Ich werde die Gliederung des Essays erläutern und versuchen zu zeigen, wie die drei Abschnitte ineinander übergreifen. Im ersten Teil führt Searle seine Intuition ein und es werden für ihre Plausibilisierung von ihm Beispiele aus dem Phänomenbereich des kooperativen Verhaltens geliefert, die auch eingeführt werden, um sich gegen die Form eines reduktiven, methodoligischen Individualismus auszusprechen. Das Scheitern einer solchen Konzeption soll besprochen und durch von mir konstruierte Beispiele des Phänomenbereichs des Teilens von Absichten weiterhin plausibilisiert werden. Im zweiten Teil des Essays schlägt Searle eine entsprechende Notation oder Formalisierung für die kollektive Intentionalität vor, die Bezug auf die mentale Ebene derer, die an einer gemeinsamen Handlung beteiligt sind, nimmt, sowie auf den (propositionalen) Gehalt ihrer geistigen Einstellung. Diese Notation soll von mir vor dem Hintergrund von Searles Ausführungen zu seiner Handlungs- und Intentionalitätstheorie in einem etwas weiteren Rahmen erläutert werden. Searles Unterfangen, mit seinem Essay das Phänomen des Teilens von Absichten in eine generelle Intentionalitätstheorie zu integrieren, wird dabei von mir nicht eigens weitergehend thematisiert. Die nähere Besprechung der Formalisierung des entsprechenden, intentionalen Phänomens erwies sich von Relevanz für die Besprechung des dritten Teils. Hier führt Searle die Voraussetzungen für die Möglichkeit des Teilens von Absichten ein. Ich werde an dieser Stelle aus weiteren Quellen Searles Konzeption des Hintergrunds ( den „Background“) mit einbeziehen, mit der Searle eine Antwort auf diese Frage zu geben versucht und die im Essay nicht eigens ausformuliert aber angedeutet wird. ch werde unter diesem Einbezug und in Anbetracht seiner (internalistischen) Konzeption des Geistes versuchen zu prüfen, inwiefern Searle seine Intuition stützen und dem Phänomen aufklärerisch angemessen begegnen kann. Ich möchte dabei auch versuchen zu zeigen, wieso man Schwierigkeiten haben könnte, ein so alltägliches, kulturelles Phänomen mit einem primitiven, psychologischen Mechanismus in Verbindung zu bringen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Intuition
3. Das Scheitern der Analyse
3.1 Searls Gegenbeispiel
3.2 Eine Kritik des Gegenbeispiels
4. Kollektive Intentionalität ohne Gruppengeist
4.1 Die Möglichkeit des Irrtums
5. Die Notation
5.1 Die kausale Struktur kooperativen Handelns
6. Die Voraussetzung
7. Der Hintergrund
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht John Searls Essay „Collective Intentions and Actions“ mit dem Ziel, die von ihm vorgeschlagene Struktur kollektiver Intentionalität und geteilten Handelns kritisch zu analysieren. Dabei wird insbesondere hinterfragt, ob die vorgeschlagene Formalisierung das Phänomen des gemeinsamen Handelns schlüssig erklären kann, ohne in einen methodologischen Individualismus oder die Annahme eines „Gruppengeistes“ zu verfallen.
- Analyse der irreduziblen Natur kollektiver Intentionalität
- Kritische Auseinandersetzung mit reduktiven Analysen des kooperativen Handelns
- Untersuchung der formalen Notation zur Beschreibung intentionaler Zustände
- Diskussion der Rolle des „Hintergrunds“ als notwendige Voraussetzung für Intentionalität
Auszug aus dem Buch
3.2 Eine Kritik des Gegenbeispiels
Searles Gegenbeispiel wirkt nicht so überzeugend oder plausibel, wie es verwirrend wirkt. Der Satz, mit dem Searle den propositionalen Gehalt der Absicht des Geschäftsmannes und das Erfüllen von Tuomella und Millers erster Bedingung zum Ausdruck bringt, „A intends to pursue his own selfish interests without reference to anybody else, and thus, he intends to do his part toward helping humanity“ scheint einen Widerspruch zu enthalten. Wer sich nur um sich selbst kümmert, der kümmert sich nicht um die Menschheit. Wenn man von Jemandem hörte, der durch das Verfolgen seiner egoistischen Interessen einen Beitrag zum Wohl der Menscheit leistete, würde man nicht davon ausgehen, dass dieser Jemand seine Interessen als im Interesse der Menschheit ansehen würde. Die Interessen wären sonst nicht mehr egoistisch.
