Zu Nietzsches Wahrheitsbegriff


Hausarbeit, 2011

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Zur Wahrheit in der Philosophie

3. Nietzsches Metaphysikkritik

4. Nietzsches Neubestimmung der Wahrheit

5. Auswirkungen auf die Praxis - Logik

6. Zusammenfassung

7. Literatur

1. Einleitung

Friedrich Nietzsches philosophisches Werk wurde Zeit seines Lebens, vor allem aber auch nach Ende seiner philosophischen Schaffenskraft, äußerst umfassend und vor allem sehr kontrovers diskutiert. Dabei hält sich die allgemeine Auffassung, dass sein Denken etwas Extremes darstellt. Bei der Beschäftigung mit den Aphorismen Nietzsches fällt auf, dass es sich dabei wahrlich um etwas Besonderes im Bereich der Philosophie handelt. Ausdrücke wie Antiphilosoph oder Antichrist tauchen des Öfteren bei der Beschäftigung mit der Literatur seiner Kritiker, Befürworter und Anhänger und auch in seinen eigenen Schriften auf. Die Meinungen und Kritiken zu seinen Ansichten, Theorien und Schriften sind weit gestreut und variieren in einem Paradigma von absolutem Unverständnis bis hin zu absoluter Zustimmung. Er stellte die Philosophie „auf den Kopf“ und konstruierte mit seinem Gesamtwerk etwas Einzigartiges, scheute sich dabei auch nicht, die frühen griechischen Philosophen wie Aristoteles zu kritisieren bzw. ihre grundlegenden Ansätze genauestens zu hinterfragen und Gegenpositionen aufzustellen. Ausgehend von Schopenhauer und Wagner, den entscheidenden Einflüssen seiner Anfangszeit, entwickelte er eine eigene Philosophie, die von der Loslösung von bis dahin fest gedachten Begriffen und Konzepten gezeichnet war. Für eine sinnvolle und vollständige kritische Betrachtung seiner Arbeiten ist eben aufgrund dieser Abkehr von den Dogmen und Lehrsätzen in den Anfängen der Philosophie ein ganzes Studium notwendig, wenn es denn überhaupt möglich sein sollte, Nietzsche so zu begreifen, wie er es selbst tat. Es soll hier daher ein Aspekt seines Denkens betrachtet werden, der Aufschluss darüber geben kann, wie es möglich war und ist, die Philosophie bis in die Grundpfeiler zu verändern bzw. etwas völlig Neues, bis dahin nicht Vorstellbares zu konstruieren und auch begründen zu können. Die Rede ist demnach von Nietzsches Auffassung der Wahrheit, seiner Abkehr von den einzelnen objektiven Wahrheiten und seiner Bestimmung eines neuen allgemeinen Wahrheitsbegriffes, der systematisch aus seiner Metaphysikkritik wächst und durchaus notwendig ist, um zum Beispiel das Konzept des semantischen Nihilismus sinnvoll nachvollziehen zu können. Nietzsche selbst sah diese Neubetrachtung des Konzeptes der Wahrheit als eine seiner Hauptaufgaben an. So spricht er im Vorwort zu „Menschliches, Allzumenschliches I“ von einem „tiefen Verdacht“1, wahrscheinlich von dem Verdacht, dass es keine Wahrheit gibt, ja gar dem Verdacht, dass selbst die Möglichkeit der Wahrheit vakant ist.

2. Zur Wahrheit in der Philosophie

Es soll im Folgenden nicht um eine spezifizierte Auseinandersetzung mit dem Begriff der Wahrheit, seiner historischen Entwicklung oder wissenschaftstheoretische Wahrheitsfindungsprozesse gehen. Vielmehr soll die allgemein übliche Bedeutung in der Philosophie dargestellt und später mit der Auffassung Nietzsches verglichen werden.

