Kooperatives und prozessorientiertes Schreiben im Englischunterricht mit Wikis

Ein Filmanalyse-Projekt zum Thema 'The Truman Show'


Examensarbeit, 2010
59 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Herkunft und Anlass des Themas

2. Konzeptioneller Hintergrund
2.1 Zielsetzungen/Erkenntnisinteresse
2.2 Eingrenzung der Reichweite des Konzepts
2.3 Problemgehalt
2.4 Zugrunde liegende Organisationsformen und Modelle
2.4.1 Kooperatives Lernen
2.4.2 Prozessorientiertes Schreiben
2.4.3 Innovationen im Hinblick auf Unterrichtsmodelle für die Analyse fiktionaler Filme.
2.4.4 Web 2.0 und Schreiben im Wiki
2.4.5 Bewertung der Schülerleistungen im Wiki-Projekt
2.5 Bezüge zu Lehrerfunktionen, Kompetenzen und Standards

3. Entwicklung, Erprobung und Evaluation des kooperativen und prozessorientier­ten Schreibkonzeptes mit Wikis zum Thema Filmanalyse
3.1 Entwicklung und Erprobung des Konzepts
3.1.1 Die Lehrerrolle
3.1.2 Das Medium Wiki und seine Möglichkeiten
3.1.3 Leistungsbewertung
3.1.4 Die Schüler
3.2 Evaluation
3.2.1 Eingehender Fragebogen (Pre-Test)
3.2.2 Fragebogen nach der Projekt-Durchführung (Post-Test)
3.2.3 Vergleichende Items des ersten und zweiten Fragebogens (gleiche Stichprobe)
3.2.4 Mündliche Rückmeldungen während und nach der Durchführung
3.2.5 Ergebnisse der Klausur
3.3 Erkenntnisgewinn, kritische Aspekte und Handlungsalternativen

4. Fazit und Ausblick
4.1 Konsequenzen
4.2 Generalisierbarkeit und Erweiterungsmöglichkeiten

Selbständigkeitserklärung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Glossar

Anhangsverzeichnis

Allgemeine Vorbemerkungen

Maskuline und feminine Begriffs formen

Für die gesamte vorliegende Arbeit gilt: Bei Nennung von maskulin oder feminin anmutenden Begriffsformen verzichte ich zu Gunsten des Leseflusses auf die zusätzliche Erwähnung derje- weils andersgeschlechtlichen Form. Es sind aber in der Regel im Sinne der Gleichberechtigung beide Geschlechter gleichermaßen gemeint.

Informationen zu Verweisen

- Steht dieser Pfeil vor dem ersten Auftauchen eines technischen Begriffs, wird er im Glossar erklärt.

Steht er vor einer Abbildung, Tabelle, Kapitelangabe oder Internetquelle, werden in dem Abschnitt, auf den verwiesen wurde, vertiefende Informationen über den j eweiligen Kon­text gegeben.

Wikipedia als verlässliche Quelle?

In dieser Arbeit werden auch einige wenige Wikipedia-Artikel als Quellen angeführt. Entgegen der vorherrschenden Meinung siegte die „kollektive Intelligenz“ der Wikipedia in einem bereits vor drei Jahren durchgeführten Vergleich[1] mit der 15-bändigen Online-Ausgabe des Brockhaus nicht nur in den Bereichen Aktualität und Vollständigkeit, sondern auch bei der „Richtigkeit“ des Inhalts. In einem anderen, bereits fünf Jahre alten, Vergleich[2] mit der Encyclopaedia Britannica unterlag Wikipedia im Bereich Genauigkeit nur knapp. Werden in diesem Werk Wikipe- dia-Quellen zitiert, wurden bei fragwürdigen Inhalten selbstverständlich sekundäre Quellen zur Absicherung hinzugezogen.

Letzter Abruf der Internetquellen

Soweit nicht anders angegeben, erfolgte der letzte Abruf eines in der vorliegenden Arbeit ange­gebenen Internetlinks am 16. Mai 2010.

Verwendete Abkürzungen

EA = Einzelarbeit

PA = Partnerarbeit

GA = Gruppenarbeit

Hinweise zur Anmeldung im für die Erprobung des Konzepts benutzten Wiki im Internet

Das Wiki, das für die Erprobung des vorliegenden Konzepts in einer Unterrichtsreihe benutzt wurde, ist unter der Adresse www.tnahrwold.de/w/ zu erreichen.

Da im Wiki einige Materialien aus Quel-len, die zwar für den Schul-, aber nicht für den öffentlichen Gebrauch gedacht sind, hinterlegt sind, melden Sie sich bitte zu-nächst mit folgenden Daten an, indem Sie auf,,anmelden“ klicken: Benutzername: gast Passwort (bitte Groß- und Kleinschrei-bung beachten): GasT123 und bestätigen ihre Anmeldung mit einem Klick auf den Anmelden-Button.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anschließend gelangen Sie über die das Menü auf der linken Seite zu den entspre­chenden Iraman-Projektseiten.

Die Benutzernamen der Schüler, die an ei­nigen Stellen im Wiki auftauchen, ent­sprechen manchmal dem Vornamen, in anderen Fällen aber auch dem vollständi­gen Vor- und Zunamen. Die Schüler wur­den jedoch darüber informiert, dass der Vorname für eine Bewertung ihrer Ergeb­nisse durch die Lehrkraft ausreichend ist und ihre persönlichen Daten von Dritten eingesehen werden können.

1. Einleitung: Herkunft und Anlass des Themas

In meinem Englischkurs im Jahrgang 11, den ich im Rahmen der Bedarfsdeckung eigenverant­wortlich unterrichte, bemerkte ich, dass in den ersten zwei Klausuren, die zu einer Kurzgeschich­te und einem Kurzroman geschrieben wurden, inhaltlich durchgehend relativ gute Leistungen er­zielt wurden, aber bei vielen Schüler im sprachlichen Bereich Probleme bestanden, vor allem in den Teilbereichen Ausdrucksvermögen, Wortwahl und Grammatik. Auch die kommunikative Leistung litt oftmals darunter, dass, obwohl im Unterricht behandelt, relativ selten Satzverbin­dungen {linking words) eingesetzt wurden.

