Alphabetisierung von oben: Die Theresianische Schulordnung von 1774


Hausarbeit, 2011
22 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das niedere Schulwesen in der Monarchie Österreich vor 1774

3. Die ersten Versuche einer Bildungsreform und der Weg zur „Allgemeinen Schulordnung“ von 1774

4. Die „Allgemeine Schulordnung“ von Maria Theresia
4.1. Die wesentlichen Inhalte der „Allgemeinen Schulordnung“
4.2. Maßnahmen zur Realisierung der Schulordnung
4.3. Die Lehrerausbildung, die Lehrmethoden und die Lehrinhalte unter dem Aspekt der Sozialdisziplinierung
4.4. Die Errichtung und der Ausbau der niederen Schulen
4.5. Die soziale Stellung und Entlohnung der Lehrkräfte
4.6. Die Eltern oder Erziehungsberechtigten und die Einstellung zur „Allgemeinen Schulordnung“

5. Resultate und Abschlussgedanken zur „Allgemeinen Schulordnung“

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Schulbesuch in Wien und Umgebung

Abbildung 2: Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämmtlichen Kaiserl. Königl. Erbländern

1. Einleitung

„Das Schulwesen ist ein Politikum. “[1] Maria Theresia Das 18. Jahrhundert kann laut Rudolf Vierhaus als klassisches „Schwellenjahrhun­dert“[2] bezeichnet werden, denn der Weg führte aus der Frühen Neuzeit hinein in die moderne Welt. In dieser Zeit kam es zu einem entscheidenden politischen sowie ge­sellschaftlichen Strukturwandel, der in weiterer Folge den modernen Staat entstehen ließ.

In Österreich setzte die Epoche des aufgeklärten Absolutismus mit Maria Theresia[3] ein. Die Kaiserin setzte sich behutsam für zahlreiche Reformen ein. Eine der bekann­testen davon ist die „Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämmtlichen Kaiserl. Königl. Erbländern“ vom 6. Dezember 1774.

Die vorliegende Hausarbeit beleuchtet die Bildungsreform des niederen Schulwesens in Österreich näher. Als Hauptprinzipien der „Allgemeinen Schulordnung“ galten die Verstaatlichung sowie die Säkularisierung des Schulwesens. Die Schule sollte in erster Linie einen Nutzen für den Staat bringen. Gut ausgebildetes Personal wurde für den Verwaltungsapparat des Staates, sowie für die Wirtschaft benötigt. Inwieweit konnte aber der absolutistische Staat Österreich seine normativen Bildungspläne bis auf die ländliche, minderprivilegierte Bevölkerung ausdehnen? Wie weit sollte die Beschu­lung durch die Obrigkeit auf das „gemeinen Volkes“ überhaupt gehen?

Am Anfang der Hausarbeit wird geklärt, unter welchen Voraussetzungen die „Allge­meine Schulordnung“ eingeführt werden konnte. Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen müssen hier berücksichtigt werden.

Desweiteren werden das niedere Schulwesen vor dem Jahre 1774, sowie die ersten Versuche einer Bildungsreform dargestellt. Die Frage nach dem katholischen Bil­dungsrückstand, sowie die Auflösung des Jesuitenordens werden hier ebenfalls be­handelt.

Der Kem der Hausarbeit liegt in der Darstellung der „Allgemeinen Schulordnung“. Die wesentlichen Inhalte und Neuerungen der Theresianischen Schulreform werden ebenso wiedergegeben, wie die Maßnahmen zur Verwirklichung der Bildungsreform. Weitere wichtige Fragen werden geklärt, beispielsweise wie die Lehrmethoden und die Lehrinhalte unter dem Aspekt der Sozialdisziplinierung aussahen. Welchen Ein­fluss hatte der Staat auf die tatsächlichen Schulverhältnisse und die Errichtung sowie den Ausbau der niederen Schulen? Wie wurden die Lehrpersonen damals ausgebildet? Besserte sich die soziale Stellung des Lehrers und dessen Entlohnung nach der Ein­führung der „Allgemeinen Schulordnung“? Hießen die Eltern und Erziehungsberech­tigten, vor allem jene der niederen Schichten, die Bildung „von oben“ gut oder ver­wehrten sie sich dagegen?

