Pensionierungsforschung - Manager und dann?


Hausarbeit, 2010
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Es ist schon bemerkenswert. Wird der Versuch unternommen, die Pensionierungsforschung in Schlagworten dazustellen, so fällt schnell auf, dass sich ein äußerst diffuses Bild darstellt. Dies ist vermutlich dadurch zu begründen, dass der gesellschaftliche und historische Wandel[1] beeinflussend auf die Analyse der Auswirkungen der Pensionierung[2] wirken, denn diese stellt schon seit vielen Jahrzehnten ein gerontologisches Forschungsthema dar. Die Arbeiten dazu können in verschiedene Phasen eingeteilt werden, die im Folgenden kurz dargestellt werden. Dem folgt ein Blick auf eine aktuelle Studie und zudem wird der Versuch unternommen, die Zielgruppe der Manager zu fokussieren. Mit einem Fazit und Ausblick schließt diese Zusammenfassung.

50er und 60er Jahre

Zu dieser Zeit überwogen Untersuchungen, die das Ausscheiden aus dem Beruf negativ darstellten. Einen Beitrag zu dieser Problemsicht leistete eine Studie des Psychologen Stauder (1955)[3]. Er analysierte materiell gesicherte bis vermögende Patienten, deren Krankheit zunächst als endogene Depression des höheren Lebensalters diagnostiziert wurde.[4] Ihr Erwachsenenleben bestand aus Karriere, Machtzuwachs, Titel und Uniform. Sie waren erfolgreich im Beruf und identifizierten sich völlig mit diesem. In der Therapie stellte sich heraus, dass sich hinter der >Fassade< kontaktarme Menschen verbargen.[5] Persönlichkeitsmängel und Reiferückstände wurden erkennbar.[6] Den Pensionierungsbankrotteuren[7] fehlt das Selbstwertgefühl, der innere Reichtum und die seelische Reife zur Bewältigung der Pensionierungssituation; „der Übergang von der Dynamik zur Introversion, von außen nach innen, die Harmonisierung und Transparenz“ misslingt.[8]

Jores (1969) stellte bei der Analyse von Sterbehäufigkeiten fest, dass signifikant mehr Todesfälle – vor allem bei Frühpensionierten - in den ersten Jahren des Ruhestandes vorkommen und fasste dies unter den Begriff Pensionierungstod.[9] Seine gemeinsam mit H.C. Puchta durchgeführte Untersuchung an 63 Hamburger Beamten zeigte auf, dass zwei Drittel dieser Beamten innerhalb von fünf Jahren nach der Pensionierung an Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs starben.[10] Jordes/ Puschta führen als Beweis für das Phänomen des Pensionierungstodes auf, dass „psychologisch-soziologische Faktoren mindestens Auslösecharakter für Krankheiten haben, die zum Tode führen.“[11],[12]

Obwohl es zu der Zeit auch Gerontologen gab, die darauf hingewiesen haben, dass die Pensionierung als globale Lebenskrise nur ein Mythos sei und empirisch nicht begründet werden kann (Hochman, 1960 und McBride, 1976),[13] so wurden die von Stauder und Jores geprägten Begriffe (Pensionierungsbankrott
und –tod) damals gerne zur generellen Charakterisierung für den Übergang in den Ruhestand aufgegriffen.[14]