Zwar wurden im Rahmen der im Lehrplan geforderten Language Learning Awareness die indivi­duellen Punktzahlen und sprachlichen Fehler von den Schülern nach jeder Klausur auf einem Evaluationsbogen (- Anhang 1) ausgewertet und anschließend in einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Lehrer ein oder zwei Bereiche, an denen der Lernende vorwiegend arbeiten sollte, be­stimmt und auch Wege aufgezeigt, wie dieses passieren kann[3]. Jedoch wurden hierdurch augen­scheinlich eher die lernstärkeren Schüler gefördert, die sich diesen Übungsaufgaben selbst ver­antwortlich zu Hause widmeten. Ebenfalls nutzen einige Schüler das Angebot, schriftliche Haus­aufgaben abzugeben und durch mich kontrollieren zu lassen - auch hier waren esjedoch eher die leistungsstärkeren Schüler.

Zugleich wurde Partnerkorrektur {peer correction) im Rahmen der Think-Pair-Share-Gmnd- struktur[4] eingesetzt, aber oft blieb anschließend nur wenig Zeit für die Überprüfung der Texte durch die Lehrperson {oftmals können in einer Unterrichtsstunde nur ein oder zwei Texte von den Schülern vorgelesen und besprochen werden). Dabei bleibt aufgrund des flüchtigen Medi­ums Sprache vermutlich auch ein Teil der Fehler unentdeckt - Rechtschreib- und Zeichenset­zungsfehler oder das sinnvolle Setzen von Absätzen können überhaupt nicht korrigiert werden. Eine Alternative ist das Kopieren von erstellten Hausaufgaben und das gemeinsame Korrigieren im Plenum, wobei der Aufwand und der Ertrag ebenfalls kritisch einzuschätzen sind. So ist diese Methode zeitaufwändig und jeder Schüler kann vermutlich im Laufe der Sitzung nur wenige Fehler kommentieren und korrigieren. Daher stellte sich mir die Frage: Wie können alle Schüler auf die Texte ihrer Mitschüler zugreifen und zuverlässiger am Schreib- und am Korrekturprozess beteiligt werden?

Da im dritten Quartal des Schuljahres der „Umgang mit medial vermittelten Texten“ laut Lehr­plan (MSWWF NRW 1999, 76) und Schulcurriculum vorgesehen war, suchte ich zusätzlich nach einem Weg, Filmanalyse in einer angemesseneren Tiefe durchzuführen. Anders als bei ei­ner Lektüre sind die zu analysierenden Filmsequenzen für die Schüler normalerweise nicht zu Hause verfügbar. Zwar besitzt das Medium DVD gegenüber der VHS-Kassette bereits einige Vorteile wie ein einfaches Finden einer Szene vor der Klasse, qualitativ hochwertige Standbilder, mehrere Sprachen, optionale Untertitel und Zusatzinformationen wie ein Making Of oder Inter­views mit beteiligten Personen. Wenn die zu analysierenden Filmsequenzen jedoch nur ein-, zwei- oder auch dreimalig im Plenum präsentiert werden, können die Schüler dennoch nicht alle gleichzeitig ablaufenden Ebenen eines Filmes angemessen analysieren. Ausgehend von mehreren Beiträgen in englischen Fachzeitschriften fand ich Ansätze, diese Probleme zu lösen.

Real (2009) schrieb den ersten Beitrag, der mir auffiel und sich mit dem Problem einer oft ober­flächlichen Filmanalyse auseinandersetzt. Er schlägt vor, dass sichjeder Schüler hierzu die DVD kaufen sollte, um individuell und selbständig die Szenen analysieren zu können (vertiefend in - Kapitel 2.4.3). Nun bestandjedoch das Problem, dass die Schüler ihre Analyse zwar am hei­mischen Fernseher oder PC durchführen konnten, jedoch nicht im Unterricht. Der Umzug in einen Computerraum mit DVD-Abspielmöglichkeit und Kopfhörern während der Kursstunden ließ sich an unserer Schule glücklicherweise problemlos bewerkstelligen.

Mein zweites Anliegen war, mehr Einsicht in den Schreibprozess der Kursmitglieder zu erhalten, um vor allem sprachliche Hilfestellungen und Korrekturen bieten zu können. Der Artikel von Kieweg (2009) behandelt ein Modell, dass es dem Lehrer ermöglicht, Lernende beim Schreiben und Überarbeiten ihrer Texte anzuleiten (- Kapitel 2.4.2). Kieweg spricht auch von den Vortei­len, Texte elektronisch und in Gruppen verfassen zu lassen und sie von anderen Lernenden über­arbeiten zu lassen - nebenbei wird der Arbeitsaufwand der Lehrperson hierdurch erleichtert. Selbständiges und kooperatives Arbeiten wird des Weiteren in den Richtlinien (vgl. MSWWF NRW 1999, XIX) und im Lehrplan für die gymnasiale Oberstufe (vgl. ebd., 41-43) gefordert.

In dem Beitrag von Raith & Raith (2008) fand ich schließlich das geeignete Medium für mein Vorhaben - ein - Wiki, die Software, mit der auch die Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia be­trieben wird (- Kapitel 2.4.4). Der seit 1999 gültige Lehrplan für das Fach Englisch „kennt“ noch kein - Web 2.0 und auch keine Wikis, aber auch dort wird bereits die Nutzung „dynami­scher“ elektronischer Werkzeuge und des Internets verlangt (vgl. ebd., 39-40). Sollten sich die Schüler damals noch im Erstellen von „hypertext“, also von Internetseiten, üben (ebd., 41), wäre ein zeitgemäßer Ersatz das Verstehen und Benutzen der interaktiven Werkzeuge des Web 2.0.

Bestätigung für diese These bieten auch die Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie (2009), nach der 94 Prozent der 14-19-Jährigen in Deutschland zumindest selten Wikipedia nutzen, dicht ge­folgt von Videoportalen und privaten - sozialen Communities wie dem Schüler-VZ. Immerhin 48 Prozent der Teenager nutzen Wikipedia zumindest wöchentlich (vgl. Busemann & Gscheidle 2009, 361). Fragt manjedoch danach, ob die Enzyklopädie nicht nur zum Nachschlagen benutzt wird, sondern auch aktiv Artikel erstellt und bearbeitet werden, bejahen dies in der Gruppe der 14-19-Jährigen nur noch 6 Prozent (vgl. ebd.). Vor diesem Hintergrund berührt der Umgang mit einem Wiki nicht nur die Lebenswelt der Schüler, sondern kann auch einer Förderung der im Lehrplan geforderten Medienkompetenz (media literacy) dienen - einfaches Konsumieren oder aktives Produzieren von Inhalten macht ja gerade den Unterschied zwischen dem sogenannten - Web 1.0 und dem Web 2.0 aus. Richardson (vgl. 2009, 7), ein US-amerikanischer Pionier im Umgang mit den Möglichkeiten des „sozialen“ Internets im Unterricht, geht noch einen Schritt weiter und sagt: Werden solche Werkzeuge in der Schule nicht genutzt, vergrößern sich die Un­terschiede zwischen der Lern- und der Lebenswelt der Schüler, aber auch zwischen der Lernwelt von Lehrern und Schülern allgemein.

