Die Kreuzzugsbewegung, die Ende des 11.Jhs einsetzte und bis weit ins 16.Jh. andauerte, war kein seltsames oder kurioses Randphänomen des Hochmittelalters, sondern [...]„die kennzeichnendste Erscheinung des Mittelalters“. So waren alle bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit [...] in sie involviert: z.B. Papst Gregor VII [...], Bernhard von Clairvaux [...], Kaiser Friedrich Barbarossa [...] oder Papst Innozenz III.
Aber nicht nur die „Großen“ ließen sich von den Kreuzzügen begeistern. Unzählige Menschen, unabhängig von Nationalität und Standeszugehörigkeit, verließen mit großer Be-geisterung ihre Heimat, um in den Orient zu ziehen. Was beseelte diese Menschen? Sie begaben sich in Gefahr, Besitz und Leben in der Welt zu verlieren, gemäß Joh 12,25:
Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben. Oder gemäß Mt 19,29:
Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker ver-lässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.
In dieser Haltung findet sich eine Abwertung alles Irdischen zugunsten einer jenseitigen Welt, einer Überordnung des Geistigen über das Weltliche, die durch die clunianzensische Reformbewegung seit dem 10. Jh. in allen Bereichen des christlichen Abendlandes Eingang gefunden hat. In den Kreuzzügen wird den Menschen in diesem Zusammenhang ein großes Ziel vor Augen geführt: der Kampf gegen die Feinde der Christenheit. Um alle Christen von der Dringlichkeit der Befreiung der heiligen Stätten zu überzeugen, hielt Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont 1095 die erste Kreuzpredigt und verhieß allen Kreuzrittern einen Sündenablass. Seitdem wurden die Menschen fast zwei Jahrhunderte lang in unzähligen Kreuzpredigten und etlichen päpstlichen Bullen immer wieder zum Kreuzzug aufgerufen und dafür begeistert.
Der Niederschlag der in diesen Predigten und Bullen enthaltenen Vorstellungen und Ge-danken entwickelte sich zum Allgemeingut und lässt sich in einer großen Anzahl literari-scher Werke der Zeit finden. Als eines der hervorragendsten Beispiele dafür gilt das RL des Pfaffen Konrad, von dem MERTENS behauptet, dass es sich hier um „die geschlossenste mhd. Darstellung der Kreuzzugsideologie im 12. Jh.“ handelt.
Inhaltsverzeichnis
A: Vorwort
B: Hauptteil
1. ChR und RL: Das historisches Fundament und die Karlsverehrung ab dem 9. Jh.
1.1 Das historische Fundament der ChR und des RL
1.2 Überblick über die Karlsverehrung vom 9. Jh. bis ins 12. Jh.
1.2.1 Von der frühen Karlsverehrung hin zur Chanson de geste
1.2.2 Herrschaftsthema und Kreuzzugsthema in der ChR
1.2.3 Die Karlsverehrung unter Friedrich Barbarossa
1.2.4 Die Karlsverehrung im RL durch Heinrich d. Löwen
2. Die Kreuzzugsthematik in der ChR und im RL
2.1 Fragen zu Datierung, Verfasserschaft und Entstehung der ChR
2.2 Kreuzzugsthematik und Patriotismus in der ChR
2.2.1 Die Gottesfriedensbewegung
2.2.2 Die Darstellung der miles Christi
2.2.3 Die Darstellung des Spanienfeldzugs
2.2.4 Parallelen zum Kreuzzugsaufruf Urban II in Clermont 1095
2.2.5 Der fränkische Imperialismus und die französische Heimatliebe
2.3 Datierung und Verfasserschaft des RL
2.4 Konrads religiöse Umgestaltung der ChR
2.4.1 Die Erweiterung des Karlsbildes als miles Christi
2.4.2 Gottesstreiter und Helden
2.4.3 Die Befreiung der ChR vom fränkischen Imperiumsgedanken
3. Die historische Kreuzzugsideologie in den vier Predigten des RL
3.1 Karls erste Predigt (VV.87–106)
3.2 Rolands Predigt (VV.146–156)
3.3 Karls zweite Predigt (VV.181–221)
3.4 Turpins Predigt (VV.243–272)
4. Konrads Verhältnis zum Kreuzritterideal des 12. Jh.s
4.1 Der innere und äußere Kampf der miles Chrsti
4.2 Der religiöse Antrieb der Gottesstreiter
4.3 Die Umsetzung des idealen Kreuzfahrers durch Konrad
C: Zusammenfassung und Bewertung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen dem deutschen Rolandslied des Pfaffen Konrad und seiner altfranzösischen Quelle, der Chanson de Roland, unter besonderer Berücksichtigung der Kreuzzugsideologie. Ziel ist es herauszuarbeiten, wie Konrad religiöse Aspekte verstärkt und das Werk an die spezifischen politischen und ideologischen Gegebenheiten des 12. Jahrhunderts, insbesondere am Welfenhof, anpasst.
- Vergleich der Kreuzzugsthematik in der Chanson de Roland und im deutschen Rolandslied
- Analyse der religiösen Umgestaltung des Karlsbildes (miles Christi) durch Konrad
- Untersuchung der Funktion der Kreuzpredigten im Rolandslied
- Politische Funktionalisierung des Epos unter Heinrich dem Löwen
- Verhältnis zwischen Herrschaftslegitimation und Kreuzzugsideologie
Auszug aus dem Buch
1.2.2 Herrschaftsthema und Kreuzzugsthema in der ChR
Die ChR gilt als der älteste und berühmteste Vertreter der literarischen Gattung der Chanson de geste und gehört zu den Karlsgesten. Sie präsentiert uns ein höchst positives Idealbild Karls d. Großen: schön, majestätisch, weise, überlegt, kriegstüchtig, gerecht, ein in jeder Hinsicht mächtiger Kriegs- und vorbildlicher Lehnsherr, dessen (Feudal-)Reich durch die gegenseitige Treueverpflichtung zusammengehalten wird. Alle Helden sind Vasallen des Königs, der ihnen ein Lehen zur Verfügung stellt. Dafür schulden sie ihm unbedingten Gehorsam und müssen, wenn es sein muss, ihr Leben in seinem Dienst opfern:
Pur sun seignur deit hom susfrir granz mals E endurer e forz freiz e granz chalz, Sin deit hom perdre del sanc e de la char. (V.1117ff.)
Karl zeichnet sich in diesem System durch Bedächtigkeit und Überlegtheit aus, der vor schwierigen Entscheidungen seine Lehnsmänner um Rat fragt. Dies stellt eine Umprojektion der zeitgenössischen Verhältnisse dar, da de facto ein frz. König im 11. Jh. gar nicht in der Lage war, etwas ohne Zustimmung seiner Vasallen zu unternehmen. Die Zustimmungsbedürftigkeit des mythisierten Karl wird vielmehr als moralische Qualität dargestellt: Der König erscheint nicht als schwächlicher (kapetingischer) Herrscher, sondern als aufgeklärter (karolingischer) Despot.
Zusammenfassung der Kapitel
1. ChR und RL: Das historisches Fundament und die Karlsverehrung ab dem 9. Jh.: Dieses Kapitel beleuchtet die historischen Hintergründe beider Werke und skizziert die Entwicklung der Karlsverehrung von ihren Anfängen bis in das 12. Jahrhundert.
2. Die Kreuzzugsthematik in der ChR und im RL: Hier werden Fragen zu Datierung und Entstehung analysiert sowie die zentralen Themen Patriotismus, Gottesfrieden und die Rolle des miles Christi in den Werken untersucht.
3. Die historische Kreuzzugsideologie in den vier Predigten des RL: Dieses Kapitel analysiert die vier Kreuzreden im Rolandslied und stellt sie in den Kontext historischer Vorbilder wie Urban II. und Bernhard von Clairvaux.
4. Konrads Verhältnis zum Kreuzritterideal des 12. Jh.s: Hier wird der Einfluss der Zisterzienser-Ideale und der Benediktinerregel auf Konrads Darstellung des idealen Kreuzritters und des doppelten Kampfes (innerlich und äußerlich) diskutiert.
Schlüsselwörter
Rolandslied, Chanson de Roland, Pfaffe Konrad, Kreuzzugsideologie, miles Christi, Karl der Große, Heinrich der Löwe, Heilsgeschichte, Gottesstreiter, Rittertum, Mittelalter, Kreuzzug, Herrschaftslegitimation, Welfenhof, Gottesfrieden
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die inhaltliche Transformation des französischen Rolandsliedes durch den deutschen Pfaffen Konrad im Kontext der Kreuzzugsideologie des 12. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt schwerpunktmäßig die Darstellung des miles Christi, das Verhältnis von Herrschaftslegitimation und religiöser Motivation sowie die Einbindung zeitgenössischer Kreuzzugsideen in die literarische Erzählung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll untersucht werden, inwieweit Konrad das Rolandslied als "Kreuzzugsepos" gestaltet hat und welche spirituellen sowie politischen Motive dabei eine Rolle spielten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung historischer Quellen, päpstlicher Bullen und theologischer Schriften jener Zeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Fundierung, die Analyse der Kreuzzugsthematik, eine detaillierte Untersuchung der Kreuzpredigten sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kreuzritterideal.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Rolandslied, Kreuzzugsideologie, miles Christi, Pfaffe Konrad und die politische Adaption am Welfenhof.
Warum ist das "Herrschaftsthema" im Rolandslied nicht hinter das "Kreuzzugsthema" zurückgetreten?
Die Arbeit argumentiert, dass Konrad lediglich eine Anpassung an die politische Situation des 12. Jahrhunderts vorgenommen hat, um die Interessen seines Auftraggebers, Heinrich des Löwen, zu stützen.
Welche Rolle spielen die vier Kreuzpredigten für die Interpretation?
Diese Predigten dienen Konrad dazu, die Handlung ideologisch zu rahmen und die Helden explizit als Gottesstreiter zu definieren, wodurch das Werk stärker in die zeitgenössische Kreuzzugspropaganda eingebunden wird.
Wie unterscheidet sich Konrads Verständnis von Heldentum von dem Bernhards von Clairvaux?
Während Bernhard eine radikale Abkehr von weltlichem Prunk und Ruhm fordert, integriert Konrad trotz der Vergeistlichung weiterhin Aspekte der weltlichen Heldenethik, da er den kriegstüchtigen Adel als Zielgruppe anspricht.
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- Doris Hofmann (Denzler) (Author), 2011, Das Rolandslied im Spiegel der Kreuzzüge, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189481