Die epistemologische Strategie der Unaufrichtigkeit in Sartres “Das Sein und das Nichts“


Hausarbeit, 2011

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sartres Bewusstseinstheorie im Kontext seiner Ontologie

3. Faktizität und Transzendenz des Menschen als Basisinstrument der Unaufrichtigkeit

4. Die Unaufrichtigkeit als epistemologische Haltung

5. Der Zynismus der Unaufrichtigkeit

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

"Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst." - Paulus von Tarsus in Galater 6,3

Die Analyse der Unaufrichtigkeit nimmt in Sartres Werk „Das Sein und das Nichts“ eine herausragende Stellung ein. Man sieht sich dementsprechend auch mit einer wahren Flut an Sekundärliteratur konfrontiert, was jedoch nicht bedeuten soll, dass hierdurch das Verständnis der Thematik erleichtert wäre - im Gegenteil. Die Interpretationen könnten unterschiedlicher kaum sein - sie reichen von „Unaufrichtigkeit ist für Sartre nicht möglich“ bis zu „Der Mensch müsste zu jeder Zeit unaufrichtig sein“. Es gibt hierfür sicherlich verschiedene Gründe. Sartres Methode einer „regressiven Analyse“ nimmt konkrete Phänomene der menschlichen Realität als Ausgangspunkt für die Entwicklung der sie bedingenden Strukturen (vgl. Brauner 2007 : 105). Ronald Santoni weist darauf hin, dass sich viele Interpreten zu stark auf die einnehmenden Beispiele konzentrieren und dabei einige Schwierigkeiten, die Sartres nicht immer leicht verständliche Analyse mit sich bringt, übersehen (Santoni 2002 : S.63). Ebenso haben sich Autoren auf zu allgemeine Weise dem Thema angenähert, weshalb es ratsam ist, zwischen der ursprünglichen „ontologischen Unaufrichtigkeit“ und der „epistemologischen Unaufrichtigkeit“ zu unterscheiden (Santoni 2002 : 73). Ersteres ist eine der „unmittelbaren Handlungen, die wir gegenüber unserem Sein einnehmen können“ (SN : 159). Sartre zufolge versucht der Mensch vor der Angst als Bewusstsein der Freiheit, zu flüchten. Eine Möglichkeit1 hierzu ist die Unaufrichtigkeit (vgl. SN: 116). Der Mensch als Mangel an Seinsfülle und immer zur Freiheit gezwungen flieht vor seinem Wesen und möchte das ruhige Sein einer Identität mit sich selbst erlangen. Die epistemologische Unaufrichtigkeit könnte man als jene „epistemologische Strategie“ bezeichnen, die es dem Menschen ermöglichen soll, unaufrichtig zu werden (vgl. Santoni 2002: 73).

Sartre bestimmt die Unaufrichtigkeit als ein „Sich-Selbst-Belügen“ (SN: 120). Davon unterscheidet er die Lüge, die man einem anderen erzählt. Dabei ist das Bewusstsein, das sich des zu verbergenden Sachverhalts bewusst ist, von dem Belogenen verschieden. Bei der Unaufrichtigkeit jedoch „gibt es keine Dualität zwischen Täuscher und Getäuschtem“ (SN: 122), die Lüge findet also innerhalb eines einzigen Bewusstseins statt. Würde man versuchen, sich in voller Absicht selbst zu belügen, ist klar, dass man damit nur scheitern kann. Also müsste ich, um eine unangenehme Wahrheit vor mir zu verstecken, zugleich auch meine Absicht, dies zu tun, im Dunkeln halten. Sartre hebt hervor, dass das Bewusstsein nicht in einem Moment der Zeitlichkeit Lügner und im nächsten Belogener ist, vielmehr existieren die Beiden „in der vereinigenden Struktur ein und desselben Entwurfs“ (SN: 123). Das Bewusstsein muss also als Lügner die unangenehme Wahrheit kennen, und als Belogener nicht. Da Sartre Freunds Idee eines Unterbewusstseins als „absurd“ ablehnt, bedarf es keiner weiteren Analyse, um festzustellen, dass etwas zu wissen und gleichzeitig nicht zu wissen kontradiktorisch ist.

Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, inwiefern Sartres Ausführungen einer epistemologischen Strategie der Unaufrichtigkeit eine Selbsttäuschung ermöglichen können und welche Probleme sich daraus ergeben.

Da die Unaufrichtigkeit die menschliche Natur bzw. das Wesen des Bewusstseins als Nicht- Koinzidenz ausnutzt, ist es zunächst notwendig, Sartres phänomenologische Bewusstseinstheorie im Kontext seiner umfassenderen Ontologie darzulegen. Im Rahmen der sich daran anschließenden Untersuchung der epistemologischen Unaufrichtigkeit wird im Besonderen auf die Implikationen und Widersprüchlichkeiten eingegangen werden, die sich aus Sartres Feststellung, die Unaufrichtigkeit könne nicht zynisch sein, ergeben. In diesem Zusammenhang soll zuletzt aufgezeigt werden, welche konkretisierenden Annahmen für eine kohärente Argumentation notwendig wären.

2. Sartres Bewusstseinstheorie im Kontext seiner Ontologie

Sartre entwickelt seine Bewusstseinstheorie im Rahmen einer grundlegenden Ontologie.

Er unterscheidet zwischen zwei Seinsprinzipien, dem „Sein-für-sich“, das Sein des Bewusstseins und dem „Sein-an-sich“, das Sein der Dinge.

Das Sein-an-sich „ist das, was es ist“ (SN : 42). Im Gegensatz zum Für-sich-sein ist das An-sich- sein „volle Positivität“ (SN : 79), es ist „unbestimmt es selbst und erschöpft sich darin, es zu sein“ (SN : 43). Das An-sich-sein ist von nichts abgeleitet, es besitzt keinerlei Bezug zu etwas anderem oder zu sich selbst (SN : 41), es gibt „nicht die kleinste Andeutung einer Dualität“ (SN : 165), es enthält nicht „den kleinsten Riss, durch den das Nichts hineingleiten könnte“ (ebd.). Im Gegensatz zum Menschen erschöpft sich ein Stein in seinem Steinsein vollkommen.