Wenn man weiterhin bedenkt, dass Wikipedia-Artikel - deren Qualität durchaus mit anderen En­zyklopädien vergleichbar ist (s. Vorbemerkungen) - bei nahezu jedem Stichwort in den oberen Rängen einer Suchmaschine wie Google erscheinen (vgl. Herbold 2010, 84), ist es nützlich, den allgemeinen Entstehungsprozess solcher Artikel zu kennen. Die Schüler lernen im Umgang mit dem Wiki auch, Diskussionsseiten zu benutzen und sind somit in der Lage, an anderen Wiki-Pro- jekten wie der Wikipedia mitzuarbeiten und die Qualität bzw. die Kontroverse von Artikeln ein­zuschätzen. Denn: „Rasant surfen können diejungen 'Digital Natives' vielleicht schon. Das Tau­chen nach Perlen aber werden sie sich nicht alleine beibringen können.“ (vgl. ebd., 87)

Im - folgenden Kapitel werden zunächst das Erkenntnisinteresse, die möglichen Probleme und die zugrunde liegenden Organisationsformen und Modelle des Konzepts dargestellt, bevor im - dritten Kapitel das Konzept allgemein sowie seine Erprobung im bedarfsdeckenden Unter­richt in der elften Jahrgangsstufe beschrieben wird. Kapitel 3 enthält zusätzlich die Evaluation anhand der durchgeführten Befragungen, der gemachten Beobachtungen sowie der Ergebnisse der Schüler. Im - letzten Kapitel der vorliegenden Arbeit werden Konsequenzen aus der Erpro­bung formuliert, die bei einer erneuten Durchführung zu beachten sind. Des Weiteren wird ein Ausblick auf die Reichweite der Umsetzungsmöglichkeiten sowie auf Erweiterungspotenziale gegeben. Der Anhang umfasst die Darstellung einiger zugrunde liegender Modelle, einiger Hil­fen für den Einsatz eines Wikis sowie die eingesetzten Fragebögen und deren Ergebnisse. Online verfügbare Materialien wurden ausgespart (- Anmeldung im Wiki auf Seite ii).

2. Konzeptioneller Hintergrund

2.1 Zielsetzungen/Erkenntnisinteresse

Eine Literaturrecherche ergab, dass in Fachzeitschriften zwar bereits über schreibprozesshafte Projekte mit Wikis berichtet wurde[5], jedoch nicht im Kontext der Filmanalyse im Englisch­unterricht.

Das grundlegende Erkenntnisinteresse bestand darin, zu erfahren[6],

- ob die Schüler die Arbeit mit dem Wiki-System annehmen und seine Möglichkeiten wie die Diskussionsfunktion und das Aufrufen von hinterlegten Materialien und Links benut­zen (Beobachtung/mündl. Rückmeldungen, Fragebogen', - Kapitel 3.1.2),
- ob sie vergleichsweise bessere Ergebnisse erzielen können als bei ihren „gewöhnlichen“ schriftlichen Hausaufgaben (Evaluation/Benotung der Wiki-Texte, - Kapitel 3.1.4)
- ob sie auch in der nachfolgenden Klausur zum im Wiki behandelten Film bessere Ergeb­nisse erzielen können (Evaluation/Benotung der Klausur, - Kapitel 3.2.5),
- wie die Lernenden die Arbeit mit dem Wiki einschätzen bzw. welche Vor- und Nachteile sie sehen (Beobachtung(mündl. Rückmeldungen, Fragebogen, - Kapitel 3.2.1-3.2.4) und
- ob die Durchführung praktikabel ist, also der Aufwand den Ertrag rechtfertigt (Evaluati­on des Konzepts, - Kapitel 3.3 und 4).

Die eingesetzten Fragebögen (- Anhänge 11 und 13) beinhalten zusätzlich Fragestellungen, die sich mit einigen Aspekten detaillierter beschäftigen, beispielsweise wie die Schüler über die „Würdigung“ ihrer (oft zu Hause) schriftlich angefertigten Produkte und über die Verfügbarkeit von Hilfestellungen und Korrekturen zu ihren schriftlichen Produkten denken (- erster Fragebo­gen, Items 3-5). Ziel solcher Fragen war zum Einen, mehr über meinen eigenen Unterricht zu er­fahren, andererseits aber auch, ob sich der Einsatz eines Wikis auch auf Grundlage dieser Ein­schätzungen lohnt. Die Überprüfung der hier genannten Zielsetzungen erfolgt in - Kapitel 3.3.

2.2 Eingrenzung der Reichweite des Konzepts

Die Reichweite der Gültigkeit meiner Aussagen bezieht sich primär auf meinen Englischkurs in der Jahrgangsstufe 11, den ich im Rahmen des bedarfsdeckenden Unterrichts leite. Zudem wird das Wiki-Projekt im Kontext der in der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe verpflich­tenden Filmanalyse (vgl. MSWWF NRW 1999) eingesetzt. Jedoch können diese Ergebnisse durchaus für Lehrer anderer Englischkurse dieser Jahrgangsstufe an Gymnasien und Gesamt­schulen interessant sein, einige Aussagen sogar für Lehrer aller Fächer an allen Schulformen, die an einem Einsatz einer Wiki-Plattform interessiert sind, welche kollaborative Schreibprozesse im Unterricht und zu Hause ermöglicht.

Das methodische Vorwissen des Lehrers wie der Schüler ist bei einem ersten Einsatz eines Wiki­Systems sicherlich noch nicht vorhanden, kann sich jedoch relativ schnell angeeignet werden. Ein grundlegendes Verständnis über die Funktionsweise der Online-Enzyklopädie Wikipedia ge­nügt, um sich mittels einer kleinen Übersicht über die wichtigsten Wiki-Funktionen und -Forma­tierungen[7] und einer kurzen Einarbeitungszeit von etwa einer Stunde mit dem System vertraut zu machen. Die technische Einrichtung des Systems ist hingegen etwas komplexer und erfordert grundlegende Kenntnisse im Umgang mit einem Webserver. Sie sollte vom zuständigen Syste­madministrator der Schule vorgenommen werden oder es kann ein frei verfügbares Wiki-System benutzt werden (- Kapitel 2.4.4). Anwendungsbereiche in anderen Jahrgangsstufen oder Fä­chern können in dieser Arbeit nicht ausführlich behandelt werden, sie werden aber kurz in - Kapitel 4.2 angesprochen.