Als Abschluss folgt ein Resümee der Fortschritte und Hindernisse der „Allgemeinen Schulordnung“.

2. Das niedere Schulwesen in der Monarchie Österreich vor 1774

Der Begriff Schule wird abgeleitet vom althochdeutschen Wort „scuola“ und vom lateinischen „schola“ Es bedeutet so viel wie Unterrichtsstätte, Muße oder Ruhe. Das griechische Pendant dazu lautet oxoXp „schole“, was das Innehalten bei der Arbeit ausdrückt. Schule bezeichnet ein oder mehrere Gebäude, in denen unterschiedliche Menschen, meist aber Kinder und Jugendliche, sich treffen um zu lernen, wie man am Leben in der Gesellschaft teilnimmt. Träger der Institution ist die Kirche oder der Staat. Die Schule behauptet für sich selbst ein Platz der Bildung, der Aufklärung und der Emanzipation zu sein.[4]

Im 17. und bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Habsburger in zahlreiche Kriege verwickelt, die viele Opfer forderten und enorm hohe Kosten verursachten.[5] Die Bevölkerung verarmte zusehends und die geistliche Obrigkeit, die die Schulkosten zu dieser Zeit weitgehend alleine trug, verfügte nur noch über bescheidene Ressour- cen.[6] Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war der Bildungsstand der Unterschicht und zum Teil auch jener der Mittelschicht ungenügend. Das Netz der „Deutschen

Schulen“ war aber schon einigermaßen dicht. Es gab sie nicht nur in den Städten, son­dern in fast jeder Pfarre auf dem Land und oft auch bei Filialkirchen.[7]

Das Schulwesen war insgesamt desolat. Es fehlte an geeignetem Lehrerpersonal, da das Gehalt sehr gering und der Beruf nicht angesehen war. Als Schulmeister alleine konnte man meist nicht Leben, so übernahm der Lehrer oft auch den Orgel- und Mes­nerdienst. Zusätzlich zum geringen Gehalt, wurde die Lehrperson in Naturalien wie Brennholz, Mehl, Schmalz, Fleisch, etc. entlohnt. Meist wurde ihm auch eine Unterkunft zur Verfügung gestellt.[8] Durch die schlechte Besoldung wandten sich fast nur Männer der unteren Schicht dem Lehrberuf zu.[9]

Vor der „Allgemeinen Schulreform“ gab es keine einheitliche Methode, die als Lehr­art vorgeschrieben war.[10] Die Schulmeister unterrichteten nach eigenem Gutdünken. Der Unterricht wurde wie im Mittelalter vorwiegend als Einzelunterricht organisiert. Der Lehrer gab jedem Kind ein bestimmtes Lernpensum auf. Den Stoff musste sich der Schüler dabei selbst aneignen. Einige Zeit später wurde das Kind zum Lehrmeister beordert und dieser überprüfte den Stoff. Teilweise wurde auch von Stock und Rute Gebrauch gemacht.[11]

Johann Ignaz von Felbiger beschrieb die Situation wie folgt:

„In den Schulen ist bishero gebräuchlich gewesen ein Kind nach dem andern zu unterrichten, oder wie die Schulmeister sich ausdrücken, aufsagen zu lassen, während der Zeit plauderten, lachten, lärmten, oder näckten sich wenigstens die übrigen, und unterbrachen folglich so wohl die Aufmerksamkeit des Kindes, als des Lehrmeisters. “[12]

Bis zur „Allgemeinen Schulreform“ gab es keine einheitlichen Bücher für den Unter­richt. Der Katechismus von Petrus Canisius und Gesangbücher[13] waren oft die einzi­gen Schulbücher.[14] Die Schüler wurden zudem aufgefordert, ein beliebiges Buch in die Schule zu bringen, um daraus lesen zu lernen. Meistens stammten diese Bücher aus der Erbauungsliteratur. Schulbücher gab es nur in geringer Anzahl und sie waren teuer. Die Schulmeister schrieben auch selbst Unterrichtsblätter und verkauften sie an die Kinder.[15]

Der Zustand der Schulen und der Unterrichtsräume befand sich ebenfalls in einem schlechten Zustand. Teilweise gab es keine Schulstube und so wurde im Wohnraum des Schulmeisters unterrichtet.