Jedes Bewusstsein lässt sich zerlegen in „Bewusstsein von etwas“ und „unmittelbares (Selbst)Bewusstsein von Bewusstsein von (diesem) etwas“. „Bewusstsein von etwas“ kann einerseits intentionales, „objektsetzende[s] Bewusstsein“(SN : 21) , also Bewusstsein, das auf ein Weltding intendiert und andererseits nicht-intentionales Schmerz- oder Lustbewusstsein sein (SN : 23). Das „etwas“ vom nicht-intentionalen Bewusstsein besitzt abseits seiner Realisierung als unmittelbares Selbstbewusstsein keine Existenz (vgl. ebd.). Es gilt außerdem, dass jedes objektsetzende Bewusstsein zugleich unmittelbares Selbstbewusstsein oder „nicht-setzendes Bewusstsein von sich selbst“ (SN : 21) ist. Dies ist schon die Beschreibung dessen, was Sartre als „präreflexives Bewusstsein“ oder „Bewusstsein ersten Grades“ bezeichnet. Das „präreflexive Bewusstsein“ „setzt“ ein Objekt, was bedeutet, dass es intentional auf dieses Objekt gerichtet ist. Das Objekt liegt dabei außerhalb des Bewusstseins und ist in seinem Sein von diesem unabhängig, es ist im Gegensatz zum Bewusstsein „opak“. Als „Nicht-setzendes Bewusstsein von sich selbst“ setzt sich das Bewusstsein nicht als Objekt, das Selbstbewusstsein ist „unmittelbarer und nicht kognitiver Bezug von sich zu sich“(SN : 21). Sartre kann mit dieser Selbstbewusstseinskonzeption der Problematik eines infiniten Regresses entgehen, der entsteht, wenn Selbstbewusstsein als ein dichotomes "Bewusstsein von Bewusstsein“ konzipiert wird (vgl. Brauner 2007 : 10). Das Bewusstsein von etwas und das davon „begleitete“ unmittelbare Selbstbewusstsein müssen als Einheit verstanden werden (vgl. SN : 23). Sartre verdeutlicht das unmittelbare Selbstbewusstsein mit einem Beispiel: dem Versunkensein beim Lesen eines Buches. Man ist sich dessen bewusst, dass man gerade ein Buch liest (im Vergleich zu dem „Bewusstseinszustand“ im Tiefschlaf), ohne dies jedoch reflexiv zu thematisieren, also im Sinne von „Ich lese gerade ein Buch“ gedanklich auszuformulieren. Man richtet seine Aufmerksamkeit nicht auf sich als „jemand, der gerade auf einem Stuhl sitzt und ein Buch liest“, sondern die Aufmerksamkeit wird praktisch vom gesetzten Objekt „absorbiert“. Es gibt dementsprechend noch viele weitere nicht-gesetzte Objekte (wie z.B die Beschaffenheit des Tischs, auf dem das Buch liegt), die zwar Bewusstseinsinhalte sind, jedoch im präreflexiven Bewusstsein nur im Gesamtzusammenhang „erlebt“ werden. Das Bewusstsein zeichnet sich ferner durch seine „Transluzidität“ aus. Sartre meint damit, dass man sich all seiner Bewusstseinsvorgänge bewusst ist. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man notwendigerweise immer zu wahren Aussagen über sein Bewusstsein gelangt, auch wenn dies prinzipiell immer möglich ist. Wahrnehmungen können falsch konzeptualisiert werden, indem beispielsweise nicht-gesetzte Wahrnehmungsaspekte unberücksichtigt bleiben, andere im Nachhinein „erfunden“ werden oder irreführende Bezüge hergestellt werden. Dies geschieht jedoch im reflexiven Bewusstsein.

Das reflexive Bewusstsein ist ein Bewusstsein zweiten Grades, da es ein vorangegangenes präreflexives Bewusstsein erfordert. In der Reflexion wird das präreflexive Bewusstsein als transzendentes Objekt gesetzt und dabei nicht als seine bloße Erscheinung genommen, sondern interpretiert und konstruiert (vgl. Brauner 2007 : 206). Die Intuition eines „Ich“ als Objekt findet in der Reflexion statt - während das „wahre Ich“ als Subjekt im unmittelbaren Selbstbewusstsein besteht. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Reflexion eine „Modifikation“ des Bewusstseins nach sich zieht. Manch einer kennt es, auf der Ebene des präreflexiven Bewusstseins nicht mehr fähig zu sein mit dem Lachen aufzuhören und dabei zunächst noch ganz in dem präreflexiven Erleben aufzugehen - bis plötzlich, nach einiger Zeit, ein reflexives Bewusstsein von sich als dieser Lachende eintritt - wodurch das ursprüngliche Erlebnis ein „Abklingen“ erfährt (vgl. Brauner 2007 : 212). Im Kontext dieser phänomenologischen Einsichten setzt Sartre dem An-sich-sein in seiner Ontologie den Begriff des Für-sich-seins entgegen.