2.3 Problemgehalt

Das offensichtlichste Problem organisatorischer Art ist sicherlich die Verfügbarkeit eines Infor­matikraums während derjeweiligen Unterrichtsstunden. Bereits Struck (1998, 101) erkennt die­ses Problem und plädiert für Laptops für mindestens jeden zweiten Schüler[8]. Auch Kerber (vgl. 2008, 26) berichtet davon, dass in seinem Gymnasium jeder Schüler ab der Jahrgangsstufe 7 einen eigenen Laptop besitzt, der mit dem Schulnetzwerk und dem Internet verbunden ist, da die PC-Nutzung nur so wirklich zu einem Teil der Lernwelt der Schüler werden kann[9] - einen großen Teil ihrer Lebenswelt bildet sie ohnehin. Solche Modelle - in manchen Schulen gibt es bereits seit fast einem Jahrzehnt Laptop-Klassen[10] - rücken aufgrund immer günstiger werdender Note- und vor allem Netbooks[11], die mittlerweile für weniger als 300 € zu haben sind, in immer greifbarere Nähe. Das seit April 2010 in den USA verfügbare Apple iPad[12] legt den Grundstein für günstigere Nachahmungen anderer Hersteller, die sicherlich innerhalb der nächsten Monate und Jahre auftauchen werden.

Derzeit sieht die Situation in beinahe allen allgemeinbildenden Schulenjedoch noch so aus, dass etwa zwei Informatikräume zur Verfügung stehen, die jeweils im Vorhinein durch den Lehrer gebucht werden müssen. Die deutsche Schullandschaft gleicht immer noch einem medialen Not­standsgebiet (vgl. Herbold 2010, 87). So teilen sich im Durchschnitt 11 Lernende an allgemein­bildenden Schulen einen PC (vgl. Bitkom 2008). An unserer Schule besteht glücklicherweise noch die Möglichkeit der Nutzung einer Mediothek, in der sich ebenfalls ausreichend PCs für große Lerngruppen befinden und die auch selbständig von den Schülern in Freistunden, Pausen oder nach Unterrichtsschluss unter Aufsicht von Schülern höherer Jahrgänge genutzt werden kann.

Ein weiteres Problem könnte die Aufrechterhaltung der Motivation der Schüler sein, die in der Zeit der Durchführung des Projekts nicht nur mehrere Unterrichtsstunden hintereinander, son­dern auch während Arbeit zu Hause am PC arbeiten müssen. Würde sich dieses Problem be­merkbar machen, sollten andere methodische Abläufe für ein oder zwei Unterrichtsstunden ge­wählt werden - beispielsweise eine gruppeninterne Konferenz (editorial meeting) mittels einer Placemat oder einer Mindmap, bei dem eine ausführliche Zwischenbilanz erstellt und das weitere Vorgehen geplant wird.

2.4 Zugrunde Hegende Organisationsformen und Modelle

2.4.1 Kooperatives Lernen

Die zugrunde liegende Organisationsform des Konzepts ist das kooperative Lernen.

Kooperatives Lernen bezeichnet Lernarrangements wie Partner- und Gruppenarbeiten, die eine synchrone oder asyn­chrone (via Computer), koordinierte, ko-konstruktive Aktivität der Teilnehmer/innen verlangen, um eine gemeinsame Lösung eines Problems oder ein gemeinsam geteiltes Verständnis einer Situation zu entwickeln.

Pauli & Reusser 2000 und Reinmann-Rothmeier & Mandl 2002 nach Wikipedia 2010 Kooperation wird hierbei als eine Sonderform menschlicher Interaktion verstanden, bei der alle interagierenden Individuen ein gemeinsames bekanntes Ziel verfolgen (vgl. Gröschel 1973 nach Ohidy 2006, 3). Beim vorliegenden Konzept ist dies die schriftliche Bearbeitung der gruppenspe­zifischen Aufgaben zu Inhalten des Filmes (ausführliche Beschreibung in - Kapitel 3.1 ),jedoch auch das Lesen, Kommentieren und Korrigieren der Texte anderer Gruppen. In Interaktion kön­nen also im virtuellen Raum des Wikis alle Kursmitglieder treten. Ein weiteres zentrales Merk­mal kooperativen Lernens ist, dass die Lernenden sowohl für die eigenen als auch für die Lern­fortschritte der Gruppe Verantwortung übernehmen (vgl. Slavin 1990 nach Ohidy 2006, 3). Im Wiki-Projekt wird die Verantwortlichkeit zusätzlich dadurch gefördert, dass die Schüler nicht nur während der Unterrichtszeit in der Gruppe, sondern auch individuell, sogar von zu Hause aus, vom eigenen PC aus, am gemeinsamen Projekt arbeiten können und sollen.

Kooperatives Lernen ist nicht nur eine Methode, sondern auch eine Philosophie, eine Weltan­schauung (vgl. Green 2005 nach Ohidy 2006, 3), die auf gegenseitigem Respekt und auf der Leistung jedes einzelnen Gruppenmitglieds basiert. Der Vorteil eines Wikis ist, dass die indivi­duellen Schülerleistungen genau nachvollziehbar. Zu gegenseitiger Wertschätzung und Anerken­nung wird dadurch ermuntert, dass auf die Bedeutung der Diskussionsseiten hingewiesen wird und der respektvolle Umgang mit den Texten beispielhaft dargestellt wird (siehe insg. vertiefend die Entwicklung und Durchführung des Konzepts in - Kapitel 3.1).

Die Merkmale kooperativen Lernens werden im vorliegenden Konzept erfüllt, wie aus der Tabel­le in - Anhang 2 ersichtlich wird. Die Merkmale nach Reinmann-Rothmeier/Mandl betonen da­bei die Interaktivität, die nach Green die Prozessartigkeit kooperativen Lernens (vgl. Ohidy 2006, 4-5).

Einige der vielen Vorteile kooperatives Lernens, die sich aus empirischen Studien zusammenfas­sen lassen, sind die Förderung der Lese- und Schreiberfolges, die Entwicklung mündlicher Kom­munikationsfertigkeiten (vgl. Ohidy 2006, 9). Diese Aspekte treten auch beim vorliegenden Kon­zept in den Vordergrund, wie sich anhand des Prozesses und der fertigen Produkte zeigen wird (- Kapitel 3.1). Ähnlich wie bei einer Schreibkonferenz wird durch die nötige Gruppenbespre­chung über den Stand und die weitere Planung des Wiki-Arbeitsprozesses zu Beginn und am Endejeder Unterrichtsstunde ein authentischer Sprachanlass gegeben, bei dem Englisch als Ar­beitssprache verwendet werden kann (vgl. Kindel, Henseler & Möller 2006, 116).

2.4.2 Prozessorientiertes Schreiben

Ausführlichere systematische Schreibaktivitäten im Fremdsprachenunterricht sind nach Kieweg (2009, 2) eher die Ausnahme. Bei den aktuellen Klassenstärken wird dies oft mit fehlenden Möglichkeiten für eine individuelle Zuwendung der Lehrkraft fürjeden einzelnen Lerner begrün­det. Ein Schreibprozess in Partnerarbeit (PA) oder Gruppenarbeit (GA) jedoch verringert nicht nur der Korrekturaufwand für die Lehrperson, sondern führt auch effektiver zum Lernerfolg: „Textversionen erhalten erst vom Partner oder in der Schreibkonferenz ein Feedback und werden überarbeitet, bevor sie an die Lehrkraft gehen“ (ebd.). Schüler lernen außerdem besser, wenn sie Fehler machen dürfen (vgl. Struck 1998, 88). Das gilt auch für das Schreiben in der Fremdspra­che. Trial and error wird durch ein Wiki-System ermöglicht, bei dem immer wieder der Aus­druck und der Inhalt des Textes verbessert werden kann und so am Ende ein qualitativ höherwer­tiges Endprodukt steht.

Aus Gründen des Umfangs dieser Arbeit soll an dieser Stelle nicht allzu vertiefend auf die ein­zelnen Phasen des Schreibprozesses eingegangen werden. Hingewiesen werden soll jedoch auf die komplexen Vorgänge im Kopf des Schreibenden[13] (vgl. Kieweg 2009., 4): die Aktivierung und die ständige Interaktion von Themen- und Inhaltswissen (content knowledge) und rhetori­schem Wissen (discourse knowledge). Ein optimaler systematischer und oft unterbewusst statt­findender Schreibprozess besteht dabei aus mehreren Phasen und wird in der Tabelle in - An­hang 3 zusammengefasst.

Die Frage ist nun: Was wird von den Lernenden verlangt und welche Phasen im Schreibprozess müssen vom Lehrer initiiert werden? Kieweg (vgl. ebd., 5-7) beschreibt ein in - Anhang 4 dar­gestelltes Modell, das einen möglichen rekursiven Schreibprozess in der Schule zeigt, bei dem der Lehrer nicht nur eine Einführung in das Thema und die verlangten Zieltextsorten gibt, son­dern auch inhaltliche und sprachliche Hilfe während des gesamten Schreibprozesses anbietet.

Hierbei schreiben die Schüler einen ersten Entwurf, woraufhin der Lehrer oder eine andere Schülergruppe zunächst nur auf der inhaltlichen Ebene Hilfe anbietet. Anhand dieser Anmerkun­gen überarbeitet die Gruppe ihren Text und erstellt dabei eine zweite Fassung, die sie dem Lehrer übergibt. Dieser erstellt nun eine Grobkorrektur, welche anschließend von den Lernenden in eine endgültige Fassung gebracht wird. Der Lehrer erhält diese Fassung schließlich zur Detailkorrek­tur, benotet sie aber nicht, wenn die Texte zu Übungszwecken entstanden sind. Die Texte sollten nicht „für den Papierkorb“ geschrieben worden sein, sondern für Schüler derselben Klasse oder einer Parallelklasse, sehr gute Texte möglicherweise sogar für die ganze Schülerschaft, indem sie in der Schülerzeitung veröffentlicht werden. So können diese Texte als Vorbild für weitere Texte dieser Gattung dienen. Bestenfalls werden sie endgültig in einem persönlichen Schülerportfolio aufbewahrt.

Das vorgestellte Konzept kann auf diesem Modell aufbauen. Die Arbeit mit einem Wiki eröffnet jedoch noch weitere Möglichkeiten aufgrund der ständigen Verfügbarkeit der Texte für alle Schüler derselben und anderer Lerngruppen, da die Texte digital vorliegen und im Internet ver­fügbar sind (- Kapitel 3.1).

2.4.3 Innovationen im Hinblick auf Unterrichtsmodelle für die Analyse fiktio- naler Filme

Die Betrachtung des kompletten Films am Anfang der Unterrichtsreihe im Plenum hilft selbst­verständlich dabei, sich einen Überblick über die Handlung, die Charaktere und ihre Beziehun­gen zu verschaffen. Andererseits sprechen auch Argumente dagegen, wie beispielsweise ein Nachlassen der Aufmerksamkeit bereits nach fünf Minuten Sehen. Daher hält HAß (vgl. 2006, 156) die Betrachtung eines ganzen Films im Klassenverband für nicht notwendig bzw. nur am Ende einer Unterrichtsreihe für sinnvoll. Außerdem lässt sich besonders zu Beginn der Unter­richtsreihe beim Sehen der ersten Szenen der Truman Show Neugier bei vielen Schülern[14] we­cken und mit Vermutungen über die Umwelt Trumans arbeiten.

Eine detaillierte und mehrschichtige Analyse, wie sie einer Filmsequenz nötig ist[15], kann von den Schülern nur dadurch geleistet werden, dass siejederzeit (im Unterricht als auch bei der Bearbei­tung zu Hause) auf den Film zugreifen können, so wie sie bei der Literaturanalyse jederzeit auf den Ausgangstext zurückgreifen und auf Passagen verweisen können. Daher sollte sich jeder Schüler eine eigene DVD des Films kaufen, zumal diese oft nicht mehr teurer als Bücher sind (vgl. Real 2009, 30).

2.4.4 Web 2.0 und Schreiben im Wiki

Bereits 1987 urteilte Bork: „The computer is the most powerful new learning device since the in­vention of the printing press and the textbook“ (in Ritter 1995, 98). Auch Armbruster (1988; in ebd.) war vor über 20 Jahren der Meinung, dass der Computer „bereits heute die wichtigsten di­daktischen nutzbaren Medien ersetzen kann. Das perfekte Unterrichtsmedium ist in Sicht!“ Wer­den bei Ritter (ebd.) hauptsächlich die damals gegebenen Lernmöglichkeiten in Hinblick auf die Interaktion Mensch-Maschine diskutiert[16], steht heute in Zeiten des Web 2.0 (s. vertiefend im Glossar) die Interaktion Mensch-Mensch via Computer im Vordergrund. Im Web 2.0 - auch „Mitmach-Internet“ (Müller-Hartmann & Raith 2008, 2) oder „Read/Write Web“ (Richardson 2009, 1) genannt, werden Konsumenten zu Produzenten oder - wie es Armbrüster und Redenius (vgl. 2009, 40) ausdrücken - wird das Klassenzimmer mit vergleichsweise geringem Aufwand zum Projektraum oder zur Lernwerkstatt.

Wikipedia ist wohl der bekannteste Vertreter des Mitmach-Internets - mehr als 1 Million deut­sche und 3 Millionen englische Artikel wurden seit dem Beginn der Enzyklopädie im Jahr 2001 geschrieben. - MediaWiki ist die frei verfügbare Software oder der „Motor“ von Wikipedia und vielen anderen Wikis, die sich von der Homepage[17] herunterladen und mit etwas Fachwissen auf einem - Webserver installieren lässt. Eine Reihe von Wiki-Systemen, die oft weniger Funktio­nen bieten oder durch eingeblendete Werbung finanziert werden, lassen sich auch ohne Webser­ver kostenlos benutzen[18].

Wie bereits in der Einleitung dieser Arbeit skizziert, lassen sich Wikis in der Schule zur gemein­samen Erarbeitung von Themen in der GA einsetzen (vgl. ZUM-Wiki 2010). Im vorliegenden Unterrichtskonzept sollen die Schüler anhand verschiedener Schreibaufträge zum Film The Tru­man Show ihre gruppeneigene Wiki-Seite mit den Zieltexten erstellen. Die genaue Funktionswei­se wird anschaulich bei der Beschreibung der Durchführung des Konzepts in - Kapitel 3.1 dar­gestellt. Daher wird in - Anhang 5 lediglich eine kurze kurze Beschreibung der wichtigsten Wi- ki-Funktionen dargestellt[19].

2.4.5 Bewertung der Schülerleistungen im Wiki-Projekt

Bei der Beurteilung des in GA stattfindenden Wiki-Schreibprojektes suchte ich nach einer Mög­lichkeit sowohl den Prozess als auch das Endprodukt, sowohl die Gruppen- als auch die Einzel­leistung zu würdigen. Aus meiner eigenen Schulzeit, meiner Studienzeit und meiner bisherigen Zeit in der Lehramtsausbildung sind mir zahlreiche negative Erfahrungen im Zusammenhang mit der Benotung von GA in Erinnerung. Selbstverständlich kommt es gerade in einer GA darauf an, als Team zu funktionieren und auch die lernschwächeren oder einfach weniger motivierten Schü­ler an der Arbeit zu beteiligen, was durch die Gewissheit, am Ende eine gemeinsame Gruppenno­te zu erhalten, durchaus erreicht werden kann. Trotzdem gelingt dies nicht immer und bis auf wenige Ausnahmen sind wohl nie alle Gruppenmitglieder zu exakt gleichen Teilen am Ar­beitsprozess beteiligt.

Das Studienseminar Koblenz (2009) beispielsweise bietet im Handwerkskasten zu Lehrer-Stan­dardsituationen verschiedene Möglichkeiten zur Bewertung von GA an, die auch individuelle Schülerbewertungen beinhalten[20] - was u.a. jedoch mit zusätzlicher Arbeitsbelastung für die Lehrkraft verbunden ist, etwa mit Hilfe zusätzlicher Tests oder intensiver Beobachtung durch die Lehrperson. Ein kanadischer Lehrer schreibt in seinem Blog[21] (Ross 2009) über seine Erfahrun­gen zu diesem Problem und bietet an, den Schülern nach dem Erhalt der Gruppennote ihre No­tenpunkte individuell aufzuteilen. Dieses Verfahren hielt ich für am ehesten realisierbar und ent­schied mich daher, es bei der Bewertung der Wiki-Arbeit einzusetzen. Die Schüler bekamen auch ein Mitspracherecht bei den Bewertungskriterien und die genaue Gewichtung der Kriterien wurden ihnen im Laufe des Projekts mitgeteilt (siehe auch - Kapitel 3.1.3). Zusätzlich sollten die Schüler ihr eigenes oder das Projekt einer anderen Gruppe einschätzen und ihre Entscheidung begründen, da sie bei der Notenfindung eine wichtige Entscheidungshilfe leisten können (vgl. Behr 2006, 10).

2.5 Bezüge zu Lehrerfunktionen, Kompetenzen und Standards

Die im Folgenden genannten Funktionen und deren zugeordnete Kompetenzen und Standards beziehen sich auf die Rahmenvorgabe für den Vorbereitungsdienst (vgl. MSW NRW 2004, 1). Bei der Umsetzung des vorliegenden Konzepts kommen vor allem die Funktionsbereiche Unter­richten und Evaluieren, Innovieren und Kooperieren zum Tragen. Weitere Funktionen wie Leis­tung messen und beurteilen treten in diesem Konzept reduziert auf, weshalb eine Darstellung nicht notwendig erscheint.

Im Bereich Unterrichten spielen hierbei vor allem die Kompetenzen selbstständiges Lernen, den Einsatz von Lernstrategien und die Fähigkeit zu deren Anwendung in neuen Situationen fördern sowie die neuen Medien sach- und adressatengerecht im Unterricht einsetzen eine wichtige Rol­le. Selbständiges Lernen wird - abgesehen von der Durchführung des Projekts in GA - dadurch gefördert, dass den Schülern im Wiki eine Reihe von Materialien wie Links zu Grammatikporta­len, Wörterbüchern und Film-Szenenindizes angeboten wird. Zusätzlich haben die Lernendenje- derzeit die Möglichkeit und sind regelmäßig dazu angehalten, die Texte der anderen Gruppen zu lesen und zu kommentieren. Da die Schüler weiterhin über eine eigene DVD und eine Abspiel­möglichkeit auch während des Unterrichts verfügen, vergrößert sich ihre Unabhängigkeit noch weiter. Hinzu kommt der Einsatz des internetbasierten Wiki-Systems als neues Medium, das die Zielgruppe zumindest aus Rezipientensicht (Wikipedia) kennt und sich hervorragend für die Aufgaben- und Zielstellung des vorliegenden Konzepts eignet.

Mit dem Kauf einer eigenen DVD und dem Einsatz des Wikis wurde der zweite Funktionsbereich Evaluieren, Innovieren, Kooperieren wurde somit bereits angesprochen. Die Entwicklung dieses Konzepts ist eine Konsequenz aus den in der Einleitung geschilderten Erfahrungen. Zudem ist dies meines Wissens lediglich der zweite Einsatz eines Wiki-Systems an unserer Schule[22]. Schülerer­wartungen an das Projekt werden eingangs ermittelt, die Arbeit mit dem Wiki wird abschließend evaluiert (- Kapitel 3.2) und die Ergebnisse werden interessierten Kollegen zugänglich gemacht. Schulinterne Kooperation findet vor allem nachträglich statt, falls sich Kollegen für eine Fortbil­dung anmelden, auf der ich über meine Erfahrungen mit dem Einsatz des Wikis berichte und sie bei einem anschließenden Einsatz des Systems in ihrem Unterricht unterstützen kann.

3. Entwicklung, Erprobung und Evaluation des kooperativen und pro­zessorientierten Schreibkonzeptes mit Wikis zum Thema Filmanalyse

Im Folgenden werden die Entwicklung und die Erprobung der Wiki-Schreibwerkstatt dargestellt, gefolgt von einer Bewertung des Konzepts durch die Schüler und den Lehrer. Schließlich werden kritische Aspekte zusammengefasst und erste Handlungsalternativen genannt.

Eine chronologische Stundenübersicht der Unterrichtsreihe findet sich in - Anhang 6. An dieser Stelle soll daraufhingewiesen werden, dass das „Blättern“ im Wiki für das Verständnis der im Folgenden besprochenen Sachverhalte hilfreich ist. Die Anmeldung im online verfügbaren Wiki, welches nach Abschluss des erprobten Konzepts nicht mehr verändert wurde, ist auf Seite ii (zwischen Inhaltsverzeichnis und Einleitung) beschrieben.

3.1 Entwicklung und Erprobung des Konzepts

3.1.1 Die Lehrerrolle

Einführung in die Filmanalyse und in den Film The Truman Show Eine Woche vor Beginn der Unterrichtsreihe wurde den Schülern nahe gelegt, sich die DVD zum Film zu kaufen. Zu Beginn erfolgt eine Bewusstmachung der Schüler für die Mehrdimensionali- tät einer Film(szenen)analyse im Vergleich zu einer Literaturanalyse (- Kapitel 2.4.3), bei­spielsweise mit Hilfe des Diagramms zu Filmdimensionen in Bosenius et al. (2000, S. 59). Ob­wohl selbstverständlich die Analyse einer Szene von Shakespeare inhaltlich anspruchsvoller sein kann, gilt es beim Film immer mehrere Dimensionen (inhaltlich und filmtechnisch) des flüchti­gen Mediums zu analysieren und schließlich in einen Zusammenhang zu bringen. Die inhaltliche Einführung in den Film erfolgt mittels des DVD-Covers (Truman ist friedlich schlafend auf ei­nem Riesenbildschirm an einer Hochhausfassade zu sehen) und eventuell einiger Hilfsimpulse, um bei den Kursteilnehmern, denen der Film noch nicht bekannt ist, Neugier zu wecken.

Des Weiteren wird mittels einer Übersicht über die filmischen Mittel[23] sowie eines selbst erstell­ten Glossars zur Filmanalyse in die methodischen Kompetenzen für die Filmanalyse eingeführt. Anhand einiger kürzerer Sequenzen (von einer bis zu ca. vier Minuten) aus den ersten fünfzehn Minuten des Films werden diese Kompetenzen eingeübt und wird gleichzeitig in das inhaltliche Geschehen und die ersten Charaktere eingeführt. Mit einer kurzen schriftlichen Überprüfung wird die Kenntnis und Anwendung der filmischen Mittel (Einstellungsgröße, Bewegung, Positi­on und Winkel der Kamera) überprüft.

Bereitstellung des Wiki-Systems, der Aufgaben und der Zusatzmaterialien Der Lehrer (oder ein Schuladministrator) stellt außerdem die virtuelle Schreibumgebung zur Verfügung[24] und gibt - falls sich nicht bereits genügend Schüler in der Lerngruppe mit der Bear­beitung des Systems auskennen - eine Einführung in das Wiki-System. Zudem werden Links und Dokumente für die Formatierungen im Wiki bereitgestellt (wie der „Spickzettel“ in - An­hang 7). Er bietet weiterhin die Aufgaben für die arbeitsteilige Erarbeitung des Films in Gruppen an. Eine Übersicht über die Aufgabenstellungen ist im Wiki unter dem Menüpunkt - Truman Tasks verfügbar, daher wurde auf eine entsprechende Auflistung im Anhang dieser Arbeit ver­zichtet. Bei der Erstellung der Aufgaben waren mehrere Aspekte zu beachten: einerseits sollten alle wichtigen Charaktere erarbeitet werden, andererseits sollte aber auch nicht die Handlung ge­gen Ende des Filmes vorweggenommen werden, um einen etwaigen Vorteil einer Gruppe im Hinblick auf die Klausur zu vermeiden. Für jede Gruppe wurden drei Aufgaben entwickelt, die jeweils einen Anforderungsbereich laut dem gültigen Lehrplan (vgl. MSWWF NRW 1999, 108­110) abdecken. Schließlich mussten auch zur Analyse geeignete Sequenzen für jede Gruppe ge­funden werden, um eine geeignete Vorbereitung auf die Klausur zu gewährleisten[25].

[...]


[1] Stern (2007): Test - Wikipedia schlägt Brockhaus. Online: http://www.stem.de/digital/online/stern-test-wikroedia-schlaegt- brockhaus-604423.html.

[2] Nature (2005): Special Report - Internet encyclopaedias go head to head. Online (vollständiger Artikel kostenpflichtig): http://www.nature.com/nature/iournal/v438/n7070/full/438900a.html.

[3] Bei vielen Fehlern im Wortwahl- und Ausdrucksbereich wurde beispielsweise der Hinweis gegeben, englische Nachrichten und Internet-Tagebücher zu Themen, an denen Interesse besteht, als Startseite einzurichten und mindestens einen Artikel täg­lich zu lesen. Hierzu bieten sich etwa die englischen Artikel des SPIEGEL thttp://www.spiegel.de/international/). Nachrich­ten von englischen Muttersprachlern aus Deutschland {http://www.thelocal.de) oder Informationen für englischsprachige Ein­wanderer in Deutschland Chttp://www.expatica.com/de/) an.

[4] Think-Pair-Share bezeichnet eine Grundstruktur kooperativen Lernens: Zuerst die individuelle Auseinandersetzung mit einer Anforderung, z.B. als Hausaufgabe {Think), danach der Austausch und die Kontrolle mit einem Partner {Pair) und erst dann die Präsentation der Arbeitsergebnisse im Plenum {Share) {vgl. ZUM-Wiki 2008).

[5] z.B. Armbrüster & Redenius 2009 und Raith & Raith 2008

[6] In Klammern werden die verwendeten Instrumente/Methoden und vertiefende Kapitel genannt.

[7] siehe z.B. - Kapitel 2.4.4 und 3.1.2 sowie Anhang 7

[8] „Ein separates Sprachlabor ist ähnlich unergiebig wie ein separater Computerraum, der allen Klassen der Schule eine Stunde pro Woche zur Verfügung steht. Wenn man ihn gerade aktuell im Rahmen einer Unterrichtseinheit benötigt, kommt man nicht hinein, weil er durch eine andere Lerngruppe blockiert ist; außerdem steht er durchweg zu selten zur Verfügung, weil er auf sämtliche Klassen der Schule aufgeteilt wird, und überdies sind die Wege vom Klassenraum zu ihm hin höchst unprak­tisch“ (Struck 1998,101).

[9] Schaumburg (vgl. 2003, 199-202) bestätigt in ihrer Fallstudie zur veränderten Methodik des Unterrichts durch Laptop-Einsatz eine teilweise höher eingeschätzte Selbstbestimmtheit und -verantwortung der Schüler - abhängig auch vom Lehrertyp, der den Unterricht durchführt.

[10] Ein Beispiel ist das Ratsgymnasium Minden (n.d.), welches seit 2001 Laptop-Klassen eingerichtet hat und auf seinen Inter­netseiten davon berichtet, dass teilnehmende Schüler eine größere Motivation, mehr Eigeninitiative und selbstständigeres Ar­beiten bemerken. Gegenseitiges Helfen wird ebenfalls öfter beobachtet.

[11] Netbooks sind kleinere Notebooks, die etwa 1kg wiegen und Akkulaufzeiten von bis zu zehn Stunden aufweisen.

[12] Das iPad ist ein mobiler Tablet-PC, der mit Fingerklicks und -gesten auf dem berührungsempfindlichen Bildschirm gesteuert wird, kleiner als ein DIN A4-Blatt ist und weniger als 700 Gramm wiegt.

[13] Bei Kieweg (2008, 3) heißt es hierzu: „Der Schreibprozess basiert auf automatisierten synaptischen Schaltkreisen, die sich während des Schreibvorgangs beständig modifizieren.“

[14] Nur etwa ein Viertel meiner Kursteilnehmer hatte den Film bereits privat gesehen.

[15] So können (je nach Szene) etwa auf der auditiven Ebene Dialoge, Musik und Geräusche analysiert werden und auf der visuel­len Ebene Setting, Handlung, Gestik, Mimik, Kostüme, Kamera-Einstellungen, visuelle Symbole und Spezialeffekte (vgl. Edelbrock 2010, 20 und Real 2009, 28).

[16] Es wird die Entwicklung der künstlichen Intelligenz und der Multimedia-Fähigkeiten anhand bereits Anfang der 1990er er­hältlicher Fremdsprachen-Lernprogramme besprochen. Das Software-Angebot umfasste beispielsweise eine frühe Version des Cornelsen English Coach sowie andere Vokabellern-, Lückentext-, Zuordnungs- und Ratespiele-Programme, die bereits mit eigenen Daten „gefüttert“ werden konnten.

[17] http://www.mediawiki.org/

[18] Hierzu gehören beispielsweise Wikispaces Chttp://www.wikispaces.com/). Google Sites (http://sites.google.com/) und PB- works (http://pbworks.com/).

[19] Die Übersicht bezieht sich auf das eingesetzte MediaWiki-System. Andere - vor allem frei verfügbare - Systeme beinhalten eventuell nicht alle hier beschriebenen Funktionen.

[20] Auch Druyen (n.d.) fasst eine Mischung aus individueller und Gruppennote als Motivationssteigerung für die Schüler auf.

[21] Kurzform von Weblog, übersetzt etwa Internet-Tagebuch (ebenfalls ein Web 2.0-Werkzeug)

[22] Der erste Versuch wurde von einem Referendarskollegen im Fach Philosophie zur kooperativen Erarbeitung eines Textes von Immanuel Kant durchgeführt - jedoch in einem zeitlich und vom Umfang her eingeschränkteren Rahmen.

[23] Hierzu eignet sich beispielsweise die Doppelseite 308/309 aus Thaler 2007.

[24] Einige technische Details, die besonders bei der Ersteinrichtung eines MediaWikis helfen, finden sich in - Anhang 8.

[25] Hierbei waren vor allem die Szenenindizes in Mayer/Sonntag (2009, 8-11) und Bruck (2009, 10-13) hilfreich.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Kooperatives und prozessorientiertes Schreiben im Englischunterricht mit Wikis
Untertitel
Ein Filmanalyse-Projekt zum Thema 'The Truman Show'
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
59
Katalognummer
V188392
ISBN (eBook)
9783656125358
ISBN (Buch)
9783656127123
Dateigröße
2873 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Examensarbeit gewann den 1. Preis in der Kategorie "2. Staatsexamen" bei der Prämierung der besten Examensarbeiten NRWs zu "neuen" Medien im Jahr 2011, dem ExaMedia-Wettbewerb: http://www.medienberatung.schulministerium.nrw.de/examedianrw/
Schlagworte
Englisch, Englischunterricht, Wiki, Wikipedia, MediaWiki, Filmanalyse, The Truman Show, Schreiben, Kooperation, Prozessorientierung, Schülerkorrektur, Web 2.0, Schreibprozess, selbstständig, selbständig, Selbständigkeit, Selbstständigkeit, Film, Analyse, Oberstufe, Gymnasium, selbständiges, selbstständiges, Prozess, online
Arbeit zitieren
Tobias Nahrwold (Autor), 2010, Kooperatives und prozessorientiertes Schreiben im Englischunterricht mit Wikis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188392

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