„...und in der Stube, wo die Familie wohnte, die Hennen brüteten, die Ferkel grunzten, zu derselben Zeit seinen Gästen Wein zumaß während er ein Kind um das andere den Katechismus aufsagen ließ ,..“[16]

Der Schulbesuch war aus verschiedensten Gründen dürftig. In der frühen Neuzeit wurde den Kindern, je nach Stand, in der „alltäglichen Umgangserziehung“ Verhal­tensweisen, religiöse Normen, Werte und Wissen weitergegeben.[17] Oftmals konnte die bäuerliche Bevölkerung das Schulgeld nicht aufbringen und die Kinder wurden, vor allem im Sommer, für die Arbeit auf dem Hofe benötigt.[18] Das Netz der Primarschu­len war vor allem in den Gebirgsregionen Österreichs noch nicht gut ausgebaut. Die Kinder hatten im Winter oft weite und gefährliche Schulwege vor sich. Überdies fehlte es meist an vernünftiger Winterbekleidung, die an die Witterungsverhältnisse angepasst waren.[19] Die Eltern aus der bäuerlichen Schicht hatten oft Bedenken und eine ablehnende Haltung gegenüber dem Schulbesuch (siehe auch Kapitel 4.6.). Hingegen wäre es für die Adeligen und den wohlhabenden Mittelstand schlichtweg eine Schande gewesen ihre eigenen Kinder in eine öffentliche „Deutsche Schule“ zu schicken. Ihre Kinder wurden zuhause von Privatlehrern unterrichtet. Die Beschäftigung eines Schulmeisters war aber nicht nur ein Privileg für Adelige und jene aus dem Bürgertum. Für Zugehörige der unteren Schichten, wie Kaufmannsfamilien, Handwerker oder gut betuchte Bauern, wurde es zu einem Statussymbol, die eigenen Kinder von einem Hauslehrer und nicht in der gemeinen „Deutschen Schule“ unterrichten zu lassen.[20]

Im Jahre 1769/1770 gab es in Wien bereits zehn deutsche Schulen. Eingerechnet mit den Schulen der Vororte gab es 68 Schulen. Dem gegenüber stand ein recht beschei­dener Schulbesuch. Von den 19 314 Kindern im schulfähigen Alter (5. bis 13.

Lebensjahr) besuchten nur 24% eine Schule. 34% wurden von Privatlehrem unter­richtet, die übrigen 42% (8 017 Kinder) erhielten überhaupt keine Schulbildung (siehe Abb. 1 im Anhang).[21] Die Zustände auf dem Land waren noch verheerender. In Niederösterreich (ohne Wien) beispielsweise besuchten von 133 419 schulfähigen Kindern gar nur 17,5% eine „Deutsche Schule“.[22]

Der Absolutismus in Verbindung mit der Aufklärungsbewegung war aber stark daran interessiert auch die unteren Klassen zu erfassen. Ein Teil der gebildeten Schicht ver­trat die Meinung, dass die Ausbreitung der Lesefähigkeit in den niederen Ständen essentiell wichtig wäre, aber nicht aus humanitären Gründen oder der Ausweitung von demokratischen Mitbestimmungsrechten, sondern zuerst nur für den Zweck der religi­ösen Formung.[23] Andererseits hatten aber vor allem die Geistlichen die Sorge, dass die untere Schicht durch den Erwerb der Lese- und Schreibkompetenz auch ketzerische, lutherische Bücher lesen und in Folge der katholischen Kirche abhandenkommen könnten.[24] Aus anderer Sicht sorgte sich ein Teil der Adeligen darum, dass ein Bauer der Lesen und Schreiben konnte, nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten wolle und nach Höherem strebe und so dem „Nährstand“ verlorenginge.

