Cicero und die Gracchen - eine schwierige Beziehung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Reden vor dem Volk
1.1 Exkurs zum Ansiedlungsgesetz des Tiberius Sempronius Gracchus

2 Reden vor dem Senat

3 Erwähnung der gracchischen Reformer in anderen Schriften am Beispiel von de re publica und de legibus

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

Literatur

Einleitung

Cicero und die Gracchen, eine schwierige Beziehung. Aber warum ist sie so schwierig? Cicero war kein Freund der beiden Sempronier. Er machte sie vielmehr verantwortlich für den Beginn des Zerfalls des Gemeinwesens. Seiner Meinung nach waren sie es, die als Erste die Eintracht und Gerechtigkeit zerstörten, das eine Volk in zwei Teile spalteten und damit an den Grundpfeilern der antiken römischen Gesellschaft rüttelten.

Wie aber äußerte Marcus Tullius Cicero seine Meinung hinsichtlich der Sempronier und ihrer Handlungen in seinen Reden und Schriften? Äußert er sich vor dem Volk anders als vor dem Senat? Und vor Allem: Warum bezieht er sich in seinen Reden und Schriften immer wieder auf die Gracchen? Um diese Fragen wird es in den folgenden Kapiteln gehen.

Zur Quellenlage ist zu sagen, dass die schriftlichen Zeugnisse zum größten Teil erhalten sind und in die deutsche Sprache übersetzt wurden.

Der Forschungsstand hingegen fällt im Bezug auf die Fragestellung dieses Aufsatzes eher dürftig aus. So gut erforscht sowohl das Leben der beiden Brüder als auch das Ciceros auch sein mag, so wird auf das Verhältnis des Tulliers zu den Beiden meist nur am Rande eingegangen. Eine löbliche Ausnahme bilden hierbei die Arbeiten von Robert J. Murray (1966) und Arthur Wirt Robinson (1986), die sich in ihren Aufsätzen mit der Frage auseinandersetzen, wie Cicero sich in seinen Reden auf die Gracchen bezieht. Was die Schriften de re publica und de legibus angeht, so war ich mangels einer wissenschaftlichen Abhandlung auf die reine Quellenarbeit angewiesen.

1 Reden vor dem Volk

Das Grundprinzip einer Rede hat sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert. Damals wie heute wurde der Inhalt der Rede an die Zuhörerschaft angepasst. Es gilt, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Am einfachsten ist dies, wenn man mit den Dingen oder Personen arbeitet, von denen man ausgehen kann, dass die Zuhörer sie kennen und zu denen sie sich bereits eine Meinung gebildet haben. Hitler wusste die Massen zu begeistern, indem er immer wieder den Vertrag von Versailles und die sozialen und politischen Missstände der Weimarer Republik geißelte und Reformen versprach, die das Reich wieder erstarken lassen sollten. Gregor Gysi erreicht bei seinem Publikum ein ähnliches Phänomen, indem er beispielsweise lauthals die Einführung eines Mindestlohns fordert. Sicherlich ist weder zwischen den beiden genannten Personen, noch den Inhalten ihrer Reden ein Zusammenhang festzustellen. Beide bedienen sich jedoch des gleichen Prinzips: sie reden dem Volke nach dem Mund.

Was bei der Verwendung solch abstrakter Dinge gilt, das trifft auch auf die Verwendung von Personen zu. Diese nämlich können in Reden sowohl glorifiziert, als auch verteufelt werden. Auch hierfür sind uns etliche Beispiele aus dem Alltagsleben bekannt.

Auch Cicero bediente sich dieses Prinzips. So war er bekanntermaßen nicht unbedingt ein Freund der Gracchen, hat diese jedoch vor dem Volk stets gelobt. Der Historiker Robert J. Murray sagt in seinem Aufsatz »Cicero and the Gracchi«[1], dass „Cicero's presentation of the Gracchi […] not one of unrelieved condemnation“ sei. So gab es durchaus Gelegenheiten, bei denen Cicero sie lobte, wenn auch nicht unbedingt für ihre Politik, so doch für ihre Tugendhaftigkeit (moral virtue) und für ihre Redegewandtheit.

Uns sind zwei Reden aus dem Jahre 63 v. Ch. überliefert, bei denen Cicero sich vor dem Volk über die Gracchen äußerte. Die Erste davon ist die Zweite Rede zur lex agraria, in der Cicero sich gegen das von Rullus favorisierte Siedlungsgesetz aussprach. Bei der zweiten Rede handelt es sich um ein Plädoyer für Gaius Rabirius, welcher von Caesar des perduellio, also des Hochverrats, angeklagt wurde. Folgt man der Argumentation von Arthur Wirt Robinson, so handelt es sich bei beiden Reden um ein recht schwieriges Unterfangen, da Cicero hier gegen einen Volkstribunen opponierte, und das vor dem Volk selbst.[2] „The orator handles this awkward situation by claiming in both orations, that he is acting on the people's behalf, while their tribunes are acting contrary to their best interests.“[3] Um seine Argumentation zu stützen, vergleicht er die beiden Volkstribunen mit Tiberius und Gaius Gracchus, die beide ein wesentlich höheres Ansehen besaßen, als jene, die im Jahre 63 v. Ch. dieses Amt inne hatten.

