden wird, dass sie den Inhalt eines Kapitels auf eine Kurzformel bringen, wird der Lehrer mit wenigen Überschriften zufrieden sein. Wenn aber die Überschriften die Funktion einer Inhaltsübersicht haben sollen, wird der Unterrichtende eine größere Anzahl zulassen , ja fordern.

Folgende Überschriften erscheinen sinnvoll, wenn sie eine Orientierungshilfe zum Inhalt sein sollen:

Kap. 1: Jochens Ankunft im Heim

Kap. 2: Verlust des Schlüssels

Bekanntschaft mit Axel

Kap. 3: Diebstahl für Elvira

Jochen wird erwischt

Axel ein „guter Freund“

Jochen reißt von zu Hause aus

Kap. 4: Hamel bestraft Jochen fürs Rauchen

Enttäuschung über Elvira: Jochen wird gewalttätig

Vorladung zum Jugendamt

Freiwillige Erziehungshilfe (FEH)

Kap. 5: Bedeutung der Akten

Hamels Lebenslauf und seine Erziehungsgrundsätze

Jochens 14. Geburtstag

Kap. 6: Verschmierte Toilettentür

Jochen wird zu Unrecht bestraft

Terriers Flucht

Kap. 7 : Boxer-Aufstand

Unterschiedliche Auffassungen zwischen Hamel und Winkelmann

Kap. 8: Zweimal bei Heimleiter Katz

Schwester Maria

Jochens Mutter zu Besuch

Kap. 9: Einkauf mit Herrn Katz

Blumen für Schwester Maria

Enttäuschung während der Tanzstunde

Jochen verletzt sich selbst

Lehrstelle in Aussicht

Kap. 10: Hundediebstahl

Sven wird zu Pflegeeltern entlassen

Jochen wird wegen des Diebstahls mit Vorwürfen überhäuft

Kap. 11: Jochens Flucht nach Stuttgart zum Vater

Freiwillige Rückkehr ins Heim

Kap. 12: Jochens Absonderung

Brief an die Mutter – ein letzter Versuch

Erneute Flucht aus dem Heim in seine Heimatstadt

Jochen macht durch Straftaten auf sich aufmerksam

Nie mehr ins Heim zurück

[...]


[1] Isa Schikorsky: Kinder- und Jugendliteratur. Köln: Dumont 2003, S. 141 f.

[2] Schikorsky, S. 147 ff.

[3] Günter Lange: Hans-Georg Noacks Jugendliteratur und Übersetzungen in der Sekundarstufe I. Hohengehren: Schneider 2009, S. 2 (Kinder- und Jugendbuchliteratur im Unterricht, Bd. 10)

[4] Malte Dahrendorf: Der Schriftsteller Hans-Georg Noack. Broschüre des Signal-Verlags. Baden-Baden o.J.

[5] Stiftung Lesen: Jugendtaschenbücher in der Schule. Sonderheft, Herbst 1990. Mainz, S. 30 ff.

[6] Dahrendorf, a.a.O.

[7] Dahrendorf, a.a.O.

[8] Schikorsky, S. 156

[9] Das Interview. - In: Spracherziehung. Frankfurt 1975, S. 38 f.

[10] Stiftung Lesen, S.30.

[11] Dahrendorf, a.a.O.

[12] Stiftung Lesen, S. 30.

[13] Noack in einem Informationsschreiben des Ravensburger Verlags O. Maier.

[14] Malte Dahrendorf, a.a.O.

[15] Dagmar Albrecht (u. a.): Das Jugendbuch im Deutschunterricht am Beispiel von H.-G. Noacks Rolltreppe abwärts (Pädagogische Prüfungsarbeit zur Zweiten Staatsprüfung. Unveröffentlicht.)

[16] Noack: Rolltreppe abwärts, Ravensburger Buchverlag 192011, S. 216

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Handreichung für den Deutschunterricht zu Hans Georg Noack: "Rolltreppe abwärts"
Autoren
Jahr
2012
Seiten
85
Katalognummer
V186900
ISBN (eBook)
9783656104025
ISBN (Buch)
9783656104292
Dateigröße
5185 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschunterricht, Heimerziehung, Jugendbuch, Jugendkriminalität, Kinder- und Jugendhilfegesetz, Kinder- und Jugendliteratur, Literaturunterricht, Noack
Arbeit zitieren
Dieter Seiffert (Autor)Georg Völker (Autor), 2012, Handreichung für den Deutschunterricht zu Hans Georg Noack: "Rolltreppe abwärts", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186900

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