Es wäre aber falsch anzunehmen, dass die fortschreitende Entwicklung der Literalität nur „von oben“ bestimmt wurde. Im Gegenteil, es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die unteren Schichten freiwillig Lesen und Schreiben lernen wollten und sich in der Folge eine regelrechte „Lesewut“ entwickelte.[25]

3. Die ersten Versuche einer Bildungsreform und der Weg zur „Allgemeinen Schulordnung“ von 1774

Bereits vor den Verfassungs- und Verwaltungsreformen von Maria Theresia beab­sichtigten die Länder von sich aus, den unbefriedigenden Zustand des niederen Schulwesens zu verbessern. Vor allem lokale Kräfte blieben im 17. und 18. Jahrhundert wegweisend für die niederen Schulen. Beispielsweise hatte Tirol im Jahre 1747 deren berühmte Schulordnung aus dem Jahre 1586 modifiziert und die wesentlichen Bestimmungen nur geringfügig geändert.[26]

[...]


[1] Vgl. SCHMID, Karl Adolf; PALMER, Christian; WILDERMUTH, Johann David: Encyklopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens, Band 2, Stuttgart 1860, S. 349

[2] OSTERHAMMEL, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2011, S. 104

[3] Maria Theresia regierte die Monarchie Österreich von 1740 bis zu ihrem Tod 1780, vgl. HERRE, Franz: Maria Theresia, Die Große Habsburgerin, Köln 1994, S. 355f.

[4] Vgl. Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 19, Rut - Sch, Mannheim 1992, S. 548f.

[5] Der 30jährige Krieg, der Spanische Erbfolge Krieg, der Russisch-Türkische Krieg, sowie die drei Schlesischen Kriege, u.a.

[6] Vgl. BOYER, Ludwig: Annäherung an die Schulwirklichkeit zur Zeit Maria Theresias, Wien 2006, S. 13

[7] Vgl. ENGELBRECHT, Helmut: Geschichte des österreichischen Bildungswesens, Band 3, Von der frühen Aufklärung bis zum Vormärz, Wien 1984, S. 21

[8] Vgl. BOYER, Annäherung an die Schulwirklichkeit, S. 23

[9] Vgl. ebd., S. 18 und S. 28

[10] Vgl. ebd., S. 38f.

[11] Vgl. ebd., S. 39

[12] Ebd., S. 40

[13] Vgl. NEUGEBAUER, Wolfgang: Niedere Schulen und Realschulen, In: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Band II, 18. Jahrhundert, Vom späten 17. Jahrhundert bis zur Neuordnung Deutschlands um 1800, Hg.: HAMMERSTEIN/HERRMANN, München 2005, S. 231

[14] Vgl. BOYER, Annäherung an die Schulwirklichkeit, S. 48

[15] Vgl. BOYER, Annäherung an die Schulwirklichkeit, S. 48

[16] HELFERT, Joseph Alexander Freiherr von: Die Gründung der österreichischen Volksschule durch Maria Theresia, Prag 1860, S. 60

[17] Vgl. NEUGEBAUER, Niedere Schulen und Realschulen, S. 214

[18] Vgl. ebd., S. 225

[19] Vgl. ebd., S. 225f.

[20] Vgl. ebd., S. 234f.

[21] Vgl. BOYER, Annäherung an die Schulwirklichkeit, S. 18

[22] Vgl. ebd.

[23] Vgl. SOKOLL, Thomas: Alteuropäische Schriftkultur, KE 7, Der Übergang zur Alphabetisierung: England, 1500-1850 (1521-1534), Hagen o. J., S. 5

[24] Vgl. BOYER, Annäherung an die Schulwirklichkeit, S. 22

[25] Vgl. SOKOLL, Alteuropäische Schriftkultur, S. 5

[26] Vgl. ENGELBRECHT, Geschichte des öst. Bildungswesens, S. 92

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Alphabetisierung von oben: Die Theresianische Schulordnung von 1774
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V186913
ISBN (eBook)
9783656100973
ISBN (Buch)
9783656100928
Dateigröße
1003 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alphabetisierung, theresianische, schulordnung
Arbeit zitieren
Marina Ehrngruber (Autor), 2011, Alphabetisierung von oben: Die Theresianische Schulordnung von 1774, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186913

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