70er und 80er Jahre

Dem bisherigen negativen Bild vom Übergang in den Ruhestand setzten groß angelegte Studien aus den USA und Europa ein überwiegend positives Bild entgegen. Hier gilt es jedoch, die Ergebnisse von Quer- und Längsschnittstudien differenziert zu betrachten. Daten aus Querschnittstudien (beispielhaft Atchley 1976, Bixby et al. 1975, Shanas 1972 oder auch Thompson 1973, 1974)[15] gaben an, dass Rentner weniger Einkommen, mehr körperliche und psychische Beschwerden, weniger Selbstwertgefühl, weniger Freude und weniger Zufriedenheit haben.[16] Zurecht wird von Palmore et al. hinterfragt, ob „Retirees may have had these negative characteristics before they retired.“[17] Antwort auf diese Frage können lediglich Längsschnittstudien geben, die in einem nicht minder großen Umfang erstellt wurden. Beispielhaft: The National Longitudinal Survey of Labor Market Experience (NLS)[18] (5.020 Befragte im Zeitraum 1966-1976) oder die Retirement History Study (RHS)[19] (11.153 Befragte im Zeitraum 1969-1979). So fühlen sich nach dem NLS die überwiegende Mehrheit der Befragten (rd. 90%) nach der Verrentung glücklich[20]. Die Retirement History Study ergab, dass durch die Verrentung kein sozialer Rückzug und keine Gesundheitsbeeinträchtigung nachzuweisen waren.[21] Europäische Studien bestätigen diese Ansicht. Bei Brückner/ Mayer (1987) wird der Ruhestand als Geschenk, als Ausgleich für kriegsbedingte Belastungen im frühen Erwachsenenalter gesehen.[22] In einer vielzitierten französischen Untersuchung von Attias-Donfut (1988) (Kohortenvergleich vor und nach der Pensionierung mit rd. 4.000 Befragten), schätzen rd. 85% der Befragten den Ruhestand positiv ein.[23] Als Gesamtbild vieler Längsschnittstudien dieser Zeit (besonders Palmore, Burchett, Fillenbaum, George&Wallmann, 1985; Parnes, 1981; Atthis-Donfut, 1984; Opaschowski&Neubauer, 1984; Brückner&Mayer, 1987; Markides&Cooper, 1987; Niederfranke, 1988)[24] kann festgehalten werden, dass nur eine Minderheit (höchstens ein Drittel) Schwierigkeiten mit der Pensionierung hat.[25]

90er Jahre bis heute

Der Einfluss auf die Pensionierung kann so vielfältig sein, wie das Individuum selbst.[26] Die Aufgabe der Forschung besteht zunehmend darin, noch genauer zu differenzieren, bei welchen Personen und unter welchen Bedingungen es zu positiven oder negativen Verläufen im Ruhestand kommt.[27] Es werden zudem Studien erstellt, die einzelne Bereiche (Geschlecht, Gebiete etc.) fokussieren. Beispielhaft werden bei Niederfranke (1994)[28] nur Frauen und bei Ernst (1994)[29] nur die Frühverrentung in Ostdeutschland untersucht.

aktuelle Längsschnittstudie

Eine Längsschnittstudie die im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 32 Alter[30],[31] zwischen 1992 und 1997 erstellt wurde, kann noch heute als aktuell angesehen werden.[32] Die Projektgruppe befasst sich mit der Frage, wie der Übergang in die Pensionierung erlebt wird. Es wird untersucht, ob sich Faktoren finden lassen, „die den Anpassungsprozess an die nachberufliche Zeit erschweren oder erleichtern (Stressoren-Ressourcen-Ansatz).“[33],[34] Im Ergebnis zeigt sich, dass „der Ruhestand heute nicht mehr als negatives Lebensereignis, als Krise im Lebenslauf erlebt wird.“[35] Es wurde eine relativ konstante Entwicklung der allgemeinen Lebenszufriedenheit festgestellt, die jedoch bereichsspezifisch unterschiedlich verläuft. So konnten Gewinne im Freizeitbereich und Verluste im Status, im finanziellen Bereich und in der Netzwerkzufriedenheit festgehalten werden.[36],[37]

Manager – und dann?
Im Laufe der Recherche zu dieser Arbeit stellte sich heraus, dass die von der Verfasserin gewählte Zielgruppe der Manager[38] in den von ihr analysierten Studien nicht differenziert dargestellt wurden. Um Antworten auf die gewählte Fragestellung[39] zu bekommen, wurde das Periodikum Manager Magazin[40] (Eigenschreibweise manager magazin) herangezogen. Das Ergebnis der Recherche von Print und Online Ausgaben der vergangenen Jahre bringt unterschiedliche Tendenzen zum Vorschein. So kann auf der einen Seite festgehalten werden, dass sich Manager nach einem Jahr in Pension wieder zurück in den Beruf wünschen[41] bzw. sich überhaupt nur sehr schwer vom Erwerbsleben trennen können.[42] Als Gründe dafür werden u.a. das Verlangen nach Macht bzw. der Reiz, noch etwas bewegen zu wollen angeführt.[43] Auf der anderen Seite suchen Manager die Flucht in den Ruhestand.[44] Als Gründe dafür werden u.a. der (gefühlt) steigende Zahlen- und Erfolgsdruck[45] genannt. Zudem endet der Ruhestand für einige Pensionäre viel zur früh mit einem schnellen Tod.[46], [47]