Die Wahrheit spielt in der Philosophie eine herausragende, wenn nicht die entscheidende Rolle. Ganz gleich, ob es um den Sinn des Lebens, die Vernunft, Gerechtigkeit oder auch wissenschaftstheoretische Fragestellungen wie Kausalitätsfragen usw. geht: Der Begriff der Wahrheit ist dabei immer relativ klar abgesteckt und konstituiert sich aus einer Menge objektiver Wahrheiten, die eine Basis für ausgehende Überlegungen und Theorien bilden. So finden sich in philosophischen Wörterbüchern Definitionen, die einen Überblick über das Wesen der Wahrheit geben, wie sie in der Philosophie gedacht und diskutiert wird.

Eine übliche Formulierung der Wahrheit besteht darin, sie ganz salopp mit dem Begriff Richtigkeit gleich zu setzen. Demnach wird eine Aussage oder Theorie anhand bestimmter Kriterien oder Verifikationsmethoden auf diese „Eigenschaft“ hin überprüft2. Die Kriterien für eine solche Überprüfung sind umstritten, es existieren daher unterschiedliche Auffassungen, ab wann eine Theorie oder Aussage als wahr gilt. Im Allgemeinen geht es dabei aber immer um eine Übereinstimmung, das heißt es wird verglichen, ob ein bestimmter Sachverhalt einem Vergleichssachverhalt entspricht oder nicht. Die Richtigkeit der Aussage (und damit die Einordnung des Satzes zu den wahren oder unwahren Sätzen) „Es regnet draußen.“, hängt also damit zusammen bzw. ist abhängig davon, ob es draußen gerade regnet oder eben nicht. Dieses stark vereinfachte Beispiel zeigt neben dem System des Vergleichs auch die starke Abhängigkeit der so interpretierten Wahrheit von objektiven Gegebenheiten.

Nachfolgend möchte ich die in philosophischen Wörterbüchern oftmals abgebildeten Theorien zum Wesen und Begriff der (engeren) Wahrheit kurz eräutern3.

Allgemein liegt dem „Begriff der Wahrheit die Vorstellung zugrunde, dass es für jedes Ding eine ideale Gestalt gebe und dass ein Ding um so <wahrer> werde, je näher es diesem Ideal kommt“ 4, wie dies bei Platon auch offensichtlich schon dargestellt wird. Die wichtigsten Theorien sind in diesem Sinne die Korrespondenztheorie, die semantische Wahrheitstheorie Tarskis (als eine besondere Variante der Korrespondenztheorie), die Kohärenztheorie, die Evidenztheorie, die Wahrheitstheorie des Pragmatismus (teilweise in Verbindung mit der Konsensustheorie der Wahrheit) und die Redundanztheorie.5

Die Korrespondenztheorie (von lat. co-, ‚mit’ und respondere, ‚antworten’) wird auch

Übereinstimmungstheorie der Wahrheit genannt und sagt demnach aus, dass etwas wahr ist, wenn es mit dem übereinstimmt, was es aussagt. Dies geht auf Aristoteles zurück und wurde von Thomas von Aquin später folgendermaßen formuliert : Veritas est adaequatio rei et intellectus (Wahrheit ist die Übereinstimmung von Ding und Intellekt). Ein treffendes Beispiel für eine wahre Behauptung nach dieser Theorie wäre „Die kleinste Entfernung der Erde vom Mond beträgt 356.410 km“. Dieser Satz ist dann, und nur dann wahr, wenn es sich tatsächlich so verhält, dass nämlich die kleinste Entfernung von Mond und Erde 356.410 km beträgt.

Diese Theorie wurde allerdings heftig kritisiert und wird heute kaum noch ernsthaft vertreten. Gründe dafür sind nicht zuletzt, „ dass die Aussagestruktur von vollkommen anderer Art ist als die Strukturen und Relationen der Wirklichkeit, die Inhalt der Aussage sind“ und „ dass <Dinge> oder <Tatsachen> nicht unabhängig von den spezifischen Ausdrücken identifizierbar sind, d.h. die <Wirklichkeit> und die <Sprache> nicht als zwei voneinander unabhängige Dimensionen fassbar sind.“ Auf den Versuch von Popper, diese Theorie zu verbessern, sodass „ eine Aussage dann als wahr zu bezeichnen ist, wenn sie in irgendeiner Form mit einem Faktum <korreliert>“, soll hier nicht weiter eingegangen werden. Weiterhin modifizierte Tarski diese Theorie zu einer semantischen Wahrheitstheorie, indem er sich auf formalisierte Kunstsprachen bezog. Sinnabhängig ist bei der Bestimmung der Wahrheit eines Satzes <p> wie <Das Gras ist grün> einzig und allein von Belang, ob das Gras grün ist. Genau dann und nur dann ist der Satz wahr. Das heißt es geht darum, ob p als Sachverhalt verwirklicht ist. Wenn p, dann auch <p>.

Kritik wurde aus mehreren Gründen, unter anderem von Brentano, an der Korrespondenz- theorie geübt. Einleuchtend ist dabei vor allem der Punkt, dass eine Übereinstimmung ausschlaggebend ist. Wenn man aber eine Relation auf ihre Übereinstimmung von Aussage und Wirklichkeit hin überprüft, hat man noch nichts Wahres gesagt. Die Relation als ganze müsste wieder mit etwas Neuem übereinstimmen, was letztendlich in einem unendlichen Regress enden würde. Daher, so kann man argumentieren, ist mit dieser Theorie leider nicht viel gewonnen.

Die Kohärenztheorie (von lat. co-, ‚zusammen mit’ und haerere, ‚fest hängen’) findet man vor allem bei Leibniz, taucht in leicht abgewandelter Form aber auch bei idealistischen Philosophen wie Hegel oder Bradley auf. Mit ihr wird allgemein ausgesagt, dass eine Aussage dann als wahr gilt, wenn sie in ein bestimmtes System widerspruchsfrei integriert werden kann, also mit diesem System (Satz- oder Sprachsystem) zusammenhängt und vereinbar ist. Kritikpunkte sind hierbei, dass die Theorie nicht erkläre, was unter Zusammenhang zu verstehen sei. Weitergehend ist Widerspruchsfreiheit keine hinreichende Bedingung für Wahrheit, so ließen sich durchaus zwei umfassende Aussagesysteme aufbauen, die dennoch miteinander unvereinbar wären, obwohl sie „je für sich als eine in sich kohärente Ganzheit anzusehen wären.

Die Evidenztheorie (von lat. evidentia, ex, ‚heraus’ und videre, ‚sehen’) bestimmt etwas als wahr, wenn es sich in einer evidenten Erfahrung zeigt. Husserl definiert Wahrheit als „ vollständige Übereinstimmung zwischen Gemeintem und Gegebenem, und die Evidenz wird als Gewissheit verbürgende Erfahrung dieser Übereinstimmung verstanden. “ Im Allgemeinen gilt die Kritik hierbei mehr dem Begriff der Evidenz an sich. So versucht Heidegger diese Theorie relativ sinngemäß zu ersetzen, ohne jedoch den Begriff der Evidenz ins Spiel bringen zu müssen. Er leitet seine Theorie der Wahrheit daher aus dem griech. Begriff aletheia (von griech. a-, ‚nicht’, und lethein, ‚verbergen’) ab, so wird Wahrheit als Unverborgenheit, eben als das Entdeckte verstanden.

Die pragmatische Wahrheitstheorie (von griech. pragma, ‚Wirksamkeit, Tun’) kommt, wie später gezeigt werden soll, der Auffassung Nietzsches am nächsten. Hierbei wird Wahrheit mit Fruchtbarkeit oder Nützlichkeit gleichgesetzt. Verbindungen der Wahrheitstheorie des Pragmatismus mit der Konsensustheorie (von lat. consensus, ‚Übereinstimmung, Einigkeit’) finden sich beispielsweise bei Peirce oder Apel. Die Konsensustheorie bestimmt eine Aussage dann als wahr, „wenn eine potentiell unendlich gro ß e Menge von Menschen unter idealen Kommunikationsbedingungen dieser Aussage allgemein zustimmen würde.“ 6

Als letztes soll noch die Redundanztheorie (von lat. redundantia, ‚überströmende Fülle in der Rede’) kurz umrissen werden, die auf Ramsey zurückgeht. Hierbei werden die Ausdrücke wahr und falsch im Bezug auf eine Aussage p „eliminiert“, da sie nach Ramsey „ nur wiederholen, dass p.“ Demnach meint die Aussage < p ist wahr > nichts anderes als < p > und ist „demnach logischüberflüssig.“ Diese Theorie wird auch als die No truth -Theorie bezeichnet und ähnelt Strawsons performativer Theorie der Wahrheit, die das Wort < wahr > nicht als metasprachliches Prädikat anerkennt, sondern mit Wörtern wie < ja > oder < dito > (daher auch dito-Theorie) gleichsetzt. Eine Auszeichnung einer Behauptung oder Aussage mit dem Begriff < wahr > käme hiernach einer Bestätigung, nicht aber einer Beschreibung gleich.7

In den angesprochenen Theorien fällt auf, dass dem Wesen der Wahrheit immer etwas Objektives, etwas Festes anhaftet. So ist den Theorien gemein, dass nie die Wahrheit allein betrachtet wird und dass sie als etwas komplexes Ganzes gedacht wird. Entweder wird ein Sachverhalt mit einem anderen verglichen und daraufhin ein Urteil über wahr und unwahr gefällt, oder aber es wird, wie nach der Evidenztheorie, die Auffassung oder Meinung eines Einzelnen mit der Auffassung einer, wenn auch nur theoretisch angenommenen, Masse verglichen, um letztendlich zu bestimmen, dass eine Meinung, die nicht mit der Auffassung der großen Masse konform läuft, sehr wahrscheinlich unwahr sein muss. Der extrem objektive Charakter dieser Theorien und die Starrheit dieses Gebildes „Wahrheit“ sind nach Nietzsches Auffassung dagegen fehl am Platze. Für ihn ist diese „strenge Methode der Wahrheit“ das Ergebnis einer „zweitausendjährigen Zucht“ der „ abendländischen Metaphysik“ und der „christlichen Religion“, die so versuchen, ihre „Dogmen“ zu begründen und letztendlich zu rechtfertigen. Die Wahrheit wird damit zu einem Wert auf einer Skala der Begründungsstärke, anhand derer gemessen und geurteilt wird. Er hingegen spricht von einer „Methode der Wahrheit“, auch vom Prozess des „Wahrheitens“.

[...]


1 Nietzsche MA I, Vorr. 1

2 vgl. Wörterbuch der Philosophie. Hegenbart, R.1984

3 vgl. Philosophielexikon Hrsg. Hügli, A. und Lübcke, P. 1991 4

4 Philosophielexikon Hrsg. Hügli, A. und Lübcke, P. 1991 S. 605

5 vgl. Philosophielexikon Hrsg. Hügli, A. und Lübcke, P. 1991 S. 605 5

6 vgl. Philosophielexikon Hrsg. Hügli, A. und Lübcke, P. 1991 S. 605 ff.

7 vgl. Philosophielexikon Hrsg. Hügli, A. und Lübcke, P. 1991 S. 605 ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zu Nietzsches Wahrheitsbegriff
Hochschule
Universität Leipzig  (Philosophie)
Veranstaltung
Nietzsches "Menschliches, Allzumenschliches"
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V187224
ISBN (eBook)
9783656107156
ISBN (Buch)
9783656106791
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Wahrheit
Arbeit zitieren
Christian Hense (Autor), 2011, Zu Nietzsches Wahrheitsbegriff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187224

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