Sartre bestimmt das Für-sich-sein, als ein Sein „das ist, was es nicht ist, und nicht das ist, was es ist“ (SN : 1055). Im Gegensatz zum An-sich-sein hat das Für-Sich-sein als Bewusstsein einen intentionalen Charakter, es besitzt einen Bezug, einerseits zu der Welt und andererseits zu sich. Das Reflexivpronomen „sich“ impliziert als Anzeige eines Selbstbezugs eine Distanz, die Sartre als einen „Riss im Bewusstsein" oder „das reine Negative“ bezeichnet (SN : 171) - das Für-sich-sein kann somit keine vollkommene „Selbstidentität“ sein. Wie sich gezeigt hat, ist jedes setzende Bewusstsein zugleich auch nicht-setzendes Bewusstsein von sich selbst, also davon, setzendes Bewusstsein eines Objekts zu sein. Das Für-sich-sein in seiner ursprünglichen Form als präreflexives Bewusstsein existiert „in Distanz von sich als Anwesenheit bei sich“ (SN : 171). Sartre erklärt diese Anwesenheit bei sich anhand der Dyade Spiegelung-Spiegelndes. Das Für-sich ist ein „dauernder Verweis von sich auf sich, von der Spiegelung auf das Spiegelnde, des Spiegelnden auf die Spiegelung“ (SN : 172). Der Prozess der Spiegelung bedingt im präreflexiven Bewusstsein keinen „zeitlichen Prozess einer Bewegung“ (Brauner 2007 : 189) sondern ist „in der Einheit eines einzigen Aktes gegeben“ (SN : 172). Spiegelung und Gespiegeltes bilden in ihrem gegenseitigen Aufeinander-Verweisen eine „Dualität, die Einheit ist, eine Spiegelung, die ihr eigenes Reflektieren ist“(SN : 168). Im präreflexiven Erleben wird der Selbstbezug eben nicht als Subjekt-Objekt-Dualität wahrgenommen, sondern in nicht expliziter Form (vgl. Brauner 2007 : 113). Reflektiert man auf das präreflexive Bewusstsein, nimmt man dieses jedoch nicht als Einheit wahr, viel mehr wird man in einer „unendliche[n] Bewegung“ (SN : 172) von dem einen zum anderen Glied verwiesen, das Bewusstsein gewinnt dadurch Distanz zu sich selbst. Das Für-sich-sein als die Dyade Spiegelung-Spiegelndes ist zunächst bloß eine formale Struktur, weshalb es im Gegensatz zur absolut verdichteten Seinsfülle, der puren Positivität des An-sich- seins, „sein eigenes Nichts“ (SN : 171) und „Seinsmangel“ (SN :183) ist. Gespiegelt wird also nicht das Spiegelnde als solches, sondern das Bewusstsein ist gemäß der Intentionalität immer Bewusstsein von einem Ding (vgl. Brauner 2007 : 116). Es ist dieses Weltding, in der Art, es nicht zu sein. Was bedeutet das? Es ist dieses Ding, weil es von diesem An-sich „gestützt“ wird, und sich ohne dieses als pures Nichts auflösen würde (Dandyk 2002 : 86). Das Bewusstsein kann jedoch nicht „etwas“ sein, wenn es sich gerade als Bewusstsein von diesem etwas realisieren möchte. Es bestimmt sich deshalb als ein negierender Bezug auf das An-sich: Das Für-sich-sein lässt sich in seinem Sein bestimmen [..] durch ein Sein, das es nicht ist“ (183). Das Bewusstsein ist kein Behälter, in dem sich das An-sich befindet, sondern das Bewusstsein ist „draußen“ als Anwesenheit bei der Welt (Fretz 2002 : 119).

[...]


1 Zu einer weiteren Möglichkeit der Flucht vor der Angst erklärt Sartre beispielsweise den psychologischen Determinismus. Wer Angst vor der Spontanität des Bewusstseins hat, kann sich einreden, dass ohnehin jeder Bewusstseinsprozess von vornherein determiniert ist (Vgl. S.110)

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die epistemologische Strategie der Unaufrichtigkeit in Sartres “Das Sein und das Nichts“
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V187710
ISBN (eBook)
9783656111993
ISBN (Buch)
9783656112303
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
strategie, unaufrichtigkeit, sartres, sein, nichts
Arbeit zitieren
Jerome Wittemann (Autor), 2011, Die epistemologische Strategie der Unaufrichtigkeit in Sartres “Das Sein und das Nichts“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187710

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die epistemologische Strategie der Unaufrichtigkeit in Sartres “Das Sein und das Nichts“



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden