Zeitgeschichte ist Streitgeschichte

Die Goldhagen-Kontroverse


Essay, 2009
7 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Alle Menschen reden darüber und viele sind sich dabei nicht einig. Alte reden darüber vielleicht anders als Junge. Interessierte anders als Desinteressierte. Rechte anders als Linke. Unterschiedliche Meinungen stehen im Raum und wie sehr man sich auch vornimmt, sich selbst zurückzunehmen, man kommt nicht umhin, seine Meinung zu begründen. Begründen zu wollen, begründen zu müssen. Denn das Thema ist brisant und in seinem Ausmaß einzigartig in der Weltgeschichte: der Holocaust. Dies ist eines der wenigen Themen, welches, hat man erst einmal eine Stellung für sich bezogen, eine gegensätzliche Meinung vollkommen unverständlich erscheinen lässt. Allein die Tatsachen, dass sehr viele Unterlagen von den Nationalsozialisten kurz vor Ende des Kriegen noch vernichtet, Krematorien und andere Bauten zerstört wurden, wie im Fall von Ausschwitz II – Birkenau, und wir uns mit jedem fortschreitendem Jahr weiter dem Punkt nähern, da kein Zeitzeuge dieser Geschehnisse mehr am Leben sein wird, um der Nachwelt aus erster Hand seine Erfahrungen zu berichten und für Fragen offen zustehen. Allein diese Tatsachen bilden die wunderbarste Grundlage, unterschiedliche Meinungen zu kreieren. Dass es dabei zu Streit und Diskussionen kommt, ist nicht verwunderlich. Immerhin sind im Laufe der Jahre sehr absurde Thesen in diese Streitfrage eingeflossen. Wie zum Beispiel die offenkundig absurde, vollständige Leugnung des Holocaust. Oder aber die Behauptung, die Judenvernichtung wäre von allen Deutschen aus der reinen Lust zur Vernichtung hervorgegangen, jeder war schuldig und keiner wollte etwas dagegen unternehmen, weil alle Deutschen grundlegend Judenfeindlich waren.

Unterschiedliche Meinungen. Diese sind in Deutschland nicht verboten, jedenfalls nicht mehr. Und eben weil man heute über alles diskutieren und streiten darf und zwar in aller Öffentlichkeit, bilden sich noch weitere unterschiedliche Meinungen, wodurch einem zwangsläufig nur eine Erkenntnis in den Kopf schießt, die von Martin Sabrow in einer kurzen, markanten These formuliert wurde: „Zeitgeschichte ist Streitgeschichte“. Weiten wir dies auf die zuletzt erwähnte Behauptung über den Holocaust aus, um Sabrows Aussage zu untermauern.

Exakt diese, das deutsche Volk so verteufelnde, Aussage trifft Daniel J. Goldhagen in seinem 1996 veröffentlichten Buch „Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“, ungeachtet der Tatsache, dass der Antisemitismus sich auch in anderen Ländern, nicht nur bei den Deutschen stark ausprägte. Natürlich waren seine Intentionen dieses Buches noch andere, wie zum Beispiel die Beleuchtung des Holocaust aus den Augen der Opfer und ein eindringliches, detailliertes Portrait der TäterInnen Diese Absichten werden auch als durchaus gelungen angesehen, da sich Goldhagen auf die Methode der „dichten Beschreibung“ von Clifford Geertz gestützt hat. Doch eben darin, dass er sich noch eine andere Arbeitsweise des US-Ethnologen zu Herzen genommen hat, kam es zu heftig diskutierten Debatten über sein Buch. Nämlich der Herangehensweise Geschehnisse auch aus dem Blick der ausführenden Täter zu betrachten. So analysierte Goldhagen die Judenvernichtung nicht aus Sicht der westlichen Demokratien, sondern legte seinem Buch die Annahme zugrunde, dass die Deutschen freiwillig und nicht unter Zwang oder innerlichem Widerstand diese Verbrechen verübten.

Wie sehr Geschichte zum Streit werden kann, lässt sich schon hier wunderbar aufzeigen. Goldhagens Grundannahme ist durchaus vertretbar, allein in der Hinsicht, dass sie auf rein theoretischer Basis möglich ist. Die Tatsachen, dass die Judenfeindlichkeit und auch die spätere Massenvernichtung doch ganz offen zu sehen oder vorauszusehen war, ob durch die Verabschiedung der Nürnberger Gesetze vom 15.09.1935 oder die rein physische Art etwas zu sehen, also dass man nicht mehr in Judengeschäften einkaufen gehen durfte, Juden sich nichtmehr auf eine Bank setzen durften, Menschen verschwanden und von heute auf Morgen in Gettos oder Konzentrationslager gesperrt wurden oder sogar direkt über ihre tödliche Lage aus den KZs heraus berichteten, durch Briefe oder Nachrichten, wie man bei Führungen durch Konzentrationslager in z.B. Polen erfahren kann, sind hierfür zwingende Faktoren. All diese Tatsachen wurden hingenommen, ignoriert oder sogar begrüßt von vielen Deutschen, womit sich der Gedanke Goldhagens eines kollektiven, spezifisch deutschen Vernichtungswillens bestätigen ließe. Dennoch ist dieser „eliminatorische Antisemitismus“ zu sehr über einen Kamm geschert. Er lässt grundlegende Tatsachen außer acht, die ihn wiederlegen. Zum Einen betrachtet er nicht die Menschen, auch in Deutschland, die den Juden halfen und sie schützten, auch unter Inkaufnahme eigener Risiken. Überhaupt werden Widerstandsfälle wie von den Geschwistern Scholl und der „Weißen Rose“, der auf den „Pfarrer Notbund“ folgenden „Bekennenden Kirche“ und einige Attentate auf Hitler, wie jenes von Claus Graf Schenk von Stauffenberg am 20.07.1944, vollkommen außer Acht gelassen bei dieser verallgemeinernden These Goldhagens.

Matthias Küntzel, Klaus Thörner und noch sechs Weitere unterteilen Goldhagens Werk in vier Thesen. Nur zwei davon sollen in diesem Zusammenhang betrachtet werden, nämlich, dass der Vernichtungseifer der Mörder bei jedem Deutschen zu erwarten gewesen wäre und dass alle Schutzbehauptungen seitens der Deutschen widerlegt werden können und sind.

Zur ersten Aussage wurden bereits eben schon dies bestätigende und widerlegende Aussagen gebracht, doch geht man von der reinen Geschichte einmal ab auf die Analyse des Buches, so wie Küntzel und Co es in ihrem Buch tun, zeigen sich noch mehr kontroverse Fakten. Goldhagen lehnt Spezifikationen zur Täterbeschreibung, wie „die Nazis“ oder „die SS“ ab und verallgemeinert, wie auch die überlebenden Opfer, diese Taten auf „die Deutschen“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Zeitgeschichte ist Streitgeschichte
Untertitel
Die Goldhagen-Kontroverse
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte )
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
7
Katalognummer
V188926
ISBN (eBook)
9783656127444
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goldhagen, Nationalsozialismus, Drittes Reich, Hitler, Geschichte, Streit, Holocaust, Judenverfolgung, Deutschland, Deutsches Reich, NSDAP
Arbeit zitieren
Jan Seichter (Autor), 2009, Zeitgeschichte ist Streitgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188926

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