Cicero sperrt sich nicht grundsätzlich gegen ein Siedlergesetz. Er bezieht sich dabei auf das sempronische Siedlergesetz, mit dessen Hilfe die Gracchen Plebejer auf öffentlichem Land (ager publicus) ansiedelten. So sagt er: „Grundsätzlich kann ich die (sempronischen, d. Autor) Siedlergesetze nicht tadeln. Ich denke nämlich daran, dass zwei ebenso berühmte wie geniale Männer, die dem römischen Volk mit Leidenschaft zugetan waren, Ti. und C. Gracchus, dem Volk Staatsland verschafften, das sich vorher im Besitz von Privatpersonen befunden hatte. Ich aber bin nicht der Konsul, der es, wie die meisten, für ein Verbrechen hält, die Gracchen zu preisen; ich sehe doch, dass sich manches Stück unserer Verfassung auf ihre klugen Maßnahmen und Gesetze gründet.“[4] Robinson geht davon aus, dass Cicero mit dieser Aussage die Ohren seiner Zuhörerschaft gewinnen wollte.[5] Schließlich wurden die Gracchen von eben diesem Publikum als Idole betrachtet.

Cicero befand sich somit in der Lage, dass er das Volk, welches üblicherweise die Volkstribunen als ihren Machtfaktor gegen die Konsuln sah, davon überzeugen musste, dass er auf des Volkes Seite war. Schließlich war er diesmal auf der Seite der Popularen, und nicht der gegen das Interesse des Volkes handelnde Rullus. Jener hatte sich auf das sempronische Gesetz bezogen, vermutlich in der Hoffnung, dass er dadurch die Zustimmung des Volkes gewinnen würde.

In der zweiten Rede über das Siedlergesetz vergleicht Cicero Rullus mit Tiberius Gracchus, indem er Rullus vorwirft, sich zwar auf das sempronische Gesetz zu berufen, es selbst jedoch nicht zu kennen indem er fragt: „Du wagst es gar, Rullus, das sempronische Gesetz zu erwähnen, und doch erinnert dich dies Gesetz nicht von selbst daran, dass die Dreimänner durch eine Abstimmung der 35 Bezirke gewählt wurden? Und da du von dem Gerechtigkeitssinn und dem Ehrgefühl eines Ti. Gracchus sehr weit entfernt bist, forderst du, dass nach gleichem Recht bestehen solle, was auf ungleichartige Weise zustande gekommen ist?“[6] Um zu klären, was genau Cicero mit dieser Frage meint, sei mir ein kleiner Exkurs gestattet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kommen wir nun zurück zum eigentlichen Thema. Cicero zweifelt also an, dass Rullus ein popularis ist, da dieser nicht für, sondern gegen die Interessen des Volkes arbeite und sogar dessen Sicherheit gefährde. Cicero stellt sich selbst als wahren Popularis dar, der, im Gegensatz zu Rullus, stets die Interessen des Volkes verfolgt. Denn „not only is Rullus' law dissimilar to that of Tiberius Gracchus, he himself is unlike Gracchus.“[7] Folgt man der Argumentation von Robinson weiter, dann hoffte Cicero wohl mit genau dieser Taktik das Volk davon zu überzeugen, Widerstand gegen Rullus zu leisten.

[...]


[1] Murray, Robert J., „Cicero and the Gracchi“, In: Transactions and Proceedings of the American Philological Association, Vol. 97 (1966), S. 291-298, www.jstor.org/stable/2936013, Stand 19.10.10

[2] Vgl. Robinson, Arthur Wirt: „The Gracchi“ In: Ders.: „Cicero's use of people as exempla in his speeches“, Indiana Univ., Diss., 1986, s. 41-82, hier s. 42f

[3] Robinson, The Gracchi, S. 42

[4] Cic. leg.agr. 2.10

[5] vgl. Robinson, The Gracchi, S. 43

[6] Cic..leg.agr. 2.12.31

[7] Robinson, The Gracchi, S. 44

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Cicero und die Gracchen - eine schwierige Beziehung
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Die römische Republik
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V188410
ISBN (eBook)
9783656123187
ISBN (Buch)
9783656124412
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cicero, Gracchen, Senat, Volk, Rom, Reden, de re publica, de legibus, in verren, philippische Reden, Lex agraria, de lege agraria, cursus honorum
Arbeit zitieren
Michael Breska (Autor), 2012, Cicero und die Gracchen - eine schwierige Beziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188410

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