Aktueller denn je ist die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen beziehungsweise um die Einführung von bundesweit einheitlichen Mindestlöhnen. Nicht erst seit die Piratenpartei ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen ist und auch den Trends zufolge bald bundesweit für Furore sorgen könnte. Doch die wenigsten Menschen wissen, dass es bereits in England um 1795 ein so genanntes „Recht auf Lebensunterhalt“ gab und folglich heutige Diskurse destruktiv verlaufen, wenn die Vorkenntnisse um dieses nach der Ortschaft seiner Entstehung bezeichnete Speenhamland-System außen vor bleiben. Nicht nur wir Sozialwissenschaftler sollten uns immer wieder mit dem Buch The Great Transformation von Karl Polanyi auseinander setzen, sondern auch jeder Politik interessierte wird durch das Studium dieses Werks neue Erkenntnissen erlangen und sich für zukünftige sozialpolitische Diskussionen wappnen.
Das Suhrkamp Taschenbuch bietet bereits im Klappentext einen Überblick über das Anliegen des Autors: The Great Transformation, erschienen 1944, geht von der These aus, dass erst die Herausbildung einer an Selbstregulierung glaubenden und folglich auf das „freie Spiel der Kräfte“ setzenden Marktwirtschaft zu jener charak-teristischen Herauslösung und Verselbständigung der Wirtschaft geführt hat, die histo-risch ein Novum darstellt und die bürgerliche Gesellschaft von allen anderen Gesell-schaften unterscheidet. The Great Transformation bezeichnet den Übergang von inte-grierten Gesellschaften, in denen die wirtschaftlichen Aktivitäten der Individuen in einen übergreifenden kulturellen Zusammenhang eingebettet waren, zur nicht integrierten Gesellschaft vom Typ der freien Marktwirtschaft. Während in nicht-marktwirtschaftlichen Gesellschaften „die Wirtschaftsordnung bloß eine Funktion der Gesellschaft“ , jene also von dieser abhängig ist, kehrt der Kapitalismus dieses Ver-hältnis um. Als Fiktion erscheine seine Wirtschaft autonom gegenüber allen übrigen sozialen Bereichen und Bedürfnissen. In dieser Verselbständigung der Wirtschaft ge-genüber der Gesellschaft sieht Polanyi den Grund dafür, dass die westlichen Industrie-gesellschaften dabei sind, ihre eigenen sozialen Voraussetzungen zu zerstören.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historische Einordnung des Speenhamland-Systems (1795-1834)
3. Die reaktionäre und paternalistische Konstruktion des Speenhamland-Systems
3.1 Das Speenhamland-System
3.2 „Reaktionärer Paternalismus“
4. Gründe für das Scheitern des Speenhamland-Systems
4.1 Fiktion selbstregulierende Marktwirtschaft
4.2 Warenfiktion Arbeitskraft
4.3 Beschränkung des Arbeitsmarktes
4.4 Absinken der Arbeitsproduktivität
4.5 Lohnsubvention
4.6 Lohnsystem
4.7 Pauperismus
4.8 Die Antikoalitionsgesetze
5. Die Wirkungen und Folgen des Speenhamland-Systems
6. Würdigung des Speenhamland-Systems
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das Speenhamland-System des 18. und 19. Jahrhunderts im Kontext von Karl Polanyis Thesen zur "Great Transformation". Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Fokus, warum dieses System als ein reaktionärer Paternalismus einzustufen ist und inwiefern es die Entwicklung eines freien Arbeitsmarktes sowie die Entstehung einer Lohnarbeiterklasse behinderte.
- Historische Einordnung des englischen Armenrechts und der Sozialpolitik.
- Analyse der reaktionären und paternalistischen Struktur des Speenhamland-Systems.
- Untersuchung der Ursachen für das Scheitern des Systems in einer aufstrebenden Marktwirtschaft.
- Diskussion der Auswirkungen von Lohnsubventionen auf Arbeitsproduktivität und Pauperismus.
- Theoretische Auseinandersetzung mit den Begriffen "Warenfiktion" und "selbstregulierender Markt".
Auszug aus dem Buch
Die reaktionäre und paternalistische Konstruktion des Speenhamland-Systems
Erst 1795 wurde das Niederlassungsgesetz von 1662 stark gelockert. Bis dato war die physische Freizügigkeit der Arbeitnehmer immens beschränkt, weil fast jeder Arbeiter de facto an seine Gemeinde (‚Sprengel‘) gebunden war. Demnach wird in diesem Zusammenhang von der Gemeindeleibeigenschaft (‚Sprengelleigeigenschaft‘) gesprochen. Durch die Lockerung des Niederlassungsgesetzes wurde eigentlich die Entwicklung des Arbeitsmarktes erleichtert, wenn nicht im gleichen Jahr (1795) die Speenhamland-Gesetzgebung erlassen worden wäre.
