Vergleich des Sündenverständnisses von Martin Luther anhand der Genesisvorlesung (Gen 1-3) mit dem Sündenverständnis von Dietrich Bonhoeffer anhand von Schöpfung und Fall.
Die Arbeit untersucht im Einzelnen die Interpretationen der Sündenfallserzählung nach Genesis 3.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
0.1. Hinführung
0.2. Gegenstand und Ziel der Untersuchung
0.3. Stand der Forschung zu Schöpfung und Fall
1. Schöpfung und Fall und Politik
2. Methode und Hermeneutik in Schöpfung und Fall
2.1. Methode: Theologische Auslegung in Schöpfung und Fall
2.2. Hermeneutik: Spannung zwischen Bibelzentrismus und Bibelkritik
3. Die Schöpfung vor dem Fall
3.1. Der Anfang oder die Notwendigkeit des Hörens des biblischen Zeugnisses
3.2. Unbedingte Schöpfung
3.3. Die Erschaffung des Menschen
3.3.1. Das Problem der zwei Schöpfungsberichte
3.3.2. Imago Dei als relatio relationalis
3.3.3. Imago Dei: Leiblichkeit des Menschen
3.3.4. Das Gebot Gottes: Grenze und Mitte des Menschen
3.3.5. Der Mitmensch als die leibliche Vergegenwärtigung der Grenze
4. Der Sündenfall
4.1. Die fromme Frage der Schlange
4.2. Sicut-Deus Verheißung : Der Mensch zwischen Gottes Wahrheit und der der Schlange
4.3. Der Sündenfall als Schuld des Menschen die ganze Schöpfung betreffend
5. Die Schöpfung nach dem Fall: Folgen der Sünde
5.1. Sicut Deus: Das zerstörte Verhältnis des Menschen zu sich selbst
5.1.1. bAj und [r;: Die Entzweiung des menschlichen Wissens
5.1.2. Auf sich gestellt sein
5.1.3. Verfluchte Existenz: verzweifelter Durst nach Leben
5.2. Zerstörung der Beziehung des Menschen zu Gott
5.2.1. Neues Sein für Gott durch Zurückgehen hinter sein Wort
5.2.2. Die Funktion des Gewissens als Flucht vor Gott
5.3. Störung der zwischenmenschlichen Beziehungen
5.3.1. Die neu empfundene Begrenzung durch den Mitmenschen
5.3.2. Sexualität als Ausdruck von Sucht, Mißtrauen und der Verdichtung des sicut-Deus-Seins
5.3.3. Die Gewaltdimension der Sünde im Mord Kains: gesteigertes sicut-deus-Sein aus Verzweiflung über die gestörte Gottesbeziehung
5.4. Störung der Beziehung des Menschen zur nichtmenschlichen Kreatur
5.5. Der Mensch zwischen Fluch und Verheißung
5.5.1. Die Beziehung des Menschen zu Gott: Kampf um das Wort
5.5.2. Die Beziehung von Mann und Frau
5.5.3. Die Beziehung des Menschen zur Natur / Arbeit
5.5.4. Die Beziehung des Menschen zum Tod
5.5.5. Gottes Erhaltungsordnungen
5.6. Ausblick: Die christologische Wiederherstellung
6. Luther
6.1. Stand der Forschung zum Sündenfall (Gen 1-3) in der Großen Genesisvorlesung
7. Die Schöpfung vor dem Fall
7.1. Methode und Hermeneutik in der großen Genesis-Vorlesung
7.1.1. Ablehnung der Allegorese zugunsten des historischen Textverständnisses
7.1.2. Die eingeschränkte postlapsarische Erkenntnis
7.1.3. Kritischer Exkurs: Ursprung des Bösen in Gott als Axiom der Sündenfallerzählung
7.1.4. Die christologisch-eschatologische Dimension
7.2. Creatio ex nihilo
7.2.1. Der schlechthinnige Anfang der Welt:
7.2.2. Conservatio als creatio ex nihilo
7.2.3. Recreatio als creatio ex nihilo
7.3. Der Mensch: coram Deo in fiduciam
7.3.1. Grundlegendes zum Ebenbildsbegriff
7.3.2. Imago Dei als vita aeterna, securita aeterna et omnia bona
7.3.3. Imago Dei und das mandatum Dei über die nichtmenschliche Kreatur zu herrschen
7.3.4. Der Mensch und das mandatum Dei nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen
7.3.5. Der Mensch im status medius mit doppelter Natur
7.3.6. Der Mensch und die iustitia originalis und peccatum originale
7.3.7. Die Erschaffung der Frau zur Gemeinschaft und Erhaltung des Geschlechtes