[...]


[1] Gesellschaftlicher und historischer Wandel bedeutet hierbei: die von Staat und Arbeitgeber im Laufe der Zeit veränderten Rahmenbedingungen zum Ruhestand – beispielh.: Altersgrenze, Höhe des Ruhestandsgeldes etc.

[2] Aus Praktikabilitätsgründen wird das Wort Pensionierung in dieser Arbeit dem Wort Ruhestand gleichgesetzt.

[3] Stauder (1955) [36, S. 481-497]

[4] ebd. S. 482

[5] ebd. S. 484

[6] ebd., vgl. Bsp. mit dem 63-jährigen höheren Verwaltungsbeamten (S. 481-483) oder Bsp. mit dem Offizier (S. 487-488)

[7] Stauder führt den Pensionierungsbankrottbegriff auf J.H. Schultz zurück [36, S. 484]

[8] ebd. S. 494

[9] vgl. umfänglich bei Jores (1969) [14, S. 235-257]

[10] vgl. mit Fokus auf die Studiendaten bei Jores/ Puschta [15, S. 1158–1164]

[11] zusammenfasst dargestellt im International Journal of Legal Medicine [16, S. 299]

[12] Der hier postulierte Pensionierungstod konnte in epidemiologischen Studien nicht bestätigt werden. Vgl. Ekerd, (1986) [8, S. 239-244]

[13] vgl. weiterführende Literatur [20, S. 40]

[14] vgl. [20, S. 40]. Auch Frau Lehr verweist in einem Beitrag 1988 bei der Erklärung des Begriffes Pensionierungsschock auf Stauder (1955) [17, S. 36]

[15] überblicksartig siehe Palmore et al. (1984) [30, S. 109]

[16] ebd.

[17] ebd.

[18] Parnes (1981) [31]

[19] Goudy (1981) hier mit Fokus auf Changing Work Expectations [11, S. 644-649]

[20] vgl. bei Mayring [22, S. 5], [20, S. 40], [23, S. 125] Palmore et al. [30, S. 110-116] und mit weiteren Daten zu der Studie bei Parnes [31] sowie im Internet [41]. Die Daten im Internet sind teils kostenpflichtig und teils kostenfrei.

[21] vgl. Fußnote Nr. 20 und bei [22, S. 5] oder [20, S. 40]

[22] Brückner; Mayer (1987) [3, S. 112] Ergänzung: Der Bericht stellt nach den Autoren selbst keine abgeschlossene Untersuchung dar, sondern lediglich eine Problemexploration (vgl. S. 102). Im zweiten Teil werden Teilergebnisse der laufenden Studie vorgestellt. Gesamter Artikel, siehe S. 101-116.

[23] vgl. überblicksartig in [2, S. 57-73], [21, S. 253], [20, S. 41]; Original französische Untersuchungsdaten (mehrere Zwischen- und Endberichte 1983-1986), siehe [28]

[24] vgl. mit Verweis auf weiterführende Literatur bei [23, S. 133], [21, S. 257 f.] und [20, S. 52-56]

[25] [23, S. 125], [21, S. 253] und [20, S. 41]

[26] Beschreibung der interindividuellen Unterschiede zur Pensionierungsverarbeitung, siehe [20, S. 45-47]

[27] [21, S. 253]

[28] zusammengefasst in [26, S. 26-32] Die Studie basiert auf einer vom Bundesministerium für Frauen u. Jugend geförderten Forschungsarbeit über die Lebenssituation älterer Frauen.