Das Speenhamland-System wurde zugunsten der Arbeitnehmer begründet, um deren Arbeitslöhne zu verbessern. Werner Braeuner zufolge sei laut Polanyi die Speenhamland-Gesetzgebung aus der Konkurrenz von städtischer Industrie und Landwirtschaft um Arbeitskräfte hervorgegangen und nutzte primär den agrarischen Produzenten. Diese wollten die Arbeitskräfte, die sie saisonal und in großer Zahl benötigten, am Ort halten, indem sie ihnen Unterstützung in Form von Lohnzuschüssen gewährten. Parallel wurde 1795 die bereits zuvor stark abgemilderte Gemeindeleibeigenschaft abgeschafft. Dies erleichterte eine Abwanderung der Agrararbeiter in die aufblühenden Industriestädte. Zu jener Zeit schwankte die Auslastung der Fabriken durch den ungewohnten konjunkturellen Verlauf des internationalen Handels sehr stark. „Die Fabriken ‚atmeten‘ ihre Arbeitskräfte ständig ein und aus, was wesentliche Ursache der drastischen neuen Pauperisierung war: Die ‚Ausgeatmeten‘ strömten als Pauper in ihre ländlichen Herkunftsgemeinden zurück.“ Derartige Handelskonjunkturen stimmten nicht mit den üblichen agrarischen Produktionsverläufen überein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Relevanz des Themas im Kontext aktueller Debatten um das bedingungslose Grundeinkommen und führt in Karl Polanyis Theorie der "Great Transformation" ein.
2. Historische Einordnung des Speenhamland-Systems (1795-1834): Dieses Kapitel skizziert die Entwicklung der englischen Arbeitsgesetzgebung und die Rolle der Gemeindebindung vor der Einführung des Speenhamland-Systems.
3. Die reaktionäre und paternalistische Konstruktion des Speenhamland-Systems: Es wird analysiert, wie das System durch Lohnzuschüsse und die Aufrechterhaltung lokaler Strukturen ein paternalistisches Verhältnis zwischen Herrschenden und Unterworfenen festigte.
4. Gründe für das Scheitern des Speenhamland-Systems: Das Kapitel erläutert die ökonomischen und sozialen Faktoren, wie die Warenfiktion der Arbeitskraft und die Hemmung des Arbeitsmarktes, die zum Zusammenbruch des Systems führten.
5. Die Wirkungen und Folgen des Speenhamland-Systems: Hier werden die katastrophalen sozialen Auswirkungen, insbesondere die Zunahme des Pauperismus und die Demoralisierung der Arbeiterschaft, dargelegt.
6. Würdigung des Speenhamland-Systems: Das abschließende Kapitel fasst die Bedeutung des Scheiterns als "halbe" Marktwirtschaft zusammen und reflektiert Polanyis Einschätzung zur sozialen Entwurzelung.
Schlüsselwörter
Speenhamland-System, Karl Polanyi, Great Transformation, Paternalismus, Marktwirtschaft, Pauperismus, Lohnsubvention, Arbeitsmarkt, Armenrecht, Warenfiktion, Industriegesellschaft, soziale Sicherung, Arbeitskraft, Sozialpolitik, Gemeindeleibeigenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Bedeutung des Speenhamland-Systems und dessen Rolle als protektionistische, paternalistische Gegenreaktion auf die Herausbildung einer freien Marktwirtschaft in England zwischen 1795 und 1834.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Sozialpolitik, der Wandel von der vorkapitalistischen zur kapitalistischen Gesellschaft, die Folgen von Lohnsubventionen sowie die Konzepte von Karl Polanyi.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, warum das Speenhamland-System als ein reaktionärer Paternalismus zu klassifizieren ist, der die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung seiner Zeit negativ beeinflusste.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische und historische Analyse, die primär auf der Auswertung von Karl Polanyis Werk "The Great Transformation" sowie weiterer sozialwissenschaftlicher Fachliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Rahmenbedingungen, die spezifische Struktur des Speenhamland-Systems, die Gründe für sein Scheitern und die daraus resultierenden sozialen Folgen wie den Pauperismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Speenhamland-System, Paternalismus, Marktwirtschaft, Warenfiktion und Pauperismus.
Warum wird das System im Text als "reaktionär" bezeichnet?
Es wird als reaktionär bezeichnet, weil es trotz der fortschreitenden Industrialisierung versuchte, alte, vormoderne soziale Schutzmechanismen und Abhängigkeitsverhältnisse in einer neuen ökonomischen Ordnung zu bewahren, was den sozialen Fortschritt eher hemmte.
Welche Rolle spielte der "Brotpreis" innerhalb des Systems?
Der Brotpreis diente als Grundlage für einen gestaffelten Tarif, um den Armen ein Minimaleinkommen zu garantieren, was jedoch faktisch zu einer Kopplung von Lohn und Preis führte, die den freien Marktmechanismus lähmte.
- Citar trabajo
- Rüdiger Hesse (Autor), 2011, Warum ist das Speenhamland-System ein reaktionärer Paternalismus?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190075