8. Der Sündenfall: Zerstörung der relatio durch unglauben
8.1. 1. Gesprächsgang (Gen 3, 1-3): Unglaube gegenüber Gottes Wort als die Quelle aller Sünden
8.2. Zweiter Gesprächsgang (Gen 3,4-5): Leugnung des Wortes Gottes
8.3. Der Sündenfall: die neue sapientia Dei des Menschen und der daraus erwachsene tätliche Ungehorsam
9. Die Schöpfung nach dem Fall: Folgen des Unglaubens
9.1. Die zerbrochene Beziehung des Menschen coram Deo
9.1.1. Nacktheit als Ausdruck von Scham / Schande des Menschen und der Schändung der Kinderzeugung
9.1.2. Furcht und Flucht vor Gottes Strafe als Ausdruck der Tätigkeit des Gewissens (Gen 3,8)
9.1.3. Das Gewissen als Ankläger der Schuld des Menschen (Gen 3,9-13)
9.2. Die gestörte Beziehung des Menschen zum Mitmenschen
9.2.1. Die Bedeutung der Sexualität nach dem Fall
9.2.2. Der Mord Kains: Die Gewaltdimension der Sünde
9.2.3. Die gestörte Beziehung des Menschen zum Mitmenschen in Bezug auf die res: abusus
9.3. Leben des Menschen zwischen Fluch und Verheißung (Gen 3,14-19)
9.3.1. Hoffnung des Lebens: das Protoevangelium (Gen 3,14-15)
9.3.2. Die Strafe der Frau: Leben mit Geburtsschmerz in Hoffnung auf das ewige Leben (Gen 3,16)
9.3.3. Die gestörte Beziehung des Mannes zum Acker: Verfluchung, bleibender Segen und die Hoffnung der Rückkehr zur Erde (Gen 3,17-19)
9.4. Erinnerungszeichen an den Fall (Gen 3,20-24)
9.4.1. Namensgebung Evas: memorial der Hoffnung des ewigen Lebens und der Erhaltung des menschlichen Geschlechtes (Gen 3,20)
9.4.2. Röcke zur Kleidung als memorial des Sündenfalls (Gen 3,21)
9.4.3. Gottes Wort der Warnung und des Gerichtes als memorial des Sündenfalls (Gen 3,22)
9.4.4. Trennung vom Baum des Lebens als memorial des Sündenfalls (Gen 3,23-24)
10. Vergleich und kritische Würdigung
11. Hermeneutischer Ausblick
12. Bibliographie und Abkürzungsverzeichnis
12.1. Primärliteratur
12.2. Sekundärliteratur
12.3. Abkürzungsverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Sündenverständnis in Dietrich Bonhoeffers "Schöpfung und Fall" sowie in Luthers "Großer Genesisvorlesung". Ziel ist es, die systematische Sündenlehre beider Theologen zu erarbeiten und durch einen vergleichenden Zugang Denklinien zu setzen, die die Bedeutung der Sündenlehre für ein heutiges evangelisches Verständnis hervorheben.
- Theologische und christologische Erkenntnis der Sünde bei Bonhoeffer und Luther
- Strukturen der Sünde als zerstörte Relation zu Gott, zum Mitmenschen und zur nichtmenschlichen Kreatur
- Bedeutung der Hermeneutik und Bibelauslegung für das Verständnis von Paradiesgeschichte und Sündenfall
- Die Dialektik von Fluch und Verheißung im postlapsarischen Zustand
Auszug aus dem Buch
3.3.4. Das Gebot Gottes: Grenze und Mitte des Menschen
Gott pflanzte einen Garten und setzte dort den Menschen hinein. Dort ließ er u.a. auch den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen wachsen. Die Namen dieser Bäume sind bei Bonhoeffer mit dem menschlichen Dasein verbunden und können deswegen, wie Claß treffend bemerkt, als „anthropologische Metaphern“ bezeichnet werden.
Zunächst kommentiert Bonhoeffer den Baum des Lebens.
Er war in der Mitte, das ist das einzige, was gesagt wird, das Leben, das von Gott herkommt, ist in der Mitte. In der Mitte der dem Adam verfügbaren, der ihm zur Herrschaft gegebenen Welt ist nicht er selbst, sondern der Baum des göttlichen Lebens. Adams Leben kommt von der Mitte her, die er nicht selbst ist, sondern Gott, es umkreist dauernd diese Mitte ohne je den Versuch zu machen, diese Mitte des Daseins selbst in Besitz zu nehmen.