[29] Ergebnisse der empirischen Erhebung ausführlich in seiner Dissertation beschrieben [9, hier speziell S. 74-115] oder zusammengefasst in [10, S. 352-355]

[30] Hauptantragsteller und Gesamtprojektleiter: Prof. Dr. Hans-Dieter Schneider; Nebenantragsteller: Prof. Philipp Mayring

[31] vgl. auch Höpflinger/ Stuckelberger [12] Wissenschaftlicher Synthesebericht indem wichtige Ergebnisse und Folgerungen aus dem Nationalen Forschungsprogramm Alter/ Vieillesse/Anziani (NFP 32) vorgestellt und diskutiert werden. Mit Blick auf die hier genannte Studie, siehe S. 89-130.

[32] Die Recherche der Verfasserin nach aktuelleren Längsschnittstudien (gleicher Art und Umfang) ergab keine Treffer.

[33] [24, S. 14]

[34] Weiterführende Informationen zur Studie, wie: Datengrundlage, Erhebungszeitpunkte, Forschungsdesign vgl. gut dargestellt in [23, S. 124-126] und [5, S. 1-4]; Detailinformationen zu den Befragten bzgl. Geschlecht, Familienstand, Schulbildung, Nationalität, berufliche Stellung vgl. in [32, S. 35-39]

[35] Mayring [23, S. 132]

[36] Mayring [23, S. 127], [22, S. 9]

[37] Detaillierte Ergebnisse zur finanziellen Situation, vgl. [6, S. 23-36] und zur Freizeit, vgl. [7, S. 37-48]

[38] Hiermit sind in dieser Arbeit Personen (weibliche und männliche) definiert, die langjährige (20-30 Jahre) Fach- und/ oder Personalverantwortung im Erwerbsleben ausgeführt haben.

[39] Die Fragestellung lautet: Manager – und dann? Konkret soll erfasst werden, welche Beschäftigung diese Zielgruppe nach dem Erwerbsleben priorisiert.

[40] Gründung: 1971, Herausgeber: Dr. Arno Balzer, Verlag: manager magazin Verlagsgesellschaft mbh (Spiegel-Gruppe), Hamburg, Erscheinungsweise: monatlich, Beschreibung: Wirtschaftszeitschrift mit Schwerpunkt Unternehmensberichterstattung. Die Ausgaben werden von rd. 120.000 Führungskräften der Wirtschaft gelesen, vgl. [38]. Neben der Zeitschrift Capital (Gruner und Jahr Verlag) kann das Manager Magazin als führendes Wirtschaftsmagazin in Deutschland angesehen werden.

[41] Manager-Magazin.de [39]

[42] vgl. ebd. und zusätzlich Manager-Magazin.de Fotostrecke mit sieben prominenten Beispielen [40]

[43] Manager-Magazin.de [39]

[44] Manager Magazin 1999 [29, S. 200-205]

[45] Manager Magazin 2009 [4, S. 134-144] mit Fokus auf den Leistungsdruck speziell S. 135 f.

[46] vgl. Fußnote 45, S. 205 sowie ergänzend auch in aktuellerer Publikation von 2009 [34, S. 86]

[47] Das Thema scheint gegenwärtig diskutiert zu werden. Vgl. Beitrag aus anderer Zeitschrift, die sich auch auf Personen höherer Hierarchieeben bezieht, 2008 [37, S. 220-223]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Pensionierungsforschung - Manager und dann?
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Institut für Gerontologie (IfG))
Veranstaltung
Gesellschaftliche Partizipation und Lebensstile im Alter
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V187604
ISBN (eBook)
9783656112181
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hausarbeit bildet den Forschungsstand zum Thema ab. Sehr umfangreiche Literaturrecherche. 42 Literaturnachweise !
Schlagworte
Pension, Pensionierung, Manager, Management, Ruhestand
Arbeit zitieren
Dipl. Betriebswirt, Gerontologe M.A. Ivonne Kuss (Autor), 2010, Pensionierungsforschung - Manager und dann?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187604

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