Die Geschäftspartner erscheinen einfach irrational. Sie scheinen sich über ihre eigenen Absichten selbst nicht im Klaren zu sein, sowie der Leser nicht genau weiß, wie er diese Absichten einordnen soll. Es wäre witzlos ein Gegenbeispiel so zu konstruieren, dass die Person A keinen Beitrag zu irgend etwas leisten möchte, um so einen Beitrag zu X zu leisten. Man müsste, um den Widerspruch zu umgehen, den Begriff der Hilfe so weit dehnen, dass man ihn in einer sehr randständigen Verwendungsweise gebraucht. Vielleicht würde man so dem Einfluss, den Adam Smith auf die Geschäftsmänner ausübte, gerecht werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in Searles Konzept der kollektiven Intentionalität ein, skizziert die methodische Vorgehensweise der Arbeit und erläutert die Relevanz der Untersuchung für die Intentionalitätstheorie.
2. Die Intuition: Dieses Kapitel behandelt Searles grundlegende Thesen zum angeborenen, primitiven Phänomen des gemeinsamen Handelns, das sich nicht auf individuelle Absichten reduzieren lässt.
3. Das Scheitern der Analyse: Hier wird Searles Argumentation gegen den methodologischen Individualismus dargelegt, indem er aufzeigt, warum bisherige Analysen kollektiven Handelns unzureichend sind.
3.1 Searls Gegenbeispiel: Dieses Unterkapitel illustriert anhand des Beispiels von Geschäftsmännern die Grenzen rein individualistischer Ansätze zur Erklärung von Kooperation.
3.2 Eine Kritik des Gegenbeispiels: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Plausibilität von Searles Gegenbeispiel und der darin enthaltenen formalen Logik.
4. Kollektive Intentionalität ohne Gruppengeist: Das Kapitel erörtert, wie Searle die Wir-Form der Intentionalität im Geist des Individuums verortet, ohne dabei einen mystischen Gruppengeist vorauszusetzen.
4.1 Die Möglichkeit des Irrtums: Analyse der Bedeutung von Irrtümern und Fehlfunktionen innerhalb des intentionalen Rahmens von Individuen.
5. Die Notation: Einführung der formalen Notation, mit der Searle versucht, das Ableiten singulärer Absichten aus einer gemeinsamen Absicht präzise abzubilden.
5.1 Die kausale Struktur kooperativen Handelns: Vertiefung der Formalisierung, die den Zusammenhang zwischen Zweck, Mittel und Handlungserlebnis bei komplexem, kooperativem Tun beschreibt.
6. Die Voraussetzung: Diskussion der philosophischen Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit überhaupt gemeinsame Absichten zwischen Lebewesen entstehen können.
7. Der Hintergrund: Untersuchung des von Searle eingeführten „Hintergrunds“ als notwendige, aber schwer zu fassende Basis für jegliche intentionale Zustände und sprachliche Kommunikation.
Schlüsselwörter
Kollektive Intentionalität, Gemeinsames Handeln, John Searle, Intentionalitätstheorie, Methodologischer Individualismus, Wir-Form, Handlungsabsicht, Erfüllungsbedingungen, Kooperation, Kausale Selbstbezogenheit, Hintergrund, Prä-intentional, Mentale Ebene, Propositionaler Gehalt, Handlungsentwurf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das Konzept der kollektiven Intentionalität, wie es von John Searle in seinem Essay „Collective Intentions and Actions“ beschrieben wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Natur kollektiven Handelns, das Verhältnis zwischen individueller und kollektiver Intentionalität sowie die philosophische Verortung von Kooperation innerhalb einer internalistischen Geisteskonzeption.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Searles Argumentation auf ihre logische Konsistenz und Plausibilität zu prüfen, insbesondere in Bezug auf die Unterscheidung zwischen der Ich-Form und der Wir-Form des Handelns.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine analytische philosophische Untersuchung, die textkritische Analysen sowie die Anwendung von Searles formaler Notation auf verschiedene Fallbeispiele nutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Searles Intuitionen, die Kritik an reduktiven Analysen, die Vorstellung der formalen Notation für kooperatives Handeln und die Diskussion der „Hintergrund“-Hypothese.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind kollektive Intentionalität, gemeinsames Handeln, Wir-Form, Handlungsabsicht, Erfüllungsbedingungen und die Bedeutung des prä-intentionalen Hintergrunds.
Wie kritisiert die Arbeit das von Searle genutzte Beispiel der Geschäftsmänner?
Die Arbeit weist darauf hin, dass das Beispiel in sich widersprüchlich wirkt, da die Verbindung von egoistischem Handeln und dem Beitrag zum Gemeinwohl logisch problematisch ist und die Absichten der Akteure unklar bleiben.
Welches Problem identifiziert die Arbeit bei der Nutzung des „Hintergrund“-Begriffs?
Die Arbeit kritisiert, dass Searles Ausführungen zum Hintergrund zirkulär sind, da Searle den Hintergrund einerseits als etwas Geistiges definiert, er aber andererseits die Grenzen der Sprache und Repräsentation überschreitet, was eine präzise Festlegung unmöglich macht.
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- Julian Habermann (Autor), 2010, Das Teilen von Absichten in John Searls „Collective Intentions and Actions“ , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187638