Dass der Baum in Mitte war kann erstens theologisch–anthropologisch als Bezogenheit Gottes des Schöpfers auf das Geschöpf bei gleichzeitiger strikter Unterschiedlichkeit von ihm interpretiert werden. Genauer bedeutet dies, dass „so wie der Baum des Lebens in der Mitte der Schöpfungswelt steht und doch nicht Besitz des Menschen ist, Gott mitten in der Schöpfung als freies unverfügbares Gegenüber des Menschen ist.“ Gottes Transzendenz ist dementsprechend nicht der abstrakte Gegensatz zur Immanenz. Auf der anderen Seite gilt genauso, dass sich Gottes Transzendenz nicht in seiner Immanenz auflöst. Zusammengefasst: „Gott ist als Mitte des Menschen zugleich dessen Grenze;“ in Worten aus Widerstand und Ergebung ausgedrückt: „Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig.“
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Hinführung zur Person Bonhoeffers, Problemstellung und Zielsetzung der Untersuchung im Vergleich zwischen Bonhoeffer und Luther.
1. Schöpfung und Fall und Politik: Analyse der politischen Implikationen von Bonhoeffers Vorlesungen, insbesondere im Kontext von Autoritätskritik und Kontinuität der Schöpfungslehre.
2. Methode und Hermeneutik in Schöpfung und Fall: Diskussion von Bonhoeffers theologischer Auslegungsmethode und der Spannung zwischen Bibelzentrismus und historisch-kritischem Anspruch.
3. Die Schöpfung vor dem Fall: Untersuchung des Urstandes, insbesondere der Imago Dei als Relationalität und der Bedeutung von Grenze und Mitte.
4. Der Sündenfall: Analyse der Sündenfallgeschichte, der Rolle der Schlange und der Dialektik von menschlicher Verantwortung und Unbegreiflichkeit der Schuld.
5. Die Schöpfung nach dem Fall: Folgen der Sünde: Eingehende Darstellung der Zerstörung der vier Relationen (Selbst, Gott, Mitmensch, Welt) und der Struktur des Fluchs.
6. Luther: Einführung in Luthers Große Genesisvorlesung als Basis für den Vergleich zur Theologie Bonhoeffers.
7. Die Schöpfung vor dem Fall: Vergleich der hermeneutischen Voraussetzungen und der Schöpfungslehre (creatio ex nihilo) bei Luther.
8. Der Sündenfall: Zerstörung der relatio durch unglauben: Luthers Verständnis des Sündenfalls als Bruch der Gottesbeziehung durch Unglauben und Angriff auf das Wort.
9. Die Schöpfung nach dem Fall: Folgen des Unglaubens: Darstellung der Folgen der Sünde bei Luther, insbesondere Scham, Furcht und die Störung zwischenmenschlicher Beziehungen.
10. Vergleich und kritische Würdigung: Synthetische Zusammenführung der Ergebnisse und kritische Reflexion des jeweiligen Sündenbegriffs.
11. Hermeneutischer Ausblick: Praktisch-theologische Reflexion und Ausblick auf die Bedeutung der Sündenlehre für das heutige Verständnis.
Schlüsselwörter
Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther, Sündenfall, Schöpfung, Imago Dei, Relationalität, Erbsünde, Wort Gottes, Hermeneutik, Sicut-Deus, Mitte und Grenze, Schöpfungslehre, Ethik, Christologie, Theologische Anthropologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht das Sündenverständnis von Dietrich Bonhoeffer in "Schöpfung und Fall" mit Luthers "Großer Genesisvorlesung", um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer systematischen Theologie herauszuarbeiten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Urstand des Menschen, das Wesen der Sünde, die Zerstörung der menschlichen Relationen (zu Gott, zum Selbst, zum Mitmenschen und zur Natur) sowie die Hermeneutik der biblischen Schöpfungstexte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aus den exegetischen Werken beider Theologen eine systematische Sündenlehre abzuleiten und diese in Bezug auf ein aktuelles evangelisches Sündenverständnis kritisch zu würdigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt eine komparative theologische Methode, die Texte historisch-hermeneutisch erschließt und die Sündenbegriffe der Autoren systematisch aufeinander bezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse von Bonhoeffers Schöpfungstheologie, gefolgt von einer korrespondierenden Untersuchung der lutherischen Position, und mündet in einen systematischen Vergleich.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe wie "Relationalität" (analogia relationis), "Sicut-Deus", "Mitte und Grenze" sowie die Unterscheidung zwischen "Erbgerechtigkeit" und "Erbsünde" prägen die theoretische Argumentation.
Wie deutet Bonhoeffer das "Sicut-Deus-Sein"?
Bonhoeffer versteht das Sicut-Deus-Sein als den Versuch des Menschen, seine Lebensmitte selbst zu besetzen, anstatt sie als Geschenk von Gott zu empfangen, was zum Verlust der geschöpflichen Identität führt.
Welche Rolle spielt das Wort Gottes bei Luther?
Luther betont das Wort Gottes als das grundlegende Instrument der Schöpfung und Erhaltung, dessen Missachtung oder Verdrängung durch den Menschen den Ursprung der Sünde und des Unglaubens darstellt.
- Arbeit zitieren
- Daniel Steffen Schwarz (Autor:in), 2007, Das Sündenverständnis Bonhoeffers und Luthers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187793